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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-17 · 33 (17.8.1894) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 33 Orsterrrichifchr Wschrnschrtfl Seite 639 Die Kamxfesweise unserep Gegner. II. Wie Nitnalmorde entstehen! In Ergänzung unseres vorwöchentlichen Citates aus einer Schrift des erleuchteten Clemens XIV. schreibt man uns aus Labischin, Provinz Posen, 5. August 1894: Eine scheußliche Mordthat hat in vergangener Woche die Einwohnerschaft unseres Städtchens in Aufregung versetzt, und nur dem Auftreten des hiesigen Bürgermeisters, wie dem gesunden Sinne der hiesigen Bevölkerung ist es zu verdanken, daß es nicht auch hier zu unliebsamen Scenen gegen die Juden gekommen. Anfangs voriger Woche verschwand das etwa fünf Jahre alte Söhnchen der Maurer Kuniszewski'schen Eheleute von hier. Da das Kind von seinen Eltern früher öfter stark mißhandelt worden war, so wurde der Verdacht rege, daß dasselbe vielleicht wieder einmal übermäßig mißhandelt, in Folge dessen gestorben und auf die Seite geschafft sein könnte. Der Vater des Knaben, über dessen Verschwinden polizeilich befragt, meinte: ^das werden Wohl die Juden umgebracht haben, die brauchen ja immer Christenblut." (In gleichem Sinne soll sich auch die Stiefmutter des verschwundenen Knaben ihren Nachbarn gegenüber geäußert haben.) Der Herr Bürgermeister verbot jedoch dem Manne, solche Redensarten und Verdächtigungen weiter zu äußern. Am vergangenen Donnerstag gegen Abend endlich fanden einige Holzleser im nahen Walde, aufmerksam gemacht durch einen aus dem Erdreich herausgestreckten Gegenstand, der einem Finger ähnlich sah, indem sie den Erdboden untersuchten, den Leichnam des verschwundenen Kindes. Sie meldeten sogleich ihren grausigen Fund der Polizei, welche sofort die kleine Leiche holen ließ. An derselben wurden mehrere offenbar von Mißhandlungen herrührende Wunden, sowie verschiedene durch Messerstiche beigebrachte tiefe Verletzungen entdeckt. Der Verdacht, das Kind gemißhandelt, getödtet und bei Seite geschafft zu haben, fiel natürlich ans die Kuniszewski'schen Eheleute. Dieselben wurden sofort verhaftet und nach einem ersten Verhöre in Ketten nach dem hiesigen Gefängnisse gebracht, begleitet von den Verwünschungen der Bevölkerung. Am Freitag erschienen hier der Staatsanwalt von Bromberg, sowie die zuständigen Medicinalbeamten, und die von denselben im Beisein der Verhafteten vorgenommene Section der kleinen Leiche ergab unter Anderem, daß das Kind bei seiner Verscharrung noch gelebt haben müsse. Die Mörder müssen dasselbe also noch lebend eingescharrt haben. Die weitere Untersuchung wird ja ergeben, ob die Eltern des Kindes wirklich an demselben das scheußliche Verbrechen, welches sie, verleitet und angespornt durch antisemitische Verhetzungen, gern den Juden ausbürden möchten, begangen haben. Das sind die Früchte der literarischen Judenhetze, wie sie von Leipzig und Berlin aus systematisch betrieben wird! Das Gebot der Nächstenliebe. Herr Dr. Heinrich Löwe sendet an das Berliner Abwehrorgan eine Zuschrift, dem wir nachstehende Stellen entnehmen: Am 13. Juli 1894gab Professor Förster in einer zu Halb erster dt gehaltenen Versammlung Auszüge aus Talmud und Schulchan Aruch „zum Beweis dafür, daß der Jude den Christen nicht einmal als Menschen, geschweige denn als gleichberechtigt anerkenne". — In demselben Monat Juli 1894 schreibt die Wiener antisemitische „Ostdeutsche Nnndschau" in einem Artikel über die Adelsorganisation: „Nur zum Wahnwitz gesteigerte Eitelkeit könnte einen Inden glauben machen, er sei ein Mensch, so gut wie jeder andere." Und Herr Theodor Fritsch schreibt in seinem „Antis. Katechismus": „Menschen sind die Juden auch, aber „ebensolche wie wir" nicht. Die Antisemiten suchen eben die Juden hinter einem Busch, hinter dem sie selbst gesteckt haben. In der Sitzung des niederösterreichischen Landtags vom 6. April 1892 erklärte der Abgeordnete Cooperator Schnabl: „Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst, das ist die wahre Nächstenliebe, wie sie Christus der Herr gepredigt hat, dann erst kommen die Blutsverwandten; erst kommt die eigene Person, dann kommen die Eltern, dann die Geschwister, dann alle anderen, die uns näher stehen, das ist das Naturgesetz; da uns die Juden am fernsten stehen, kommen sie zuletzt. Das wollte ich zur Aufklärung bemerken." Gegen diese Auslegung der Nächstenliebe protestirte keiner der zahlreichen Collegen und christlich-socialen Gesinnungsgenossen des Redners. Nur einige „Judenliberale" — also Unberufene — legten Verwahrung gegen diese Auffassung ein, neben welcher die Fremdenliebe des Alten Testaments sich recht gut sehen lassen kann. Mag man diese Ausführungen als auf mißverständlicher Auffassung beruhend betrachten, so steht jedenfalls das Eine fest, daß nach der canonischen Auffassung des geschichtlich gewordenen Christenthums Andersgläubige der ewigen Seligkeit nicht theilhaftig werden. So sagt Professor B e y s ch l a g (offener Brief an Herrn Dr. Korun S. 13): „Das lautet ja förmlich nach einer Gleichwerthigkeit aller Religionen, auch der heidnischen; denn im guten Glauben an die Wahrheit s iner Religion leben, und die Gebote Gottes nach dem Maße seines Wissens und Gewissens beobachten, kann der Heide ebensowohl wie der Katholik. Ich gestehe Ihnen hochwürdigstcr Herr Bischof, daß das mir, dem liberalen Protestanten, doch etwas zu liberal ist; denn ich frage mich: Kann denn Jemand die Gebote Gottes in Wahrheit beobachten ohne die Heilsgnade, die uns in Christo dargeboten ist? Was meinen Sie dazu, Herr Bischof? Meinen Sie ja, er kann's, dann sind Sie ein Pelagier und Rationalist vom reinsten Wasser . . . ." Die Stellen, welche von antisemitischer Seite immer citirt werden, um die angebliche Verachtung der Christen darzulegen, sind gefälscht, wie u A. die Acten Rohling contra Bloch S. 258 ff. ergeben. Das Judenthum erkennt fromme Menschen jeden Glaubens als gleichberechtigt an. Schon das Alte Testament lehrt: „Wie der Eingeborene sei euch der Fremdling, der bei Euch weilt, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst." III. Buch Mose 19, 34. Wiederholt wird die Liebe zum Fremdling damit begründet, daß die Juden selbst Fremde gewesen seien in Egypten. Eine bedeutsame Stimme aus Sachsen über den Antisemitismus. Ueber die antisemitische Bewegung äußert sich Herr Dr. jur. Graf A. W i l d l i n g zu D r e s d e n in der neuesten Nummer (95) der Harden'schen „Zukunft" wie folgt: .... „Kaum war die Aufnahme der Juden zu völliger Gleichberechtigung vollzogen, kaum begannen diese, im Vertrauen auf das bewiesene Wohlwollen und Entgegenkommen ihrer christlichen Mitbürger, von der ihnen gewährten neuen Freiheit Gebrauch zu machen, da warteten die Wirthe nicht ab, ob die neuen Bollbürger nicht in Folge ihrer Gleichstellung sich allmäl^g den alten völlig assimilirten wurden; sondern, sobald die Juden mit den ihnen inwohnenden Eigenschaften zäher Betriebsamkeit anfingen, im wirthschaftlichen Leben eine unbequeme Concurrenz zu machen, beobachtete man sie erst mit Neid, warf bald auf sie einen glühenden Haß. verhielt sich gesellschaftlich exclusiv und abstoßend gegen sie. bis dann die erst nur individuell, dann nach ganzen Ständen und Gruppen sich Lust machenden Leidenschaften sich zu der schroffen Partei des Antisemitismus verdichteten. Hierdurch hat man sich moralisch eines großen Unrechtes gegen die Juden schuldig gemacht, namentlich aber sehr wenig im Sinne des wahren Christenthums gehandelt. Durch diese schroffe Ungeduld hat man sich nicht blos gegen die zunächst Betroffenen versündigt, sondern auch in den Ländern, wo man so vorgegangen ist. in Deutschland und Oesterreich — Rußland mit seinen ganz verschiedenen staatlichen Formen und sonstigen Zuständen kann füglich außerhalb dieser Betrachtung bleiben — wenig höheren Beobachtungsgeist gezeigt, sich vielmehr nur von augenblicklichen und partiellen Empfindungen und

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