Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Senk 618 Vesterredtztfchr Mortzenschrrp Nr. 32 aber zeigt es sich mit erschreckender Deutlichkeit, daß wir nur zu sehr Recht behalten. Lueger weint Caserio blutige Thränen nach! Dieses Scheusal in Menschengestalt — Caserio — hat sich die Sympathien des Bolkstribunen von Margarethen errungen. In Frankreich, wo das neue Anarchistengesetz schon in Kraft ist, würde der mitleidige Doctor für seine Theilnahme zu einer Spritzfahrt nach Cayenne aufgefordert worden sein. Hierzulande sind wir nicht so heikel. — Lueger verwahrt sich gegen den Ausdruck — „M ordbube", mit dem sein Client ungerechtfertigterweise belegt wurde: „Mit Caserio", der den Präsidenten Carnot erdolcht hat, rief Dr. Lueger den Mitgliedern der christlichen Arbeitervereine zu, „mit Caserio kann man Mitleid haben, mit denen aber, welche die heutige Gesellschaftsordnung schufen und sie erhalten haben, wird man kein Mitleid haben. Wenn Caserio ein Mordbube ist", fuhr Dr. Lueger fort, „dann sind Diejenigen, welche die heutige Gesellschaftsordnung formten und sie erhalten wollen — Mordscheusale . . Mit allen Kunstgriffen und Kniffen des geschulten Advocaten arbeitete Lueger aus sentimentale Herzenserweichung und billige Rührungseffecte hin — und Alles für Caserio! In wenig Tagen feiert der groß«' Schauspieler Lueger seinen 50. Geburtstag. Wünscht er sich seinem Publicum in einer neuen Parade-Rolle vorzustellen — als Anarchist? P—s. Die Juden in Warmsros-Szigeth. Einem interessanten Aufsatze der „Köln. Ztg." entnehmen wir die folgenden Stellen: „M armaros-Szigeth, die Hauptstadt des Comitats Marmaros, hat nichts mit jenem Szigeth zu thun. das wir aus Körner's „Zriny" kennen. Das ist vielmehr das ganz anderswo gelegene Szigethvar. Bald hinter der großen Station Kiralyhäza geht es hinein in das Theißthal. Rechts und links ragen mächtig hohe Waldberge auf, von Schneerinnen durchzogen. Da und dort entsenden von diesen Höhen Hirtenfeuer dicke Rauchwolken. In den großen Ortschaften gewahrt man viele blockhausartigeHolzbauten, strohbedeckte Hütten dazwischen, die nicht größer als ein Gartenhaus sind. An den Bahnstationen taucht jetzt überall der östliche Jude auf, mit dem kaftanartig langen, schwarzen Rock und den „Peies", den Löckchen an den Schläfen. Auch auf der weißschimmernden Landstraße sieht man bald zu Fuß, bald in raschem Gefährt schwarze Gestalten — Juden. Smaragdgrün kommt die noch junge Theiß von ihrer Wiege in den Karpathen her. Im Röhricht an ihren Usern treiben sich eskimoartige Gestalten in weißen Echafpelzen und weißen Pelzmützen umher, Rohre schneidend. Szigeth liegt vor uns mit anmuthigen Billen im Gebirgsstyl und einem spitzen Kirchthurm und hinter der Stadt steigen majestätisch und ganz und gar in einem Schneemantel gehüllt die Hochgipfel der Karpathen auf. Prächtig ist das Bild, das an Tirol oder an das Salzkammergut erinnern könnte, wäre die menschliche Umgebung anders. Da dringen mit mir schwarze Juden und weiße Eskimos, die man auch als Robinson Crusoes bezeichnen könnte, aus der engen Bahnhofspforte heraus und auf den Droschken, klapperige Kasten mit jammervoll magern, kleinen Pferdchen, sitzen schwarzlockige Israeliten. Da ich in einem solchen Fuhrwerk durch die saubere Straße dem Gasthofe entgegenfahre, kommt mir wirklich der Gedanke, die Sache möchte abenteuerlicher werden, als mir lieb ist, eine schauderhafte Vorstellung erfaßt mich bei dem Begriffe „Nachtquartier". Mein Sohn Israels aber hält am Marktplatze vor einem äußerlich sehr schmucken Hause, das mir gleich darauf nicht nur die Behaglichkeit eines guten Gasthofes in einem deutschen Landstädtchen, sondern den äußern Aufwand eines großstädtischen Gasthofes auf der Treppe, im teppichbelegten, mit Eichenholz möblirten Zimmer, im schön ausgestattcten Speisesaale zeigte. Im Hinterhofe dieses vornehmen Gasthofes freilich sah ich vom Corridorfenster aus kleinere Wagen stehen, an denen Juden hantirten. Es war eben auch der Gasthof zugleich Ausspannwirthschaft, und als ich die Treppe hiuabstieg, saß an der Thürschwelle wieder ein Jude, die Hände um die angezogenen Kniee geschlungen. In der Mitte des Marktplatzes lehnen und kauern die Söhne Israels, während ihre Stammesgenossen am Platze, auf den Bürgersteigen, an den Hauswänden auf- und abwandeln, in Gruppen stehen, umherlehnen. Das ist den ganzen Tag bis zum Anbruch der Nacht, vorzüglich aber Vormittags, ein immerwährend wechselndes Bild dieser Börse unter freiem Himmel, ein Bild, verschwenderisch reich an allerlei physiognomischen, psychologischen und socialen Eindrücken. Der Bewohner des deutschen Ostens ist ja wohl Aehnliches gewohnt, wenn auch die Anhäufung von Juden, wie sie in Szigeth und dessen Umgebung stattfindet, kaum irgendwo in Deutschland so groß sein dürfte. Der Westdeutsche, der den sogenannten Kaftanjuden in seinen Städten nur als eine durchreisende, flüchtig auftauchende Gestalt kennt, steht hier vor einer neuen Welt. Ich habe nicht an Antisemitismus, nicht an Philosemitismus, überhaupt nicht an unsere Mitbürger mosaischen Bekenntnisses gedacht, als ich dieses sonderbare Volk vor mir sah, sondern gewann die Empfindung, daß ich hier erst wirkliche „Juden", einen besonderen Menschenstamm, nicht blos Träger einer religiösen Anschaunng, wie bisher, kennen lernte. Diese Juden nun haben mich bald durch die Komik ihrer Art ungewöhnlich erheitert, bald aber auch tiefer im Gemüthe berührt. Ich lasse neue Bilder an mir vorüberziehen, so die ungewohnte Erscheinung eines Küfers in Lederschürze mit den rothen „Peies" an den Schläfen, bemerke, daß die jüdischen Weiber viel weniger Auffallendes als die Männer an sich haben, und schließlich bleibt, wie schon mehrmals zuvor, mein Blick auf der Gestalt eines siebenzehn- oder achtzehnjährigen Jünglings haften, der durch das bunte Getriebe im Schlendergange hindurchzieht. Es ist etwas Sonderbares in dem Wesen dieser jungen Juden von 14—20 Jahren. Schmalbrüstig, vorgebeugt gehen sie einher, den Blick bald nachdenklich zu Boden gesenkt, bald mit ihren großen dunkeln Augen in weiter Ferne sehnsüchtig suchend. Eine ungewöhnliche Frühreife der Intelligenz ist in diesen Gesichtern ausgeprägt und paart sich mit einem Hauche sinnender Melancholie. Ich weiß keinen besseren Vergleich als den mit unbemittelten Gymnasiasten, die wenig Jugendfreude erlebt und statt dessen zuviel über den Büchern gehockt haben. Bei einzelnen Erscheinungen ist dieser Vergleich nicht mehr zureichend, hier lag in dem Blicke geradezu eine ergreifende Poesie, und die Seelentiefe eines Denkers sprach aus einem solchen blassen Jünglinge mit den fettglänzenden schwarzen Locken. Ich habe in Szigeth mehr als hundert solcher Juden beobachtet. Nie, auch von Kindern nicht, habe ich lautes Lachen gehört, so geräuschvoll beweglich die Leute sonst sind. Wenn aber so ein mageres, kleines Jugendjüngelchen von zwölf oder vierzehn Jahren, das in dem bis an die Knöchel reichenden, glänzenden, schwarzen Rock so komisch aussieht, mit aufglänzendem Auge lächelt, dann redet ein wahrhaft göttlicher Humor aus einem solchen Geschöpfe." Am Schluffe erzählt der Verfasser: ,.Da, während ich noch nachsann, fuhren wir in das große Judendorf Poiczko ein. Ein rohes Blockhaus am andern, kleine Metzgerläden mit offenem Straßeneingang, in denen vor Allem Zicklein hängen, Winkelkrämereien und an allen Vorbühnen, auf der Straße, da in einem Winkel, dort an einem Zaun — überall ein wimmelnder Menschenüberfluß, Schaaren kleiner Jüngelchen darunter im schmutzigen Hemd und mit dem orthodoxen Sammtkäppchen auf dem Scheitel. Eine Welt voll bitterster Armuth, das jammervollste Proletariat war es, was ich sah. So herzzerreißend war dieses Bild menschlicher Verkommenheit. in Fetzen und Lumpen einherwandelnden Elends, weil die Spur der Rohheit, des Lasters, die sonst an den Stätten des niedersten Proletariats die bessere Herzensregung leicht erstickt, völlig fehlte. Gedrückte, mühsam duldende Menschen waren es. Diese völlig gekrümmten Greise mit ihren langen Bärten, wie sie sich einherschleppten! War ihnen denn das Leben, gar so kostbar? Diese Frauen, umringt von Kinderschaaren! Lag in ihren dunklen Augen nicht ein unheimlich düsterer Ernst, auf ihren festgeschlossenen Lippem etwas wie Groll? Ich kenne das Gängeviertel in Hamburg, diese schaudervolle Hölle. Aber das ist ein kurzer Bezirk, das sind nicht so viele, so entsetzlich viele elende Menschen! Wie das dahockt, die Hände um die Knie geschlungen und. vor sich hinstarrend, wie das unter schweren Lasten einherkeucht! Und da kommt wieder ein Jude mit dem Wanderstabe, da kommen ihrer mehrere im klappernden Karren. Die gehören nach andern Dörfern. Ihrer etliche habe ich durchfahren. Rings um Szigeth lagern sie in ihren Hütten, Hunderte und Hunderte von Kindern A b r ahams, und immer wieder tritt dasselbe Bild des Elends in zerfetztem Kaftan uns entgegen. Es sind ihrer zu viele, meinte Leib Rosen stock, aber wo sollen sie hin? So ringen sie tagtäglich ums Dasein, um ein nichtswürdiges, lumpiges Da-