Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 32 Orsterrrktzifchr Wochrnschrifl Settr 619 ein. Da hat, ein oft wiederkchrendes Bild, Simon ein Zicklein geschlachtet, das er mit seiner Familie am Sabbath ißt. Das Fell trägt er drei Stunden weil nach Szigeth, verkauft es dort um 60 Kreuzer und geht, ohne den Schatz auch nur auzutasten, wieder drei Stunden heim. Sechs Wegstunden um 60 Kreuzer. Leib Rosen stock zuckt die Achseln und meint, anders könnten die meisten gar nicht leben. Eine märchenhafte Gegend. Eine Landschaft, die die Seele erhebt, groteske Erscheinungen, deren Humor überwältigend wirkt, der Zauber eines antiken Hirten-Jdylls voll entzückender Schönheit, ein zermalmender Naturalismus menschlichen Elends, das wirbelt da alles durcheinander und nennt sich leibhaftige Wirklichkeit, nicht phantastischer Einfall eines etwa überreizten Poeten. Wie betäubt kam ich 'Abends von meiner langen Rundfahrt zurück. Ich entlohnte Leib Rosenstock und gab znm Bedungenen noch etwas dazu. Da geht er hin, die Hände in den hinteren Rocktaschen, tänzelnd und ein vergnügtes Liedchen vor sich hinsummend." Wie gefällt den Antisemiten diese wahrheitsgetreue Illustration zu ihrer Behauptung, „daß die Juden das Geld haben?!" Die Inden im Zeitalter der Entdeckungen. Amerika wurde auf Pump entdeckt! — Dieses historische Curiosum wird in einer kleinen Schrift eonstatirt, die uns soeben von der Berliner Verlagshandlung Siegfried Cronbach zugegangen ist: „Cristoph Columbus und der Antheil derJuden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen. Nach zum Theil ungedruckten Quellen bearbeitet von Dr. M. Ka yserling." Das Büchlein enthält noch ein schwere Menge anderer überraschender, documeutarisch bewiesener Mittheilungen, welche nicht weniger mit der Ueberlieserung im Widerspruche steten, wie die, daß der Marrane Santangel die Gelder zur Ausrüstung von Colon's erster Entdeckungsfahrt hcrgegebcn und nicht, wie die Legende sagt, Königin Jsabella ihre Juwelen für den waghalsigen Genuesen geopfert habe. Jsabella's Geschmeide war schon früher, als es galt, die Kriegskosten im Kampfe gegen Granada zu bestreiten, in die Hände der Geldverleiher ge. ändert. Auch die zweite große Expedition des Columbus nach der von ihm entdeckten neuen Welt wurde ausschließlich mit dem Gelde der Marranen bestritten. Diesmal gaben sie es aber nicht freiwillig her, es wurde ihnen coufiscirt, gemäß jenem drakonischen Juden - Ausweisungsdecrete, las am selben Tage von den Staatssecretären des Königs Ferdinand unterzeichnet worden war, an welchem die Krvnräthe der Königin Jsabella den Vertrag mit Columbus unterschrieben und besiegelten, der ihm die hochgeschraubten Forderungen bewilligte, die er bezüglich seiner künftigen Entdeckungen und deren Ausbeutung .gestellt hatte. An dem gleichen Tage, an dem Columbus mit seinen Karavelen von der Rhede von Palos in die See ging, begann auch der Exodus der vertriebenen Marranen und Juden. Nicht um dieser Thatsachen willen schreibt Dr. Kahserling über den Antheil derJuden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen. Er weist nach, daß an der geistigen Bewegung, an den gelehrten Arbeiten, welche das Zeitalter der Entdeckungen einleiteten, und während der ersten Glanzepoche der portugiesischen und spanischen Entdeckungen an diesen selbst jüdische Mathematiker. Geographen und Kartographen einen hervorragenden Antheil genommen haben, daß an den Entdeckungsfahrten des Columbus, des Vasco de Gama und Albuquerque Juden und Marranen betheiligt waren und daß einige derselben als Interpreten, als diplomatische Agenten, als sachverständige Kundschafter sehr viel zu dem Erfolge der Entdeckungsfahrten beigetragen haben. Daß sich das Buch von Kayserling nebenbei zu einem Geschichtsabriß über die Stellung der Juden in Spanien und Portugal während des 15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts auswächst, daß beinahe ebensoviel von den Glaubensverfolgungen derselben die Rede ist, wie von ihrem Antheil an den Entdeckungen, erklärt sich daraus, daß nicht ein Einziger der angeführten namhaften Männer von den Verfolgungen verschont geblieben ist, daß von jedem erzählt wird, wie er oder seine Familie, durch die Verhältnisse gezwungen, sich „unter die Kirchenkuppel beugte", und sobald der Zwang weniger fühlbar ward, wieder zum Glauben seiner Väter zurückkehrte, dem er, wie die überwiegende Mehrzahl der Marranen-Familien im Geheimen treu geblieben war. Ein elastisches Beispiel hiefür ist Mestre Jaime aus Mallorca. Alexander Humboldt wirft in stimm „Kosmos" die Frage auf, wer dieser Mestre Jaime gewesen, welchen Heinrich der Seefahrer an die von ihm gegründete, nautische Akademie als Vorstand berufen hatte und der gleichzeitig mit dem deutschen Ritter Behaim zu den hervorragendsten Lehrern an dieser berühmten Schule zählte. Dr. Kayserling beantwortet Humboldt's Frage, daß Mestre Jaime oder Jehuda Cresques, wie er eigentlich hieß, der „Kartenjude" oder „Compaßjude", wie seine engeren Landsleute ihn nannten, ein gefeierter Kosmograph und Landkartcnzeichner in dem Städtchen Palma gewesen, dort durch eine vom Pöbel veranstaltete Judenhetze, lei welcher 300 seiner Glaubensgenossen erschlagen wurden, sich zum Uebertritte veranlaßt sah, den Namen Jaime Ribes annahm und sich dann nach Barcelona in Sicherheit brachte, wo er für den König und andere Vornehme Karten anfertigte. Nahezu 60 Jahre alt, wurde er 1438 von Heinrich dem Seefahrer als Director seiner neu errichteten nautischen Akademie berufen. Mestre Jaime wurde der Lehrer der Portugiesen in der Schifffahrtskunde. Neben ihm waren mehrere Marranen portugiesischer Abstammung an der besagten Akademie thätig. Mit diesen Freunden und Schülern Mestre Jaime's verkehrte Columbr s, wie er selbst erzählt, während seines mehrjährigen Austntbaltks in Portugal, wo er bekanntlich vergebens Unterstützung für seine Entdeckurgspläne gesucht batte. Cvlnmbis wendeie sich, dann noch Spanün, um dort von König Ferdinand und der Königin J'alella Förderung seiner Pläne zu erlang, n. In Folge d-r politischen Conjecturen fand man aber wenig Zeit und Lust, sich mit dem italienischen Projcctenmacher zu beschäftigen. Tie erste Commission, welche in Cordova unter dem Vorsitze des Beichtvaters der Königin, Talavera, des späteren Erzbischofs von Granada, der als Enkel einer jüdischen Familie später mit der Inquisition unangenehme Bekanntschaft machen mußte, zusammentrat, sprach sich gegen Columbus aus. Ein Marrane, Don Diego de Desa, Bischof von Salamanca und Professor der Theologie an der dortigen Universität, nahm sich nun des Columbus an. Er ließ ihn nach Salamanca kommen und dort sein Project einer neuen, aus den berühmtesten Mathematikern, Astrologen undKosmographen der UniversitätzusammengesetztenCommission vorlegen. An derselben nahm der jüdische Astronom und Mathematiker Abraham Zakuto Theil. Diese Commission sprach sich für des Genuesen Project günstiger aus und von nun an waren es de Desa und Andere bei Hofe und in der Regierung sehr einflußreiche Marranen, welche, hiezu veranlaßt durch die gelehrten Fachmänner ihres Stammes, das Unternehmen des Columbus förderten. Obwohl damals die Zeit der Verfolgungen der Marranen bereits angebrochen und die Inquisition in Sicht war, nahmen doch Viele von ihnen eine hervorragende Stellung in der öffentlichen Verwaltung ein. Die Zeit lag noch nicht weit zurück, in der in Aragonien und Catalonien Juden und Marranen nicht blos in den obersten Regierungsämtern, im engsten Geheimrath des Königs, sondern auch in den Cortes eine hervorragende Rolle gespielt hatten. König Ferdinand von Aragonien, dessen Mutter Juana Enriquez, die Tochter des Don Fadrique Enriguez, Admirals von Castilien, die Enkelin der schönen Toledoner Jüdin Paloma war, wurde in den Anfängen seiner Regierung von den reichbegüterten Marranen sehr ausgiebig unterstützt, insbesondere als es galt, sein Heiratsproject mit der vielnmworbenen königlichen Erbin von Castilien und damit die Unification Spaniens zu fördern. Don Abraham Senior, ein reicher Jude aus Segovia, königlicher Oberststeuerpächter, regte bei den Granden von Castilien die Idee einer Verbindung Jsabella's mit Don Ferdinand an. „Obgleich er bei einem Theile des castilianischen Adels auf heftigen Widerspruch stieß, veranlaßte er dennoch den Brautwerber, heimlich nach Toledo zu kommen: bei Jsabella, welche zu ihrem aragonischen Vetter Neigung hatte, war er seiner Sache gewiß. Ferdinand trat ohne Zögern die Reise an. Aller Mittel entblößt, lieh er sich in Monzon von seinem „geliebten Diener" Jaime Ram, welcher, der Sohn eines Rabbiners, als einer der bedeutendsten Juristen seiner Zeit galt, zwanzigtausend Sueldos, überschritt verkleidet die Grenze Castiliens und nahm seine Zuflucht zu Don Abraham Senior, der ihn Nachts in aller Stille zu der I seiner harrenden Infantin begleitete. Der junge Pedro de la! Caballeria, ein sehr reicher und angesehener Marrane aus