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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-17 · 33 (17.8.1894) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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äv LüSWsc Nr. 33 VrKrrrekMrtzr WortzrnsthrM Seite 633 nommenen Prüfung setzte der Oberrath den Vorstand der Handelsschule in Gail in gen mit der Aussorderung in Kenntniß, das beanständete Lehrbuch sofort außer Gebrauch zu setzen, widrigenfalls Mittheilung an die staatlichen Aufsichtsbehörden zum Zweck der Ergreifung gesetzlicher Zwangsmaßregeln erfolgen werde. Letztere war jedoch nicht erforderlich, da der Vorstand der Aufforderung bald nachkam. Inzwischen hatte auch das großherzogliche Ministerium der Justiz, des Cultus und Unterrichts, wie von 1>em Vertreter desselben in der 33. Sitzung der zweiten Kammer in Aussicht gestellt worden war, ein Gutachten über den Kizzur Schulchnn Aruch erhoben, welches ebenfalls dahin geht, daß derselbe als Lehrbuch in Schulen als nicht geeignet zu bezeichnen und daher zu untersagen sei. Hiervon setzte das Ministerium den Oberrath mit der Veranlassung in Kenntniß, durch die Stadt- und Bezirksrabbiner darüber wachen zu lassen, daß der Kizzur Schulchan Aruch auch künftighin in den Schulen nicht gebraucht werde. Der Oberrath hat entsprechende Weisung an die Rabbiner zugesagt. Das Geschrei, das die conservative und antisemitische Presse darüber erhebt, ist völlig grundlos. Sie ignorirt geflissentlich, daß die amtliche Untersuchung von 551 jüdischen Religionsbüchern in Preußen nichts Belastendes gegen die Juden ergab und der Schulchan Aruch überhaupt nicht als Lehrbuch in Preußen gebraucht wird. Die „Karlsruher Ztg." vervollständigt ihren Artikel noch am 24. Juli: „Die Ausschließung des Kizzur Schulchan Aruch als Schulbuch, worüber in Nr. 191 d. Bl. berichtet wurde, ist in manchen Blättern zu thatsächlich unrichtigen Auslassungen benützt worden, denen im Interesse des consessionellen Friedens entgegengetretur werden muß. Der Kizzur Schulchan Aruch ist eine von einem kaum bekannten ungarischen Gelehrten verfaßte, in Deutschland wenig verbreitete und jedes autoritativen Ansehens entbehrende Compilation aus verschiedenen älteren Religionscodices mit eiaenen Zusätzen des Verfassers, welcher für fern Buch, um dasselbe in weiteren Kreise zu empfehlen,''"von dem mit benützten „Schulchan Aruch" des Joses Karo (1488 bis 1575) den Namen entlehnt hat, obgleich er vielfach von diesem Werke abweicht. Der durchaus in hebräischer Sprache verfaßte Kizzur Schulchan Aruch ist übrigens kein Lehrbuch im gewöhnlichen Sinne, sondern etwa mit einem schwierigen griechischen oder lateinischen Schriftsteller zu vergleichen, aus welchem in der Schule geeignete Capitel durchgenommen werden. Die in der privaten Handelsschule zu Gailingen lehrplanmäßig behandelten Abschnitte betreffen die Pflichten gegen die Eltern, Lehrer, Vorgesetzte u. s. w., das Verhalten in Synagoge und Lehrhans, die Gebete, Ceremonialgesttze, Fest- und Fasttage, sowie die Vorschriften für Trauernde. Nicht docirt wurden die Bestimmungen über die Reinheit des ehelichen Lebens, welche zwar an sich die strengste Sittlichkeit zu fördern bestimmt und geeignet sind, aber natürlich nicht für Schüler passen. Das Gleiche gilt von den veralteten Bestimmungen über die „Akkum" (Sternanbeter), wobei bemerkt wird, daß die nur aus Unkenntniß oder Uebelwollen zu erklärende Behauptung, es sei dieser Ausdruck auch auf Christen anwendbar, von sachverständigen und vorurtbeilslosen christlichen Gelehrten, wie Delitzsch, Strack, Wünsche, länast widerlegtist, daß übrigens auch die Akkum nur in rituellen Dingen, nicht aber in Bezug auf Schutz des Lebens, des Vermögens, der Ehre u. dergl. anders als die Juden behandelt werden. Die kirchliche Aufsichtsbehörde hat sich jedoch dahin entschieden, daß ein Buch, welches auch nur zum Theil für Schüler nicht geeignete Partien ent hält, besser von der Schule fernzuhalten sei. Zudem war sie der Ansicht, daß die von ihr seither genebmiaten bezw. zugelassenen Lehrbücher völlig ausreichen. Aus diesen Gründen hat sie dem Vorstand der erwähnten Handelsschule den ferneren Gebrauch des Kizzur Schulchan Aruch untersagt. An einer Stiftungsschule in Sulzburg, woselbst der Religionslehrer zum Zwecke erweiterter Unterrichtsertheilung in den Ritualien sich ebenfalls dieses Buches bedient hatte, wurde dasselbe schon vor längerer Zeit durch den Stiftungsvorstand selbst wieder beseitigt, so daß die Aufsichtsbehörde damit nicht weiter besaßt war. Daß der eine oder der andere Lehrer vorübergehend sich in der Wahl der Lehrmittel vergreist, kommt auch sonst vor und kann auch bei sorgfältiger Ueberwachung nicht absolut verhindert werden." Das Facit ist: Die drei jüdischen Mitglieder des i sr a e l itischen O b e r r a t h s haben ein selten gebrauchtes und kaum geschätztes Lehrbuch beanstandet, weil 1. die an sich sittlichen Vorschriften über die Ehe nicht für Schüler passen und weil 2. die Stetten über das Benehmen der Juden Sternanbetern gegenüber nicht der geläuterten Auffassung des Judenthun,s entsprechen. Diese Stellen richten sich nicht gegen die Christen, sondern nach competentem Urtheil gegen Sternanbeter und finden nur dann Anwendung, wenn es sich um rituelle Dinge handelt. Nnarchistrnzüchlmrg Der von der Leo-Gesellschaft veranstaltete sociale Vortragscurs hat am 7. August 1894 begonnen. In einer am 7. August Abends abgehaltenen Versammlung der christlichen Arbeitervereine, welche in das Programm des socialen Curses ausgenommen wurde, als ein Bestandtheil des „Stundenplanes" vom 7. August, sprach Lueger über die Gegenwart und Zukunft der christlichen Gesellschaft. Nach dem Berichte im „D. B." vom 9. August 1894, sagte Lueger bei dieser Getegeubeit den Wiener Arbeitern wörtlich: „Wenn der Werder Carnot's. wie ihn ein Wiener Judenblatt nennt, ein Mordbube ist, so sind die Anderen Moidschensale, Mordmaschineii. Ich rechne zu dielen Mordscheusalen die Helden von C o ch i n cf] i n ci, T v u f t n g, T u n i s, die Helden von st! a n a in et, welche viel inehr Familien;it Grunde gerichtet beiden, als jemals dem Anarchisten gelingen wird. Auch die Panamino-Helden, welckie Schuld tragen an dem elenden Lose der italienischen und sieilianischen Bauern, gehören dazu. Die altrömische Sclaverei must ein Kinderspiel gegen die jetzige entsetzliche Mischandlnng der Arbeiter in S i e i l i e n gewesen sein, und wenn Easerio ans der Mitte eines solchen Volkes entstand, so kann man Mitleid mit dem Versührten haben, nicht über mit Jenen, welche die Ursache der jetzigen Gestaltung verschulden." Mau sieht aus diesen Ausführungen des Dr. Lueger, daß er durchaus auf dem Standpunkt der R a v a ch o l, B a i I l a n t und H e n r p und der anderen gewiegten und „thatkräftigen" Anarchisten steht, die vor Gericht ganz in der gleichen Weise, wie L u e g e r, behaupteten, u'cht sie, die Anarchisten, sollten verurtheilt und hiugerichtel werden, sondern diejenigen, welche den Anarchismus hervorgerufen haben, diejenigen, welche die heutige Gesellschaftsform geschaffen haben und sie aufrecht erhalten und vertheidigen. Prinz Alois Liechtenstein war bei dieser Versammlung auch dabei und drückte Dr. Lueger beglückwünschend die Hand. Die „Directoren" der „Leo-Gesellschaft" waren nicht anwesend, sie lassen sich das bezeugen, man wird nun wohl verstehen, warum? Allein einer der Professoren des socialen Curses der Leo-Gesellschaft, der Fürst Alois Liechtenstein, war dabei: Er war aus dem „Socialen Cnrs" gekommen, wo er einen „wissenschaftlichen" Vortrag über die sociale Frage gehalten hatte. Es fragt sich nun, wo liegen die schwersten Schäden, die schreiendsten Mißstände, die bitterste Vergewaltigung in der heutigen Gesellschaft? Ein wahres Wort hat der Prinz Liechtenstein da gegen in seiner Rede vonr 8. August bezüglich der Lohnfrage gesprochen: „Die kapitalistische Production gibt der Masse der Menschheit möglichst wenig zum Essen und Trinken, zur Kleidung und Wohnung, zur Einrichtung, zur Familiengründung und Erhaltnna. sowie zur Kindererziehung, möglichst wenig Zeit zur Ruhe und Erholung, ja selbst für religiöse Bedürfnisse und Geistesbildung. Die Gestehungskosten müssen eben reducirt werden. Diese Masse der Menschheit aber ist gerade .der große, der einzig bedeutende Coniument. für welchen die Massenprodnction erzeugt. Und so kommt es zum Circulus vitiosns, daß das Manchesterthnm sich den Markt selber verdirbt, aus welchen es seine Waare liefern will, das; es seinen Kundenkreis künstlich arm erhält. Das moderne Wirtbschaftsinstem übt Selbstmord, cs erzeugt Krisen und Elend. Es schasst Luxus für einige wenige Schlarassen und legt der größeren Mehrzahl die unfreiwillige Askese ans." „Die sociale Frage ist in ihrem Kerne die Frage des Lohnes. Hier muß die christliche Reform einsetzen. Der Lohn muß der Willkür-

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