Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 Oeürrrektztlrhe WmtzrnsrtzrM Seite 599 Das erzbischöfliche Konsistorium und die Statlhalterei beschäftigen sich jetzt mit der peinlichen Angelegenheit. Auch die Polizei interessirt sich angelegentlich für ihn und seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort! Wüßten seine antisemitischen Freunde nicht denselben anzugeben? Das wäre sehr liebenswürdig von ihnen und sie würden der Behörde Mühe ersparen. Pfarrer Scherzer ist heute ein' gesuchter Mann. Im Wiener Volksmunde nennt man das baare Geld — „die Marie". Ob er wohl btr Marie — je die „Marie" zurückbringt? Und die Waisensonds? — Das Geld soll den Charakter verderben. Scherzer hat sich für die Waisenkinder einfach geopfert. Ein Zug von Charakterstärke und Seelengröß«-, wie man ihn nur bei rassenreinen Antisemiten findet. Doch gehört dieses Opfer zu denjenigen, welche gewöhnlich nicht gerne angenommen werden. Was sagen Lueger, Vergant und Gregorig zum Fall Scherzer? Die Ansichten des Herrn Ernst Schneider darüber glauben wir genügend zu kennen. P— s. dfarmpiuteen. Wien. (Stylblüthen aus dem Moniteur V er gan i.) Dieses ausgezeichnet geschriebene Blatt bringt am 31. Juli folgende prachtvolle Notiz: „(Dr. Robert Pattai.) Der genannte Abgeordnete hat sich nun von dem bösartigen Anthraxfalle, an dem er erkrankt war, so weit erholt, daß nach Gutachten des behandelnden Arztes Dr. Adalbert Lindner an die Zuheilung der Operation swu nden gegangen werden kann. Der Abgeordnete wird sich bei — wie nun zu hoffen — entsprechendem Fortgange Ende dieser Woche auf seine Besitzung in Groß-Gmain begeben, um dort die Reconvalescenz von dem Uebel, das auch seinen Gesundheitszustand angegriffen hat, abzuwarten. Zugleich ersucht uns derselbe, auf diesem Wege seinen Dank an Jene auszudrücken, die ihm durch Nachfrage seine Theilnahme bewiesen haben". Es kann also an die Zuheilung der Operationswunden gegangen werden und die tückische Krankheit hat auch den Gesundheitszustand angegriffen! Wir sprechen dem8ebmoedn3 antisemiticus, der das verbrochen, nicht nur s eine, sondern sogar unsere Theilnahme aus. Wien. (Beitrag zur Charakteristik des Antisemitismus.) Es ist eine bekannte Thatsache, daß Antisemiten, selbst wenn sie noch so waschecht sind, es nicht verschmähen, die Unterstützung der ihnen sonst so sehr verhaßten jüdischen Mrtbürger, sei es zu welchem Zwecke und in welcher Form immer, in Anspruch zu nehmen, wenn ihnen nur hieraus der entsprechende Vortheil winkt. Ein beredtes Zeugniß hiefür lieferte uns in den jüngsten Tagen der Baumeister, Bauschätzmeister und frühere Geimindcraib, Karl Ziegelwanger, ein eifriger Parteigänger der Herren Schneider, Lueger, Gregorig, Geßmann 6 tutti quanti. Wahrscheinlich in Folge des Umstandes, daß Herr Ziegelwanger den Antisemitismus als Haupt- und seinen eigentlichen Beruf als Nebengeschäft betrieb, ist cs dazu gekommen, daß derselbe bemüssigt war, sich insolvent zu erklären und in Folge dessen auch sein Mandat als Gemeinderath der Stadt Wien niederzulegen. Nachdem Herr Ziegelwanger in dieser seiner Zwangslage von seinen Parteigenossen gänzlich fallen gelassen wurde und bei denselben nur zugeknöpfte Taschen vorfand, war derselbe nunmehr bestrebt, einen pcrcentuellen Ausgleich mit seinen zahlreichen Gläubigern, darunter auch minder bemittelten Leuten, zu erzielen. Er fand in der Person unseres Stammesgenossen, Herrn Dr. Moriz Liechtenstein einen Rechtsfleund, welcher sich der Sache seines antisemitischen Clienten besonders warm annahm und nach unse.en Informationen auch die denkbar besten Resultate erzielte. Die O.uote, welche an die Gläubiger des Herrn Ziegelwanger zur Auszahlung gelangen wird, repräsentirt einen wahren Pappenstiel. Wir sind nun begierig, zu wissen, wie Herr Ziegelwanger nach diesen Erfahrungen und Enttäuschungen, die er bei seinen Gesinnungsgenossen gesammelt, jetzt üver den Antisemitismus denkt? Wien. (Gemeindewahlen in Niederösterreich.) Man schreibt uns aus Berndorf vom 26. d. M.: „Bei der gestern Abends stattgefundenen Wahl des Gemeindevorstandes wurden gewählt zum Bürgermeister Ferdinand Hartles, Fabriksbeamter; zum ersten Gemeinderathe Alois Kamnerer, Schmied und Schlosser, Hausbesitzer; zum zweiten Heinrich Reisch er, Kaufmann, Hausbesitzer: zum dritten Wilhelm Schmid, Oberbuchhalter der Berndorfer Metallwaarenfabrik; zum vierten Hans Böhm, Lehrer und Hausbesitzer. Sämmtliche Gewählte gehören der fortschrittlichen Partei an." (Bürgermei ft erwähl in Mistelbach.) In Mistelbach wurde der bisherige Bürgermeister Thomas Freund und die Gemeinderäthe Franz Czinglar, Dr. Rudolf S ch a s ch e tz y, Heinrich Westermayer, Johann Schwarz, Karl L eh n er und Josef Eibl wiedergewählt. Sämmtliche Gewählte gehören der Fortschrittspartei an. (Gemeindewahlen in Oberhollabrunn.) Bei den Gemeindewahlen des ersten Wahlkörpers in Oberhollabrunn wurden die liberalen Candicaten Kral, Zedler, Sperling, Gschmeidler, Brosig Gointner und Matzner gewählt. Die Gemeindevertretung enthält somit keinen einzigen Antisemiten. Wien, 28. Juli. (Ein unwillkommener Wirthsh ausgast.) Der Installateur Johrnn Gam erstattete beim Potizeicommissariate der Innern Stadt die Anzeige, er sei vom G.stwirthe Franz Schön metz durch einen Faustschlag auf den Mund derart verletzt worden, daß ihm die Oberlippe zersprengt wurde. Diepolizeiärztliche Untersuchung ergab, daß Ga m's Oberlippe eine leichte Quetschwunde aufwies, und so hatte sich Schönmetz, von Dr. Ignaz Neumann vertheidigt, vor dem Bezirksgerichte Alsergrund (Adjur.ct Dr. v. Kendler) wegen leichter Körperverletzung zu verantworten. Ergab dem Richter folgende Darstellung des Sachverhaltes: Seit Jahr und Tag komme Gam zu ihm als Gast und benehme sich stets höchst ungebührlich. Insbesondere sei es die Gewohnheit G am's, auf die Juden zu schimpfen. Da sich alle Gäste, wiewohl keine Juden, hierüber aufhielten und bei Fortsetzung solchen Geschimpfes ihr Ausbleiben ankündigten, habe Schönmetz nach fruchtlosen Abmahnungen Gam nachdrücklichste ersucht, sein Local zu meiden, da er ihn geschäftlich schädige. Trotzdem sei Gam wieder erschienen und habe gegen die Juden gedonnert. Da die anwesenden Gäste erklärten, ein anständiger Mensch könne das nicht mit anhören, habe er (Schönmetz) Gam ersucht, das Local zu verlassen, worauf ihn dieser einen „elenden Hund" und „Gaunerbuben" nannte. Nun habe er ihn zur Thür hinausgestoßen und nicht mehr hereingelassen. Gam habe noch fünf- bis sechsmal versucht, wieder einzudringen, und hiebei mit zwei Wasserleitungshähnen, die er in der Hand kielt, herumgefuchteli; bei dieser Geleg nheit könne er sich selbst verletze haben. Schön metz versichert, er habe ihn gar nicht berührt. Drei Zeugen bestätigten vollinhaltlich die Verantwortung des Gastwirthes und versicherten, daß Gam bis zum Verlassen des Locales nicht verletzt gewesen sei. Der Richter sprach den Wirth frei, da die übereinstimmenden Aussagen dreier Zeugen glaubwürdiger seien als die alleinstehende Aussage des Anzeigers. — In großer Erregung erklärte Gaur in überlautem Tone: Da melde ich den Recurs und Nichtigkeitsbeschwerde an. Jetzt nehme ich mir auch einen Doctor! Haben Sie das zu Protokoll genommen? — Ri chter: Ich bitte in anständigem Tone zu sprechen. Es wurde nichtr.