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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-17 · 33 (17.8.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
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-. -Ä»VL»«LiSS^-r-. ssanuaaUHl Nr. 33 Vestrrrrichiptzr Wochenfchrist Sette 645 , Sind Sie aber ein sonderbarer Mensch! Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt und warum haben Sie gefragt, ob Jemand bei mir ist?" „Was kann nicht Alles geschehen? Ich sprach vom Herrn . . . man darf nicht tadeln ... er kann es erfahren . . . „Wovon lebt Schloime? Wer besucht ihn? Wozu braucht er den Graetz?" „So eilen Sie nicht, ich habe es nicht gern, das taugt gar nicht . . . Ich werde Ihnen sagen . . . — er zündete den Stumpf in der Laterne an, stand auf und stützte sich auf seinen langen Stock—,, . . . wovon er lebt? So einen Menschen läßt man nicht ganz fallen. Man gibt hie und da zwanzig Kopeken, auch fünfzig, auch zehn, wie es sich trifft — und das auch nicht ihm — daß Gott bewahre! . . . sondern seiner Frau, daß er es nicht wisse. Wer zu ihm kommt? Am Abend kommen Viele zum Gebet! Er liebt zu erzählen, man hört ihm zu . . . Jetzt sitzt man auch bei ihm, spricht ... da benöthigt er diesen. . . wie heißt er doch . . . Graetz, das ist Alles . . . Also werden Sie mir ihn geben?" „Warten Sie, ich gehe auch mit Ihnen!" „O! mit dem größten Vergnügen! Warum nicht? Anu! nu! . . . Viele Hunde . . . aber gehen muß man, eine gerechte Sache, ein gutes Werk!" Ich kleidete mich rasch an und nach einigen Minuten befanden wir uns in einem langen Flur — der Synagogendiener öffnete eine Thür — ich konnte zu Beginn nichts unterscheiden, das Zimmer war in Dunst gehüllt. Schloime's Wohnung bestand aus diesem einzigen Zimmer. — Der Lehmboden, die grauen Wände und die zerbrochenen Läden darin — boten einen gar traurigen Anblick. In der Mitte stand ein einfacher Tisch, auf welchem Bücher zerstreut lagen; in einem Winkel ein Glasschrank, mit in Leder gebundenen Büchern vollgepfropft, die den einzigen Luxus dieser armseligen Behausung bildeten. Auf einem großen, breiten russischen Ofen und einer Ofenbank war Schloime's Familie untergebracht; in einem zweiten Winkel stand ein einfaches Holzbett, der Wand entlang waren zum Schutze vor Feuchtigkeit alte Säcke angebracht; auf einem ziemlich schmutzigen Polster lag Schloime, auf die Hand gestützt und erzählte etwas Chaim Beer, dem Cantor und noch zweien mir unbekannten Juden, die daneben saßen. An dem Fußende stand Schloime's Frau mit einem Glas irgend einer Tinctur in der Hand. „Ich werde unbedingt darüber Nachdenken!" hörte ich den Kranken sagen. Er war bleich, sprach leise, Auge und Gesicht glühten, er hustete oft. „Guten Abend! wie geht's Ihnen Reb Schloime?" Er sah mich freundlich an und versuchte sich im Bette aufzurichten. „Das ist eine große Aufmerksamkeit von Ihnen, daß Sie gekommen sind", brachte,er mit Mühe hervor. „Einen Kranken besuchen— ist ein gutes Werk . . . ." „Sehr richtig . . .Setzen Sie sich! H^en Sie die Geschichte von Graetz?" „Sagen Sie um Gotteswillen, wer behandelt Sie?" Er lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung: „Sehr richtig! Lassen wir das! . . . Reb Chaim Beer hat in irgend einem Buch herausgelesen, es wäre so ein Volk gewesen, die Chazaren und sie Alle und ihre Könige waren jüdischen Glaubens. Obwohl ich das wußte, möchte ich hören, ob es geschrieben steht. Anu! lesen Sie mir vor, wie kommt es darin heraus?" Er richtete sich wieder ein wenig auf. „Morgen werde ich Ihnen bestimmt vorlesen." Chaim Beer und die Andern erhoben sich von ihren Plätzen — gaben der Wirthin einen Wink, und sie ging in's Vorhaus. „Nu, seien Sie gesund! der Allmächtige wird Ihnen helfen, Reb Schloime!" sagten die Fortgehenden. „Die Hoffnung auf den Allerhöchsten!" erwiderte der Kranke. „Lange sollen Sie Alle dafür leben, daß Sie mit mir ein wenig geplaudert haben'" Die Frau kam mit verweinten Augen zurück und stieg auf den Ofen, von wo man ihr kaum hörbares Schluchzen vernehmen konnte. . . . Der Synagogendiener rieb sich die Hände — im Zimmer war es kalt und feucht. Schloime schwieg und sah zur Decke hinauf . . . „Sind Sie schon lange krank?" fragte ich. „Was sagen Sie? Ob ich schon lange krank bin? Mehr als eine Woche." „Ich habe eine Bitte an Sie! Thun Sie mir den Gefallen und erlauben Sie mir. Ihnen einen Arzt zu schicken!" „Sie sind noch ein Kind! .... Was wird mir Ihr Doctor helfen? Er wurde schon gerufen — er sagt, daß es hier feucht ist, daß ich Fleisch essen soll und darauf Milch trinken . . . mag sie selbst trinken ... daß es hier feucht ist, das wußte ich vorhin schon .... Ihr Doctor!" sagte er verächtlich. „Aber so kann man doch nicht" . . . „Lassen Sie das! ich bitte Sie!" . . . „Werden Sie lange hier bleiben? Er wollte noch etwas sagen — hielt aber ntne. „Reb Bnrich", wandte er sich zum Synagogendiener, „seien Sie so gut, auf dem Tisch liegt die Bibel — geben Sie sie mir!" Burich reichte ihm das Gewünschte und Schloime vertiefte sich in das Buch . . . „Nein! es geht nicht . . . aus", murmelte er — „ein wahres Unglück!" und das Buch schließend, versank er in Gedanken. „Was gibt's Reb Schloime?" „Was gibt's?", fragte ich noch einmal, weil ich keine Antwort erhielt. „Was es gibt? Eine Kleinigkeit; wäre hier nicht so ein „T" könnte ans jeden Buchstaben eine gute Prophezeiung für die Inden im Hinblick auf die gegenwärtige Zeit heranskommen . . . Ein „T" im hebräischen Alphabet find zwei T . . . habe schon versucht . . . Geben Sie mir 'mal die Psalmen von David", sagte er dem Synagogendiener. Schloime vertiefte sich in die Psalmen und beachtete uns nicht. Burich stieß mich leicht an und bat mich, mit ihm zu gehen: „wir stören ihn" erklärte er. Ich verabschiedete mich von Schloime, versprach ihm die Stelle aus Graetz vorzulesen — er bat mich, mir keine Mühe zu machen und setzte seine Arbeit fort. (Fortsetzung folgt.» „Menschen, Menschen san mir Alle . . . (Skizze aus dem Wiener Leben.) Ich möchte es im Jahrhunderte einer ,Reichspost" Keinem anrathen, sich dort ruhig niederzulassen, wo man singt. Vorsichtige Leute fassen den Spazierstock fester, sie legen die Hand auf die Geldbörse und knöpfen sich die Taschen zu. wenn Schufterle die Nächstenliebe nach Noten gröhlt und Rohling ewige Wahrheiten dudelt. Ich traue nicht der Moral, die in Gassenhauern abgezogen wird: Die Toleranz, oie man singt, auf die wird gewöhnlich gepfiffen! Es war an einem Sonntag. Sie zogen über die Grinzingerstraße und lachten und sangen und waren guter Dinge. Da meinte der Eine: „Kinder, wißt's was? Geh'n wir auf ein Vierter! Wein!" Die beiden Anderen waren dabei. Sie traten ins nächste Wirthshaus. Sie flegelten sich an die Tische hin und tranken und aus dem einen Vierterl wurden zwei. .. drei. .. vier ... Dann zogen sie weiter und sangen und lachten und waren guter Dinge. Da meinte der Zweite: „Kinder, wißt's was? — Geh'n mir in's Kaffeehaus!" Sie gingen in ein kleines Tschecherl, das am Wege lag. Sie ließen sich drei Flaschen Bier geben. . .. dann wieder drei... dann noch drei... Sie würzten die Unterhaltung mit politischen Gesprächen. Und als ihr Witz nicht weiter reichte, verlangten sie das „Deutsche Volksblatt" und den „Kikeriki", die „Reichspost", den „Figaro" und die „Deutsche Zeitung". Die Kost mundete ihnen wohl. Das ist „Caviar" für's Volk und fördert die Verdauung. Als sie sich an der billigen Weisheit gesättigt hatten, setzten sie sich hin und spielten „Einundzwanzig"; dann einige

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