Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit 648 Vrfterredtzifchr Wochenschrift 9u. 34 heil. Geistes voll geweissagt: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat erlöset sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in dem Hause seines Diener David." In einem höchst lesenswerthen Vortrage, betitelt „Jeremia und seine Zeit" von Dr. Carl Heinrich C o r n i l t, Professor der Theologie an der Universität Marburg und Repetent am Seminarium Philippinum daselbst (Sammlung von Vorträgen für das deutsche Volk, herausgegeben von Frommet und Psaff, 4. Band, Heidelberg 1880), Seite 7 heißt es: „Ich stehe keinen Augenblick an, zu behaupten, daß Mose der größte Mann und die gewaltigste Erscheinung der vorchristlichen Weltgeschichte ist". Sodann auf Seite 87: „Mit vier Namen können wir die Hauptepochen der religiösen Entwicklung Israels bezeichnen: Abraham, Mose, David und Jeremia. Abraham ist die Wurzel, Mose der Stamm, David die Blüthe, Jeremia die Frucht. Aus der unscheinbaren Wurzel des Glaubens Abrahams erwuchs in Mose der gewaltige, mächtige Stamm, welcher die ganze spätere Entwicklung tragen und mit Lebenskraft versehen sollte. Die Lyrik David's ist die herrlichste Blürhe an diesem Stamme,' ich stehe nicht an, David den größten Lyriker aller Zeiten zu nennen, und erinnere Sie nur an die begeisterten Worte, mit welchen ein so durch und durch moderner Dichter und Mensch, wie Lord Byron, David's < Psalmen gefeiert hat. Aber David ist auch in der Beziehung die Blüthe, als er die Vorbedingung der späteren Frucht ist. Durch die Lieder David's in ihrer Gottinnigkeit und Gottfreudigkeit, in ihrer tiefen Erkenntniß des Menschenelends und der Menschenherrlichkeit war ein neuer Factor in das religiöse Leben Israels gekommen, das Gemüth des einzelnen Individuums, das Recht der religiösen Persönlichkeit." So urtheilt über David ein Mann, der auf positiv christlichem Standpunkt steht, dem aber auch Niemand das Zeugniß tiefer Bildung versagen wird. Der deutschnationale Scribent verweist dagegen auf Johann Trithenius, Luther, Herder, Bismarck, Treitschke und Goethe, hütet sich aber, mit Ausnahme von Goethe auch nur von einem einzigen dieser Männer ein wörtliches Urtheil über die Juden zu citiren. In welcher Art diese Herren citiren, zeigt die Art des Citates von Goethe. Der Autor citirt mit genauer Angabe des Buches und Capitels folgende Sätze: „Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker . . . ." „Was soll ich aber nun von dem Volke sagen, das den Segen des ewigen Wanderns vor allem anderen sich zueignet und durch seine bewegliche Thätigkeit die Ruhenden zu überlisten und die Mitwandernden zu überschreiten versteht?" Das steht richtig in Goethe's „Wanderjahren". Aber bezeichnend für die Kampfweise der Antisemiten ist es, daß sie die Stelle nicht in ihrem vollen Zusammenhänge geben, sondern nur einen einzelnen Satz Herausreißen. Goethe läßt den Aeltesten der Erziehungsanstalt in der pädagogischen Provinz Folgendes sagen: „Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker; aber an Selbstständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähheit sucht es seines Gleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war. es wird sein, um den Namen Jehovah durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild ausgestellt, als Hauptbild, dem die anderen nur zum Nahmen dienen." So klingt das Citat allerdings ganz anders. Will man aber Goethe's eigene Meinung über die Judenfrage kennen, dann lese man folgenden Ausspruch des Altmeisters über Lessing's „Nathan": „Möge doch die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publicum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und w erth bleiben!" Das ist eine Mahnung, an welche sich vor Allem Diejenigen halten sollten, welche sich bei uns so gerne als patentirte Deutsche aufspielen. Aber gehen wir weiter! Das Pamphlet nennt mit anscheinend großer Gelehrsamkeit Johann Trithenius als Feind der Juden und fügt die Jahreszahl 1492 bei. Johann Trithenius eiferte damals allerdings gegen den „Judenwucher" und wollte die Bestrafung aller Schuldigen. Er fügt aber hinzu: „Aber'fern sei eine Verfolgung der Unschuldigen mit den Schuldigen, ein Jagen und Hetzen oder eine Einkerkerung aller derer, die nur den Namen eines Juden tragen. Auch die gewaltsame Einziehung ihres Vermögens, die oft aus bloßer Geldgier von Herren und Fürsten erfolgt, ist wider Recht und Pflicht. Die Juden begehen Verbrechen, es ist wahr; sie schänden das heilige Sacrament; man sagt ihnen sogar nach, daß sie oft Christenkinder tobten und deren Blut trinken. Aber ist denn auch Alles wahr, was man ihnen nachsagt? Ist es billig, daßman, wenn Verbrechen von Einzelnen begangen werden, den ganzen Stamm darunter leiden lasse?" Und an einer anderen Stelle sagt Trithenius: „Nicht durch gewaltsame, unchristliche Verfolgungen und Ausplünderungen muß man sich der Judenplage entledigen, sondern dadurch, daß man den Juden allen Wucher, alles schändliche Betrügen abschneidet und sie selbst zu nützlichen Arbeiten auf dem Felde und in Werkstätten anhält." Und nun zu Martin Luther. Es genügt folgender Satz aus dem 1523 erschienenen Buche Luiher's „Daß Jesus Christus eyn geborener Jude sey": „Unsere Narren, ... — die groben Esels—"haben bisher also mit den Juden verfahren, daß, wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel . . . regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher ein Sau worden, als ein . . . Denn sie haben m i t den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen . . . Drum wäre mein Bitt und mein Rath, daß man säuberlich mit ihnen umgehe und aus der Schrift sie unterrichtet. Will man ihnen helfen, so m uß man christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben, sie freundlich annehmen, in i t lassen werben und arbeiten, d a m i t sie Ursache u n d R an m^g e w i n n e n, bei uns und um uns zu sein." Auch Herder soll als Eideshelfer des Antisemitismus dienen. Der Grazer Autor hat offenbar „seinen" Dühring nicht gelesen, der Goethe eine „Judengröße", Lessing einen „Hebräermischling" und Herder einen ebräischen Hofprediger" nennt, der sich mit „judäi s ch er W a h lv er - wandt schüft gerade an Goethe voll und fest gesogen". Nebenbei bemerkt, kommt auch Voltaire, den der Deutschnationale gleichfalls anruft, bei Dühring übel weg, er nennt ihn einen „inferioren Gei st". Hören wir nun Herder selbst. Ec sagt in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit": „Es wird eine Zeit kommen, da m a n in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude oder Christ sei, denn auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben und zum Besten des Staates beitragen. Nur eine barbarische Verfassung hat' ihn daran hindern oder seine Fähigkeit schädlich machen könne n." Die prophetische Voraussicht Herder's ist noch immer nicht in Erfüllung gegangen. Nun kommt Bismarck an die Reihe. Niemand ist von den Antiseniiten gehässiger und giftiger angegriffen worden, als der erste Kanzler des neuen Deutschen Reiches, nachdem er seiner Macht entkleidet worden: Karl Paasch geht in seinem antisemitischen Buch: „Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre Helfer" soweit, zn schildern, daß nicht der Reichskanzler, sondern Herr v. Bleichröder im Auswärtigen Amte des Deutschen Reiches herrsche. Daß F ü r st B i s m a r ck jüdischer Abkunft sei, könne man „nicht direct Nachweisen"; aber manche T h a t e n rufen immer wieder d e n G e d a n k e n w a ch : „sollte es möglich sein, daß Bismarck ein geheimer Jude ist — daß der in ihm wuchernde Keim des Talmud die kernige deutsche N a t n r ü b e r w u ch e r t hat?" (!!!) Und endlich Treitschke! Kein Zweifel, Treitschke ist ein arger Judenhasser. Aber die Antisemiten sollten sich doch wohl hüten, sich auf ihn zu berufen, denn wir könnenden Spieß umdrehen. In einer seiner Schriften heißt es: „Erst w en n die Ideen des „N a th an" in unserer Gesetzgebung sich vollständig v e r k ö r p e r t h a b e n, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben."