Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 600 Vestrrretchlptzr IvochrnschrM Nr. 31 zu Protokoll genommen, da Ihnen als Zeugen kein Rechtsmittel zusteht; nur der Herr Staatsanwalt hat das Recht zur Berufung. — ©am: So? Nun, ich werde schon mein Recht finden, Herr Richter. Ich danke schön. Wien. (Ein Act unerhörter Brutalität.) Eine empörende Scene bat sich am 27. v. M. Früh um 9 Uhr Am Hof zugetragen. Der 60jährige in Währing, Czermakgasie Nr. 10 wohnhafte Hausirer Philipp Lazansky bot um diese Zeit dem bei dem Stellwagen-Unternehmer Z a l au d ek in Hernals in Diensten stehenden Conducteur des Stellwagens Nr. 600 Am Hof Waaren zum Verkaufe an. Der Conducteur erklärte ihm, daß er keine Waaren benöthige, und gab dieser Aeußerung dadurch noch einen eigenthümlichen Nachdruck, daß er dem Hausirer plötzlich zwei schallende Ohrfeigen versetzte. Voll Schrecken erhob der Hausirer seinen Stock, um sich gegen etwa noch folgende Mißhandlungen seitens des Conducteurs zu schützen. In diesem Augenblicke sprang der Kutscher des Stellwagens Nr. 600 hinzu und warf den alten Mann mit einer solchen Wucht zu Boden, daß der Attakirte laut stöhnend und jammernd liegen blieb. Auf das Wehklagen des so arg Mißhandelten hatten sich Hunderte von Menschen um ihn gesammelt, welche ihrer Entrüstung über die Brutalität der zwei Stellwagen-Bediensteten lauten Ausdruck gaben. Auf die Hilferufe des alten Hausirers kam dessen in der Nähe befindliche Gattin hinzu. Der so brutal behandelte Hausirer wurde unter Intervention eines Wachmannes in das Gebäude der Feuerwehr-Centrale Am Hof gebracht. Aerzte der rasch herbeigerufenen Rettungsgesellschaft leisteten dem Armen, der Hautabschürfungen in der Kreuzgegend und an den Oberschenkeln erlitten hatte, die erste Hilfe und brachten ihn in das Allgemeine Krankenhaus auf die Klinik des Professors Weinte ch n e r. Wie der stellvertretende Assistenzarzt der Frau des Attakirten mittheilte, ist die Gefahr einer Gehirnerschütterung nicht ausgeschlossen und dürfte der Hausirer Philipp L azansky etwa vierzehn Tage erwerbsunfähig sein. Gegen den Conducteur und den Kutscher wurde die Anzeige erstattet und werden sich selbe wegen ihrer unerhörten Brutalität vor Gericht zu verantworten haben. Prag. (Unsere Gleichberechtigung. — Der schweigende Mechanikus Schneider. — Kreuzerverein und Kreuzerverein.) Sie brachten vor Kurzem einen Bericht aus Mähren, der den Beweis erbrachte, daß die in den Staatsgrundgesetzen uns gewährleistete Gleichberechtigung so ausgelegt wird, daß wir Juden wohl alle Pflichten der Staatsbürger zu erfüllen haben, daß wir uns jedoch selbst bei der besten Qua- > lisication nicht mit Erfolg um .ein Amt melden dürfen, selbst wenn wir auf dieser Laufbahn uns auf viele Präterirungen gefaßt machen. Aber nicht nur bei der Finanzprocuratur, auch im Justizdienste wird den Juden der Zutritt zur Veamtenlaufbahn erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Herr Dr. Otto Bondy, Sohn des hiesigen Synagogenrabbiners. Herrn Dr. Philipp Bondy, hat mit Auszeichnung maturirt, war der erste von seinen Mitschülern mit den juridischen Studien fertig, wobei er nahezu alle Prüfungen, insbesondere die judicielle, mit Auszeichnung ablegte; seine Chefs, bei denen er als Gerichtspraktikant fungirte, haben ihm ein gutes Zeugniß ausgestellt; nichtsdestoweniger wurde er mit seinem Ansuchen um eine Auscultantenstelle abgewiesen. Ich glaube, daß alle solche Fälle öffentlich registrirt werden sollten, um den Beweis zu erbringen, daß jüdischen Juristen nach jahrelangem Studium die Beamtenlaufbahn versperrt ist und daß es daher erklärlich ist, wenn dieselben in größerer Anzahl sich der Advocatur zuwenden. Gut wäre es, wenn dieselben dann als Advocaten für unsere Gleichberechtigung eintreten würden. Da hat die Vorortegemeinde Zizkov bei Prag einen Thierarzt aufnehmen wollen. Es hätte dem Stadtrathe Niemand verwehren können, wenn er einen etwaigen jüdischen Competenten ausgenommen hätte; aber die Zizkover Stadtvertretung nimmt von Juden Steuern an, läßt sich von jüdischen Wählern wählen, aber wenn sie ein Amt zu vergeben hat, so verlangt sie nicht so sehr den Nachweis genügender Kenntnisse, sondern den Taufschein. Und der jüdische Vertreter? Der zeigt keinen „Witz", sondern schweigt sich zur Unzeit aus. Da wurde ein Zizkover Advocat, ein Jude, angegangen, als Zizkover Steuerzahler gegen ein solches Borgehen zu protestiren. Der lehnt es ab. Da darf es dann nicht verwundern, wenn sie in Zizkov den Mechaniker Schneider und Dr. Lueger zu einem antisemitischen Bankette einluden. Herr Dr. Lueger blieb wohlweislich zu Hause, aber Herr Mechanikus Schneider erschien, um sich — eine arge Enttäuschung zu holen. Die officiellen Reden waren von der Polizei untersagt, aber nicht einmal in ein Privatgespräch wurde Mechanikus Schneider gezogen, so daß er vielleicht hier das Sprechen verlernt hat. — Mehr Beachtung wurde einer interessanten Erbschaftsangelegenheit geschenkt. Ein vor Kurzem in Jungbunzlau verstorbener Herr Gloge bedachte in seinem Testamente den israel. Kreuzerverein in Prag mit einem Legate von 500 Gulden. Die Polizeidirection, die vom Berlassenschaftsgerichte um Verständigung des erbberechtigten Vereines angesucht wurde, theilte demselben mit, daß in Prag zwei israel. Kreuzervereine existiren, der israel. Kreuzerverein für Krankenpflege (seit 48 Jahren segensreich wirkend), und der israel. Kreuzerverein zur Unterstützung von Waisenmädchen. Die Testamentszeugen Herren Beck und Eisenschimmel erklärten, daß von einer näheren Bezeichnung, welcher Kreuzerverein gemeint sei, bei der Zusammensetzung des Testamentes nicht die Rede war, daß jedoch in Jungbunzlau der Kreuzerverein zur Unterstützung israel. Waisenmädchen viele Mitglieder hat. Der Verfasser des Testamentes, Herr Dr. Kohn, gab zu Protokoll, daß der Erblasser ausdrücklich von jenem Kreuzerverein sprach, bei dem Herr Mautner fungirt, daß also der Kreuzerverein für israel. Waisenmädchen gemeint ist. Dies wurde jedoch im Testamente nicht erwähnt. Darum wurde es von vielen Mitgliedern des Kreuzervereines nicht gebilligt, daß zur Verhandlung über eine so wichtige Angelegenheit nicht eine Ausschußsitzung einberufen wurde, sondern dieselbe per rolam erledigt wurde. Dieser Vorfall zeigt, daß es nicht gut ist, wenn später sich gründende Vereine gleichlautende Namen wählen. I. S. Kraus. Brünn. Im Schaufenster der czechischen Buchhandlung eines gewissen B a r v i c ist in einer Nummer des „Drak", eines Czechenblattes, dessen Tendenz gegen Deutsche und gegen Juden gespitzt ist, gleich im Anfang in gesperrter Schrift folgender Passus zu lesen: „Der von jüdischen Ahnen abstammende Ca s er i o Santo hat den ehrenwerthen Präsidenten Car not deshalb ermordet, damit an dessen Stelle der ebenfalls von jüdischen Ahnen abstammende Casimir-Perier gewählt werde." Und dies läßt unsere Behörde zu! Straßnitz, 23. Juli. Ein Besuch des Wiener Ferienheims in dem Dorfe Petr au macht einen wohlthuenden Eindruck. Es befinden sich dort 50 Mädchen verschiedenen Alters unter sorgfältiger Aufsicht einer Lehrerin. Die Localitäten sind zu diesem Zwecke wie geschaffen. Die Schlafstellen befinden sich in zwei ausgedehnten, luftigen Sälen im ersten Stocke, in dessen Räumen überall die peinlichste Reinlichkeit und Ordnung j herrscht. Jedes Kind hat sein besonderes Bett. Mit dem Schlage der sechsten Morgenstunde erheben sich die Kinder von ihrem Laaer. Sie marschiren in den Waschraum. woselbst Alles zur Reinigung bereit gehalten wird. Es ist die schöne Einrichtung getroffen, daß die größeren Kinder den jüngeren beim Ankleiden behilflich sind. Das Fräulein nimmt sodann eine strenge Controle vor und hält durch eine stramme Disciplin überhaupt immer die größte Ruhe und Ordnung aufrecht. Herr Schmitz betet einen Theil des täglichen Morgengebetes vor und die Kinder beten stille nach. Das aufgetragene Frühstück, Kaffee und Milch, schmeckt vortrefflich. Dann kommt die Stunde für die Correspondenz. Briefe an die Angehörigen in Wien werden besorgt. Nun begeben sich die Kinder in den luftigen, jedoch gegen Wind und Sonnenschein geschützten Raum im Hofe. Üm 10 Uhr erhalten sie Eier und Brot. Die restlichen zwei Stunden des Vormittags werden zur Einübung von Gedichten und Liedern benützt. Zu Mittag erfolgt die kräftige Hauptmahlzeit, bestehend aus Suppe, Fleisch, Gemüse und Mehlspeise; für passenden Wechsel in den Nahrungsmitteln ist gesorgt. Nach einstündiger Ruhepause wird eine kleine Handarbeit vorgenommen. Dann folgen Bewegungsspiele, Gesang und Declamation in heiterer, reger Abwechslung. Nach der Jause je nach der Lufttemperatur ein Spaziergang in das nahe Wäldchen oder in den herrlichen Park von Straßnitz. Nach der Rückkehr Abendmahl. Die Familie Schmitz, wie auch das Fräulein sind sichtlich bemüht, den ihnen anvertrauten Kindern sorgfältige, körperliche Pflege angedeihen zu lassen, sie in heiterer und jugendfroher Stimmung