Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 31 Vestrrreirhiphe WochrnschrM Seite 605 Häusern wohnt, die bei einer Erderschütterung doch nicht so leicht in's Schwanken gerathen, denn sonst wäre die Anzahl der Opfer noch größer gewesen. Auch im nahen B r u s s a wurden einige Juden durch das Erdbeben hart mitgenommen. Singapore, 12. Juni. Der Gouverneur hat Herrn August Hüttenbach in den gesetzgebenden Rath der Slraits Settlements berufen. Herr Hüttenbach stammt aus Worms und ist der Sohn des sel. Salomon Hattenbach, des Begründers des eisernen Stockes bei dem Wormser israelitischen Armenunterstützungs-Verein. Feuilleton. Im stillen Städtchen. Ein russisches Sillenbild von N. Nanmow. — Frei übersetzt von Louise Fokschaner. (Fortsetzung.) - (Nachdruck verboten.) IV. Ich wollte Schloime das ungünstige Resultat nicht mit. theilen und deshalb suchte ich ihn auch nicht auf. Im Geiste sah ich sein trauriges Gesicht bei der Botschaft, auf dem ohne Zweifel zwischen den Furchen der Stirne zu lesen sein würde: „Jetzt muß ich neuerdings meine sieben Sachen nehmen und weitergehen! Ich wollte ihn aber doch sehen und so mußte ich den Abend abwarten — es war Freitag — und da hoffte ich ihn in der Synagoge, wohin zu kommen er mich so eindringlich eingeladen hatte, treffen zu können Der Abend rückte heran. Die jüdischen Kaufläden wurden einer nach dem andern geschloffen. Die Händler, die gegen ihren Willen erst später fertig wurden, drückten in Anwesenheit der Käufer ihre Ungeduld ans. Viele wollten sogar den Verkauf einstellen. Im Laufe einer halben Stunde waren alle Läden gesperrt, die Tischchen abgeräumt und die Juden eilten geschäftig durch die Gassen, als würde man ihnen nachjagen. Am Firmament zeigte sich ein Stern, den der Synagogendiener schon längst zu erwarten schien; dieser nahm ein Prise aus der Dose, nießte Mit besonderem Behagen und verschwand in der Synagoge, welche nach wenigen Minuten im Kerzenschein erglänzte und sich mit Gemeindemitgliedern zu füllen begann. Die Synagoge, das beste Gebäude im jüdischen Theil des Ortes, war ein Steinhaus mit einem Blechdach und von Akazien umgeben. Es sah von' seiner Anhöhe mit stummem Mitleid auf die ringsherum zerstreut liegenden ärmlichen jüdischen Häuschen herab, seine Flammen leuchteten über dem dunklen Oertchen und schienen dasselbe unverwandt und gravitätisch zu betrachten. Während die stolze Synagoge sich nach und nach belebte, ward das Geräusch der Stimmen im Orte stiller und stiller. Es schien, daß aller Kummer, alle stillen Klagen und unterdrückten Seufzer der ganzen Woche Vorbereitungen trafen, sich zu einer mächtigen Symphonie zu vereinen, die aus diesem triumphirenden, imposanten Gebäude zum Himmel emporsteigen werde. . . Neue Sterne zeigten sich, bläulich senkte sich die Nacht herab. . . Ich stand auf der Straße und beobachtete die zum Gebet Kommenden. Auf allen Gesichtern war das Streben nach etwas Höherem und die Erwartung des freudigen Ereignisses bemerkbar — kein einziger Unterdrückter, kein einziger Unglücklicher! Chaim Beer, im schwarzen Rock, eilte mit gekämmten Barte, hinter ihm her trug ein Knabe sein Gebetbuch und den Talles (Gebetmantel) nach. Dort gehen andere Juden in würdevoller Haltung, sie haben die Maske der Unterwürfigkeit abgelegt, sind zufrieden, heiter und selbstbewußt. Im Corridor der Synagoge hörte man ein Hin- und Hergehen — dort wuschen sich dem Gebrauche gemäß die Ankommenden die Hände und schritten mit einem kurzen Gebetsspruch über die Schwelle. Ich trat auch ein. Der Synagogendiener ging zwischen den Reihen der Bänke umher und legte die Gebetbücher auf; er blieb ab und zu stehen, nahm mit zwei Fingern eine Prise, führte sie zur Nase und nießte. Ich bemerkte, daß er unterwürfig auf Schloime, der in der ersten Reihe saß, zuging, ihm die Tabaksdose hinhielt und ihm auch eine Prise anbot. Die Eintretenden beeilten sich, auf ihre Plätze zu gelangen. Der Diener schlug ein zweitesmal auf den Tisch. Der junge Schächter, der das Amt des Cantors ausübte, ging, angethan mit dem Talles, zu seinem Tisch. „Kommt, loben wir den Herrn!" stimmte er an. „Kommt, loben wir den Herrn!" . . . wiederholten Alle und die Synagoge erklang von unzähligen Stimmen. Ein Strahl der Heiterkeit erhellte die Gesichter der Betenden; selbst die der hohlwangigen, gedrückten Orchim (herumwandernde Bettler) wurden von diesem Strahl erhellt. . . Der Cantor kam nun zu dem Gebet, das „den Geliebten zur Begegnung mit seiner Braut (Sabbath) einladet" — die Melodie fing nun an, mehr und mehr lebendig zu werden, die Bewegungen wurden erregter, die Stimme freudiger und Heller. Man fühlte, daß über die ganze Versammlung sich etwas unendlich Bedeutendes und Freudiges ausbreitet. . . . Sabbath, der heilige Sabbath! Sechs Tage des Seufzens und der Demüthigungen! Sechs Tage ist man Jtzki oder Moschki oder Schmulki; sechs Tage schachern, die Groschen unter Schlägen erwerben trockenes Brot mit Zwiebel essen, sich erniedrigen, als Vogelscheuche dienen — nur der Sabbath hegt und pflegt und beruhigt sie mit seiner ganzen heilenden Kraft. An diesem Tage dürfen sie an Geschäfte selbst nicht denken. Das ist der Tag der Erhebung und Ruhe, ein Tag von der Religion geweiht, geheiligt und von ihr mit der größten Strenge gewahrt, ein Tag, der in dem schwer gedrückten Juden des mühsamen kleinlichen Werkeltages den Menschen mit seinem ewigen Streben zum Himmel aufrecht hält. Am Sonnabend verwandelt sich jeder Jude in einen Fürsten. Das beste Stück Fleisch, das beste Kleid bewahrt man für Sonnabend, den Tag, an dem er alles Ungemach vergißt und geistige Nahrung empfängt; das erhebt ihn und er ist nicht mehr Jtzki, Moschki, Schmnlki, sondern Reb Jtzchok, Reb Moische. Reb Schmuel. Weder ein Gläubiger, noch irgend eine freche Fratze, weder eine Strafe für unerlaubte Geschäfte, noch Spott oder Armuth, noch auch der Jnspector selbst, vor dem er im Käppchen steht und der sich über sein Aussehen belustigt — können ihn an diesem Tage erschrecken. Wenn beispielsweise Lawrenti Ardalionowitsch selbst in Person heute zu Schloime käme, um ihn zu hänseln — Reb L-chloime würde ihm nicht mit dem verkümmerten, unterwürfigen Lächeln entgegenkommen, sondern sich mit Verachtung für seine Spötteleien und die Armseligkeit ihres Inhaltes, abwenden. . . Hier preisten Tausende von Engeln mit Schloime den heiligen Sabbath, der Zabaoth selbst feiert ihn mit - - und der Jnspector droht in solchen Augenblicken mit einem Protokoll! Schloime fühlt einen neuen Vorrath an Kräften in sich. . . Woher hat er diese würdige Haltung, die ruhigen, gewichtigen Gesten heute? Das bewirkt der Sabbath — Israels Freude, sein Fest, seine Stütze und die Quelle seiner Kraft! Darum ist in den Augen eines rechtgläubigen Juden die Entweihung des Sabbathes eine größere Sünde, als andere religiöse Vergehen. Die große, dunkle Menge fühlt mit dem Jnstinct der Massen-Selbsterhaltung, daß sie der strengen Heiligung des Sabbathes die unglaubliche Ausdauer dankt, die in den schweren Tagen ihrer Geschichte das Menschenbewußtsein in diesem gehetzten unterdrückten Paria erhalten hal! „Gut' Schabbes!" „Gut' Schabbes, gut' Jahr!" hörte man nun von allen Seiten grüßen. Der Synagogendiener unterbrach die dann eingelrelene Stille mit zwei Schlägen auf das Gebetbuch und rief: „Nehmen Sie die Orchim mit sich!" Die Armen wurden von verschiedenen Seiten zum Abendbrot eingeladen; der Aelteste von ihnen wurde mit einer Einladung des Schloime beehrt, der ihn mit einem Kopfnicken zu sich rief. Man verließ gruppenweise die Synagoge, Schloime, Chaim Beer, der Cantor und der Diener bildeten eine Gruppe, welcher die Eingeladenen folgten. „Gut' Schabbes Reb Schloime!" begrüßte ich ihn. „Gut' Schabbes, gut' Jahr für Sie und alle Juden!" erwiderte er selig lächelnd und fuhr fort, die Gebetweisen halblaut für sich zu singen. Man ließ ihm den Vortritt, die Andern folgten. Chaim Beer und der Cantor wetteiferten im Wunsche mit Schloime in einer Reihe zu gehen.