Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Vesterreichifchr Wochrnfttzrifi Seite 629 Nr. 33 eine materielle oder moralische Besserung, welch' ein unermeß- - licher Jammer! Die Zeit ist aber dahin, wo man das Hungern als göttliche Einrichtung betrachtete, wo man alles Elend resignirt hinnahm. Heute ist man nicht mehr fatalistisch gestimmt, heute murrt man und revoltirt, wenn man kann. So tauchl immer wieder die alte Frage auf und mit Elementarkiast ruft die Noth: Warum? Wie ein drohendes Fragezeichen begegnet uns heute die sociale Frage auf jedem Pfade und laßt uns keine Ruhe. Nun ist das Nachdenken über Wirkung und Ursache, das Combiniren über die Wurzel des Hebels nicht Jedermanns Sache. Zu den Socialdemokraten gehen, denken lernen, Opfer bringen und in der Gesammtheit aufgehen? Du, lieber Gott! Wozu das Alles? Da kommen die Herren Volksvertreter vom Schlage eines Schneider und rufen dem Volke zu: „Alles Elend kommt'von den Juden, die nie arbeiten und immer reich sind. Treibt die Juden aus dem Lande und die Zeit der messianischen Glückseligkeit ist da; da werden sich die guten Germanen und edlen Arier vom Gelde der bösen Semiten mästen, ohne zu arbeiten und werden all' die von Juden erbeuteten Millionen friedlich und bescheiden zu Ehren Gottes verzehren." Ist das nicht ein angenehmer und einleuchtender Socialismus? Freilich, die Sache klingt etwas seltsam, aber die Juden, die sind halt andere Menschen als wir. Die Ammen hatten uns Vieles von ihnen erzählt, der Dorsfchullehrer war auch nicht gut auf sie zu sprechen und die heilige Kirche hat oft den Becher des Grimmes und des Hasses über sie ergossen, — es wird schon wahr sein, was die Herren von ihnen sagen. So ungefähr urtheilt der ungebildete und halbgebildete Philister. Ach, es thut so wohl, sich einbilden zu können:. Du bist gut, edel und fleißig, Du verdienst das beste Los, nur die Fremdlinge, die asiatischen Naubthiere, nehmen Dir Alles und verursachen Dein Unglück. Daher muß eine großangelegte Abwehr bei der Volksbildung ansetzen und alle Hebel in Bewegung bringen, um die Leute aufzuklären, um ihnen zu zeigen, wie unhaltbar die Behauptungen der Hetzapostel sind. Es muß darauf hingewirkt werden, daß über viele Begriffe Klarheit geschaffen werde, daß dem Volke die Augen geöffnet werden. Die Juden waren es, die zuerst die Ideen einer allgemeinen Moral, eines Gotteskinderthums in die Welt hineintrugen, die wie die Griechen in Kunst und Wissenschaft, die Römer in der Nechtslehre, in der Ethik der ganzen Menschheit leuchtend vorangingen. Was wäre heute aus der Welt, wenn die Juden Moses und Rabbi Jesuah von Nazareth uns nicht die Bahnen praktischer Menschlichkeit geebnet hätten? Ja, die Juden waren es, die es stets verstanden, Natur und Moral, Vernunft und Gefühl, reine Begeisterung und nüchterne Praxis zu vereinigen, religiöse, nationale und sociale Momente zu verschmelzen, so daß sogar das Berliner Stöcker-Organ Folgendes darüber sagt: „Auch sollte man über die sociale Gesetzgebung der fünf Bücher Moses nicht gering denken. Wir haben die Tonhöhe barmherziger Liebe noch nicht erreicht, die da angeschlagen ist, und haben den Maßstab ausgleichender socialer Gerechtigkeit für unser Volk so sicher messend noch nicht gefunden wie Moses für das seine. Die Glieder des Volkes werden da 11111= .faßt und getragen durch sociale Ordnungen von so großaitiger Weitherzigkeit und barmherziger Bruderliebe, daß der erhabene Geist dieser Ordnungen von unserer socialen Gesetzgebung bis jetzt nicht erreicht, geschweige denn übertrosien ist." Ja, das kleine Völkchen Juda war auf sittlich-geistigem Gebiet den Völkern Pfadfinder und Leiter, denn in seiner Gesetzgebung verkündete es zuerst Menschenrechte für Alles, was Menschenantlitz trägt, legte es zuerst den Grundstein für eine ewige Moral, für eine Sittenlehre, deren Grundgedanken zum Heiligthum aller Zeiten und aller Völker wurde. Und so soll und muß es auch heute sein. Es gibt nur eine Rettung gegen die Seuche des Antisemitismus: Die wahre Aufklärung des Volkes, die wahre und echte Bildung. Daher ist es heilige Pflicht der Juden, alles das zu fordern, was auf den Geist und die sittliche Entwicklung des Volkes günstig einwirkt, alles das zu unterstützen, was die Menschheit zu veredeln und die intellectuelle und moralische Bildung des Volkes zu heben vermag. Volksbrldungsvereine, öffentliche Bibliotheken, populäre Vorträge, Verbreitung guter Jugend- und Volksschriften, das sind zwar veraltete Dinge, für die kein moderner Mensch schwärmt, und doch arbeitet ein solcher Apparat für die Idee der Abwehr am sichersten und nicht blos für den Augenblick. Wir dürfen uns allerdings keinen sanguinischen Hoffnungen hingeben, daß mit einem Male jegliche Scheidewand zwischen Juden und Ariern schwinden wird. O nein, und das soll auch gar nicht geschehen. Eure blind wüthende Assimilation, ein völliges Aufgeben aller jüdischen Tugenden und Eigenthümlichkeiten, um nur den Herren Ariern zu gefallen, ist ebenso unmöglich wie verfehlt, und wir wären die letzten, die einer solchen lächerlichen Politik das Wort reden. Wie jeder Einzelne das Recht hat, sein Leben auf seine Weise zu entwickeln, so hat auch jedes Volk, jeder Stamm seine Individualität und sie haben das Recht, es zur Geltung zu bringen und ihr eigenartiges Leben zu entfallen, so lange sie damit der großen Gesammtheit, deren Theile sie sind, materiell und moralisch nicht schaden. Ja, diese Individualität, diese Mannigfaltigkeit der Volksseele ist ein Segen, denn die Cultur müßte verkümmern und zu einer elenden Schablone herabsinken, wenn alle Menschen nach einem Muster gedrillt und erzogen würden. Laßt den Juden ihre Eigenart, die nicht schlechter als die arische ist. Wir stören euch in eueren germanischen oder slavischen Tugenden und Untugenden nicht, warum wollt ihr uns unsere Individualität mißgönnen? Euch sagt die jüdische Art nicht zu, nun gut, so habt ihr das Recht, diejenige Gesellschaft aufzusuchen, die euch am besten gefällt. Aber der Jude ist ein ebenso nützliches Culturmitglied wie ihr, er ist auch nach Vernunft und Gerechtigkeit ein ebenso vollberechtigter Bürger wie ihr, denn er erfüllt alle seine Pflichten gegen den Staat wie ihr — das dürft und sollt ihr nicht vergessen. Dahin also nur kann und soll eine gesunde Aufklärung wirken, daß der Christ in dem Juden einen ebenbürtigen Menschen und Mitbürger sieht, wenn er auch andere Vorfahren und eine andere Religion hat. In Wort und Schrfft, in der Politik wie im Leben müssen diese Ideen frei und offen dem Volke beigebracht werden. Auch in socialer Beziehung kann die bessernde Hand angelegt und der Weg zur Rettung gesucht werden. Die Juden allein können die sociale Frage nicht lösen, aber Jeder kann für sich einen Theil dieser Frage lösen, indem er bei sich ansängt und lernt, jeden Menschen als Selbstzweck und nicht als Maschine zu behandeln. Auch hier muß das Volk über die wahren Ursachen des socialen Elends und über die Irrlehren der Antisemiten aufgeklärt werden, damit es endlich die antisemitischen Phrasen in ihrer ganzen Nichtigkeit kennen lernt. Man wende nicht ein, daß die Lösung dieser philosophischen und socialen Probleme nicht Sache einer Abwehrorganisation sein könne. Ja, der weite Bück, der Stich ins Große, das ist es, was den Abwehrvereinen oft fehlt. Es wird zu viel Kraft auf Kleinigkeiten, auf eintägige Dinge zersplittert, und für die Lösung der gewaltigsten Fragen bleibt keine Kraft. Eine Abwehr, die nicht einzelne Personen, sondern die ganze verderbliche Bewegung bekämpfen will, muß den Ursachen der Zeitftrömung nachgehen und den modernen Richtungen Rechnung tragen. Ja, eine edle Geistesbewegung soll die Abwehr des Antisemitismus werden, sie soll die höchsten Ideale der Menschheit wieder beleben, die Begeisterung für die Veredlung des Menschengeschlechtes wachrufen. Sie soll mit der Fackel der Wahrheit Licht in die Dunkelheit unserer Tage hineintragen, soll die modernen Götzen geheuchelter Ideale zerstören und den Geist der Freiheit thronen lassen. Die neue