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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-17 · 33 (17.8.1894) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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©eite 636 Feflerretrtztlrhr Wortzrnsürrist Ikx. 33 beleidigte Classe durch die Beachtung der Beleidiger nicht noch mehr zu verletzen, haben die Nichtantisemiten sich Passiv verhalten. Aber mit Unrecht. Das Treiben hat nicht aufgehört; unter allerlei Formen und Masken und in den verschiedensten Abstufungen hat es in immer weitere Kreise sich verbreitet. Da war nun derZeitpunkt gekommen, wo solche, welch: die Verwerflichkeit jener Bewegung einsehen, sich zur. Abwehr derselben erhoben, indem sie öffentlich erklärten, daß sie den Antisemitismus verdammen. Als nun solche a^mra-antisemitische Bereinigungen ins Leben gerufen wurden, haben sich sofort Männer und Frauen aus den verschiedensten Gesellschaftsclasscn angeschlossen und in ihren Listen Namen aufgewiesen, welche, um achtunggebietend zu wirken, vorerst nicht gezählt, aber gewogen sein wollen. Wer da beigetreten, der hat damit die Verpflichtung übernommen, im eigenen Kreise gegen das Ueberhandnehmen jenes gehässigen Geistes zu wirken und nicht länger — unter den beiden bequemen Vorwänden: „Ich mische mich nicht in „Politik" und „Jeder Mensch kann ja seine Ansicht haben" — es ruhig geschehen zu lassen, wenn in ihrer Gegenwart in antisemitischem Sinne gesprochen wird. Besonders den Müttern kommt es zu, wenn sie bemerken, daß ihre halbgewachsenen Söhne Gefahr laufen, von diesem Giftstoffe angesteckt zu werden, sie davor zu schützen; denn keiner Mutier soll es gleichgiltig sein, wenn ihr Kind Gesinnungen nährt und ausdrückt, die auf Grausamkeit und Ungerechtigkeit, auf Hochmuth und Dünkel gegründet sind, die das Gemüth zu verrohen und den Geist zu verengen drohen. Das Heft kann nicht umgekehrt werden. Die Antisemiten dürfen nicht sagen: Ihr seid ungerecht und gehässig gegen uns, ihr beleidigt uns eu bloc, indem ihr uns Rohheit und Ürtheils- Mangel zuschreibt — wir sind eiuePrrtei, wir -fordern Achtung für unsere Ueberzeugung. Darauf läßt sich antworten: Wir, die Abwehrenden, wenden uns nicht gegen eine ganze, durch ein generelles und zufälliges Merkmal gebildete Classe, deren einzelne Individuen die verschiedenartigsten guten oder bösen Eigenschaften haben können; wir bekämpfen eine bestimmte Gesinnung, die jedes einzelne Individuum der von uns Bekämpften auch wirklich hegt und zu hegen sich rühmt. Wenn man einem Verfolger das Verfolgen verwehrt, so darf er darum nicht den Verfolgten spielen. „Schau' ... der arme Löwe dort," so sagte ein mitleidiges Römerkind in der Arena, „der arme Löwe hat noch keinen Christen bekommen!" Aehnlich zu bedauern wären die armen Antisemiten, wenn sie ihre Lieblingsbeute nicht mehr zu verschlingen hätten. Böckel und Ahlwardt — fünfter Art. Wer die politischen Erscheinungen nicht durch die Parteibrille, sondern mit dem Auge des Culturhistorikers betrachtet, der wird die Einsicht gewinnen, daß auch hier die ausgleichende Gerechtigkeit waltet, daß die Parteien meistens an ihren eigenen Sünden und Fehlern zu Grunde gehen. Keine Partei entgeht ihrem Verhängniß und fast jede erzeugt selbst ihre Todtengräber. Das Verhängniß aller antisemitischen Parteien ist, daß ihre Führer nicht nur auf einer niedrigen moralischen Stufe stehen und nicht die sittliche Kraft finden, einem würdigen Ziele entgegenzuschreiten, sondern auch nicht die intellectuelle Fähigkeit besitzen, Dinge von dauerndem Werth zu schaffen und zu erhalten. Der Talmud drückt diesen Gedanken fabulistisch aus: „Wenn der Hirt seiner Heerde zürnt, dann läßt er ein blindes Schaf vorangehen." Er will damit sagen, was Jesaias schon viel früher mit seiner Donnerstimme verkündete: „Wehe, mein Volk, deine Leiter sind Verführer!" Ja, es ist ein tragisches Geschick, durch feine eigenen Führer dem Ruin zu verfallen, aber die Geschichte lehrt, daß eine gesunde Bewegung, eine wirklich ideale Geistesströmung sich selbst gute Führer schafft und die Edelsten des Volkes für sich gewinnt. Es ist nicht Zufall, daß der Antisemitismus solche traurige Führer hat, sondern in der Natur der Sache begründet. Wie sollte auch eine Jnteresseupolitik, eine Politik, in der der crasseste Egoismus und die höchste Rohheit verkörpert sind, bessere Führer finden? Dr. Böckel galt unzweifelhaft als der begabteste und consequenteste Führer in der antisemitischen Tohuwabohu-Partei Deutschlands. Er ist zunächst nicht so bodenlos unwissend wie die meisten anderen Antisemiten, er hatte Manches gelesen und war zu der Ueberzeugung gekommen, daß ein Politiker, der nicht blos eine komische Figur abgeben will, doch noch mehr als den Kernspruch antisemitisch-socialer Weisheit „Juden heraus!" kennen muß. Er hat auch anfangs versucht, gegen die Uebel in seiner eigenen Partei muthig zu kämpfen, hat gegen das .Treiben A h l w a r d t's öffentlichen Protest eingelegt und den großen Propheten und seine Anhänger nicht gerade sanft angefaßt. Der Wille war also bei Böckel immer gut, aber — das Fleisch sehr schwach. Er wollte große Organisationen einleiten und Politiker großen Sthls werden, er wollte das deutsche Volk frei und glücklich machen, er wollte ein germanischer Messias werden. Wo ist aber seine Weisheit geblieben? Welche Früchte haben seine Bestrebungen getragen? Sein Unternehmen ist in kurzer Zeit verkracht und das schöne Geld, das zwar von den Juden erfunden ist, aber auch von den Antisemiten geschätzt wird, ist den Weg allen Fleisches gegangen. Die hessischen Bauern wollten endlich nach den vielen Versprechungen auch Thaten sehen und wandten sich grollend von ihrem Heiligen ab. Nun ist der „große" Mann, der für Alles Rath wußte, in rathlose Noth gerathen und er sucht in Berlin, der Heimat so vieler verfehlter Existenzen, eine Zuflucht. Ja, erTwoht sogar, die ganze Partei mit ihren Idealen in Stich zu lassen und ins Ausland zu gehen, wenn ihm nicht bald geholfen werde. Armes Deutschland, was wirst du dann anfangen? Doch nein, so weit darf es nicht, kommen, denn diese schreckliche Nachricht wirkte niederschmetternd auf die Berliner Radauhelden, ein Zittern ergriff sie und so kamen all' die Freunde des Vaterlandes zusammen, um B ö ck e l eine neue Existenz durch die Gründung einer neuen Zeitung zu schaffen. Freilich sind vorläufig erst 45.600 Mark gezeichnet und die Taschen Böckel's sind sehr durchlöchert, aber besser wenig, als gar nichts. Wer aber jetzt für Böckel bei den Berliner Genossen ein gutes Wort einlegte, das war der großmüthigeAhlwardt der Retter in aller Noth, denBöckel so oftgrimmig geschmäht hatte. Ja, was man auch von Ahlwardt sagen mag, empfindlich und nachträglich ist er nicht, und er ertrug es stets mit philosophischem Gleichmuth, wenn die Leute ihn Lump und Schuft nannten. Aber auch Böckel gebührt die Anerkennung, endlich die Größe A h l w a r d t's eingesehen zu haben, vor der er sich unbedingt beugen muß. Die Juden freilich würden das gesinnungslos nennen. Gesinnungslos? Mein Gott, welch' ein veraltetes, komisches Wort! Man muß eben leben, und wozu wäre denn der Antisemitismus da, wenn man nicht einmal sein Leben davon fristen könnte? Sic transit gloria nrnndi! Der einst gefürchtete Böckel ist jetzt der Treuergebene A h l w a r d t's. Nun ist endlich die natürliche alphabetische Ordnung im antisemitischen Lexikon hergestellt: erst kommt Ahlwardt und dann Böckel. Wollte man jedoch die Politiker durch Ziffern bezeichnen, so würden die Antisemiten eine Reihe politischer Nullen darstellen. S. * Die clericalen „Neuen Tiroler Stimmen" beschäftigen sich mit einem Artikel der nicht niinder clericalen „Kölnischen Volkszeitung", welche scharf gegen Ahlwardt und Genossen zu Felde zieht. Ahlwardt's allerjüngste Marotte besteht nämlich darin, den Heiland Jesus Christus als Abkömmling von — Germanen, nicht von Juden, darzustellen. Aus seinen Charaktereigenschaften deducirt der edle Rector aller Deutschen mit bewundernswürdiger Kühnheit, daß Christus unmöglich aus dem semitischen Judenthum hervorgegangen sein könne, sondern nur rein indogermanischer Abstammung sein müsse. Die „Kölnische Volkszeitung" warnt ihre Leser vor solchen Nonsens, indem sie schreibt: „B un d s chu h. Unter diesem Titel hat Ahlwardt neben der bekannten Zeitschrift auch ein Buch herausgegeben, worin er mit dem ihm eigenen Mangel an Gründlichkeit über Religion, Politik, sociale und ökonomische Fragen, kurz über alles und noch etwas handelt. Es war eine folgenschwere Handlung, dem unternehmenden Reichstagsmitgliede für seine Judenflinten einige Monate Plötzensee und damit die Gelegenheit zum ruhige» Schaffen dieses Werkes zu geben, die er auf seinen politischen Triumphzügen nicht gehabt hätte. Gewiß wird der klare Denker recht viele Leser finden, die ihm auch durch das langweiligste Gestrüpp gern und freudig folgen; denn die „an-

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