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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-17 · 33 (17.8.1894) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 638 Wrstrrrrtchiptzr Wmtzrnfrtzrtfl i'fr. 33 man den „tobten Levy" nennt. Er hat seinen sonderbaren Namen auf folgende Weise erhalten: L e v y war früher in Rußland und hatte dort eine Strafthat begangen. Die Behörden suchten ihn überall, und um sich diesen Nachforschungen zu entziehen, ließ er das Gerücht verbreiten, er sei gestorben. Man wußte sich eine Leiche zu beschaffen, aber nun war es nöthig, daß acht Leute durch Eid bekräftigen, die Leiche sei auch wirklich die des steckbrieflich gesuchten Levy. Sieben Juden waren dazu gewonnen worden, und um die gesetzlich geforderte Zahl voll zu machen, beschwor Levy selbst tapfer mit, daß der tobte Jude seine eigene Leiche sei. Seine Stammesgenossen schafften ihn dann später über die Grenze." Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" zog an Ort und Stelle Erkundigungen ein und erhielt folgenden authentischen Bescheid: „Wenn auch vorstehende Notiz, einschließlich der acht Zeugen, den Stempel. der Erfindung an der Stirne trägt, so will ich doch auf Ihren Wunsch bemerken, daß ich seit 30 Jahren in Königsberg wohne, auch die ausländischen Juden gar wohl kenne, aber niemals von einen „tobten Levy" oder der ihn betreffenden obigen Fabel etwas gehört habe. Ob der Professor Reichsrathsabgeordneter Paul Förster sich zu einer Berichtigung aufraffen wird? Vom „Deutschen Schulverein". Bekanntlich hat sich vor Kurzem unter der Aegide der deutsch-nationalen Antisemiten ein „Bund der Deutschen in Böhmen" gebildet, dessen Gründer kein Hehl aus ihrer Absicht machen, die deutsch-liberale Parteileitung in Böhmen zu depossediren und in die deutsche Bevölkerung des Landes die antisemitische Propaganda zu tragen. Dieser Verein, hat unter Anderem seine Gründung auch dem Deutschen Schulverein durch ein Schreiben angezeigt. Diese Zuschrift, namens des betreffenden Vereines von einer Persönlichkeit gefertigt, die in Böhmen ihrer prononcirt antisemitischen Gesinnung wegen bekannt ist, wurde vom Deutschen Schulverein auf Beschluß des Ausschusses vom 17. v. M. in folgender Zuschrift beantwortet: „Löblicher Verein „Bund der Deutschen in Böhmen!" Wir haben mit Vergnügen Kenntniß genommen von der Gründung Ihres Vereines und danken Ihnen für Mi Zusage Ihrer freundschaftlichen Mithilfe im Kampfe um unsere heiß umstrittenen nationalen Güter auf das Herzlichste. Indem wir Ihrem Vereine das beste Gedeihen wünschen, sprechen wir die Hoffnung aus, daß das gemeinsame, nationale Wirken beider Vereine das B.ndeglied unausgesetzter freundschaftlicher Beziehungen in aller Zukunft bilden wird. 19. Juli 1894. Mit Gruß und Handschlag! Der Deutsche Schulverein: AusschusnilitglicdC binann: Dr. Groß. Dr. Weitlof." Ein Commentar ist wohl überflüssig. Convertit und Prügel. In einem Nachbardorfe lebte ein junger Schullehrer jüdischer Religion, dem es in seinem angestammten Glauben nicht mehr behagte und er daher beschloß, zur katholischen Kirche überzutreten, umsomehr, als er auf diesem nicht ungewöhnlichen Wege eine Besserung seiner Verhältnisse erwartete. Er setzte sich mit dem Ortspfarrer in Verbindung, der sich bereitwillig dazu erklärte, den jungen Convertiten mit den Dogmen der katholischen Kirche bekannt zu machen und ihn bis zum erfolgten Uebertritt zu verpflegen, dader Lehrer selbstverständlich auf seine Bezüge von Seite seiner bisherigen Glaubensgenossen Verzicht leisten mußte und er im Uebrigen aller Subsistenzmittel baar war. Der Convertit lernte recht fleißig, ließ sich die gute Kost bei seinem geistlichen .Gastfreunde recht gut schmecken, der überdies auch für einen vornehmen, reichen Taufpathen gesorgt hatte. An dem zur Vornahme des Taufactes anberaumten Tage hatte sich denn auch eine Schar erlesener Gäste im Pfarrhause eingefunden, auch der Taufpathe war erschienen, allein mit einem Male wandelten den Neophytencandidaten Bedenken an, er erklärte unwohl zu sein, daher er sich dem Acte der Taufe dermalen nicht unterziehe. Man kann sich die Entrüstung des.-geistlichen Herrn und seiner. Gäste leicht denken, und beeilten sich eiüige derselben, dem angehenden Glaubensbruder noch einen Liebesdienst zu erweisen, indem sie dessen staubigen Rock auf dem Rücken des Eigentümers sehr gründlich ausklopften. Nachdem dem braven Schullehrer diese wohlverdiente Lection in gründlichster Weise ertheilt wurde, setzte man sich zum Taufbankett ohne den Täufling, der mittlerweile Zeit gewann, über den Wechsel der Dinge nachzudenken. Der wackere Schullehrer hat nach dieser Lection den Ort seiner bisherigen Thätigkeit ohne seine Kleider mitnehmen zu können, verlassen; die Kleider behielt der Pfarrer als Pfand zurück, da man ihm doch nicht zumuthen könne, einem, der sich nicht taufen ließ, umsonst zu essen gegeben zu haben. Aves Guyot über Drumout nnd dessen Gönner. Im Londoner „Club der Makkabäer" sprach Zjves Guyot über die antisemitische Bewegung in Frankreich, wobei er u. A. sagte: Die Antisemiten stellen unter einem Namen, der den Anstrich moderner Wissenschaftlichkeit hat, nichts dar als das Wiederaufleben der Vorurtheile des Mittelalters. Sie griffen die Juden an mit Berufung auf ihre Religion und auf ihre Rasse. Wenn sie auch nicht soweit gingen, die Scheiterhaufen der Inquisition wieder anzuzünden, so verlangten sie doch auf eine um so gefährlichere, weil unbestimmte Weise Maßregeln der Confiscation und der Landesverweisung ‘ gegen die Juden. Der Mann, welcher das Commando in diesem Feldzuge hatte, besaß das moralische Ansehen, um ihn zu führen. Es war keineswegs ein strenger Gläubiger, der aus seiner Einsamkeit heraustrat, um das Anathema auszusprechen über die Sünden der Welt; als Berichterstatter einer Zeitung, „La Liberte", die einem Juden, Per ei re, gehörte, während langer Jahre beschäftigt, war er dort der zu Allem bereite Chronist gewesen. In dieser Zeit handhabte er fleißig die Scheere und schnitt und schnitt immer wieder aus den Zeitungen aus. Gab es da irgend einen Vorfall, in welchem ein Individuum eine gehässige Rolle spielte, er schnitt es aus, und schnell war ein Jude aus der schändlichen Person geworden. Gab es einen sensationellen Proceß, er schnitt ihn aus, und der widerliche Typus wanderte sofort in seine Judencollection. So auf der Suche nach jedem Scandal, nach allen Gerüchten — wahrscheinlichen wie unwahrscheinlichen — trug er sich Alles zusammen: er flickte dann eines Tages die einzelnen Stücke, ließ sie drucken und nannte dies ein Buch, mit dem Titel: „La France juive“. Jeder Mensch, der in eine böse Angelegenheit verwickelt war oder von dem man dies angenommen, wurde Jude genannt, welches auch immer seine Nationalität, seine Religion, seine Abstammung sein mochten . . . Man muß gestehen, daß dieser Angriff eine lebhafte Unterstützung durch die Welt des Faubourg Samt-Germain erfuhr, welche mit all ihren Kräften dabei half. Er kam ihren religiösen Ueberlieferungen entgegen, ihrem Haß gegen die moderne Gesellschaft nnd ihrem aus Eitelkeit entsprungenen Groll gcgen die reichen Jüdinnen, welche in den Logen der Oper und des Theätre frangaise ibre strahlenden Diamanten zur Schau tragen, und deren glänzenden Gespannen sie im Bote de Boulogne begegnen müssen. Das war die Revanche des alten, ererbten oder erheirateten Grundbesitzes gegen das Capital, das durch die Thätigkeit im Geschäft oder im Handel erworben war. Der Antisemitismus ist, gerade herausgesagt, in Frankreich der Haß der Aristokratie! .. . Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen bemerkte der frühere französische , Minister: Allmälig hat die Bewegung den Charakter des Neides des Zornes, der Raubgier, der Ausbeutung angenommen, und sie zielt ebenso gut auf die liebenswürdigen Leute der Gesellschüft, von der ich eben sprach, als ans alle Diejenigen, welche unter einem beliebigen Titel eine irgendwie beneidenswerthe Stellung einnehmen. Ausgegangen von einer buchhändlcrischen Speculation, basirend auf der Verleumdung, genährt, verbreitet in Gährung gebracht durch die Eifersüchteleien des Salons und der Gesellschaft, durch .das Bedürfnißnach Scandal und Herabsetzung — erhält sie keine Förderung durch die Rassenfrage, die der Mehrzahl unter den Judenfeinden unbekannt ist, keine durch die religiöse Frage, da das Erbe Voltaire's die religiöse Gleichgiltigkeit, die meisten Franzosen von jedem leidenschaftlichen und tiefen Haß in diesem Sache bewahrt; sie ist eine Episode des socialen Krieges geworden. Und in mehr als Einem von denen, welche sie Anfangs mit einem gewissen Wohlgefallen ausnahmen, müssen jetzt bei der Betrachtung ihrer Folgen, ganz andere Gedanken erwachen. Der ausgezeichnete Redner betonte schließlich, daß man auch zeitweiligen „Stürmen des Wahnsinns" nicht gleichgiltig gegenüberstehen dürfe — eine Mahnung, welche allerorten genaue Beachtung verdient.

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