Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 31 (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 VrfterretrWlhr Wochenschrift Sette 595 Verein mit seinen Fürsten mit mächtigem Rucke aus der Umstrickung dieser Los. eoustrictor losreißen." (Wenn man den ganzen haarsträubenden Galimathias ein wenig logisch zusammenzufassen versucht, geräth man aufunüberbrückbare Schwierigkeiten. Ist denn der deutsche Kaiser, oder der Altreichskanzler, oder der Rothschild, oder die schöne Frall Koscielska oder der v. K o tz e — wirkliches Mitglied der Loa eonstrietor, rsete Alliance israölite?? Wir würden wirklich beantragen, in den antisemitischen Redactionsstuben Hitzferien einzuführen. Die Herren mögen doch inzwischen darüber Nachdenken, wer dümmer ist, der, dec solchen Stiefel zusammensudelt, oder der, welcher ihn mit der ernsthaftesten Miene von der Welt nachdruckt. Schwer zu entscheidende Frage — es sollte von rrchtswegen ein Preis auf ihre richtige Lösung ausgeschrieben werden.) P-S. Ein Wort an die jüdischen Studenten Wiens. Durch langer als zehn Jahre in Wien, kenne ich die Studentenverhältnisse so ziemlich — war ich doch einer der Gründer des seinerzeit so verachteten und von den eigenen Glaubensgenossen am heftigsten angeseindeten, akademischen Vereines „Kadimah". Die Spitzen unserer Glaubensbrüder waren über die Gründung dieses Vereines seinerzeit empört und Zierden unseres Stammes predigten sogar in Wort und Schrift gegen diesen, wie sie in ihrer leider nationalen Acngstlichkeit stammelten, gefährlichen Verein. Aengstlichkeit ist ja überhaupt unser größter Nationalfehler, da nützt keine Berblümung, und deshalb erzitterten unsere Häupter vor Angst, diese Gründung könnte es bewirken, daß man uns separatistischer Bestrebungen beschuldigen werde. Das kommt mir gerade so vor, wie wenn man den Handelsstädten Deutschlands im Mittelalter daraus einen Vorwurf machen wollte, daß sie sich zum Schutze gegen die systematischen Ausplünderungen seitens der Raubritter organisirten und mit einander verbanden. Wir erkannten also schon damals (im Jahre 1882) die Unsinnigkeit und Jämmerlichkeit jener wohlgemeinten Bedenken unserer „Großen" und begründeten und erhielten die „Kadimah", ohne jede Förderung seitens unserer reichen Brüder, mit unserem eigenen, kargen, vom Munde abgesparten Studentenpfennig, bildeten ein kleines Häuflein für sich, verzichteten natürlich darauf, die „b r ü d e r l i ch e Lieb e" unserer arischen Commilitonen uns zu erwerben und überließen dies neidlos den übrigen jüdischen College«, welche die Erringung dieser arischen Liebe für das Hauptziel ihrer Bestrebungen hielten u. d der sicheren Hoffnung waren, durch möglichst lauteste Verleugnung ihrer Zugehörigkeit zum Judenthume und harnäckigste Änklettung an ihre arischen Collegen dieses ihr Ziel zu erreichen. Wer Recht hatte, wir oder die ausdringlich assimilatorische Mehrheit der jüdischen Studenten? Davon haben uns die Ereignisse der letzten zwölf Jahre genügend überzeugt. Die arffchen Studenten, speciell jene deutscher Zunge, haben nach und nach alle jüdischen Collegen von sich gestoßen und führen heute gegen dieselben bereits offen den Kampf der Vernichtung, ohne dabei zwischen den offen jüdischen und assimilatorischen, einen Unterschied zu mähen. Hiebei befinden sich die Ersteren insoferne im Vortheil, daß sie für diesen ,Kamps bereits gerüstet dastehen und denselben daher muthig und in Ehren ausfechten, während die assimilatorische Mehrheit ohnmächtig und hilflos dasteht und nichts als Enttäuschungen und Verhöhnungen einheimst, wie dies am schlagendsten die jüngsten Vorgänge auf der medicinischen Facultät darthaten, wo die „Kadimahner" allein die Würde und Ehre der liberalen Studentenfahne vertheidigten und dieselbe trotz des mörderischen Doppelfeuers, welches die arischen Commilitonen einer-, und der akademische Senat andererseits gegen sie richteten, mit Wunden bedeckt, aber ehrenvoll von der Wahlstatt trugen. Die Erscheinungen sollten doch schon unsere jüdischen Akademiker überzeugt haben, daß erstens in jeder Vereinigung Kraft liegt und zweitens, daß das Lossagen von der Zusammengehörigkeit mit seinen Glaubensgenossen vor antisemitischen Anfeindungen nicht schützt. Was liegt also näher, als die Bildung einer großen und mächtigen jüdisch-akademischen Vereinigung? Hat schon öie kleine „Kadimah" Erfolge zu erzielen vermocht, um wieviel mehr n>ird und muß dies einem großen und in Folge dessen einflußreichen Vereine gelingen! Nun höre ich schon, den alten, von der jüdischen Aengstlichkeit eingeflüsterten Einwand, daß man dadurch die liberalen, arischen Collegen verletzen würde. Das ist aber nur ein Wahn. Im Gegentheile, jeder rechtlich denkende Mensch — und nur auf solche hat man doch Rücksicht zu nehmen — wird sich sagen, wenn selbst unter Christen und Connationalen, also unter nahezu homogenen Elementen, Parteischattirungen sich bilden, die eigene Vereine, Corps-Verbindungen gründen — um so weniger kann man es den jüdischen Studenten verargen, daß sie auch eine Vereinigung bilden, um ihren Patriotismus und ihre echt liberale Gesinnung bethätigen zu können. Damit stellen sich die Juden keineswegs abs its von den patriotischen und nationalen Bestrebungen der übrigen ehrlich denkenden Studentenschaft, sondern zeigen vielmehr, daß sie, trotzdem sie Inden von Abstammung und Glauben sind, dennoch ihr Vaterland gerade so lieben und für dasselbe sich zu opfern bereit sind, wie ihre christlichen Collegon. Wenn man dies sehen wird, so werden alle Jene, die rechtlich denken und die den Menschen nur nach seinen Thaten und Gesinnungen — aber nicht nach seiner Religion beurtheilen — diese Vereinigung und ihre Träger achten. Das ist im politischen und socialen Leben die Hauptsache und die Grundbedingung jeder Co-existenz, ja noch mehr. Auch heute gibt es unter den christlichen Studenten sehr viele, welche trotz aller Verhetzungen rechtlich und unparteiisch denken und die Theorien der Menschenjagd und Mordbrennerei, auf welche alle antisemitischen Bestrebungen schließlich hinauslausen, nicht billigen. Wenn diese Studenten heute keine eigene Partei der ehrlichen Männer bilden, so geschieht es hauptsächlich deshalb, weil sie dann alle jüdischen Studenten in sich ausnehmen müßten und die Letzteren somit die Majorität in ihr haben würden; man wird sie dann mit mehr oder weniger Recht eine Judenpartei schimpfen oder wenigstens ihr vorwerfen können, daß sie sich von Juden gängeln und leiten läßt. Diesen Vorwurf will selbst der liberalste und aufrichtig rechtlich denkende Christ nicht gerne hören, insbesondere heute, wo die Empfindlichkeit durch den ewigen Terrorismus stark gesteigert ist. Wenn aber die jüdischen Studenten ihre eigene, achtunggebietende, patriotische und honorige Vereinigung haben werden, dann werden sie es nicht nöthig haben, der Vereinigung der christlichen, liberalen Studenten beizutreten. Die Letzteren werden dann ohne jedes Bedenken, einen eigenen liberalen und freisinnigen Verein gründen können, ohne eine Majorisirung durch die Juden befürchten zu müssen. Das allein wird schon ein großer Sieg der Menschlichkeit sein, wenn ein Theil der christlichen Studenten die Unparteilichkeit, Ehrlichkeit und rechtliche Gesinnung im Gegensätze zur heutigen Theorie der Menschenjagd zu seinem Panier erheben und für deren Vcthätigung eintreten wird. Diese christlichen Studenten werden dann freimüthig, und ohne sich dem abgedroschenen Vorwurfe der Judenknechrschait auszusetzen, für die Ideen der Gerechtigkeit kämpfen können und den heutigen Terrorismus der Menschenjäger und blinden Verfolger bald brechen. Der jüdische Studentenverein wird für sich im selben Sinne wirken, somit ihnen zur Seite stehen und beide Vereine werden somit durch Parallelactionen dasselbe Ziel verfolgen und auch sicher erreichen. Auch hier gilt der Grundsatz, getrennt marschiren und vereint schlagen, und das kann nur dadurch bewirkt werden, wenn vor Allem die jüdischen Studenten einen eigenen, großen, patriotischen, honorigen und geachteten Verein bilden.