Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Oeperreichifche Wochenfchrist Nr. 33 Seite 644 Kopenhagen, 31. Juli. Anläßlich der silbernen Hochzeit 1 des allbeliebten und verehrten Kronprinzenpaares brachte vorgestern eine Deputation der hiesigen jüdischen Gemeinde, bestehend aus den Herren Oberrabbiner Dr. Simonsen, Etatsrath Bankdirector Glücksstadt und Bankier Lewin, im Namen der Gemeinde die ehrfurchtsvollsten Glückwünsche dar. Der Kronprinz erwiderte die Rede des Herrn Oberrabbiners mit einer längeren Ansprache, worin er seiner Freude Ausdruck gab, daß die Israeliten dieses Landes vermöge ihrer ehrenvollen Haltung und Stellung die allgemeine Achtung und Werthschätzung ihrer Mitbürger genießen, sowie auch, daß kein Funken jenes verderblichen Brandes, den Religions- und Rassenhaß entzündet, Eingang am dänischen Hofe gesunden habe, noch mit Gottes Beistand je finden werde. Die Mitglieder der Deputation wurden hierauf zum Gala-Souper, das selbigen Abend im kronprinzlichen Palais gegeben wurde, eingeladen. Rom. Signor Lu ig i Luzz atti, der ausgezeichnete Finanzier und Ex-Minister, hat auf den Wunsch des Ministeriums eine Professur für „Internationales Staatsrecht" an der Universität in Rom angenommen. —Cavaliere Vitt orio de R o s s i wurde zum Range eines Comthurs der Krone Italiens erhoben. Er verwaltet das einflußreiche Amt eines Vice-Pr äsidenten der italienischen Bank-Verwaltung. — M. Pola cco, Secretär der italienischen Botschaft in London, ist zum bevollmächtigten Gesandten Italiens bei der argentinischen Republik ernannt worden. — Der kürzlich verstorbene nichtjüdische Commendatore Luigi Quagliotti hat 35.000 Lire für das israelitische Krankenhaus in V e r c e l l i hinterlassen. Testaments-Vollstrecker ist der Erzbischof vonVercelhi. Bukarest, 25. Juli. Am 11. d. M. fand hier die Generalversammlung des jüdisch - rumänischen Schulvereines statt, zu welcher eine große Anzahl hiesiger Mitglieder, sowie Delegirte erschienen. Der Vorsitzende, Herr Dr. S t e r n, machte von den lebhaften Sympathien, welche der Verein im Auslande gefunden hat und den von dort bereits eingelaufenen Unterstützungen Mittheilung. Der Verein zähle gegenwärtig 1070 Mitglieder mit einem Fonds von 32.000 Francs. Von den erstereu seien über 90 Procent aus B u k a r e st und nur 8 bis 10 Procent aus der Provinz. In der Moldau habe sich noch kein einziges Mitglied gesunden. Die Versammlung beschloß die definitive Constituirung des Vereines und die Gründung einer Lehrerschule. Feuilleton. Im stillen Städtchen. Ein russisches Sittenbild von N. Nanrnow. — Frei übersetzt von Louise Fokschancr. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) V. Drei Monate sind vergangen. Es war tiefer Winter. Nikolajewska lag im Schnee wie verschüttet — es gab grimmige Fröste. Die dürren Judengestalten machten sich am Morgen an den aus der Umgebung kommenden Fuhren mit Reisig zu schaffen, das sie als Heizmaterial kauften. Es machte sich im Allgemeinen eine gewisse Niedergeschlagenheit bemerkbar; besonders traurig und schwer war es am Abend. Keine Spur hier von dem erfrischenden Einfluß des gesunden russischen Winters, den er in die Bauerndörfer mit sich bringt. ... die schwache Chaika sitzt an ihrem Tischchen und zittert in einer wattirten, zerlumpten Jacke; die Austräger in Sommermänteln gehüllt, schütteln sich vor Kälte, ihre Gesichter sind blau. Und die Jugend büffelt die „Religion". Alles ist traurig und an den Abenden fühlt man sogar etwas wie Furcht. Hie und da flackert in der Dunkelheit eine Laterne auf, die Gesichter der heimkehrenden Schulknaben beleuchtend — und das ist Alles.. . . An einem solchen Abend saß ich in meinem Zimmer und schrieb eine neue Bittschrift in meiner Angelegenheit. „Anu! Seien Sie so gut, machen Sie auf," sagte Jemand, an den Laden meines Fensters klopfend. Ich öffnete. Der Synagogendiener trat ins Zimmer — in Lumpen gekleidet, einen Lappen statt eines Shawls um den Hals geringelt — er zitterte vor Kälte; in der Hand hielt er eine zerbrochene Laterne, in welcher ein Rest von einer Talgkerze brannte. Jetzt erst konnte ich ihn genauer sehen — er war hoch, breitschulterig mit derbem Gesichtsausdruck; auf ihm lag der Stempel eines kunimervollen, einsamen Lebens. Er sprach mühsam, als würde das Sprechen ihm große Anstrengung kosten, und stotterte zu Beginn eines Satzes. „Musje, guten Abend Ihnen!" rief er, löschte den Stumpf in der Laterne aus, wischte seinen Schnurbart mit dem wollenen Aermel feines Oberkleides, tanzte vor Kälte auf einer Stelle und schüttelte den Schnee von seinen Lumpen und Stiefeln ab. „Wie warm es bei Ihnen ist!" sagte er, die Hände reibend'. „Was das sagen will, wenn man heizt! Ei, ei!" und er schüttelte den Kopf. „Sie werden mir erlauben zu sitzen! Seien Sie so gut! ich will mir erlauben, mich zu setzen . . . wozu ich gekommen bin, dazu werde ich später Zeit haben .... will mich ein wenig erwärmen;" er setzte sich auf meine Einladung. „A! Han? . . . Haben Sie Tabak? Anu! gebt ihn ein wenig hierher!" Ich gab ihm den Tabak hin. „Sie sollen leben und gesund sein hundert und zwanzig Jahr! A! das ist herrlich!" Er rauchte an. „Habe ich Sie nicht gestört? Han? Sie können mir ohne Ceremonien sagen! Wozu sind die Ceremonien? Nein? Sagen Sie's mir aufrichtig. Ich bin ein einfacher Mensch, von sehr geringen Leuten; wenn nicht, kann ich die Füße auf die Schulter nehmen und davon gehen." „Nein, bitte, sitzen Sie, so lange Sie nur wollen, mir ist's sehr angenehm. Warum seufzen Sie denn?" „Hm, seufze ich dann? Meine Sorgen seufzen. . . .Wer weiß, was aus uns Allen werden kann und warum hat der Allerhöchste so eine Welt geschaffen, han? Aber man darf nicht reden.. . ." „Was denn?" „Ach! wie warm es hier ist! Wie im Paradies.... dort könnte es nicht besser sein .... Sie haben ein Buch von einem gewissen ... wie heißt er denn nur? . . . Ich Hab' schon vergessen .... Gra .... Grätz, von Grätz ,. . . ich erinnere mich schon — Graetz, i it ihrer Sprache geschrieben." „Ja, ich habe es, wozu brauchen Sie es?" „Wie, wozu? Hört 'mal! Ich bin doch deshalb gekommen!" „Bei solcher Kälte?" „Eh, Dummheiten, wenn mau braucht, so braucht man.. „Wozu brauchen Sie denn das Buch?" „Ich? Da hast Du eine Neuigkeit! Sag' ich denn, ich brauche? Ich sage, man braucht und das ist Alles." „Wer braucht es denn?" „Wer es braucht, das ist eine andere Geschichte. Reb Schloime braucht es.. .. Nu, zufrieden? ... Ich werde moch ein wenig sitzen", fügte er bittend hinzu. „Warum ist er denn nicht selbst gekommen?" „Eh, was Sie Alles wollen! . . . , Das ist doch eben das Unglück, daß er nicht gehen kann!" „Wie, er kann nicht?" „Wie er nicht kann?! So ... . er kann nicht .... und Sie wissen nicht, wie man nicht kann?.... Nein?,,.. Uebrigens fängt es an, sehr heiß zu werden. ... Er kann nicht, das ist eine einfache Sache — er liegt krank." _ „Was fehlt ihm? Ist er seit lange krank? So erzählen Sie doch, bitte!" „Was gibt's da zu erzählen? Nu, und wenn ich Ihnen Alles erzählen werde, glauben Sie, er wird dann gesund werden? . . . Ist bei Ihnen Niemand hinter der Thür? Sehen Sie e nmal nach . . . darf man laut sprechen?" „Ja, was ist denn los?" fragte ich unruhig. -Er fing leise, beinahe flüsternd an: „Seitdem der Herr", er hielt inne und sah sich ängstlich um — „ihm den Chodor gescho ort hat und ihn bei Gericht geklagt hat. .. " „Nun, was denn? So reden Sie doch menschlich!" „Sprech' ich denn anders? Seitdem der Herr ihn bei Gericht geklagt hat, ging er heimlich in die Häuser, die Kinder zu unterrichten. ... Nu, ein schwacher Mensch, ohnedies kränklich, warme Kleider hat er nicht, wie gewöhnlich in zerrissenen Schuhen .... wie es im Märchen heißt ... hat er sich erkältet und liegt schon eine ganze Woche . . . jetzt hat er Hitze. In der Stube ist es kalt.... ach ja! gut ist er, sehr gut!"