Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Veflerreichiptzr wmtzenptzrM Seite 609 gehen und zehnmal wiederkommen, ehe sie sich entschließen, ihren Real hineinzuwerfen. Und haben sie einem verdienstvollen Manne, der sechsmal sechs Jahre ihnen gedient und dem ihre Narrheiten die Ohren durchbohren, endlich ein Stück Brot bewilligt, das ihre Junker unter den T i s ch w e r f e n, so ist Alles zu wenig, was er ihnen thun muß, und jeder Bube ist sein Richter. Ich höre meine Brüder oft klagen, daß sie unverdient zurückgesetzt werden. „Euch, erwiderte ich dann, geschieht nach Eurem Thun. Wie selten ehrt ihr Euch untereinander und wie oft wird der j ü d i s ch e Weise aus Euren Kreisen verbannt, dien urden Gecken und den Betitelten offen st ehe n. Habeich doch in A n* dalusien reiche Juden gekannt, in deren Häusern nie ein Glaubensgenosse gesehen wurde, den nicht sein Geld geadelt; Mönche, Imams und Beamte, T a n z m e i st e r, H o f l i tferauten ititb Spaßmacher, Inhaber von Menagerien und Liebhaber und Tellerlecker aller Farben und Nationen — aber kein jüdischer Gelehrter, kein Autor, kein Lehrer aus Israels altem Adel. Jam an scheut sich nicht, in Euren Häusern das Jüdischezu verhöhnen und zu verleugnen und gewahrt nicht, daß alles Menschliche, alles Sittlichesolchem Hauseden Rücken kehr t." Das Nachäffen der herrschenden Kirche war vornehmlich in Majorka auf einen unglaublichen. Grad gestiegen. Vor den christlichen Knechten durfte in vielen Häusern das Wort Jude gar nicht erwähnt werden. Nicht an Purim, wie die Schrift und die väterliche Gewohnheit lehrten, sondern an Weihnachten wurden Kinder und Erwachsene beschenkt; an Ostern lud man Gäste ein und aß köstliche Speisen, aber an dem Tage, der Israel frei gemacht von menschlicher Knechtschaft, sah es in den Zimmern aus wie an, einem Werk-, ja wie an einem Trauertage. Nicht minderen Nachtheil brachten in meinem Vaterlande diejenigen ihrer Religion, welche nur von ihr die Schale hüteten und pflegten, die edle Frucht von sich warfen. Die Salbung wohnte auf ihrer Zunge, in ihrem Herzen Tücke; sie schüttelten handwerksmäßig am Bußtag die Gebete ab, nicht die Laster. Das Jahr hindurch überlisten sie den Nächsten, ihm einen Gewin abzujagen, verleumden ihn, um ihm zu verdrängen, das eigene Haus füllen sie mit Gezänk und Flüchen, für andere haben sie Schmeichelworte, Unfriede herrscht zwischen Vater und Sohn, und gering geschätzt wird die Mutter von der gebildeten Tochter und in ihren Vußgebeten am Versöhnungswge ist nur das Sündenregister wahr, das sie unbußfertig zehnmal herbeten. Die schöne Aeußerung eines frommen Sinnes, sich Genüsse für Andere zu versagen, hat bei vielen, reichen Familien, des üppigen Sevilla namentlich, sich in ihr Gegentheil verwandelt: man vergißt Arme, Freunde, Verwandte, denkt weder an Lehrer noch an Schüler, hat keine Gabe für den Bedrängten, keine Aufmerksamkeit für den Leidenden, weil Zeit und Kräfte für das Genießen in Anspruch genommen sind. Die geräumigen Wohnungen, die kostbaren Möbel, die zahlreichen Festlichkeiten und Schmausereien, verbunden mit Vergnügungen aller Art, in und außer dem Hause, verringern die Muße, das Vermögen und die Menschenliebe zugleich. Da es nun unter den Juden keine verschiedenen bürgerlichen Stände mit bestimmten Lebensformen gibt und die einzelnen sich untereinander kennen, sich beneiden und miteinander wetteifern: so sucht Jeder in äußerem Aufwand dem Anderen so nah als möglich zu kommen, und ein Luxus, den nur die Begütertsten sich erlauben dürften, wird der Maßstab für das Hauswesen Vieler und zugleich ihr Verderben. Mit diesem üppigen Leben wuchsen leider auch die Selbstsucht auf, der Hochmuth, die Verachtung gegen die väterliche Lehre, die Gleichgiltigkeit gegen Israels Nöthen und Heiligthümer. Aber auch unter den eigentlichen Gelehrten, den Führern und Lehrern des Glaubens und der Lehre, den Verfassern von Büchern, waren die Zanksucht, die Eitelkeit, die Geldgierde nicht selten besser angebaut und gepflegt, als Gottesfurcht und Wissenschaft. Sie lernten, um angestellt zu werden, sie lehrten um des Gewinnes halber, ein Jeder begaffte sich selber und setzte den Collegen herunter; die Marktschreierei galt mehr, als das stille Verdienst, der schö.ne Prediger verdrängte den guten, der Schmeichler den redlichen Mann. Mit unnützen Spitzfindigkeiten wurden einfache Leute verunstaltet, blos um etwas Neues zu sagen, geistesarme Männlein schrieben Bücher, für Jedermann unbrauchbar, die sie den Gönnern ins Haus trugen für ein Goldstück zu ihrer Schmach und zur Schmach unseres Väterlichen Schriftthumes. Entsteht zwischen Familien und unter den Gemeinden Uneinigkeit, so unterhalten sie dieselbe, der Eine streitet für diese, der Andere für jene Partei, und dann schimpfen sie öffentlich auf einander und vermeiden Alles, was zum Frieden führen könnte. Roher noch als diese, erschien mir ein das Wiffen hassender halb gebildeter Pöbel; dünkelvolle Narren, die, neiderfüllt gegen Ruhm und echtes Verdienst, ernten möchten, was für diese gesäet ist; sie sehen die tüchtigen Gelehrten, die bei Königen Anerkennung finden, über die Schultern an, ganz wie der königliche Weise (Sp. 22. 29) es schildert. Auf ihrem Thun ist -die Welt gegründet, und was sie in den Schriften der Weisen nicht begreifen, das ist unnütz, was sie aber begreifen, das wußten sie längst. Und nicht bessere als solche begegneten mir in Portugal, eine Classe Halbgelehrter, die ein wenig hineingeblickt in verschiedene Bücher und ehe sie irgend etwas gelernt, sich in den Orden der Urtyeilsfähigkeit aufnehmen ließen. Was gerade in derzeit gilt, was Mode ist und viel besprochen, welcher Philosoph und welcher Autor eine zeitlang beschäftigt, dessen Fahne tragen sie, dessen Ausdrücke studiren sie ein und dessen Narrheiten posaunen sie aus. Daher schien es mir gut, auf die Lehren der Propheten und unserer alten Weisen zu hören: D emuth, Liebe und Tugend zu pflegen, Israel und seine Lehre vor Allem zu kleben und selbst mit den Fehlern unserer Brüder Nachsicht zu haben; möchten sie Alles nur aus wahrer Gottesfurcht unternehmen, nicht in weltlicher Eitelkeit! Könnte ich Jedermann lehren, seine Wünsche zu beschränken, zufrieden zu sein und der göttlichen Vorsehung zu vertrauen, gewiß würde so Vieles, was mich betrübt, allmälig erfreulicheren Gestaltungen Platz machen und unser Heil inniger mit dem allgemeinen menschlichen sich verschmelzen. Es sollte unsere Einsicht mit den Mißbräuchen des Lebens nicht zugleich das Heiligthum unserer Herzen zerstören, daß es uns nicht ergehe, wie jenen Philosophen in Catalonien, die am Tage der Prüfung von Unwissenden, von Frauen und Knaben in der Glaubenstreue beschämt wurden. Aber mich hält das verheißene Wort aufrecht; so groß ist die Macht jener Verheißung, so reich die Quelle, der unsere Hoffnungen entströmen, daß ich nicht verzweifle an der schönen Zukunft Israels, das seine Fehler erkennen und dem verziehen werden wird. Berlin, im Jahre 1845. Dr. L. Z u n z. Scherzer und Genossen. Wir haben in voriger Nummer die zwar traurige, aber doch wunderschöne Geschichte vom lustigen, antisemitischen Pfarrer von Schrick und seiner ebenso heiter veranlagten, feschen Haushälterin erzählt, eine Geschichte, in welcher nebst den Witwen- und Waisengeldern auch der Anstand und die priesterliche Würde vermißt werden. Pfarrer Scherzer war von Haus aus kein schlechter Mensch und feil e Verbrechernatur. Nur der unglückselige Antisemitismus, der ihn in seine fluchwürdigen Kreise zog, hat ihn verdorben, seine moralische Widerslandssähigkeit gebrochen, seine ethischen Grundsätze erschüttert, seinen Charakter von innen heraus angefault. Der Antisemitismus hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist — zu einem Gegenstände des Hohns oder der Schadenfreude, mit welchem auch nur das geringste Mitleid zu fühlen Jeder sich vor sich selber schämt. Dieser unwürdige Pfarrer und würdige Antisemit — er ist beute beides nicht mehr — hat mrr Dinge unternommen, die mit seinem heiligen Berufe im stricten Gegensatz und Widerspruch standen. Armuth, Keuschheit und Gehorsam fordert ein strenges, feierliches Gelübde von dem katholischen Priester. Wie hat Pfarrer Scherzer das seine gehalten? Die Armuth legte er so aus, daß er sich auf Kosten Anderer ein Wohlleben auf Puff verschaffte, in Saus und