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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-17 · 33 (17.8.1894) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 33 Veyrrrelchifchr WochrnschrM Seite 635 wird doch Niemand, am allerwenigsten eine sonst sanft und freundlich gesinnte Frau finden; aber sicherlich stst diese Zurücksetzung zum Wohle der Uebrigen nöthig; aus furchtbar verwickelten ethnographischen und anthropolgistpen Gründen ist die betreffende Rasse minderwerthig, und aus noch verwickelteren, mit Großcapital und Kleingewerbe und sonstigen nationalökonomischen Dingen versetzten Ursachen muß man sie unschädlich machen und sich als deren Feind bekennen.. . Das ist so ungefähr der Standpunkt unserer antisemitischen Frauen. Häufig thun sie auch mit, ohne nur zu der Fragestellung zu gelangen, welche diese Zeilen einleiten. Solchen meiner Schwestern jedoch, die nach diesem „eigentlich" geforscht haben, möchte ich gern hier in aller Kürze (und ich habe die Angelegenheit einigermaßen studirt) ein wenig Ausschluß geben. Der Kern der Sache ist Feindseligkeit. Das Mehr oder Weniger von Haßfähigkeit, das jeder Mensch im Innern trägt und das er gegen die Dinge wendet, die ihm störend, schädlich oder auch nur — unangenehm erscheinen, ist sehr leicht angefacht, denn er ist froh, einen Gegenstand zu finden, auf welchen er die verschiedenen Richtungen seines Grolles corcentriren kann. Die alte Geschichte vom Sündenbock. Die Eimn sehen ihren Glauben gefährdet, die Anderen ihre Geschäfte, die Dritten ihre gesellschaftliche Exclusivität, und die verschiedenen Angsttöne wandeln sich in Klage- und Anklagetöne, die in einen Accord zusammenklingen, der schließlich bis zum Verfolgungsgeschmetter anschwellen kann. „Schlagt sie nieder!" Diesen Kampfruf der mittelalterlichen und der Corfioter Antisemiten, den will keiner unserer , gebildeten" Arier ausstoßen; sie vergessen aber, daß die Häufung der einzelnen Beschuldigungen, Verdächtigungen, Geringschätzungen jenen Ruf ergeben muß. „O, nichts Gewaltthätiges — nur auf gesetzlichem Wege.. heißt das Parteischlagwort, und die Anderen beruhigen sich dabei. Sie sehen nicht, daß J.ne anstreben, ihre Verfolgung, die jetzt noch außergesetzlich ist, zum Gesetz zu erheben. Die Hinrichtungen der Ketzer und Zauberer waren Acte öffentlicher Justiz, und, ohne so weit in die Vergangenheit zurückzugreifen, die jüngsten Maffenausweisiingkn der Juden aus Rußland, wodurch Tausende unschuldiger Familien dem bittersten Jammer preisgegeben worden, sind die pflichttreue Ausführung einer von der höchsten Gesetzesgewalt ausgegaugenen Verordnung. „Wir leben nicht im Mittelalter und nicht unter halbasiatischem Autokratenthum", wird darauf beschwichtigend geantwortet, „so weit lassen wir es nicht kommen, wir wollen nur auf gesetzlichem Wege . . ." Was? Einer Classe von Mitbürgern ihre Rechte eines nach dem anderen entziehen, ihnen die Wege versperren — nicht nur zu Aemtern und Würden, sondern auch zum Lebenserwerb; oder ist denn der Grundsatz, zu dem die Antisemiten — sogar in dem Jnseratentheil ihrer Blätter — sich bekennen: „Kauft nur bei Christen!" nicht einfach ein Aushungerungs- Verfahren? Ein zwar langsameres und versteckteres als die Umzingelung des Judenviertels, aber ebenso sicher — nur zehnmal perfider. An den letzten Consequenzen, an die folgerichtige Ausführung einer Sache denken die wenigsten Leute. In der Frage des Antisemitismus z. B. werden die Meisten auf verschiedenen Anfangsstationen stehen bleiben — bis zum thätlichen Haß werden sie nicht schreiten wollen; aber das wird ihnen doch erlaubt sein, Antipathie zu fühlen und sie merken zu lassen? . . . Was die Anderen betrifft, die bis zum Haß gslangt sind — so denken die Gemäßigten und „Antipathie" Fühlenden — so haben die sicher ihre Gründe . . . Die Blutsaugerei muß doch eine politisch-ökonomisch bewiesene Thatsache sein und das gewisse österliche Blutopfer... je nun, „so ganz ohne" ist das Ding vielleicht auch nicht . . . Warum sollte, wenn die Schädlichkeit einer Rasse oder Classe erkannt worden ist, nicht gegen dieselbe angekämpft werden? Die letzte Consequenz grenzenloser Duldsamkeit wäre schließlich auch verwerflich, denn das hieße ja, daß man das Schlechte nicht verachten und nicht verhindern dürfte. Daß hier ein Trugschluß vorliegt, daß durch die Verdammung des Antisemitismus das Recht auf Verfolgung und Ausrottung des Schlechten nicht angegriffen wird, das läßt sich bei einigem Nachdenken ganz klar erkennen. Die Sache ist nämlich die: Alle Schlechtigkeiten, Verbrechen und Vergehen, welche innerhalb der Gesellschaft begangen werden, sind individuelle Thaten und dürfen dahernuran drn Einzilnen verpönt und bestraft werden. Sobald unter dem Borwand, daß in einer bestimmten Gruppe von Leuten mehr gesündigt wird, die ganze Gruppe der Verfolgung anheimfällt, so ist's um die Gerechtigkeit geschehen. Diese fordert unabweislich, daß die Schuld nu dem Schuldigen angerechnet werde. Sobald durch Vollstreckung eines Urtheiles neben mehreren gerecht Verurtheilten auch nur Ein Unschuldiger mitzuleiden hat, so ist jenes Urtheil ungerecht gewesen. Was das moralische — nicht juridische — Urtheilcn betrifft, welches ganze Classen umfaßt und dadurch nothwendigerweise vielen Einzelnen Unrecht thur, so ist dies eben — Vorurtheil. In diesem ganzen Gedankenwirrsal läßt sich also als untrüglicher Wegweiser das Princip der Gerechtigkeit gebrauchen. Was gegen dieses verstößt, hat man aus seiner Gesinnung auszuscheiden. Vorausgesetzt — aber nicht zugegeben, daß unter den Semiten mehr schlimme Eigenschaften borken mcn als unter den Ariern, so wäre, ehe man die Rasseneigenthümlichkeit dafür verantwortlich macht, zu untersuchen, wie viel von den Fehlern auf Rechnung der Behandlung, der Umstände zu fetzen ist, unter welchen die betreffende Rasse existiren mrrßte und noch muß; angenommen also, daß bei vielen Einzelnen diese Fehler unangenehm oder gar schädlich hklvortretln, so kann man ja diese Einzelnen meiden, beziehungsweise unschädlich machen; aber zugleich auch Jene meiden, Jene beleidigen, Jene von vornherein strafen, die von jenen Fehlern frei sind und vielleicht die liebenswürdigsten und achiungswerthesten Tugenden und Fähigkeiten besitzen, das verstößt doch gegen alle Vernunst und alles Rechtsgesühl! Und gerade das ist es. was der Antisemitismus von seinen Anhängern fordert. Man soll einem hochgebildeten Wiener Juden — sagen wir Advocatcn, Schriftsteller, Künstler — mit Geringschätzung begegnen, ihn zu hindern trachten, seinen Beruf oder seine Kunst auszuüben, weil — nun, weil es in galizischen Dörfern jüdische Brannlweinbndenbcsitzer gibt, welche Wucher treiben. Argumente solchen Calibers hört man von jener Seite häufig Vorbringen. Da nun die Ungerechtigkeit der Boden ist, aus welchem der Antisemitismus hervorsprießt, so ist auch folgerichtig die Methode, mit welcher er vorgeht, eine rechtsverleugnende geworden. Er operirt (der falsch verstandene Zweck heiligt ihm die Mittel) wissentlich mit Trug. Wenn z. B. — und da nenne ich nur eines der üblichen Kampfmittel — die Blätter seiner Partei alle von Juden begangenen Verbrechen und Vergehen herzählen und die gleichzeitig von arischer Seite begangenen verschweigen, so ist das geflissentliche Falschheit. Nichts ist leichter, als zu Hetzen, nichts leichter, als bei ungebildeten Massen Haß und Mißtrauen zu wecken. Es ist daher die große Anhängerschaft, welche der Antisemitismus in der Bevölkerung, namentlich auf dem flachen Lande, gesunden hat, kein Beweis für dessen Berechtigung. Noch Eines kommt hinzu: die Leute sind gar so froh, wenn sie irgend eine Classe als minderwerthig, als Geschöpfe zweiter Kategorie betrachten können; dadurch gewinnen sie in ihren eigenen Augen an Vornehmheit. Wenn so ein kleiner Handwerker oderHausknecht von dem vierspännig vorbeifahrenden Baron Soundso sagen kann: .Das ist nur einJud'", so fühlt er sich selber so gewissermaßen geadelt. Allen Jenen ferner, die unter dem Druck wirihschaftlicher Verhältnisse leiden, ist es eine Wohlthat, sich eine Classe von Leuten vorzustellen, auf die sie ihren Groll abladen und von deren Zurückdrängung sie sich Abhilfe erhoffen können. Viele denken nicht einmal so weit. Nur etwas zum Verfolgen und zum Beschimpfen zu haben, das genügt ihrem Triebe. Denn daß die rohen Triebe aus der Menschheit noch nicht ausgerottet sind, das ist — dem Genius des Fortschrittes sei's geklagt — eine nicht wegzuleugnende Thatsache. Nun ist aber eine Bewegung, welche auf Trug und Ungerechtigkeit sich stützt, dabei den niederen Jnstincten Nahrung gibt, eine Gefahr für die Gesellschaft. Eine desto größere Gefahr, als solche, die selber nicht lügen und selber nicht roh sind, davon ergriffen werden, weil sie bei den Linderen begründetes Urtheil voraussetzen — und es ist natürlich, daß die VorurtheilLlosen endlich beginnen, sich energisch dagegen aufzulehnen. Nicht nur die Betroffenen, sondern alle Jene, denen das schreiende Unrecht weh thut, das da ihren gleichberechtigten Mitbürgern, ihren gleichgearteten Mitmenschen geschieht, mußten schließlich zu einem lauten Proteste sich aufraffen. Lange, viel zu lange sind sie schweigend beiseite gestanden; je wüster und lauter die Anderen hetzten und schürten, desto stiller und verächtlicher haben sie sich abgewendet, in der falschen Voraussetzung, daß das sowohl gegen die Staatsgrundals gegen die Bernunftgesetze verstoßende Treiben von selber sich verlieren müsse. Und auch aus einem gewissen Anstandsgesühle, um di i

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