Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-10 · 32 (10.8.1894) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
32 (10.8.1894)
Date
1894-08-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021040--03753-3027905
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 624 VrperredWchL Wochenschrift Nr. 32 einen eigenthümlichen Singsang, welcher der melancholisch orientalischen Musik eigen ist. Er wählte die Sprüche des Propheten Jesaia: „Loi owar Kaaebkm-' — Schloime hielt inne — „kaschumaim kisei“ . . . das heißt: „Der Himmel" — er erhob den Zeigefinger — „mein Tisch" — ,wboorez hadoim ragloi“— „und die Erde ist der Schemel für meine Füße" — sagte er. »Scha! das heißt: der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was heißt das?" begann er jetzt ohne Gesang — „der Himmel ist ein Thron und die Erde ein Schemel? Hat Gott Möbel nöthig? Glauben Sie etwa, der Prophet Jesaia versteht nichts? Ah! Hier kommt der Satz zum Prediger und bittet: „Prediger, erkläre mich!" Der Satz selbst fühlt, daß man ihn nicht verstehen kann und fleht deshalb um seine Erklärung. Hören Sie mich nur noch ein wenig an." .... Auch interessirten nicht die Schlußfolgerungen, sondern Schloime selbst. Ist das wirklich Schloime? Ist dieser Jude mit dem stolzen Gebühren und den gebietenden Gesten, der Beherrscher der Menge — Schloime? Wohin ist die Schüchternheit gekommen, woher hat er die klangvolle Stimme, aus der so viel Kraft und eherne Ueberzeugung spricht? Und die Augen, die gestern noch den Augen einer Maus glichen, wie strahlten sie heute! Als Schloime zu Ende war, hörte man entzückte Ausrufe: „Wie schön, welche schöne Gedanken!.... Es ist zuckersüß. aus seinem Munde kommen Perlen!" Schloime achtete nicht auf. den entstandenen Lärm .... er stand wie abwesend da. Aus dem allgemeinen Geräusch konnte ich nur mit Mühe die letzten Worte der Predigt unterscheiden: „Und Messias wird nächstes Jahr nach Jerusalem kommen, sagen wir Amen!" Wozu Gott Thron und Fußschemel braucht — erfuhr ich doch nicht. . . . Schloime legte den Talles ab und ging schwer athmend von der Kanzel auf seinen Platz. Man umringte ihn, erging sich in Lobeserhebungen — er aber stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und betete. Der Abend rückte heran. Chaim Beer ging aus der Bankreihe hervor, steckte die Hände in die Hosentaschen und sagte: „Ist es nicht Zeit, das Abendgebet zu beginnen?" Die Bewegung legte sich . . . ein Jude betete laut am Cantortischchen und die Gemeinde betete mit. Nach Schluß dieses kurzen Gebetes zerstreuten sich die Gruppen. Mit dem dunkelnden Abend verdüsterten sich die Gesichter der Anwesenden. Einige liefen auf die Gasse, um zu sehen, ob nicht schon ein Stern am Himmel erschienen sei, daß man endlich rauchen könne. Man vernahm schon Alltagsgespräche, sogar Klagen über die Geschäfte. In der Seele jedes Einzelnen erhoben sich die Gespenster, die ihn früher gedrückt halten: Noth, Hunger, Schmach. ... Es heißt, der Steuer-Jnspector soll behufs Revision der Handelsdocumente eintreffen.... es muß vorgesorgt werden.... Blos Schloime sprach mit Keinem und bewahrte seine Ruhe, obwohl auch sein Gesicht allmälig den gewohnten Ausdruck annahm. Nach den zwei Schlägen des Synagogendieners ging man an das letzte Gebet. .. . aus diesem hörte man in jedem Satz, der an „I h n" gerichtet war. demüthige Trauer und einen leisen Vorwurf heraus: „Du siehst Alles und weißt Alles und doch — was müssen wir Alles erdulden! Aber Du bist heilig, heilig, dreimal heilig!" Schwer und hart ist der Uebergang vom herrlichen Sabbath zum Werkeltag. Weg mit den reinen Kaftanen, „I s r a e l" verschwindet, auf den Schauplatz treten die ..Jude n". Es ist wahr, auch am Sabbath fehlt es nicht an Leuten, die sich über den jüdischen „Schabbes" lustig machen und über die Bewegungen der Betenden; aber auf jener Höhe, zu welcher der Sabbath Israel erhebt, bemerkt man es kaum. Nachher geht das Alltägliche an: „Euer Gnaden, guter Zucker!" .... „Scheer Dich, Jud". ... „Herr, Bonbons gefällig?" „Belästige nicht, sage ich!" „Herr Polizist, Euer Gnaden.... ich will nur für eine Woche.... es thut mir leid, daß ich Sie bemühen muß." .... Mit finsteren Gesichtern gehen sie nach Hause. In der Synagoge löscht man die Kerzen aus; sie blickt nicht mehr im Glanze des Lichtes auf die anderen Häuser, sie ist in sich gegangen, verbittert und düster.. . . (Fortsetzung folgt.) Veni, vidi, vici. Eine Verlobung vor sechzig Jahren. In einer mittelgroßen Stadt Norddeutschlands lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts eine hochgeachtete, gebildete und wohlhabende jüdische Familie. Jene Tage, obwohl der gegenwärtigen realistischen Epoche nicht fern, hatten noch nicht das Gepräge, das diese vorAllem kennzeichnet; das Ringen und Jagen nach Erfolg, nach Gewinn, nach Geld und Gut. Das war alles noch nicht so allgemein wie heute. Das Leben, selbst das der Neichen, war einfach, die Menschen waren genügsam und besonders der Jude suchte sein Glück nur in der Familie, seine Erholung in geistigen Genüssen, im Studium des Talmud. Wer sich da hervorthat, dem ward der Geistesadel zuerkannt; seine Angehörigen zählten zu den Besten, und gesellte sich dazu noch weltlicher Besitz, äußerer Anstand und eine feinere Art der Lebensführung, dann ragte ein solcher Mann in seinem Kreise als leuchtendes Beispiel hervor. Also war das Oberhaupt jener Familie, in der sich die kleine Löbensskizze abspielt, die ich hier erzählen will. Neben dem würdigen Hausherrn schaltete und waltete in sittiger, anmuthiger Art seine liebevolle Gattin, wohlgestaltet, von edlen Gesichtszügen, und um sie schaarte sich eine stattliche Anzahl Kinder. Die Söhne groß und kräftig, dem kaufmännischen Berufe des Vaters sich anschließend,, die Töchter lieblich und munter, geistig geweckt und in ihrer verschiedenen Art, mit mancherlei Talenten begabt, die der zärtliche Vater nach besten Kräften ausbilden ließ und die in ihrem Zusammenwirken das Hans unseres Patriarchen belebten, den bei ihm verkehrenden Fremden mannigfache Genüsse bietend. Die eine der Töchter war Meisterin in Declamation, die andere hatte eine wunderliebliche Sopranstimme, die durch schulgerechte Ausbildung fast künstlerisch wirkte; einzelne von den Söhnen hatten auch ein wenig schauspielerische Begabung, und so konnte es nicht fehlen, daß bald kleine, bald größere dramatische und musikalische Aufführungen die geladenen Zuschauer ergötzten und den Eltern reiche Freude an der vielseitigen Entwicklung ihrer Kinder gewährten. Das Beste aber, was unser Dilettantenkreis zu leisten vermochte, das weihte er den großen Familienfesten, vorzüglich den Polterabenden, jener heiteren wehmuthsvolleu Feier, wo die Braut, das Kind des Hauses, im Begriffe ist, sich für immer zu trennen von der theuren Heimat und von Allem, was sie bisher geliebt, um dem erwählten Gatten zu folgen. Solcher Feste waren schon mehrere abgehalten worden in der Familie, und am folgenden Tage waren sie dann hinausgezogen, die flügge gewordenen Vögel, um am eigenen Herd das Wohl und Wehe des Lebens durchzukosten, das Bild des Vaterhauses tief im Herzen tragend. Die Eine war in Dänemark, die Zweite in England verheiratet und eben jetzt, zur Zeit unserer Erzählung, stand das Berlobungsfest der dritten Tochter bevor, der am Rhein zu leben bestimmt war. Schon hatte das eigentliche Verlöbniß mit dem jungen Bankier aus Köln stattgefunden, das sogenannte „Knas legen", jene Ceremonie, wo der Brautvater oder dessen Vertreter eine Porzellanschale zertritt, deren Scherben sich die Anwesenden zum Andenken an den feierlichen Moment aufbewahren, aber erst am kommenden Sabbath sollten, wie es der Brauch war, die Glückwünsche aller Freunde und Bekannten entgegengenommen werden, wo dann Jung und Alt herbeiströmte, um die rege Theilnahme an dem nunmehr öffentlich kundgewordenen frohen Familienereigniß darzulhun. Inzwischen war man nun freudig und eifrig damit beschäftigt, die Mutter voran, die Töchter ihr zur Seite (und auch die Braut mußte wacker zugreifen), umfassende Vorkehrungen in Küche und Keller zu treffen, denn am nächsten Freitag Abend und Sabbath Mittag sollte die Tafel strotzen von allem Guten, Süßen und Gepfefferten was jüdische Kochkunst an nationalen Speisen (die bekanntlich bedeutende Forderungen an die Leistungsfähigkeit des Magens stellen), nur irgend zu bieten vermochte. Da wurden in großen Holzkübeln das Geflügel und alle verschiedenen Fleischarten dem Proceß des Koschermachens unterworfen, welchem Geschäft eine der Haustöchter mit gewissen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.