Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 32 Vesterrrichifche Wochenschrift Seite 625 Hafter Genauigkeit oblag. In einem andern Theile der Küche, wurden allerlei Kuchen gebacken, milchige, fleischige und indifferente. - Auch Fische wurden meisterlich zugerichtet, in althergebrachter, mundgerechter Weise, kurzum es war eine Lust zu schauen, welche Genüsse für den Gaumen den glücklichen Hausw genossen und den geladenen Gästen für das kommende Freuden- ' fest winkten. Der nur erst in der Stille anerkannte Bräutigam, der inzwischen im Ölte geblieben war, bis er vor der Welt als solcher erklärt werden würde, macht im Lause des Tages kurze Besuche, um mit seiner Angelobten ein herzliches Wort, einen innigen Blick zu wechseln. Ein längeres Verweilen wird ihm nicht gestattet, man hat zu viel zu thun, und damit muß er sich zufrieden geben. Mitten in diese häuslichen Geschäfte kommt plötzlich der Hausherr zu seiner Gattin geeilt und, seine lebhafte Freude kaum bemeisternd, hält er einen Brief hoch empor, der ihm soeben aus der nur wenige Stunden entfernten großen Stadt zugekommen war. „Denkt Euch, Ihr Kinder, welche Ehre uns zu Theil wird", so spricht er freudig. „Die Gemeindevertretung von R. ersucht mich, ihren neuen Rabbiner, der auf der Reise begriffen ist, um sein Amt anzutreten, und seinen Bestimmungsort Freitag nicht mehr rechtzeitig erreichen kann, für den Sabbath gastfreundlich zu empfangen. Natürlich werde ich ihn auf der Poststation erwarten und ihn in den Gasthof führen, wo der Vorsteher das schönste Zimmer für ihn bestellt hat. Später geleite ich ihn dann in die Synagoge, und wenn der Gottesdienst beendet, kommt er zu uns." Diese Kunde wurde von Allen mit Jubel begrüßt. Auch die Hausfrau schmeichelte es nicht minder wie ihren Gatten, daß man gerade ihr Haus würdig befunden, den edlen Mann zu bewirthen, dem der Ruf seiner bedeutenden Persönlichkeit schon weit vorausgeeilt war. ' Durch längere Zeit war nämlich die Gemeinde von R. mit dem jungen Manne in Unterhandlung gewesen, der nach vollendetem Studium als Hofmeister in einer feingebildeten Familie sich in den besten Kreisen bewegt und durch seinen Charakter und seine Leistungen sich viele hohe Gönner erworben hatte, die seine Laufbahn mit dem wärmsten Interesse verfolgten. Einer der Gemeindevorsteher war dann selbst zu ihm gereist und die vielseitige Gelehrsamkeit, der Edelsinn, die Milde und Würde seines Wesens hatten den Abgesandten so begeistert, daß er nicht abließ, bis er alle Bedenken des jungen Mannes besiegt und ihn für das Amt eines geistlichen Beamten in R. gewonnen hatte. Mit Spannung sah man nun seiner Ankunft entgegen an dem Orte seiner bevorstehenden Wirksamkeit, und gar manchem Vater schlug das Herz höher bei dem Gedanken, daß es vielleicht sein liebliches Töchterlein sein würde, das einst mit dem jungen Ankömmling vor den Altar treten und er dann ihn Sohn nennen würde, dem Alles jetzt so erwartungsvoll entgegenharrte. Doch es sollte anders kommen. Hört was der kleine Gott mit dem Pfeile wieder einmal für ein Schalk war und wie er die Pläne ehrgeiziger Väter zu durchkreuzen und die Macht seiner kleinen Person zu bethätigen wußte. Der Morgen des bedeutungsvollen Freitags dämmerte herauf. Reges Leben im ganzen Hause; die Verlobte in gehobener Stimmung den kommenden Tag erwartend, wo sie zum ersten Male als glückliche Braut sich in ihrer neuen Würde, an der Seite ihres Bräutigams, den Freundinnen und den einstigen Gespielinnen zeigen sollte; Vater und Mutter befriedigt in dem Gedanken, ihre geliebte Tochter einer voraussichtlich glücklichen Zukunft entgegengehen zu sehen, alle Hausgenossen in freudiger Geschäftigkeit aneinander vorübereilend, sich traulich begrüßend, ohne sich Zeit zu einem längeren Gespräche zu nehmen. Doch nicht nur die Erwartung eines Familienfestes war es, das man, wie ja schon erwähnt, nicht zum erstenmale in diesem Kreise feierte, was heute die Gemüther unserer Freunde beseelte. Es durchwehte ihr Thun und Lassen noch ein anderer Geist, nämlich der, den der bevorstehende Besuch des hohen Gastes wachgerufen und der bei den verschiedenen Personen sich verschieden offenbarte. Bei dem Hausherrn war es die Freude, einen so hochbegabten Mann kennen zu lernen und befriedigtes Ehrgefühl, ihn gerade als seinen Gast kennen zu lernen; bei der Hausfrau dieselbe Freude, gepaart mit geschmeichelter Eitelkeit, die wir ihr wohl zu Gute halten dürfen, und be iden Kindern des Hauses war es ein Gemisch von Neugier und Stolz, eine so vielgepriesene Persönlichkeit in nächster Nähe sehen und begrüßen zu können. „Wie stellst du ihn dir vor?" „Wie wird er sich gegen uns benehmen?" „Wird er uns überhaupt seiner Beachtung würdig finden?" so flüsterte man in dem jugendlichen Kreise. Träumerisch sinnend und schweigsam, wie sie es sonst selten war, zeigte sich Adele, die Lieblingstochter des Elternpaares und der Liebling des ganzen Hauses. Nur um ein Jahr jünger als die Braut, deren Stelle als „Aelteste" sie nach der verkündeten Verlobung zu übernehmen hatte, und zwar sammt allen damit verknüpften Pflichten und Rechten, war sie ein anmuthsvolles Geschöpf, heiter, sorglos und von gewinnender Liebenswürdigkeit. Bisher nur von steter Sorgfalt und zärtlicher Liebe umgeben und durch ihre älteren Schwestern vor dem Ernst der häuslichen Obliegenheiten bewahrt, hatte sie ihre Jugend so glücklich und ungetrübt verbracht, so ganz sich der Ausbildung ihrer Geistesgaben und Talente hingeben können, daß noch kaum ein leichter Schatten auf ihren Frohsinn gefallen war. Schalkhaft lächelte ihr Mund, schalkhaft blitzte es in den hellbraunen Augen und dabei offenbarte sich in ihrem ganzen Wesen Wärme des Gefühls, Tiefe des Gemüths und echte Weiblichkeit. In den ernsten Tagen, wie sie ja selbst in den glücklichsten Familien nicht ausbleiben, war immer sie es gewesen, der es gelungen, durch ihre sonnige Heiterkeit, durch ihre anmuthigen Scherze die Wolken auf der Stirn der Eltern zu verscheuchen und wieder lichte Lebensfreude im ganzen Hause zu verbreiten, und diese Gabe, die ihr seit ihrer frühesten Kindheit eigen, war es wohl zumeist gewesen, was sie zum erkorenen Liebling Aller gestempelt hatte. „Warum denn heute so schweigsam, Adele?" flüsterte ihr die Mutter zu, als sie einander im Flur begegneten. Mit großen Augen sie anschauend, freundlich lächelnd, aber in ihrem Schweigen verharrend, eilte Adele vorüber und im Drange der Geschäfte ließ es die Mutter unbeachtet geschehen, daß das sonst so gesprächige Kind ihr die Antwort schuldig blieb. Und Adele? Warum schwieg sie? Sie hätte es wahrlich selbst nicht zu sagen gewußt. So seltsam wie heute war es ihr doch noch nie zu Sinn gewesen und fast hätte sie sich selber darüber gezürnt, daß sie unfähig war, diese eigenthümliche Stimmung zu beherrschen. Später, nach Tagen und Wochen, dachte sie noch oft an die Gefühle zurück, die sie an jenem Morgen vergebens zu bekämpfen suchte. Dann freilich war ihr Alles klar geworden. Das Bangen, das Jubeln, das Fürchten, das Hoffen, und teutlich hatte sie es empfunden, daß große Ereignisse, die uns bevorstehen, oft ein wunderbares Ahnen in uns wachrufen, das, uns selber unbewußt, sich uns'r bemächtigt und für das wir kurzsichtige Menschenkinder keine Erklärung zu geben vermögen. Nachmittags kam, wie es bestimmt war, der Rabbiner mit der Extrapost an, und da er bis zum Gottesdienst im Gasthof ungestört zu bleiben wünschte, so kehrte unser Hausherr nach der ersten feierlichen Begrüßung inzwischen zu den Seinen wieder heim und hals noch die letzte Feile anlegen am Schmucke seines Hauses; vergebens aber war das Bemühen Aller, von ihm zu erfahren, welchen Eindruck der Ankömmling auf ihn gemacht; beharrliches Schweigen setzte er allen F agen entgegen und ließ sich zu keiner weiteren Aeußerung herbei, als: „in zwei Stunden werdet Ihr ihn sehen." Die Synagoge war überfüllt. In Schaaren strömten sie herbei, die Andächtigen und auch die Neugierigen, deren Schaulust heute besonders rege war. Sie kamen und — seid versichert, liebe Leser, unbefriedigt von dem Anblick des Gastes kehrte Keiner von ihnen heim. Es gibt Menschen, deren Persönlichkeit überall, ohne Ausnahme, überwältigend wirkt und eine solche Persönlichkeit war der junge Rabbiner. Und fragt Ihr da noch, welchen Eindruck« er in dem gastlichen Hause hervorgerufen, das seiner erwartungsvoll harrte? Die Thüre des Empfangszimmers weit öffnend und trotz allen Sträubens dem Gaste den Vortritt lassend, blieb der Hausherr hinter ihm zurück, um sich an dem freudigen Erstaunen, an der ungetheilten Bewunderung zu weiden, die sich bei dem Erscheinen des Fremden in den Zügen Aller malte; aber nur einen kurzen Augenblick, dann schnell seiner Pflicht als Wirth genügend, stellte er ihn Allen der Reihe nach vor. Zuerst seiner Gattin und den Söhnen, dann dem Brautpaar , und endlich Adelen und den jüngsten Töchtern. Würdevoll,