Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 602 Veyerretchlfchr Wochenschrift Nr. 31 zahlreiche Gäste eingefunden: der Vice-Präses des k. k. Bezirksschulrathes, geistlicher Canonicus Stanislaus Grom nicki, die Mitglieder des Bezirksschulrathes, griech.°kath. Dechant Julian L e w i c k i, Probst Theodor T e l o k o r s k i und Bürgermeister Bernhard Stern. Mit staunenswerther Schlagfertigkeit beantworteten die Schulkinder aus allen fünf Abtheilungen die an sie gestellten Fragen in reiner polnischer und ruthenischer Sprache. Besonders zeichneten sich die Schüler aus der vierten Classe aus. Die Mitglieder des Bezirksschulrathes überzeugten sich von der Ersprießlichkeit der Baron Hirsch'schen Stiftungsschule, von der Tüchtigkeit der Lehrkräfte und von der Wohlthat des edlen Stifters. Wir erlauben uns noch zu bemerken, daß der geistliche Canonicus den jüdischen Religionsunterricht in allen fünf Abtheilungen mit der größten Aufmerksamkeit verfolgte und erstaunt war von der Gediegenheit des Unterrichtes. Am Schlüsse wurde dem edlen Stifter der Schule und den Mitgliedern des Bezirksschulrathes von den Schulkindern ein »Mnohaja lita« gesungen, allen Lehrern, insbesondere dem Director Herrn Joachim Langer der Dank ausgedrückt und der Canonicus G r o m n i c k i sagte, sichtlich gerührt, zu den Schulkindern: „Der Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs segne Euch!" Von den angemeldeten 26 Schülern aus der vierten Classe wurde kein einziger bei der Aufnahme ins Gymnasium-zurückgewiesen, für die übrigen 26 Schüler aus der vierten Classe dagegen wird die Stiftung sorgen, um dieselben zu tüchtigen Handwerkern heranzuziehen. Budapest. (Das israelitische Landes-Taubstummeninstitu t) hat an die Rabbinate in der Provinz ein Rundschreiben gerichtet, in welchem mit Hinweis auf die eminent philanthropische und kulturelle Mission der Anstalt gebeten wird, Sammlungen zu veranstalten, um die materiellen Mittel zu beschaffen, welche es ermöglichen, daß alle jene Unglücklichen, welche die Aufnahme in die Anstalt anstreben, auch ausgenommen werden können. Wir zweifeln nicht daran, daß das Rundschreiben der in jeder Hinsicht musterhaft geleiteten Anstalt auch den wünschenswerthen Erfolg haben wird. Berlin. Unter dem Titel: „Wie das „Volk" arbeitet", bringt das „B erliner Tageblatt" folgende Notiz : Die konservativ - antisemitische Zeitung „Volk", das Organ des ehemaligen Hofpredigers Stö cker, veröffentlicht in seiner gestern Abend ausgegebenen Nummer folgende Notiz: „Die hier an der Cholera erkrankte Frau ist die Frau eines Kaufmannes N. in der Jägerstraße 6; sie hat zugegeben, daß sie beim Pasiiren der russischen Grenze die angeordnete ärztliche Untersuchung zu umgehen (!) gewußt hat. So melden liberale Blätter. Warum wird aber nun wohl der Name dieser schlauen Dame nur so zart angedeutet? Die Erklärung gibt der Wohüungsanzeiger: Der Kaufmann N. ist nämlich darnach der Bankier Nathansohn!" Die nichtswükdige und verlogene Art, in der das fromme Blatt einen tieftraurigen Vorgang für seine niedrigen Zwecke benutzt, kann kaum noch überraschen. Seit vorgestern ist es in allen Redactionen bekannt, daß die erkrankte Frau die Gattin des Jägerstraße 6 wohnenden Kaufmanns Stirtz ist. Und wenn dem „Volk" diese Kunde nicht gekommen war, so hätte es sie aus den gestrigen Morgenblättern entnehmen müssen, in denen der Name der erkrankten Frau genannt war. Das „Volk" aber sucht sich aus dem Adreßbruch einfach einen jüdischen Namen heraus und dichtet ihn der unglücklichen Kranken an, um die Freude zu haben, den Juden eine Niederträchtigkeit anhängen zu können. Es war übrigens in keinem Blatte von einer „Frau N." die Rede, das „Volk" hat sich das lediglich zurechtgelegt, um den Namen „Nathansohn" heranzerren zu können. — Sv arbeitet man für Deutschthum und christliche Tugend. Berlin. Die „Hallische Reform", das antisemitische Organ für Halle a. S. und den Saalkreis, brachte in ihrer Nummer vom 23. Juni d. I. folgende Notiz: Halle. Wandert man durch die Hauptstraßen der Stadt, so muß man sich wundern, woher die jüdischen Geschäfte alle „Reste" herbekommen. Etliche Schaufenster sind ausschließlich decorirt mit Kleiderstoffen — Reste ( . . . Meter . . . Mk.) —. Daß nicht alle Frauen auf den Leim gehen, beweist das Gespräch zweier Frauen vor einem solchen Fenster in der Ulrichstraße, wobei die eine Frau sagte: „die B. . . . e schneidet erst so viel Meter vom Stück ab, dann legt sie es in's Fenster als Rest, wenn man es gekauft hat. ist die Meterzahl zum Kleise für Frauen zu wenig, für Kinder aber zu viel. Ans solchen Schwindel falle ich nicht wieder rein." Wie ist es aber möglich, daß die Firma Julius Löwinberg in der Gr. Ulrichstraße 20 Reste von Teppichen. Vorlagen, Tischdecken u. s. w. dem Publicum durch Annonce anbieten kann? Derartige Waaren werden doch nicht zerschnitten und als Reste verkauft, in diesem Falle wären es ja nur Fetzen Stoff, welche wohl keine Verwendung fänden. Vielleicht kann uns ein Leser darüber Ausschluß geben. Dieselbe Nummer des Antisemitenblattes enthält im Inseratentheile folgende Annoncen: 1. 500 Reste in Wolle und Waschstosfen empfiehlt zu fabelhaft billigen Preisen Carl Wenkel, Leipzigerstraße. 2. Reste besonders preiswerth, C. Schwarzenberg er, Voststraße 9/10. 3. Reste für Blonsen und einzelne Kleider, Rudolf Niemauu Nachfolger, Leipzigerstraße 105. 4. Reste und Roben knappen Maßes für die Hälfte des reellen Werthes. Klüe und Rühlemann, Leipzigerstraße 97. Christlich-germanische „Reste" .... ja Bauer, das ist ganz etwas anderes! Berlin, 24. Juli. Zum Besten des Vereins für Kinder-Volksküchen fand gestern im Saale des Kacserhofes die angekündigte Vorstellung im Blindspiel des berühmten Schach- Meisters E. Laster statt. Vor Beginn des Spieles nahm der Berliner Schachmeister Th. v. Scheve das Wort, um, noch einer kurzen schachhistorischen Uebersicht der letzten Jahr-, zehnte auf das neueste wichtigste Schachereigniß hinzuweisen, auf die Niederlage des bisher unbesiegbaren S t e i n i tz durch unfern Landsmann, den 25jährigen E. Laster. Im Namen der Berliner Schachfreunde gratulirte er ihm herzlich zu seinem glänzende, Erfolge und heiße ihn hier sreundlichst willkommen. Hi rauf spielte Laster gleichzeitig vier Partien ohne Ansicht d 's Brettes. Hervorzuheben ist an dieser Leistung nicht sowohl die Anzahl der Partien (mehrere Meister, wie Zuckertort, P a u l s e n. B l a ck b u r n e rc. haben wiederholt zwölf bis fünfzehn Partien gleichzeitig geführt), als vielmehr der Umstand, daß Laste r's Gegner thatsächlich recht starke Spieler waren, sowie daß L a s k e r aus dem Gebiete des Blindspiels sich nur sebr selten versucht hat. Der Meister erledigte seine schwierige Aufgabe mit merkwürdiger Sicherheit, ohne auch nur einen Gedächtnißsehler zu begehen. Nach kaum zweieinhalbstündigem Kampfe hatte er in zwei Partien glänzend gesiegt und die beiden anderen zum Remis geführt. Nach Schluß des Spiels nahm der Vorsitzenditzdes Vereines für Kinder-Volksküchen. Herr Herrmann A b r a h a m, Gelegenheit, in herzlichen Worten den anwesenden Schachliebhabern seinen Dank dafür auszusprechen, daß sie durch ihr zahlreiches Erscheinen nicht nur ihr großes Interesse an dem Spiel bekundet, sondern auch zur Förderung der edlen, menschenfreundlichen Zwecke seines Vereines beigetragen hätten. Herr L a s k e r ist der Sohn des jüdischen Predigers in Königsberg in der Neumark. Paris, 18. Juli. Hier hat sich ein „6omite d'etuäes gonr remigration des israelites“ gebildet, welchem die Herren 6ranck Uabbin Z a d o c Kahn, Narcisse L e v e n, Bicepräsident der Alliance israelite, Elias Madeira, Generalkonsul von Nicaragua. E. M e y e r s o h n, Directionsmitglied der -Agence Havas und S. Reinach als Mitglieder angehören. Das Comite hat soeben ein Circular versendet, in welchem einflußreiche Glaubensgenossen in transatlantischen Erdtheilen über die geringsten Mißstände in den Orten ihres Aufenthaltes befragt werden; das Comitö will bestrebt sein, die aus der Beantwortung des Umsrage-Circulars sich ergebenden Mängel dort, wo sie vorhanden — wenn möglich — zu beseitigen oder ihnen für die Zukunft bei Neuansiedlungen von Juden aus dem Wege zu gehen. Auf diese Weise hofft man bald in den Besitz des Verzeichnisses derjenigen Orte zu gelangen, welche zur Ansiedelung für Juden am günstigsten erscheinen dürften. Mögen die humanen Bestrebungen und Bemühungen der edlen Männer, die uneigenützig hier nur das Wohl unserer verfolgten, heimatlosen Glaubensgenossen im Auge haben, von Erfolg gekrönt sein! London. In England hat die F r e m d e n b i l l, die Lord Salisbury zur Beschränkung der Einwanderung dem Oberhause vorgelegt, seitens des Premierministers Lord Roseb ery eine energische Ablehnung erfahren. Die Bill richtet sich gegen die Anarchisten und trifft die unglücklichen jüdischen Aus- Wanderer aus Rußland. Lord R o s e b er Y betonte in seiner Rede: Die Einwanderung sei viel größer gewesen zur Zeit, als Lord Salisbury sich am Ruder befunden habe. Damals regte sich der conservative Premierminister nicht. Niemals sei die Einwanderung geringer gewesen als jetzt . . . Die dahinzielenden Gesetze der Bereinigten Staaten hätten 1893 den Er-