Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 32 (10.8.1894)
- Date
- 1894-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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: jJLp.L - v-i!<1 i.^*4--.-k-;...?»>.£ -i -ir Mr. 32. WieN) 10. August 1894. Jahrgang XI. Crntralorgan für die gessmmten Interessen des Iudenthums. «- m= K. ft. Poyfp srratftn-Amt Clrsringverkrhr Nr. 810.976. Ledsrlion und Administration: Wien Franr Jostfs-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. *= ierausgrber: Reichsralhs-Adgeordneter Dr. Bloch. -'H1 - Erscheint jeden Freitag. *?»* 'H1 Matt adonnirt bei allen Postanstalten des In- und Auslandes. # BEjugapreia für Srsterre Halbjährig 4 fl. — S Sit. Einzelexemplare 85 fr. . Für'» Ausland: halbjährig S fl. — 10 Kr. ganzjährig!0 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete;j Petitzeile 12 fr. Inhalt: Leitartikel : Zum hundertsten Geburtstage von Leopold Zunz. — Leopold Zunz au unser heutiges Geschlecht. — Scherzer und Genossen. — Bvm Jahnuarlte des Lebens. — Tie Kompseswcise unser Feinde. — Die Erzlügner der „Reichspvst". — Arische Sittenreinheit. — Das Schächtverbot. — Antisemitische Unarten. — Kielmannsegg und Lueger. — Die Juden itt Mormaros- — Die Juden im Zeitalter der Emdeckungen. — Eorres Pondenzen: Wien, Lemberg, Berlin, Münstereifel, Wankesha, Wisconsin (Amerika). — Bermischtes: Wien, Baden, Floridsdorf, Brünn, Bndweis, Zloczow, Sianislau, Sereih, Goltsch- Jenikau, Eschmege. — Feuilleton: Im stillen Städtchen. — Veni, Vidi, Vici. — Literatur.— Brieskchen.— Inserate. Zum hundertsten Geburtstage von Leopold Zun;. Am IO. August d. I. werden es hundert Jahre, daß Leopold Zunz, gesegneten Andenkens, das Licht der Welt erblickte. Das Wort unserer Weisen, daß Gott dem Jndenthume wie der Menschheit überhaupt eine neue Sonne in der Person eines durch Geistesgröße und Sittlichkeit hervorragenden Mannes aufgehen lasse, noch bevor die andere untergegangen, hat sich auch an Leopold Zunz erfüllt. Wenige Jahre waren seit dem Tode Moses Mendelssohn's dahingegangen, noch lebten Viele, die ihn gekannt, noch trauerten die Juden über seinen Verlust und fingen erst an, seine Bedeutung zu begreifen, da wurde indem kleinen Städtchen D e t m o l d Leopold Zunz geboren, welcher die von M end elsso h n ausgegangene Anregung für die Behandlung der jüdischen Geschichte und Literatur fruchtbar machen und zu allererst eine jüdische Wissenschaft begründen sollte. Die Erscheinungen innerhalb der christlichen Welt spiegeln sich immer in der jüdischen wieder. Das hat schon im 13. Jahrhundert Rabbi Jehuda, der Fromme aus Regensburg, bemerkt. Es gilt nicht minder auch heute, wie zu allen Zeiten. Wie Kant durch seinen Kriticismus der Forschung auf allen Gebieten des Wissens eine neue Richtung gab und wie insbesondere in Folge dieses Anstoßes Ni ebuhr die Kritik in die Geschichtsforschung einführte, so ist auch Mendelssohn für das Judenthum richtunggebend gewesen, und was der genannte Historiker für die allgemeine Geschichtsbetrachtung bedeutet, das wurde Zunz durch Mendelssohn für die jüdische Geschichte und Literaturgeschichte. Er hat beide erst geschaffen, aber seine Arbeiten sogleich in derjenigen Vollendung ausgeführt, daß sie noch heute nicht übertroffen, noch heute unerschöpfliche Fundgruben für den Gelehrten sind und sich jenen stauäarä norks der verschiedenen Literaturen anreihen, denen der Stempel der Elassicität für alle Zeiten ausgeprägt ist. Seine „Gottesdienstliche Vorträge der Juden" beleuchteten das weste Gebiet des Midrasch, „Die Ritus" zeigten die Gestaltung der Liturgie in der Zerstreuung, seine „Jüdische Geschichte und Literatur" verbreitete Licht über das Lehrwesen im Mittelalter, über jüdische Typographie u. s. w., während andere große Werke ein Museum oder Pantheon liturgischer Poesien und Poeten wurden. Es ist kaum zu fassen, wie Zunz | ohne Vorgänger es vermochte, das ganze Gebiet des Judenthums wissenschaftlich zu durchforschen und darzustellen, und man muß sich sagen, daß de Vorsehung ihn dazu erkoren hatte, im Beginne einer neuen Zeit das Inventar der alten auszunehmen, zu sichten und künftigen Geschlechtern als ein theures Erbe zu übergeben. Ganz ohne Mitarbeiter ist allerdings Zunz bei seiner encyklopädischen Bearbeitung des Judenthums nicht gewesen, er selbst rühmt als solche Krochmal und Rap op ort, aber das Meiste, die Verarbeitung des Stoffes,, die Aufstellung der großen Gesichtspunkte und vor Allem die Darstellung ist sein eigenes unsterbliches Verdienst. Die Bibliotheken und die Friedhöfe mußten ihm ihre Geheimnisse verrathen, die Numismatik und die Geographie stellteer in seinen Dienst, und während er in die dunkelsten Gänge der Vorzeit mit dem Lichte der Wissenschaft hineinleuchtete, ließ er es sich andererseits angelegen sein, den Schutt von Jrrthümern, Verkennungen und Entstellungen wegzuräumen, womit christliche Gelehrte diese Gänge verschüttet und unwegsam gemacht hatten. Mit diesem Hinweise auf die Championdienste, die er der jüdischen Literatur leistete, indem er die Absprechung christlicher Gelehrter über die literarischen Erzeugnisse der Rabbinen als das Product einer oft au das Lächerliche grenzenden Unwissenheit aufdeckte, berühren wir den innersten Kern seines Wesens und Wirkens, welchen die glühendste Liebe zum Judenthum bildete. Diese bricht oft aus der Oberfläche seines ruhigen, sachlichen, gemessenen Styls mit elementarer Gewalt hervor, sei es in Gestalt eines bitteren Aperous ^ber die Verfolger der Juden, sei es als beißender Witz über die Naseweisheit eines christlichen Gelehrten, die sich als Weisheit geberdet, sei es endlich als begeisterte, bis zur Schwärmerei gesteigerte Schilderung einer literarischen Erscheinung der rabbinischen Literatur. Man lese nur, wie er irgendwo — ich habe die Werke nicht zur Hand — Elieser Kalir, den Dichter so vieler Festgebete, und dessen kunstvolle Handhabung der hebräischen Sprache beschreibt. In ein paar markigen, gemeißelten Sätzen schildert er ihn wie einen Herkules, der Felsen durch mächtige Fluthen trägt, und diese begeisterte Schilderung schrieb Zunz zu einer Zeit, wo die auftauchenden Leuchten des so- ' genannten Reformjudenthums den ganzen Kalir und die litur-