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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-24 · 34 (24.8.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
34 (24.8.1894)
Date
1894-08-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 Vesterretchische Vochenfchrifl Seite 649 Und an einer anderen Stelle:! „Von einer Z u r ü ck n a kl IN e oder auch n u r S ch malern ng der vollzöge nenE mancipatio n kann unter V e r st ä n d i g e n keine Rede sein: sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Ab f a l l von den guten Traditionen u nseres-Staates und würde den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern." So also sehen die literarischen und geschichtlichen Zeugnisse des Antisemitismus aus. Wir könnten dieselben noch durch Namen ersten Ranges ergänzen, die jedem ehrlichen Deutschen — wozu unsere deutschnationalen Antisemiten leider nicht gehören — ins Herz geschrieben sind, durch Klopstock, der in seiner Ode an Kaiser Josef II. 1781 sagt: „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht!" Durch Hegel, der in den Juden nicht blos eine besondere Religionspartei, nicht ein fremdes Volk, sondern vor Allem Menschen sieht, durch Walcker, der in seiner „Politik der constitutionellen Staaten" sagt: „G a liz is ch e, u n g a ris ch e und b ö h m ische Israeliten beweisen bei ihrem Streben nach deutscher Cultur einen bürgerlichen und physischen Muth, der dem Verhalten der classischen Freiheitshelden Englands, Nordamerikas, Deutschlands und Jtalieüs würdig zur Seite steht." Sehen wir nun, wie es ncit den sonstigen Beweisen für die moralische Superiorität der arischen Rasse und die Inferiorität der semitischen Rasse bestellt ist! Der Pamphletist geht in seiner profunden Gelehrsamkeit weit, sehr weit zurück, bis in das Jahr 1612, in welchem die Frankfurter Bürgerschaft den Juden vorwarf, daß sie gar keinerlei ehrliche Arbeit betreiben, sondern vom Wucher und Betrug leben, u. dgl. mehr. O, es wurde den Juden im Mittelalter noch ganz anders zugesetzt und von viel höher stehenden Herren als es die Frankfurter Bürger waren. Weil schon von Frankfurt die Rede ist, lassen wir einen Original-Frankfurter, Blasius von Holzhausen, sprechen. Als der Mainzer Curfürst, A l b r e ch t von B r and enb urg, im Jahre 1515 und in den folgenden Jahren eine größere Anzahl von Fürsten und Städten unter sich zu einem Bündniß zur „ewigen Vertreibung der Juden" zu vereinigen suchte, erklärte Blasius von Holzhausen: „Es war aber dabei dem geldgeizigen und üppigen Bewohner Brandenburgs nit sowohl um den gemeinen Nutzen zu thun, denn um seinem eigenen Vortheil. Und würde er selbst an die Juden verkauffen, wenn die Summe des Angebots hoch genug sei." Als im Jahre 1446 sämmtliche Juden der Mark Brandenburg gefangen genommen, in den Kerker geworfen und ihrer Güter beraubt wurden, sprach sich der Bischof „Stephan von Brandenburg" eindringlichst gegen dies Vorgehen aus. Er sagte: „Uebel handeln die Fürsten, die aus unerhörtem Geiz und ohne gerechte Ursache die Juden aller ihrer Habe berauben, sie ermorden oder in's Gefängniß setzen und durch Wucher abgehalten werden, die geraubten Güter zurückzu geben." Die Juden waren ausschließlich auf Geldgeschäfte angewiesen, da sie durch die Gesetzgebung vom Handwerk und Ackerbau geradezu ausgeschlossen waren. So sagt ein Privileg Kaiser Karls V. vom 3. April 1541: „daß es den Juden, nachdem sie in viel höherer Weise zur Leistung von Abgaben und Steuern herangezogen sind, als die Christen, dabei aber weder liegende Güter besitzen undbebauen, noch andere staatliche Hantirung, Aemter oder Handwerk haben und betreiben dürfen, gestattet werden soll, ihre Baarschaften zu höherem Nutzen undZinsen anzulegen und zu verwenden, als dies den Christen erlaubt ist." Aber viel schlimmer als die Juden, wucherten die Christen. In seiner „Geschichte des deutschen Volkes" schreibt Iaussen: „G r o ß w u ch e r u n d S ch i n d e r e i legte man insbesondere den süddeutschen Handelsgesellschaften der Welser undHöch st etter in Augsburg, denJmhof, E b n e r, V o l k a m e r i n N ü r n b e r g, d e n R u l a n d i n II l m n l d vielen anderen zur Last.Die sogenannten Handelsgesellschaften traten zur Ausbeutung einer bestimmten Handelsrichtung oder eines bestimmten Geschäftszweiges• auf bestimmte Zeit zusammen und theilten nach Maßgabe der von den einzelnen Mitgliedern eingelegten größeren oder geringeren Geldsumme den erzielten Gewinn.Sie vereinigten sich zu Ankaufs-, Preissteigerungs¬ und dadurch zu Volks-Ausbeutungs-Gesellschasten in Bezug auf alle möglichen Waaren. Sie kauften den Wein auf, das Korn oder schon die Feldfrüchte in Halm und Garben. Geiler von Kaisersberg nennt sie darum größere und s ch l i m in e r e U e b e r l i st e r und Schinder des Volkes, als je die Juden ge wese n." Notabene! Auch Geiler von Kaisersberg wird gegen die-'Juden citirt. Die „Superiorität" der arischen Moral trieb also schon im Mittelalter höchst sonderbare Blüthen und „überwucherte" weitaus die sogenannte Judeumoral. Und da kommt nun der antisemitische Scribent aus Graz und fordert uns auf, ihm einen jüdischen Maurer, Zimmermcmn, Dachdecker, Tischler, Schmied, Schlaffer oder gar Canalräumer zu nennen. Mit Verlaub! Erkundigen Sie sich doch erst über die Wiener jüdischen Handwerker!! In einem Artikel der „Kölnischen Zeitung" heißt es: In S a l o n i k i ist der Jude Lastträger, Bootsmann, Handwerker, Dienstbote. Der Türke arbeitet hier wie anderwärts nur in einem beschränkten Sinne, der Grieche ergibt sich dem verhältnißmäßig leichten und mühelosen Geschäft. Die ausgebeuteten Arbeiter der Kleiderwaaren- und Schuhbranche in London sind zum großen Theile Juden, wie aus den Verhandlungen des Oberhauses zu ersehen ist. Nach Lord Dunraven (in der Zeitschrift „Uinetseutb Century“) leben im Osten Londons 25.000Personen von der Schneiderei, Dreiviertel der Männer und Einviertel der Frauen sind Inden. Ebenso sind in Newyork dis Arbeiter der Schuh- und Kleiderbranche meist Juden. In Rumänien ist das Handwerk nach Dr. Klauber, früher Stadtbezirksarzt in Jassy, ausschließlich in den Händen der Juden. In Rußland gab es nach der amtlichen Statistik vom Jahre 1887 293.503 jüdische Handwerker und 89.844 jüdische Taglöhner. In den Zuckerfabriken Smila bei Kiew arbeiteten Hunderte und Hunderte Juden um einen Taglohn von 30 resp. 45 Kopeken. Bergleichszahlen zwischen jüdischen und christlichen Handwerkern liegen für die Stadt Odessa vor; Zahlln, die deshalb besonders entscheidend sind, weil Odessa als Hafenstadt besondere Verlockung zum Handel bietet. In Odessa machte 1687 die jüdische Bevölkerung mit 69.000 Seelen 31'6"/„ der gesammten Bevölkerung von 218.257 Seelen aus, aber mit 5225 Handwerkern genau dieHälfte der Handwerker. Außerdem gab es 11.000 jüdische Dock- und Fabriksarbeiter. Wozu die Fopperei? Daß die Arier eine härtere und mühseligere Arbeit vorziehen, wenn sie in der Lage sind, in leichterer Art ihr Brot und ihr Geld zu erwerben — dafür haben wir bis heute kein Beispiel. Bismarck ließ sein Vermögen durch Bleichröder verwalten, um eine ausgiebige Verzinsung zu erzielen. Die lieben Deutschnationalen hassen aber nichts so sehr als die Wahrheit, welche ihnen auf Schritt und Tritt hinderlich ist; ihre Streitschriften sind durchweht von einem Geiste der Verlogenheit, der in der ganzen Literatur seinesgleichen sucht. Allein endlich und schließlich vermögen alle Pasquille den Gang der Weltgeschichte nicht zu hemmen. Lüge vergeht, Wahrheit besteht. „Hier sttze ich — ich kann auch anders." Nein, dieser Ernst Schneider ist doch zu komisch. Einen drolligeren Kauz gibt es aus der weiten Welt nicht rnehr. Sein letztes Auftreten in Lemberg hat uns nach längerer Zeit wieder einmal veranlaßt, über das Wesen und die Theorie des Komischen zu philosophiren. Wir neigen uns der Ansicht des großen Frankfurter Weltweisen zu, welcher das Komische in der Jncongruenz zweier Begriffe findet. Wenn uns recht augenscheinlich, am wirksamsten mit überraschender Plötzlichkeit, bewußt wird, w i e grundverschieden zwei Begriffe sind, die wir für ähnlich oder identisch gehalten, so erweckt dies unsere Heiterkeit und der entstandene Zwiespalt löst sich in wohlthuendes Gelächter behaglich auf. Der Schneider von Wien und der von Lemberg sind zwei solche incongruente Begriffe, wie sie verschiedener schon gar nicht gedacht werden können. Unerwartet sind sie

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