Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 650 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 34 uns zur vergleichenden Anschauung gebracht worden — und der lustige Effect ist bekannt. Der Wiener Schneider ist der bissige Bluthund der Partei; grausam, unerbütüch. Er will Jedem ingrimmig und zähnefletschend an die Waden fahren, der ihm nur verdächtig scheint — und der „gesetzliche Weg" heißt die Zauberformel, die ihn vor dem Riegel des grauen Hauses schützt. In Wien sucht er Fälschungen, beantragt Schußgelder und wird zur herannahenden Osterzeit unruhig, bald muß er mit Lithographen verhandeln, wegen der anzufertigenden Porträts von allerlei geschächteten Christenkindern, bald geht er auf Kunstreisen und Judenkrawalle bezeichnen die Route, die er genommen. Blutige Köp'e setzt es überall, wo er passirt. In Lemberg dagegen war er mäuschenstille, fromm, wie ein Lämmchen, da fraß er ans der Hand — sogar koscher, wenn essein mußte. Mit kleinlauter Manierlichkeit saß er da und fraß und fraß und getraute sich nicht zu mucksen. Wir wissen nicht, ob er wie der verlegene Bourgeois Claude Tillers Korkstöpsel bei der Galatafel witgegessen — aber es ist nicht ganz unwahrscheinlich. Er spürte instinctiv — der Justinct vertritt bei Individuen seines Schlages erfolgreich die Stelle des Verstandes — daß etwas gegen ihn in der Luft lag und daß die herrschende Stimmung die denkbar ungünstigste für seine blutrünstigen, absurden Jdecnkreise sei. Er fühlte es, er roch es, er schnupperte es, daß er sich nur Unannehmlichkeiten der schmerzhaftesten Sorte zuziehen müßte, wenn er sich als denjenigen zeigen würde, als den wir ihn — leider— Alle so genau kennen. Eine Version behauptet sogar gerüchtweise, der echte Schneider wäre gar nicht in Lemberg gewesen. Er hätte, einer unüberwindlichen Neigung folgend, einen falschen geschickt, der alle die philoscmitischen Schwächen gezeigt hätte, die so allgemein befremdeten. Doch können wir dieser übrigersgänzlich unbeglaubigten Nachricht nicht beistimmen. Gerade daraus schließen wir mit Sicherheit, daß doch der echte, wahre und wirkliche, nämlich der falsche Ernst Schneider zu Lemberg tagte. Denn so sind die Herren alle. Die Zaghaftigkeit, die unentschlossene Haltung der Gegner facht ihren Muth bis zur Tollkühnheit an, daß er kem Maß und keine Grenze mehr kennt im Angriff. Tritt ihnen aber mit ruhiger Festigkeit ein unbeugsamer, männlicher Wille kraftvoll und entschlossen entgegen, dann erbleichen sie, dann erstirbt das Hetzwort auf ihren Lippen und sie weichen scheu Schritt unr Schritt zurück, da essen sie auch koscher, wie der edle Mechrniker Schneider, der Schußgeldmann, auf dem Gewerbetage in der guten Stadt Lemberg. Das Beispiel der Lembergcr Herren ist ein gar lehrreiches und der Nachahmung werthes. So rind nicht anders muß so was gemacht werden. Mit Vertuschen und Geheimschweigen geht's doch nicht. Aug' in Aug' soll der Agent der Gemeinheit, der beglaubigte Vertreter der Niedertracht den Männern blicken, auf deren Seite das Recht und die gesunde Vernunft ist — da ist auch der Kampf schon entschieden, ehe er recht begonnen. . . . Hören wir doch ein wenig die authentischen Berichte aus Lemberg: „Schneider hat zweimal das Wort ergriffen, einmal auf dem Gewerbetage und das zweitemal auf dem Bankett, mit welchem der Gewerbetag abgefchlossen wurde. Beide Male vermengte er feine Ansprachen mit einigen polnischen Strophen, die er wahrscheinlich sich hier präpariren lieff und seinen Toast endigte er sogar mit den Worten: „Niech zyje PoJska“ (Hoch Polen!), um wenigstens auf diese Weise sich die Herzen zu gewinnen. Aber man merkte die Absicht und war verstimmt. Der größte Theil der versammelten G ä st e u n t e r l i e s; e s d e m o n st r a 1 i v, a n d a s erhobene Glas Schneider's an zu st aßen und blieb auf den Sitze n." Aber das edle, deutsche „Volksblatt" in seiner genügend Mannten Wahrheitsliebe ist hierüber wesentlich anders und besser insormirt und schreibt: „Als Herr W a l i ch i e w i c z die Rede S ch n e i d e r's in polnischer Sprache wiederholt, den Antrag S ch n e i d e r's ausgenommen und unterstützt hatte, brach neuer Beifallssturm los. Abgeordneter Schneider wurde beglückwünscht und von vielen Personen geküßt. Selbstverständlich wurde sein Antrag angenommen." Das Organ Vergani's hat ferner die Kühnheit, zu schreiben: „D as Märch en (?), daß der Ausstellungsdircctor Marchw i c k i und der Bürgermeister M o ch n a c k i in der Begrüßungsrede irgend etwas von Nassen- oder Classenhaß ern ahnen würde (!) verfehlte ebenfalls die beabsichtigte Wirkung. In den Begrüßungsansprachen der beiden Fm ctionäre war überhaupt nicht die ge ring st e Pointe gegen die Antisemiten enthalten und gehört alles das, was d i e I ud en b lät t er d arüb er s chri eb e n, in das Reich der Erfindungen. (!) Ebenso erlogen und erstunken sind die AusführungenderjudenliberalenBlätter, welche sich mit der Perion des Abgeordneten Sch ne id e r beschäftigten." Das ist doch stark! Von den weiteren, hochinteressanten Vorfällen auf besagtem Bankett weiß der Berichterstatter des trefflichen V erg a n i-Weltblattes freilich wenig zu melden. Vermuthlich ist er gleich nach dem Kuß aus's Telegraphenamt gestiefelt, um dieses historische Ereigniß gleich in die Linke Bahngasie zu drahten. Unser Gewährsmann hingegen ist ruhig sitzen geblieben und weiß dafür auch zu erzählen: „Im zweiten Saale waren für die zum Gewerbetage zahlreich erschienenen jüdischen Teilnehmer besondere Tische aufgestellt mit Rücksicht aus die von denselben verlangten rituell zubereiteten Speisen. In diesem Saale war Landtagsab. eordneter Dr. G o ld M an n wegen seines energischen Auftretens im Stadtrathe gegen die Wiener Antisemiten Gegenstand lebhafter Ovationen, welche bis in den zweiten Saal drangen. Dies benutzte Schneide r, um an den jüdischen Tischen zu erscheinen und hier eine Erklärung abzugeben, die kennzeichnend für die Mittel ist, mit welcher diese.Sorte von Leuten kämpfen. Schneider erklärte ungefähr nie folgt: „Was ich in Wien bin, das gehört nicht hierher; -hier aber habe ich mich überzeugt, daß sich die jüdischen Handwerker sowie die christlichen unter dem Drucke des Großcapitals und des Wuchers befinden, und gegen diesen gemcinsamen Feind wollen wir solidarisch kämpfen." Zwei Seelen wohnen also in Schneide r's Brust, zwei — vielleicht noch mehr, wenn er es auch noch nicht selbst zur Selbstmultiplicalion L u e g e r's gebracht hat. Um die Seelen-Anzahl dieses Führers zu berechnen, braucht man eine Logarithmen - Tafel. Schneider ist bescheidener veranlagt und begnügt sich vorläufig mit zweien: einer antisemitischen Blulhundseele, auch Sb mpiglien- Seele genannt, für die Werktage und einer Gala-Seele für die Gewerbetage. Die Beiden sind nicht miteinander zu verwechseln. Die Lembergcr Gewerbetag-Seele ist eine sogenannte „gute Seele", die keinem Menschen oder Thiere, nicht einmal einem Juden etwas zu Leihe thut. Die krümmt keinem Juden eine Paje, sie ist ein sideles altes Haus und trägt ein rothes Fez ein wenig nach dem linken Ohr schief hinüber auf dem weinschwereu Haupt. Mit der Lemberger Seele läßt sich reden und — trinken. Besonders Letzteres. Sie wirft sich zur Freundin und obersten Cchntzfrau des jüdischen Handwerkerstandes auf, die Feiertags-Seell. Alle Maßregeln zur Rettung des Kleingewerbes gelten auch für die armen Juden. Die brauchen nicht abgeschossen zu werden, für die gilt das Cchußgeld nicht, die sind ohnehin schon „d ersch-o ssen", wie sie in Wien sagen. Schneider fühlte'sich kannibalisch wohl im jüdischen Zimmer, er trat jovial an die Tische hin, wo die glaubenstreuen Herren ihre rituell zubereitete Kost abgesondert genossen er stellte sich ihnen ungenirt vor — es lebe Ernst Schneider, der Gütige, in der verbesserten, polnischen Ausgabe!