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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-17 · 33 (17.8.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
33 (17.8.1894)
Date
1894-08-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit 630 Vesterretchifche Wortzenfchrtst Mr. 33 Abwehr soll sich ihrem hohen Berufe, die moralischen und! geistigen Güter des Volkes zu schützen, die Gegenwart und die Zukunst vor Vergiftung und Verseuchung zu wahren, mit ganzem Herzen hingeben und für die Aufklärung gegen die Rohheit, für eine gesunde und gerechte Weltordnung gegen den antisemitischen Anarchismus kämpfen. IT. 8. Die Eroberung von Galizien. Seit einigen Wochen summte und surrte es ganz eigenthümlich in dem antisemitischen Wespennest und eine sonderbare, ruhelose Hast machte sich allenthalben bemerkbar. Man stand am Vorabende großer, weltbewegender Ereignisse, man rüstete zu einem gewaltigen Siegeszug. Ein Vorstoß sollte gewagt, eine ausgedehnte mächtige Provinz erobert werden — mit kühnem Handstreich, durch Emfall und Ueberrumpelung. Gesinnungsgenossen wurden eindringlich aufgefordert, sich dem ruhmreichen Unternehmen anzuschließen, dem unter einem vielbewährten Führer sicherer Sieg winkte. Die wenigen spärlichen und geheimnißvoll klingenden Nachrichten, die aus den geheimen Partei-Conventikeln in die große Oeffentlichkeit gelangten, dienten nur dazu, die allgemeine Spannung und Neugierde zu erhöhen. „Was gibt's?" fragte ein antisemitischer Gevatter den andern. Endlich wurde langsam, langsam der Schleier von dem großen Geheimniß hinweggezogen und auch für profane Augen sichtbar stand es da, das kühne Project von der Eroberung Galiziens durch die Antisemiten unter Führung Ernst S ch n e i d e r 's. Die Ausstellung in Lemberg bot den hochwillkommenen Anlaß zur Abhaltung eines sogenannten Gewerbetages und der Gewerbetag hinwiederum zur Entrostung der antisemitischen Propaganda im größten Style. Ganz richtig speculirten sonst die Schlaumeier immer aus den kleinen Mann. Der ist ihnen gewiß, den fangen sie am leichtesten und sichersten. Der Niedergang des capitalsschwachen Kleingewerbes, welches hinter den Anforderungen der Zeit zurückbleibt, weil es zu schwach ist, um den erbitterten Concurrenzkampf mit der Maschine unb'der Fabrik erfolgreich awzunehmen, ist bedauerlich für den Einzelnen, aber doch ein sich aufhaltsam vollziehender, wirtschaftlicher Proceß, der noch Jahrzehnte währen wird, dessen Ausgang aber klarblickenden Bolkswirthen, nicht zweifelhaft ist. Daß dieser Kampf nicht mit unnötiger Grausamkeit geführt werde, daß er nicht Tausende von Existenzen jäh zermalme, dafür kann eine weise und voraussichtige Gesetzgebung Sorge tragen und wird es auch. In den Kampf selbst eingreifen, auf seinen Ausgang Einfluß nehmen wollen, wäre ein thörichtes und aussichtsloses Unternehmen. Das Rad der Zeit läßt sich nicht zurückstauen mit Menschenkraft, sein Schwung ist zu gewaltig und seine Macht zu groß. Die kleinen Leute aus dem Volke haben von jeher zum Kurpfuscher mehr Zutrauen gehabt, als zum Arzt und das alte Weib stand ihnen immer über dem Professor. So laufen sie auch in Wien und anderswo zum alten Weib Schneider, und ihren Geistesverwandten. Er ist ja der große Quacksalber, der für jedes Leiden ein Pülverlein hat — freilich immer nur dasselbe; der Jud ist daran schuld, an Allem nur der Jude, an den Maschinen, die das Kleingewerbe erdrücken, an den Fabriken, die es verdrängen, und das Capital, welches es in seiner Ohnmacht verwünscht, das haben nicht die Aristokraten und nicht die Geistlichkeit — nein, das ist nur in der Juden Hand. Mit dieser sonderbaren Heilslehre hat Schneider große Erfolge errungen. Er pfefferte seine Vorträge auch mit einiger Grausamkeit, beantragte Schußgelder auf Juden, ließ ein paar kernige Wörtlein von geschächteten Christenkindern fallen — das versagte nie seine Wirkung auf den dummen Kerl von Wien und von anderswo. Auf die gemeinsten, bestialischesten Jnstincte in der Menschenbrust rechnete er und verrechnete sich selten. In Lemberg wurde aber dem Marat des Antisemitismus ein Empfang bereitet, wie er sich ihn nun und nimmer gedacht. Mit Schmach und Schande mußte er abziehen. Ausgelacht wurde er mit seinen politischen Fanfarronaden, dem Fluche der" Lächerlichkeit fiel Alles anheim, was er nicht sprach und was er thun — wollte. Dreimal erfuhr er aus dem Munde würdiger und! maßgebender Personen, daß.Rassenhetzeund Confessionshader hier keinen fruchtbaren Boden fänden, daß das friedlicheZusammenleben aller Bürger das Ziel sei, welches allen Factoren vorschwebe und welches unverrückbar fest im Auge behalten werden müsse. Glückliches Lemberg und armes Wien! Wo sind hier die entschlossenen Männer, welche den Math haben, im richtigen Moment das rechte Wort auszusprechen. Man sagte sonst, daß die Cultur denWeg von West nach Ost verfolge. Es scheint dies auf einen kleinen Jrrthnm zu beruhen. Der Osten ist uns unendlich weit voraus. Wir können viel von ihm lernen. „Zuerst richtete bei Eröffnung des Gewerbetages der Bürgermeister Mochnacki an die Mitglieder die Mahnung, daß der Lemberger Rathhaussaal, wo sie sich versammeln, von jeher ein Ort gewesen sei, wo jeder Nationalität und jeder Confession die gleiche Berechtigung zuerkannt wird. Dann kam die Wahl des Präsidiums. In dieses wurde gegen alle Tradition Herr Ernst S chn e i d er nicht gewählt, dafür schickte der gewählte Vorsitzende, Kammerrath N i e mczynowski, den Berathungen die Ankündigung voraus, daß er Excursionen auf das confessionelle Gebiet nicht dulden werde. Als dann der Gewerbetag auf dem Ausstellungsplatze von dem Ausstellungs-Director Marchwicki feierlich begrüßt wurde, konnte es Herr Ernst Schneider zum drittenmale hören, daß ihm in Galizienckeine Erfolge winken. Er sei überzeugt, sagte Herr v. Marchwicki, daß die polnischen Gewerbetreibenden au den traditionellen nationalen Eigenschaften festhalten werden, deren Hauptmerkmale wahre Vaterlandsliebe, brüderliche Liebe zu sämmtlichen Mitbürgern und wahre christliche Toleranz seien, und diesen Worten folgte stürmischer Beifall". Herr Schneider ist nach der Bukowina abgereist, um daselbst das Glück zu versuchen. Dieser Geschäftsreisende in Antisemitismus wird voraussichtlich im Buchenlande den ähnlichen Empfang finden, wie in Lemberg, wo man sich seine agitatorische, hetzerische Thätigkeit zwar mit jener Höflichkeit verbeten hat, die der Pole unter allen Umständen seinem Gaste schuldet — aber zugleich mit jener Entschiedenheit, die er sich selbst und seinem Charakter schuldig ist. Bon einem Freunde unseres Blattes in Lemberg erhalten wir über die dortigen Vorgänge folgenden interessanten Berichts „Mit Gegenwärtigem erlaube ich mir als stiller Beobachter die Ankunft und die Anwesenheit des Mechanikus Schneid e r und Consorten hier in Lemberg, rapportiren. Am Samstag Abend wurden am Bahnhofe Mechanikus Schneider, wie auch Herr Edelbauer, Oebstler sammt Gattin, Herr F e n z e l, Vorsteher der Schneidergenossenschaft und Herr V o j a k, Schneider, Herr Krebs, Tischler, und ein junges Gigerl Herr Nagorzanski aus Wien von dem Präses des Gewerbetages Niemczynowski und Herrn G et ritz abgeholt. Als sich Stimmen erheben wollten „Hoch Schneider"! erscholl es „Pereat Schneider"! Sonntag um 10 Uhr Früh begrüßte der Bürgermeister Herr Mochnacki den Gewerbetag und hob hervor, daß man sich streng nach dem Programme halten und überhaupt die Debatten objectiv behandeln möge. Ein Gleiches wiederholte auch Herr Niemczynowski. Ich Gefertigter nahte mich Herrn Schneider, mit meiner Karte mich vorstellend, und machte ihm die Bemerkung, daß seine Anwesenheit wahrscheinlich international sein wird, worauf er mir keine Antwort gab, ich ihm aber einschärfte, daß Kunst und Handwerk keine Confession kennt. Als wir vom Verein „Jad Charizim" dastanden, um im gegebenen Falle einzuschreiten, so hat er es für besser erachtet, ganz zahm zu sitzen. Ich folgte ihm dann und lauschte, um nur contra Juden etwas spuken zu hören; allein er war unterrichtet von seinen Freunden, daß in meiner Gegenwart er den gehörigen Gegenstoß bekommen kann. Was aber am Lächerlichsten war, HerrstSchneider hat sich von einem Hausirer, B u l g a r z, einen rothen Fez um 80 kr. gekauft und angelegt, hat mit seinen Gesinnungsgenossen getrunken, wie ein Bürstenbinder, so daß er nicht mehr zu den eigentlichen Berathungen am Montag erschienen ist. Als man ihm zum Vorsitzenden-Stellvertreter vorschlug, wurde dieses vereitelt und an dessen Stelle Herr Cuichcinski, Klempnermeister,gewählt.Herr Schneider hat mit seiner A b Wesenheit beim Gewerbetage florirt und die A n Wesenheit des Herrn Schneider war«— am Ringplatze vor und in der Pilsner-Bierhalle. Morgens Abends Bankett. qq- *

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