Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Veite 608 Vestenrichiptze WochenschrM Nr. 32 gische Poesie überhaupt am liebsten hätten in die Lust fliegen lassen, um an deren Stelle ihre eigenen bleichsüchtigen, wässerigen deutschen Lieder zu setzen, die zwischen Leben und Sterben in schwebender Pein ein kümmerliches Dasein frifleten. Zunz hat bei seiner jeder Kritik standhaltenden Wissenschaftlichkeit sein Eingenommensein für das Judenthum, welches keine Voreineingenommenheit war, wie eine alte Liebe nie verleugnet, und während Andere, die sich an ihn lehnten, in dem Bestreben, auch der leisesten Apologie auszuweichen, die Quecksilbersäule ihrer Kritik und ihrer Betrachtung der jüdischen Literatur nie über den Gefrierpunkt hinausgelangen und deshalb auch den Leser kalt ließen, konnte Zunz dagegen bei Besprechung religiöser Fragen oder Beurtheilung abfälliger Aeußerungen über gewisse Gebiete der jüdischen Literatur aufrichtig warm werden und den Lesern warm machen. Nach Frankfurt a. M. schrieb er im Jahre 1840, als man dort die Beschneidung abschaffen wollte: „Ein Selbstmord ist keine Reform". In einem Briefe an Abraham Ge ig er kommt der Satz vor: „Das Schimpfen über den Talmud ist bereits das Kennzeichen des Renegaten." Und man lese nur, was er über die Tephillin schreibt, es dürfte in jedem Religionsbuche Platz finden. Diese Herzenswärme bei Zunz wird heute vielleicht nicht in dem Maße bewundert werden, wie sie bewundert zu werden verdient. Heute hat man uns wieder warm gemacht. Das ist die mechanische Wirkung der Friction, die wir auf allen Gebieten erfahren, aus welchen wir den Stoßballen der Anfeindung, der Mißgunst und des Neides bilden. Es ist guter Ton geworden, das Judenthum zu bekennen, wenn auch diese Wärme nur der Stubenwärme gleicht, die als Fensterschweiß an der Scheibe niederschlägt, als Wirkung der äußeren Kälte. Als aber Zunz schrieb und für die Cultur der Juden aufträt, da sah er den einen und anderen seiner Freunde und Mitarbeiter, wie Eduard Gans und Heinrich Heine — halb zog es sie, halb sanken sie hin — abfallen und sich taufen lassen, Andere, wie David F r i e d l ä nd e r und die ihm verwandten „Hausväter" boten ihre Taufe auf Gnade oder Ungnade an, während die Zurückbleibenden mit sauertöpfischer Miene das Judenthum wie einen hektischen Kranken betrachteten, dessen Tod nur eine Frage der Zeit sei. Aus der Mitte dieser schwankenden und leider nicht einmal schwankenden Gestalten, ragt Zunz wie eine Granitsäule hervor, auf sich selber fußend und unverrückbar die Fluthen der Gesinnungs- und Charakterlosigkeit vornehm an sich vorüber rauschen lassend, ein anderer Noah, der die Arche der jüdischen Wiffenschast auf den sicheren Grund leitete, von welchem sie nicht mehr verdrängt werden wird. Und unter welchen Kümmernissen und bedrückenden Sorgen um das tägliche Brot hat dieser Mann seinem Ideale, seiner Ueberzeugung, seiner Bestimmung Wort gehalten und seine Lebensarbeit vollbracht. Erst kürzlich ist eine Publication erschienen, welche aus den eigenen Ausschreibungen Zunz' seine Leiden und Kämpfe ins Licht stellt. Der Jammer des Judenthums jener Tage faßt Einen an bei der Lectüre dieser lesenswerthen Schrift und man wird dabei an das Epigramm Kästner's auf den Astronomen Keppler erinnert: „So hoch war noch kein Sterblicher gestiegen — Wie Kepp ler stieg, und starb den Hungertod — Er wußte nur die Geister zu vergnügen — D'rum ließen ihn die Leiber ohne Brot". Ganz dazu ist es freilich bei Zunz nicht gekommen, aber doch nahe daran, und man empfängt den schmerzlichsten Eindruck, wenn man liest, wie er den ersten Vor, steher der Berliner Gemeinde wegen einiger ihm zugesagter Thaler mahnen muß, und es überhaupt zu einer irgendwie auskömmlichen Stellung innerhalb dieses großen Gemeinwesens lange Zeit nicht bringen kann. Dennoch kommt kein böses, bitteres Wort über seine Lippen. Z u n z ist insofern ein für alle Zeiten nachahmungswürdiges Beispiel der Resignation und des Idealismus, das auch dem heutigen Geschlechte ins Gewissen reden kann. Etwas besser ist es ja geworden, aber unsere reichen Glaubensgenossen haben noch immer für alles Andere eher Geld, als für die jüdische Wissenschaft und für jüdische Gelehrte. Möge das Andenken an Leopold Z u nin dieser Richtung, wie nach so mancher anderen bessernd und belehrend wirken. Karlsbad, im Juli 1894. Dr. M. G üd e m a nn. Leopold Zun; an unser heutiges Geschlecht. In Busch’s Jahrbuch publicirte Leopold Zunz nachstehenden Aufsatz: Seit den heiligen Propheten hat es nicht an Männern gefehlt, die Israel seine Fehler vorhielten. Es ist dies ein göttliches Gebot, dem keiner, der Beruf hat, sich entziehen soll. Aber es darf nicht mit Haß und Dünkel, , es muß aus Liebe, mit Sch merzen, es muß mit der Ueberzeugung geschehen, daß die Juden darum nicht schlechter als andere Nationen sind, die oft an noch schlimmeren Gebrechen leiden. Es bleibe vielmehr ein schönes Zeugniß für das Judenthum, daß es niemals seine Bekenner hat in der Irre gehen lassen, daß wir in seinen Lehren stets die Mittel und den Muth zum Zurechtweisen gesunden. In den Strasreden eines jüdischen Lehrers, der vor vier- bis fünfhundert Jahren in Spanien gelebt, sah ich so Manches, was auch in unserer Zeit mit Nutzen gesagt sein kann; so gönne man folgenden seiner Worte ein aufmerksames Ohr, ein williges Herz! Es spricht Salomo: Wie mancher Große, der Gnade bei den Fürsten gefunden, und mit Würden ausgezeichnet, mit Aemtern betraut wurde, hat in seinem Reichthum und Glanz die Demuth vergessen und das allgemeine Elend! Israel gedachte nicht mehr seines Herrn, baute sich Paläste, hielt sich kostbare Wagen und theure Pferde, kleidete sich in prachtvolles Gewand und die Frauen dieser Vorsteher und Beamten trugen sich wie Fürstinnen, konnten nicht genug zur Schau stellen des Goldes, der Perlen und Edelsteine. Nun wurden sie auch des Lernens und des Arbeitens überdrüssig und ihre Jugend fröhnte dem Müßiggänge, der Spottlust, der Herrschsucht. Gesetz und Weisheit, die sie als das Unterpfand ihres Heiles von den Vätern geerbt, wurden in den Winkel geworfen; Jederjagte nachAemtern. Gegen die Schwachen aber und die Armen in ihrer Mitte übten sie Tyrannerei und Gewaltthat; die Abgaben suchten sie von sich ab und auf die Mittelclaffe zu werfen, so daß man sie selbst am Hose verachtete und es schwer ward, das Mißtrauen gegen einen Juden bei den Mächtigen zu überwinden. Ueberhaupt aber vermisse ich Gemeingeistund einen über den eigenen Bortheil hinwegschauenden Sinn bei den meisten meiner Glaubensgenossen; statt der Eintracht, die ein solcher Sinn erzeugen würde, gewahre ich nichts als unauslöschliche Zänkereien^ statt eines sittlichen Eifers, glühend für die Ehre der Religion und die Wohlfahrt der Zerstreuten und Gedrückten, die nackte Selbstsucht. Umgeben von dem bittersten Leid der Verfolgung, stellen sie sich wie Nichtjuden, um einen minutenlangen Sonnenblick zu erhaschen. Die reichen und vornehmen Juden füttern ihre Weisen und Gelehrten mit Brot und Wasser mit dem Schweiß der Mühsal und mit den Thränen der Kränkung; Bettler und Lehrer ist bei uns gleichbedeutend geworden. So wird das Volk großgezogen mit der Verachtung seiner Weisen. Siehst du dich nun in einem Gotteshause um, wo ein Lehrer predigt, dann findest du die reichen Leute schlafen, die Mittelleute schwatzen, die Knaben auf dem Borhofe lärmen, und sollte es einem Prediger einfallen, ins Gewissen zu reden, so wird es fast noch ärger. In diesem Punkte können wir viel von denen lernen, in deren Mitte wir leben, allein zum Lernen scheinen wir zu stolz und zu träge zu sein. Darum machen auch so viele unter uns ein so starkes Geräusch von ihren schwachen Gaben, die sie milde nennen, sie beweinen am Sonntag, was sie am Sabbath gelobt und lassen die Büchsenvorsteher zehnmal