Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 634 Vrsterredtztptze WochenfchrM Nr. 33 lichen Bestimmung durch den sogenannten freien Arbeitsvertrag, er muß den Schwankungen der Nachfrage und des Angebotes entzogen werden. Die Vereinbarung zwischen Unternehmern und Arbeitern darf in einem christlich regierten Staate nur von Minimallöhnen auSgehen, die nach örtlichen und zeitlichen Verhältnissen und je nach der Ergiebigkeit des betreffenden Industriezweiges verschieden, aber für den menschenwürdigen Lebensunterhalt der Fami ie ausreichend bemessen sein muffen. Die christliche Staatsgewalt hat diesbezüglich vermittelnd, aber auch entscheidend das Schicdsrichteramt zwischen Unternehmern nnd Arbeitern zu übernehmen." Gr ist selbstverständlich, daß die Reform dort zunächst angegriffen werden muß, wo die Noth am größten, der Lohn am winzigsten ist. Nirgends aber wird die arbeitende Menschheit so jämmerlich geschunden, der Lohn so tief herabgedrückt, als beim Großgrundbesitz. Nach dem Berichte des „Vaterland" vom 9. August constatirte P. V r b a am 8. August in der Leo- Gesellschaft von dem österreichischen Großgrundbesitz: -Demselben gehören in Böhmen und Mähren fast drei Viertel der ackerbaren Fläche an. Er habe eine große sociale Aufgabe, Tausende von Arbeitern dienen ihm und bedürfen des Schutzes gleich dem Bauernstände. Dieser Großgrundbesitz habe sich dem Pachtsysteme zugewandt, da sich die Bewirthschaftung durch Beamte nicht rentirt. Durch dieses System bringe jedoch der Großgrundbesitz die Landarbeiter in die furchtbarste Lage. Es gebe keine ärgeren Sclaven, als diese Landarbeiter. Der Mann verdient im Sommer 50 kr., im Winter 30 kr. den Tag; das Weib im Sommer 30 kr., im Winter 15 bis 20 kr.! Dabei sind ihre Wohnungsverhältnisse trostlos. Drei bis vier Familien müssen sich mit einem Raum begnügen, der oft schlechter ist als ein Stall, und auf einem Herde kochen". Wo gibt es, so erlauben wir uns zu fragen, in ganz Oesterreich eine Industrie, die ihre Arbeiter auf solche Hundelöhne herabsetzt? Auf Löhne von 30, von 20 und 15 Kreuzer! Ueber die unglücklichen Landarbeiter sprach weder Lueger noch Liechtenstein; sie wüthen gegen die Industrie, das mobile Capital, welches dem Arbeiter ungleich besser zahlt — und dadurch die Arbeitskräfte vertheuert. Die „Mordscheusale" Lueger's, die eine „solche Gestaltung" der Arbeiternoth herbeiführen, daß der Boden für den Anarchismus vorbereitet wird — sind die Fabrikanten oder die Großgrundbesitzer? Der industrielle Arbeiter ist auf das Existenzminimum gesetzt; die maßlose Concurrenz zwingt den Erzeuger, die Gestehungskosten möglichst nieder zu halten, dem Arbeiter blos das Allernothwendigste zur Erhaltung seines Lebens, seiner Gesundheit, d. h. seiner Arbeitskraft zu belassen. Der Landarbeiter erhält aber blos den fünften Theil dieses Existenzminimums, sein Lohn ist um soviel geringer als der seines industriellen Genossen; vier Fünftel dieses Lohnes, welcher ihm von Gott und Rechtswegen zukommt, wird ihm vom Großgrundbesitzer vorenthalten; mit dem Schweiße, mit der Gesundheit und dem Leben der Landarbeiter schafft man den Luxus für eine geringe Anzahl von Schlaraffen, für den Betrag, den der Landarbeiter weniger als der Fabriksarbeiter auf Nahrung und Leben erhält, trinkt der Adel den Champagner, unterhält seine Maitressen und zahlt die Kosten für die antisemitische Agitation. Dabei hat, wie so oft, der Zufall eines Druckfehlers dem prinzlichen Redner den Weg der Wahrheit gewiesen. Prinz Alois Liechtenstein sprach vom adeligen und nichtadeligen Besitze, der durch die Gewohnheiten der Besitzer, nicht der Speculation, sondern dem Lebensgenüsse von Privaten dient, die ruhig ihre Rente verzehren .... Und in sämmtlichen Parteiblättern wird die „Rente" in „Beute" verwandelt, mit welchem Ausdruck der Prinz blos den Gewinn der Fabrikanten und Capitalisten diffamirt. Der Setzer!hingegen, der die Belohnung des Landarbeiters mit 20 Kreuzer per Tag kaum als gerecht und christlich angesehen haben mag, erblickte in dieser „Rente" auch blos eine „Beute", welche" der Stärkere, der Sieger im Existenzkämpfe, dem Ohnmächtigen und Hilflosen abgejagt hat. Der Prinz behauptet ferner, die Entdeckung Amerikas habe Spanien arm gemacht und entvölkert, und nur die raubenden, goldlüsternen Eroberer, die Pizarros und Almagnos, hätten sich bereichert. Das mobile Capital hat Spanien, wo das Gold aufgehäuft worden, ruiuirt. Nun aber constatirt der prinzliche Redner selber von England, daß das „fabelhafte Privatvermögen entstanden und consolidirt worden" durch „glückliche Expansion nach Canada, Australien, dem Cap und Indien." Das beispiellose Emporblühen Englands, die erschreckende wirthschaftliche Verlotterung Spaniens werden vom Redner erwähnt — warum bemüht er sich die wahren Ursachen der Erscheinung nicht aufzudecken und den Zuhörern vorzuenthalten? Die Thatsache, daß Spanien arm geworden und in so tiefen Verfall gerathen ist, daß es auch heute noch, nach Jahrhunderten, sich nicht zu erholen vermag, ist vollständig richtig. Aber nicht die Entdeckung Amerikas und nicht die schädlichen Raubzüge der Pizarros sind Schuld daran, sondern etwas ganz Anderes, und dieses Andere ist gerade Dasjenige, was in dem socialen Rettungsplane des Prinzen indirect, in dem seiner Freunde Lueger und Genossen direct enthalten ist. Spanien ist arm, elend geworden, als es, den Jnstincten der Hab- und Raubsucht folgend, Millionen von gewerbfleißigen, arbeitsamen und besitzenden Mauren und Juden aus dem Lande vertrieb. Das geschah im schädlichen Mißbrauch des Namens der Religion und des Glaubens, in Wirklichkeit aber, um sich des Capitals und des Besitzes der Vertriebenen zu bemächtigen. Das Capital, das Geld, den Besitz, die Werkstätten, die Geschäftslocale der Vertriebenen hatten die Spanier allerdings in die Hand bekommen, die Erfahrung aber hat gezeigt, daß sie dadurch nicht reicher, sondern umgekehrt ärmer geworden sind, und immer ärmer und ärmer, bis endlich viele der stolzesten Hidalgos zu Bettlern wurden. Warum denn? Vielleicht überlegt sich der Prinz L i e ch t e n st e i n diese Frage. Mn Wort an die antisemitischen Frauen.") Von Bertha v. Suttner. „Sag' mir, was ist denn eigentlich der Antisemitismus?" So hörte ich neulich eine junge Frau ihren Gatten fragen. Er zuckte die Achseln. „Das solltest Du doch wissen ... da doch dein Vater, deine Brüder enragirte Antisemiten sind, da du doch selber öfter geäußert hast, Du mögest die Juden nicht..." Dennoch, die Frage war berechtigt: Jene wußte nicht, was der Antisemitismus „eigentlich" sei. Es kommt so häufig vor, daß man eine Sache jahrelang so gewiß als selbstverständlich hinnimmt, daß man die darüber in Umlauf befindlichen Phrasen auch selber nachspricht, ohne weiter darüber nachzudenken, und daß dann, wenn man plötzlich sich oder Anderen Rechenschaft darüber geben soll, Einem die Einsicht aufsteigt, daß man wirklich nicht sagen könnte, woraus das Ding besteht, worauf es sich gründet und wo es hinaus will. Es ist so bequem, eine Erscheinung, sei sie nun physikalischer oder socialer Natur, einfach als bestehende Thatsache hinzunehmen und vorauszusetzen, daß die Ursachen, aus welchen sie hervorgegangen, hinreichend sein müssen, sonst wäre sie eben nicht da. Das hat wohl seine Nichtigkeit, nur können die wirklichen Ursachen ganz andere sein als die allgemein angegebenen. In mit Wissenschaft oder Politik zusammenhängenden Dingen liegt es besonders den Frauen nahe, die Last des weiteren Erörterns von der Seele abzuwälzen: „Das verstehen wir nicht!. .. Das sollen wir auch nicht verstehen! . . . Das geht uns nichts an!" Je mehr es dann dem gesunden Sinne auffällt, daß eine Einrichtung, eine Bewegung etwas Hartes, Unglückbringendes an sich hat, desto mehr ist man bereit anzunehmen, die Gründe hiezu seien unabweisliche, genau erforschte und gewissenhaft geprüfte. Je gräßlicher und häßlicher die äußere Betätigung, desto unumstößlicher — so denkt man — die innere Berechtigung; denn würden sonst so viele, mitunter so angesehene Leute zu der Sache trotz ihrer harten Folgen sich bekehrt haben? So auch hier. Denn daß es schön, daß es allgemein beglückend, daß es nur gerecht sei, eine Anzahl von Leuten ihrer Glaubens- oder Rasseangehörigkeit wegen zurückzusetzen, das *) Aus dem Kalender für das Jahr 1885, herausgegeben von G. A. Baron Suttner, Präsidenten des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. .