Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 33 (17.8.1894)
- Date
- 1894-08-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 628 VesterredMchL Wochenschrift Nr. 33 Es hat bekanntlich viele Päpste, katholische Kirchensürsten und hohe evangelische Geistliche gegeben, die von den edelsten humansten Ideen gegen das Judenthum und seine Bekenner beseell waren. Mein heute, wo die Politik fast immer nurJnteressenpolitik ist, wo die Begriffe nur noch die leeren Behälter ehemaliger Ideale sind, heule haben wir uns in Deutschland und Oesterreich einmal daran gewöhnen müssen, daß die conservative und orthodoxe Richtung im Antisemitismus die Würze finden, um ihre alten Gerichte pikant zu machen. So sind bei uns die conservativen und orthodoxen Politiker, ohne daß sie wissen warum, zu ganzen oder halben Anhängern S t ö ck e r 's geworden. Und doch gibt es noch in jeder Partei Mäirner, denen die Gerechtigkeit über der Parteitactik steht, und diese Männer sollen und müssen durch eine gesunde Abwehrpolitik sür die gute Sache gewonnen werden. „Wir wollen das Odium des Philosemitismus aus uns nicht bürden!" antworten uits einige vorsichtige Herren. Das sollt ihr auch nicht. Philoscmit heißt Jemand, der die Juden bevorzugt, und sie auszerchnet, das soll Niemand thun, das wäre eine Ungerechtigkeit unb das verlangt auch kein vernünftiger Jude. Was wir verlangen und verlangen dürfen, das ist, das; die in der Staatsversagungdeutlich ausgesprochene Gleichheit aller Bürger keine leere Phrase bilde, daß die Gleichheit mit allen Bürgern praktisch vor dem Gesetze und in der Gesellschaft durchgesührt werde. Was wir vom Staate und von allen politischen Parteien, ja von allen anständigen Menschen forderii können, das ist, daß man uns Schutz gewährt gegen die rohen Angriffe ehrloser Burschen auf unsere Religioii und unsere Sittenlehie, auf unsere Person und unsere Ehre. Wenn Stöcker und D e ck e r t die Frage aufwerfen: „Darf ein Christ Philosemit sein?" so ist das ebenso thöricht und abgeschmackt, wie Alles, was von diesen Geistesheroen kommt. Die Frage muß vielmehr lauten: „Darf ein Christ Freund der Gerechtigkeit und der Wahrheit sein?" Und die Antivort wird, so lange die Moral und das religiöse Gefühl vom Volke noch nicht gewichen ist, unbedingt bejahend lauten. Es ist ein Selbstmord des Ehristenthums, wenn es ruhig zuschaut, wie die Herligthümer der jüdischen Religion verhöhnt und in den Koth gezogen werden. Denn diese Elenden, denen das religiöse Gefühl und die Gewissensfreiheit nicht heilig ist, werden wahrlich vor den Pforten der christlichen Kirche nicht Halt machen, und was heute den Juden passirt, das kann morgen die Katholiken und übermorgen die Protestanten treffen. Daher kann es in dieser Frage für jeden wahren Christen wie sür jeden gerecht denkenden Menschen nur eine Parole geben: Gegen den Nassen- und Reli g io n sh aß für die Entwicklung einer gesund en M oral u n d C u l t u r, für die Veredlung des Menschengeschlechtes! Aber nicht blos die G e re ch t r gk ei t, sondern auch die politische Klugheit erheischt kategorisch die Bekämpfung des Antisemitismus. Denn die Juden als solche haben keme Mandate und keine politische Macht zu verlieren, und durch die antisemitische Hetze wird nur den alten politischen Parteien der Boden streitig gemacht. Sie sind also in ihrem Parteiinteresse verpflichtet, den antisemitischen Hetzern entgegenzutreten. Das karin den politischen Parteien nicht eindrmglich genug wiederholt .werden. Sie sollen nitzt ausgesprochen judenfreundlich sein, das verlangt Niemand von ihnen; sie sollen und müssen aber vom allgemeinen menschlichen wie von ihrem spcciellen Parteistandpunkt aus die antisemitische Bewegung mit ihren verwerflichen Mitteln, mit ihren rohen Ausschreitungen bekämpfen. Der Antisemitismus innerhalb der politischen Parteien ist jedoch nicht der gefährlichste. Wenn die Herren Socialpolitiker ä la Ahlward t,. Lueger und Schneider einmal in die Arena der Volksvertretung hinabsteigen, um da mit viel Pathos und wenig Witz ihre welterstürmenden Ideen zu entwickeln, so können sie nur den Erfolg erzielen, daß man sie da in ihrer ganzen Jämmerlichkeit erblickt, daß Jeder, der noch Gefühl für Ehre und Anstand hat, einen moralischen Ekel vor ihrem Treiben bekommt. Schlimmer aber ist es, wenn diese Volkstribunen unter die kritiklosen Volksmassen gehen, um da mit dem Nimbus der Gelehrtheit und im Brusttöne der Ueberzeugung ihre Lügen und Verleumdungen zu verbreiten. Ja, t e r A n t i s e m i t i s m u s i m Volke ist eine gefährliche Erscheinung, gefährlich nicht allein sür die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft, denn das Gift des Judenhasses wird in das jugendliche Herz gelegt und treibt nachher böse Früchte. Die selige Zeit ist vorüber, wo mün Vogel-Strauß- Politik treiben und sich hinter wohlklingenden Phrasen verschanzen konnte. Heilte, im Ernst der Situation, wäre es geradezu naiv, zu behaupten, der Antisemitismus sei eine rein künstliche Bewegung. Eine künstliche Bewegung könnte nimmer solche Dimensionen annehmen und so lange anhalten. Nein, der Antisemitismus ist stets latent im deutschen Volke vorhanden gewesen, und es bedurfte nur eines Zunders, um diesen Funken zur unheilvollen Flamme anzufachen. Die glorreichen Antisemitenführer haben nichts weiter gethan, als daß sie die wilden Leidenschaften wachricfen und die rohen Kräfte aufrüttelten. Wie sollte es denn auch anders sein? Liegt doch die Volksbildung noch sehr im Argen und sind doch die Begriffe von Geistesfreiheit und wahrer Mensch-, lichkeit noch lange nicht populär im Volke. Wenn wir die Culturerscheinungen unserer Zeit betrachten, so kommen wir immermehr zu der Ueberzeugung, daß die wahre Cultur sich nicht aus einer geraden Linie, sondern rundum im Kreise bewegt. Stoßweiseerfolgt der Fortschritt und fast nach jeder Errungenschaft der Cultur kommt eine Neaction und ein Rückschritt macht sich merkbar. Auch geht die intellektuelle Cultur selten Hand in Hand mit der ethischen und Ne Zeit von L e s s i n g und Mendelssohn war in ethischer Richtung, trotzdem die Wissenschaft noch damals in den Kinderschuhen stak, sicherlich eine lichtvollere, als das Zeitalter von Dühring und Hart mann. Mit jugendlicher Begeisterung, mit warmem Herzen strebte man damals nach idealen Gütern, suchte man eine wahre Brüderschaft im Vaterlande herzustellen. Und heute? Heute verhöhnt man Toleranz und- Humanität, verzerrt die theuersten Ideale zu Caricaturen und läßt die rohe Macht allein als Selbstherrscherin walten. Man schämt sich heute nicht mehr der Brutalität, nein man brüstet sich mit ihr. Das sind wahrlich Merkmale einer blasirten, krankhaften Zeit. Gewiß, es sieht vorläufig mit dem Fortschritt in der Cultur noch sehr traurig aus. Es ist dies eine bittere, aber leider durch alle Philosophien nicht zu verwischende Wahrheit. Wie wäre es denn sonst möglich, daß Ahlw ardt und Schneider, Individuen, vor denen jeder sittliche Mensch eine natürliche Antipathie empfinden muß, Triumphe feiern? Wie wäre es denn bei einer wahren Volksbildung denkbar, daß solche zweifelhafte Existenzen Hunderte von Leuten um sich vereinigten und sie durch hohle Phrasen begeisterten? Ja, es gibt nur einen Feind der Wahrheit: Die Unwissenheit des Volkes, der Mangel an wahrer Bildung. Je dümmer die Volksmaffen sind, desto besser ist die Ernte der Antisemiten. Die Unwissenheit und der Aberglaube des Volkes bilden den Dung, auf dem der Samen des Hasses und des Fanatismus, der Unmenschlichkeit und der Unduldsamkeit blüht unb gedeiht. Dazu kommt noch das sociale Elend, das immer mehr um sich greift. Das Ungeheuer Capital wächst immermehr zu einem gewaltigen Niesen heran und zertrümmert mit grausamer Faust Alles, was sich ihm nicht beugen will. Der gegenwärtige Mittelstand ist zwischen zwei Mühlsteinen und wird zerdrückt und der Arbeiter zum ewigen Sclaven des Capitals. Das ganze Leben hindurch wie eine Maschine freudlos zu arbeiten, um sich kaum satt zu essen und keine Hoffnung auf SB— BHB