Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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utt. 32 Veyrrretürlschr Wochenschrlfl Leite 617 über dem kaiserlichen Lustschlosse wiegten sich ein paar Lerchen und grüßten mit ihren Hellen Trillern die verglühende Sonne. An der Mauer, die den Park einfriedete, lehnte ein Mann. Ec hatte ein bleiches Gesicht und grau schillernde Augen. Die schmalen Lippen umrahmte ein zerzauster Bart, den fettigen Hut trug er in den Nacken zurückgeschoben und eine starke Zuckerschnur hielt die Beinkleider zusammen. Sein Rock war an den Ellbogen durchgewetzt und ließ das Hemd durchschimmern, ein grobes zerfasertes Wollhemd, das einst grau oder braun gewesen sein mochte. Der Mann drehte ein Stück Kreide zwischen den Fingern und schrieb „Nieder mit die Juden" an die Mauer. Dann legte er sich ins Gras, nahm ein Zündhölzchen aus der Westentasche, setzte es in Brand und zündete damit einen Cigarrenstumpf an, den er im Straßengraben gefunden hatte. Ich wohn) den Sommer über draußen an einer grünen Berglehne als einziger Miether in einem kleinen, stillen Hause, von dessen alterthümlichen Erkerfenstern aus ich weit hinausschauen kann in das leuchtende Donauthal. Das Leben rauscht an meiner einsamen Klause fast spurlos vorbei. Der Hall und Widerhall der Tagesmeinungen dringt nur gedämpft herauf und ich würde kaum erinnert werden an die Zeit- und Streitfragen, die die Gemüther erregen, wenn nicht mein Hausmeister da wäre. Mein Hausmeister ist r.ämlich eine Säule der christlichsocialen Partei. Ec bezeichnet sich wenigstens als solche. Der Mann trinkt oft und viel und ich Habemir schon manchesmal gedacht, wenn die Partei viele solche Säulen hat, dann steht sie auf sehr schwachen Füßen. Von dem Reinigungsgelde, das der Mann von mir einhebt, subventionirt er die antisemitische Presse. Ec ist Abnehmer des „Deutschen Volksblatt", und da ich Gelegenheit habe, quadratisch zugeschnittene Tlreile der „Reichspost" regelmäßig im Hause vorzufinden, glaube ich nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß er auch Abonnent dieses Blattes sei. Die ersteZeit war es mir — offen gestanden — recht peinlich, mir von einem Intimus des Prinzen Liechtenstein die Stiefel putzen zu lassen. Schließlich aber gewöhnte ich mich daran und dachte: so ist das Leben! Mein Hausmeister strömt stets einen frischen Erdgeruch aus. Die Erklärung dieses Phänomens klingt sehr einfach. Er zecht täglich mit einigen anderen Säulen der Partei. Haben nun die Gesinnungskameraden des Guten mehr als genug gethan, fangen sie zu raufen an, wobei mein Hausmeister gewöhnlich zu Boden gerungen wird. Daher also der frische Erdgeruch! Ich schämte mich für die ganze antisemitische Partei über die zerrissenen Stiesel, in denen sie den Mann seine Ueberzeugung vertreten läßt. Ich schenkte ihm ein Paar Schuhe, sie waren allerdings nicht mehr ganz neu, der Mann hatte aber trotzdem eine große Freude damit. Ich sagte ihm bei dieser Gelegenheit, daß ich ein Jude lei, da ich nicht den Vorwurf auf mich laden wollte, den Mann hinterlistig beschenkt zu haben. Er stammelte einige unverständliche Dankesworte. Er wollte sich erkenntlich zeigen. Und von dem Tage an verschwand die „Reichspost" im Hause von dem einzigen Orte, wo sie mir hochwillkommen war. Montana. Melmannsegg und Lueger. Wir wollen sie einer gegenüberstellenden Betrachtung unterziehen die beiden hochbedeutsamen Reden,-welche in den letzten Tagen gehalten wurden. Die eine vom Grafen Kielmannsegg und die andere vom Doctor Lueger, beide ganz überraschend kommende Aeußerungen und beide in gleichem Maße unsere Beachtung beanspruchend. Gras K i e l m a n n s e g g , der vornehm denkende Cavalier, hat eine -Promotion sub auspiciis Imperatoris zum Anlasse genommen, um die Vorgänge an unserer Hochschule zu kritisiren. Ec that dies in würdigen Worten, aber der verhaltene Unmuth kam an mehr als einer Stelle zum Durchbruche. Aus dem Munde des Statthalters, somit von autoritativster Seite, haben die scandalösen Vorgänge, welche die Aufmerksamkeit der Welt weit mehr als nöthig auf das Haus am Franzensring gelenkt, ihre Berurtheilung erfahren. Dem Blicke des Grafen Kielmanns egg ist die unpatriotische, ja noch mehr die l a n d e s f e i n d l i ch e Strömung nicht entgangen, welche bei einem großen Theile der Studentenschaft platzgegriffen hat. Diese von antisemitischen Hetzern und Wühlern rastlos bearbeitete, verführte Jugend gibt sich utopistischen Träumen hin, welche niemals zur Ausführung gelangen werden und welche — den Verfall und die Decompositivn unseres Vaterlandes als wünschens- und anstrebenswerthes Ziel hinstellen. Dem mußte endlich entgegengetreten werden und die nachdrückliche Ermahnung zurVaterlandsliebe wirkte mit der Gewalt eines Donnerschlages auf die bestürzten Gemüther. Auch der hohe Senat wird schon herausgehört haben, daß er nicht immer so vorgegangen, wie es seine Pflicht gewesen wäre. Der Statthalter sagte: „Jene Studirenden der Wiener Universität, welche bedauerlicherweise an dem Gefühl des Patriotismus es haben ermangeln lassen, handeln in jugendlichem Uebermuthe und aus Mangel an Eriahrung. (Mit erhobener Stimme): Das ist nicht eigenes Gefühl, sondern fremdes, in sie künstlich hineingetragenes. Dieser Mangel an Patriotismus ist tief zu beklagen, aber wir dürfen uns nicht dadurch irremachen lassen. Auch mich hat das nicht irre gemacht, der ich in meiner amtlichen Stellung alle Vorgänge an der Universität zu verfolgen in der Lage war. Die durch fremdes Gefühl Verführten haben den Werlh ihres Vaterlandes erkannt, sobald sie in's praktische Leben getreten, und haben dann auch ihren patriotischen Gefühlen begeistert Ausdruck gegeben. Lassen Sie mich schließen mit den Worten: ..Der Oesterreicher hat ein Vaterland und liebt's und hat auch Ursache, es zu lieben." Die antisemitische Presse war geradezu perplex über diese Worte. Sie konnte ihre alte Taktik, die vielbewährte, diesmal nicht zur Anwendung bringen und — den Spieß umkehren, die ganze Enunciation als gegen die argen Liberalen gerichtet bezeichnen, denn diesmal war die vernichtende Kritik zu präcise, zu erschreckend deutlich abgefaßt. Sie ließ gar kein Mißverständniß zu — jede Verdrehung war absolut ausgeschlossen. Was thun? Das „Berganiblatt" war rasch gefaßt. Vor Allem bezweifelten es die von den Judenblättern gebrachte Meldung, zog den Wortlaut der Rede, den Hunderte gehört, selbst in Frage und hielt „eine amtliche Aufklärung dieser räthselhaften Worte für sehr e rw ü n sch t." Noch amtlicher? Noch aufklärender? Es war doch gerade amtlich und klar und deutlich genug! Das R ä t h s e l h a f t e ist allein die merkwürdig geartete Auffassung und Intelligenz der antisemitischen Schundblätter, die Alles, was ihnen nicht in den Kram Paßt — einfach nicht verstehen können. Es gibt ja auch eine Art von Tauben, die nur das ganz genau hören, was sie hören wollen — sonst sind sie stocktaub. Sie spielen in uralten Possen viel belachte Figuren. Ob aber die Antisemiten die dummen Kerle blos spielen? Die Psychiatrie erzählt von Narren, die sich verrückt stellen. Sollte es auch Dummköpfe geben, die sich dumm stellen, obgleich sie es gar nicht nöthig hätten? Die „Deutsche Zeitung" benützt die Gelegenheit, als Antisemitin zu debutiren und schreibt: „Wirmüssen gestehen, daß w ir d ief en Vorwurf nicht recht v er st e h e n. An Vaterlandsliebe fehlt es unserer deutschnationalen Studentenschaft nicht; aber Vaterlandsliebe ist nicht gleichbedeutend mit der Begeisterung für die herrschenden Zustände und Gestaltungen. Daß sich die deutschnationale Studentenschaft der Stammes-, Sprach- und Geistesgemeinschaft mit den übrigen Deutschen begeistert bewußt bleibt und diesem Bewußtsein Ausdruck gibt, das wird man ihr umsoweniger wehren und abgewöhnen können, als es die Studenten der anderen Nationalitäten in Oesterreich genau so halten. Für die erwähnte Stammes-, Sprach- und Geistesgemeinschaft ist übrigens die Thatsache ein schlagender Beweis, daß gestern ein deutscher Edelmann Hannol verscher Abstammung mit den Worten eines deutschen Dichters aus Schwaben den deutschen Studenten Wiens Vaterlandsliebe gepredigt hat." Nun zur zweiten Rede. Die geht aus einer anderen Tonart. Die. katholische Leo-Gesellschaft veranstaltet einen socialen Curs, der Vorträge über die sociale Frage enthält, an welche sich Discussionen knüpfen. Da ist denn auch der Dr. Lueger mit einer langen Rede gekommen und hat sich zum begeisterten Anwalt des Herrn — Santo Ca serio, des Präsidentenmörders, aufgeworfen! Wir haben oft und wiederholt darauf hingewiesen, wie nahe verwandt Antisemitismus und Anarchismus sind. Anfänglich wurden unsere Ausführungen ein wenig belächelt — nun