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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-10 · 32 (10.8.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
32 (10.8.1894)
Date
1894-08-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 610 Wrstrrreichiptzr Wochrnk'chrM Nr. 32 Braus dahinschwelgte. Die Rechnung für Flaschenbier ist nächst der des Herrn Zuleger ein Hauptposten der Crida-Jnventur. Als nun die Herren Gläubiger und Gesinnungsgenossen dringlich wurden und ihm hart zusetztcn mit Pfändungen und Klagen — da griff er mit frevler Hand nach dem Gelde der Aermsten, nach dem Lebensunterhalt der Witwe, nach der Barschaft der armen Waise — —. Was kümmerte es ihn, wenn vater- und mutterlose Kinder den Sparpfennig, welcher ihre Zukunft, ihre Existenz verbürgte, verloren? Er war ja Antisemit und hatte als solcher alles menschliche Fühlen, alles Mitleid verlernt. Ob darbende Frauen, des Ernährers beraubt, hilf- und mittellos in der Welt standen oder nicht, das war ihm ziemlich egal, — den blutigen Schweiß der Aermsten, die Sparpfennige der Bedauernswerthesten, erdarbt und unter Entbehrungen abgepreßt vom kärglichsten Hungersold — Pfarrer Scherzer ließ sie mitgehen, er war ja An ti s em it und das Gelübde der Armuth lag so weit hinter ihm, wie das — der Keuschheit, von dem wir lieber gar nicht reden wollen, weil wir den heiligen Stand, dem er angehörte, auch in diesem Mitgliede viel zu hoch ehren. Der Gehorsam gegen seine Oberen und gegen c>ie grundlegenden, erhabenen Lehren, die in allen Bekenntnissen gleich sind — es gibt nur eine Moral, wie es nur eine Geometrie gibt, sagt Voltaire, wenn auch Vergani eine Talmud-, Tarnopol- und Bergani-Moral behauptet, — sein Gehorsam war von derselben Sorte, wie seine Armuth und Keuschheit. „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst" ward ihm anbefohten und er wurde Antisemit, Antisemit mit Leib und Seele, ein Führer jener unseligen Partei, welche Haß, Verachtung und Aufreizung gegen Nebenmenschen systematisch predigt, welche ihre im Ebenbilde Gottes erschaffenen Brüder zu Menschen zweiter Kategorie erniedrigen möchte. Scherz er war ein ungehorsamer Sohn seiner Kirche, denn die Bischöfe verdammen den Antisemitismus als unchristlich, als unmenschlich und sündhaft — ja als den diametralen Gegensatz alles wahren Christenthums. Ein scandalöses Aergerniß hat dieser antisemitische Priester anstatt edler Lehre und nachstrebenswürdigen Beispieles seinen Pfarrkindern geboten. Es sei hier nicht des Breiteren erzählt, wie er eines Sonntags das Unrechte Evangelium vorlas — vermutlich spukte ihm eine neue Hetzrede gegen ruchlose Talmudjuden im Kopfe, die mcmorirt sein wollte; auch nicht, wie er alle Kinder zur Beichte befahl und inzwischen nach W i en zu Lu e ger, G eßm an n und Liechtenstein reiste, um in Parteiangelegenheiten zu conferiren — ebensowenig sei untersucht, welchen Wein und aus welchem Glase ihm Fräulein Marie, die Hälterin des Hauses, im Wirthshause ins Gesicht goß, als er mit einer anderen — sagen wir „Dame" nach ihren Begriffen zu weit ging. AL dies lassen wir vorläufig auf sich beruhen und wollen nur constatiren, daß es behauptet wurde und unwidersprochen blieb. Der Brief des Pfarrers Sch erzer an das Blatt, welches diese, Dinge ausführlichst brachte, enthält bittere Klagen gegen das „Deutsche Volksblatt" und die Partei, der er angehörte. Dem Behaupteten aber wird in keiner Weise entgegengetreten, nicht einmal der kleinste Versuch hiezu gemacht ... Die antisemitische Partei und ihr weitreichender Einfluß haben den Eooperator S ch e r z e r zum Pfarrer von Schrick befördert. Er verlangte mit dreister Stirne ein Mandat als Lohn für die geleistete Hetzarbeit, aber dazu schien den ,naßgebenden Factoren der heutige eifrigste Mitarbeiter des Szep fischen Tagblattes noch lange nicht vertrauenswürdig genug. Die kennen ihre Leute! Aber zum Pfarrer und Verweser von Armengeldern, dazu taugte er ihnen — dazu reichte seine Vertrauenswürdigkeit vollständig hin. Es war zudem die bequemste Manier, einen lästigen Dränger los zu werden. —S ch eize r klagt heute in bitteren Worten, wie ihn die Partei so schmählich im Stiche gelassen, wie kein Fürst in die geldstarrcnde Tasche gegriffen, um die lumpigen paar Tausender für ihn zu zahlen, ja noch mehr oder eigentlich noch weniger: — die Antisemiten stoßen ihn von sich, sie verleugnen ihn heute als den ihren, wie noch alle Spitzbuben ihren ungeschickten Genossen verleugnet haben, sie negiren seine führende Rolle in der Partei — das schmerzt den eitlen Mann, am 'allermeisten, der sich nun gar zu gern auf den Unglücklichen hinausspielen möchte. Wenn nur das „D. V." nicht gar so verächtlich geschrieben hätte: „Pfarrer Sckserzer hat sich allerdings vor Jahren bemüht, in der großen, christlich-socialen Partei Einfluß zu erlangen, was ihm aber nicht glückte. Wir erinnern hier nur daran, das; er sich vor Jahren cifrigst darum bewarb, ein Geineinderathsmandat zu erhalten, daß aber die christlich-sociale Parteileitung dieses Ansinnen ihm rundweg verweigerte. Damals hätte bereits Pfarrer Scher zer zu erkennen vermögen, daß die Christlich-Socialen ihm den Sessel vor die Thüre stellten. Einfluß hat Sch erzer in der Partei nie gehabt, wenn man ihn ab« dessenungeachtet duldete, so geschah dies eben aus Rücksicht für seinen heiligen Stand." Trösten Sie sich Herr Sch erzer, „die Marie" bleibt ihnen, wenn auch alle einstigen Freunde von Ihnen abfallen. Sie hat vermuthlich ihre Gründe dazu, „die Marie", die wir zartfühlend nicht weiter untersuchen wollen. „In Amerika heiratet er mich, „der Scherze r", meinte „die M a r ie", dort kennt ihn Niemand". Nennt er sich vielleicht deshalb einen Unglücklichen?? Eine zu temperamentvolle Gattin ist ja zuweilen ein Unglück und das Glas Wein ins Gesicht läßt auf mancherlei Zukunftsmusik schließen. Vielleicht ist gerade „dieMarie", zukünftige Frau S ch erzer, das strafende Werkzeug in der Hand der Vorsehung. Sie wird ihn schon an seine Sünden zu erinnern wissen bei Tag und bei Nacht . . . Drollig geradezu ist die Haltung des edlen „Deutschen Volksblatt", das den liberalen Zeitungen mittelst Mundsperre verbieten möchte, aus den vorliegenden Thatscichen die entsprechenden Rückschlüsse auf die antisemitische Partei selbst zu ziehen: „Wir wissen nicht, ob und inwieweit die Mittheilnngen auf Wahrheit beruhen; aber angenommen auch, was würde nun rcsultiren? Zunächst die Thatsache, daß unter den Tausenden und Abertausende» glaubensuüd pflichttreuen Priestern — sich e i n unwürdiger befand, der das in ihm gesetzte Vertrauen in einer so schändlichen Weise mißbrauchte, daß er deshalb die Verachtung aller ehrlichen Leute verdient." Diese jammervollen Pharisäer, die das ganze liebe Jahr vom Geueralisiren leben, diese wurmstichigen Subjecte unterfertigen ja damit gedankenlos, wie sie schon einmal sind, ihr eigenes Todesurtheil. Ein vernichtenderes Pasquill gegen das „Deutsche Volksblatt" und das von ihm seit Jahren beliebte System hat keine gegnerische Feder je geleistet, auch die schärfste nicht. Der Schmierfink hat diesmal fein eigenes Rest beschmutzt. Das „Deutsche Volksblatt"^ möge nur getrost Herrn S ch e r z e r verleugnen, und umgekehrt — sie bleiben dennoch einander vollkommen würdig! P—s. Vom Jahrmarkt des Lebens. Vom Erzherzog Wilhelm. Derfo unvermuthet dahingeschiedene, ritterliche Prinz wird auch von den israelitischeil Unterthanen unseres verehrten Monarchen, welche seit jeher an allen Ereignissen im Kaiserhause den innigsten Antheil nahmen, lebhaft betrauert. Ihm galt der jüdische Soldat nicht weniger wie der christliche und gelegentlich des Balles der Einjährig-Freiwilligen wurde so mancher unserer jungen Freunde 'durch eine huldvolle Ansprache aus dem Munde des Hoch- und Deutschmeisters ausgezeichnet. Weniger bekannt dürfte die kleine Anekdote sein, die wir jetzt erzählen wollen, und welche so recht die Leutseligkeit und Güte des dahingeschiedenen Erzherzogs beleuchtet. In Baden strich ein junger Amateurphotograph, Herr Strauß, mit seinem Apparate auf Feldern und Auen umher, um allerlei Aufnahmen zu machen. Einmal tritt ein höherer Osficier zu ihm und fragt ihn, ob er nicht auch ausgenommen werden könnte. Gerne willfahrte der junge Mann dem Ansuchen — so ein Amateurphotograph ist ja immer froh, wenn er wen vor das Objectiv bringen kann — und mit eins, zwei drei war die Sache in Ordnung. „Wohin darf ich die Bilder bringen?" „„In die Villa Erzherzog Wilhelm."" — Tableau!! Herr Strauß überbrachte die Bilder, die ganz nett ausgefallen

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