Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 34. Jahrgang XI. I + 4*2 Wien- 24. August 1894. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. IE. k. Postsparrsstien-Aml I Elraringverkrhr Ar. 610.976. Red artion und Administration: Wien Franz Jostfs-Quai Nr. 3. | Telephon-Nr. 6535. -^-- Herausgeber: Rerchsralhs-Avgeordneler Dr. Bloch. Er scheint jeden Freitag. -4- Man sbonnirt bri allen Pofianstalten des In- und Auslandes. *.- =* vsxugsprris für Srstrrrrtrh: Halbjährig 4 fl. — 8 Stv. Einzelexemplare 35 kr. Für'» Ausland: halbjährig S fl. — lOÄr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4nal gespaltete!^ Petitzeile 12 kr. I] Hk '...- ■■■"" W Inhalt: Leitartikel : Ein Pasquill. — „Hier sitze ich — ich kann auch anders." — Die Erlügen der „Reichspost". — Sieben große Infamien der „Reichspost". — Elfter internationaler Thierschutzcongreß in Bern. — Eonservativer Antisemilismus. — Vom Jahrmärkte des Lebens. — Zur Hebung der Industrie in Galizien. — E o r r e s p o n d e n z en: - Wien, Prag, Neutra, Wiznitz a. Czeremosz, Berlin, Petersburg, Jerusalem. — Vermischtes: Wien, Perchtoldsdorf, Marienbad, Straßnitz, Zlabings, Olmütz, Neu-Ranßnitz, Kolomea, Nirovitica, Glinianp, Podgorze, Bisenz, Prag, Olmntz, Rvlin, Budapest, Baranno, Paris, Genf. — Feuilleton: Im stillen Städtchen. — Die Judenverfolgung in Gaunersdorf. — Literatur. — Briefkasten.— Inserate. Ein Pasquill. Aus Graz geht uns ein antisemitisches Pasquill zu von einer bodenlosen Gemeinheit. Wir würden dasselbe der Beachtung kaum würdigen, wenn es nicht eine verdächtige Fannlienähnlichkeit zeigen würde mit einzelnen Artikeln, welche in den letzten Monaten in der antisemitischen Provinzpresse Oesterreichs erschienen sind. Diese Artikel werden, wie es scheint, als partei-officiöse Waschzettel für den redactionellen Bedarf der Provinz sabricirt und verbreitet. Das zwingt uns neuerlich, die antisemitische Gelehrsamkeit einer Beleuchtung zu unterwerfen. Vielleicht ist es irgendwo nothwendig, den Herrschaften in's Gesicht zu leuchten, darum sollen ihnen einige Kerzen angezündet werden. Das Pasquill beginnt mit einer Aburtheilung des „socialen Werthes" der „jüdischen Moral". Die Patriarchen werden nach dem Vorgänge Deckert's „Wüstlinge" genannt und sollen die Schlechtigkeit der jüdischen Nasse beweisen. Statt jeder weiteren Antwort soll das Neue Testament reden: Math. XXII 29—33 ist zu lesen: „Ihr habet vernommen, was euch Goltes Mund verkündete — ich bin der Gott Abrahams, Jsak und Jakobs — der Ewige kann aber nicht ein Gott der Todten sondern nur der Lebenden sein." Dasselbe ist auch Marcus XII, 26 und 27 zu lesen. Lukas I, 54 und 55 preist sich Maria ob ihres Kindes mit den Worten: „Gott gedachte seiner Barmherzigkeit, wie er es verheißen hat unfern Vätern, dem Abraham und seinem Samen in Ewigkeit." Daselbst 72 und 73 rühmt sich der Vater von Johannes dem Täufer mit den Worten: „Und zu gedenken seines heiligen Bundes, den Bund des Schwures, welchen er zugeschworen hat unserem Vater Abraham." Lukas XIII, 28 sind die Worte Jesus zu lesen: „Dann wird sein Heulen und Zähneklappern, wenn ihr Uebelthäter sehen werdet, Abraham, Jsak und Jakob und alle Propheten im Gottesreiche, und Ihr bleibet ausgeschlossen!" (Wohl auch derjenige, der diese „Wüstlinge" genannt hat??) Lukas XVI, 22 fährt Jesus in seiner Gleichnißrede fort: „Als der Arme gestorben war, da trugen ihn Engel in den Schoß Abrahams. Auch der Reiche war gestorben und begraben; aus der Hölle aber rief er: Q mein Vater Abraham sei mir-doch gnädig." Lukas XX, 37 wird gleichfalls der Gott Abrahams, Jsaks und Jakobs als Beweis für dis Auferstehung der Todten verwendet. Apostelgeschichte III, 13 und 14 spricht Petrus: „Was wundert ihr euch, als ob dieser vermöge unserer Kraft und Frömmigkeit wandeln könnte? Der Gott Abrahams, Jsaks und Jakobs hat groß gemacht seinen Diener." Römer IV, 11: „Damit er (Abraham) zum Vater aller Gläubigen werde, auch derer, die unbeschnitten sind." Galaläer IV, 23: „Doch meine Brüder, wir die Kinder der Verheißung sind wie Jsak." Jakobus II, 23 wird Abraham wegen des Glaubens ein Gottesfreund genannt. Ueber die Deckerl'fche Infamie gegen D av id, die hier wiederholt wird, wäre kein Wort zu verlieren. Nur an die herrschende katholische Liturgie mit den Davidischen Psalmen scheinen die Herren zu vergessen. Wenn er z. B. bei Einsegnung eines Todten das „Oe proftmdis" singen soll, wird nicht der hervorbrechende Ingrimm gegen den Dichter dieses Psalm's, die knirschende, überschäumende Wuth gegen alles Alttestamentliche, ihn zu dieser religiösen Handlung unfähig machen? Selbst von Kirchenvätern unzweifelhaft arischer Abstammung wurde David hochgehalten und laut gepriesen; so z. B. nennt der heilige Augustinus wiederholt Christus „den wahren David", und es ist füglich nicht anzunehmen, daß der heilige Augustinus mit dieser Bezeichnung Christum habe schmähen und herabsetzen wollen. Die Bedeutung der alttestamentlichen Gestalten für das Christenthum ist eine ungleich wichtigere, als für das Judenthum; für uns sind sie nationale Heroen, dem Christen sind sie die Voraussetzung und die einzigen Zeugen des Heils. Ja, das einzige Zeugniß für die Messianilät Jesu sieht das Evangelium in der Vorherverkündigung im Pentateuch, in der Weissagung des Erzvaters Jacob I M. 49, 10. Als die Pharisäer die Gottestundfchast Jesu negirten, wie wurde diese vertheidigt? Aus wessen Zeugniß berufen sich die Apostel? Blos auf David! „Er aber, David, spricht durch den h e i l i g e n Geist: Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: setze Dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße". Und Zacharias, der Vater des heiligen Johannis, der Gatte der heiligen Elisabeth hat nach dem N. T. am Beschneidungslage seines Sohnes des