Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 584 VrsterretiWrhr WochenschrM Ji:. 30 leitenden Organe der europäischen und amerikanischen Presse zum Besuche meiner Colonien einzuladen, damit sie sich mit eigenen Augen überzeugen, daß die Juden auch zu Anderem geeignet sind als zum Handeln. Kann man hoffen, daß für die Juden in Rußland bessere Tage kommen werden? Nicht im mindesten, wenigstens sehr lange Zeit nicht. . . Es wird aber eine Zeit kommen, wo 3—400.000 Juden als friedliche und geachtete Bürger in Argentinien leben und einen bemerkenswerthen Contrast zu ihren zurückgebliebenen, durch der Verfolgung demoralisirten Brüdern bilden werden. Ich bin entschlossen, in meiner Arbeit nicht innezuhalten. Stünde es in meiner Macht, so würde ich schon morgen die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands nach Argentinien überführen. Wir plauderten noch eine Weile über die sonstigen wohlthätigen Unternehmungen des Barons, über die Alliance israelite, die er auf's Freigebigste unterstützt, über den 5,000.000 Gulden-Fonds, den er zu Erziehungszwecken in Galizien gestiftet hat, über die weiteren fünf Millionen, mit welchen er russischen Auswanderern in den Vereinigten Staaten unter die Arme greift. Er sprach von diesen und anderen „kleineren Fundationen" mit einem ruhigen Ernste, der sein tiefes Interesse an der Sache verrieth und auf mich den lebhaftesten Eindruck machte. Ich stand noch unter diesem Eindrücke, als ich durch Piccadilly gegen den Strand schleuderte. Es ist selten, einen Mann zu finden, der zu Wohlthätigkeitszwecken so großangelegte Pläne ausführt, wie Baron Hirsch; noch seltener findet man die Bescheidenheit und Uneigennützigkeit, die diesen vorzüglichen Mann charakterisirt. Er kümmert sich wenig um die Ehre, die ihm sein wohlthätiger Sinn bringt, und noch weniger liegt ihm etwas an der Verwirklichung jüdisch-nationaler Aspirationen. Solchen mystischen Dingen bringt er ziemliche Skepsis entgegen. Er hat ganz einfach ein gutes Herr, welches tiefes und inniges Mitgefühl für Kummer und Leid der Unglücklichen empfindet. Als Herr eines Vermögens, das ihm gestattet, seinen großmüthigen Neigungen freien Lauf zu lassen, findet er in der Möglichkeit des Wohlthuns eine Quelle des eigenen Glücks. („Israelit".) Stimmen aus dem Publikum. Versicherungsgesellschaft „Allianz". Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Hochgeehrter Herr Doctor! Seit einer Reihe von Jahren nehmen Sie sich warm unserer Glaubensgenossen an, kämpfen für sie und vertheidigen sie. Sie haben mehrere antisemitische Bestrebungen hiesiger und auswärtiger Institute aufgedeckt und ihre Thaten gegeißelt. In Folge dessen erlaube ich mir, Sie auf ein von Juden gegründetes Institut aufmerksam zu machen, das in den letzten Jahren, trotzdem in dem Verwaltungsrathe jüdische Männer sitzen, ebenfalls antisemitische Allüren zeigt. Es ist die Lebens-Versicherungsgesellschaft „Allianz". Dieses Institut stand ftüher unter der Direction des Herrn M a rek, gegenwärtig Director des Gisela-Vereines, und erfreute sich großer Beliebtheit. Würde Herr Marek noch weiter an der Spitze stehen, so würde in kurzer Zeit dieses Institut sich zu einem der beliebtesten und gesuchtesten Institute Wiens emporgeschwungen haben. Allein durch interne Jntriguen genöthigt, mußte der strebsame Director die Gesellschaft verlassen und an seine Stelle trat der bekannte Antisemiten-Häuptling Sch önerer'scher Richtung, Dr. O h n h äus er. Die Zeit der Blüthe der „Allianz" war vorüber, denn das Bestreben dieses Mannes war nicht darauf gerichtet, das Institut zu heben, sondern es judenrein zu machen. Jüdische Beamte wurden durch christliche ersetzt, der jüdische Chefarzt mußte einem christlichen weichen, den jüdischen Untersuchungsärzten wurden keine Untersuchungen mehr zugesendet. Nur deutsch-nationale Beamte und deutsch-nationale Aerzte! Ich selbst, jahrelanger Vertrauensarzt der Gesellschaft, wurde unter der jetzigen Direction nicht mehr verwendet. Auf meine Erkundigungen beim Chefarzte, ob Etwas gegen mich vorlag, daß ich nicht mehr beschäftigt werde, versicherte derselbe, daß keine Klage eingelaufen ist und er selbst gegen meine Untersuchungen und Pareres nichts auszusetzen hatte. Der Leiter Herr Dr. Ohnhäuser antwortete auf meine Interpellation, es liegt ihm ferne, mich bei Seite zu schieben, da der Herr Chefarzt sich stets lobend über meine Pareres ausgesprochen hat. nur werde ich gegenwärtig nicht beschäftigt, weil die Gesellschaft nichts zu thun hat; sie stellte aber trotzdem einen bekannten, antisemitischen, deutsch-nationalen Arzt an. Auch in den anderen Bezirken, wo jüdische Vertrauensärzte waren, mußten diese den Freunden des berüchtigten Vragassy und Z e ch m e i st e r weichen. Durch dieses antisemitische Vorgehen sah ich mich nothgedrungen, meine Polizze (ich war nämlich auch bei der Gesellschaft versichert) der Gesellschaft gegen Verlust von 120 fl. zu verkaufen, um nicht länger mit ihr in Verbindung zu stehen, wohl einsehend, daß eme Gesellschaft, die antisemitisch ist, früher oder später zu Grunde gehen muß, weshalb ich lieber 120 fl. einbüße, als vielleicht später das Ganze. Ich erlaube mir, dieses Ihnen, Herr Redacteur, mitzutheilen. Vielleicht können Sie in Ihrem geschätzten Blatte etwas dagegen thun und so manche unserer Glaubensgenossen vor Verlust behüten. Für alles Mitgetheilte stehe ich mit meinem Ehrenworte ein und verbleibe Mit aller Hochachtung Dr. Heinrich Goldbaum, VI., Stumpergasse 29. Gorresponäenren. Wien. Dem Hofrath Nothnagel wurde seitens des Rectors T s ch e r m a k die Entscheidung des akademischen Senats übermittelt, wonach der letztere anerkennt, daß die Beschwerden der „arischen" Studenten gegen das amtliche Verhalten Nothnagel's unbegründet seien. Dank der Weisheit des akademischen Senats ist also Hofrath Nothnagel glücklich „freigesprochen" .... Hofrath Nothnagel, dem einige Collegen persönlich das tiefste Bedauern über den ganzen Vorgang ausdrückten, nahm die Zuschrift des Rectors — das „Einstellungsdecret". wie sie von einem Professor bezeichnet wurde — kühl bis an das Herz hinan auf. Er erklärte diesen Collegen, er habe sich über die Affaire im Bewußtsein des Rechtes und der Wahrheit so erhaben gefühlt, daß er der Entscheidung des akademischen Senats völlig indifferent entgegensah und in Bezug auf den Ausgang der Procedur nicht die geringste Neugierde hegte. Falls der Senat anders beschlossen hätte, so wäre er seiner Wege gegangen bis zu jenen Stellen, wo man das Recht zu suchen habe. Für ihn sei der Gegenstand nunmehr erledigt, ihm gehören dieErfahrungen, die freilich keinesfalls als angenehme bezeichnet werden können. Wien,18. Juli. (Ab ge ordnet er S chneid er inPrag.) Letzten Samstag fand, wie das Wiener Antisemitenorgan berichtet, im Saale zur „Bezvoka" (Fliedermühle) in Zizkov in Prag ein von den antisemitischen Studenten der Prager czechischen Universität veranstaltetes Kränzchen statt. An demselben betheiligte sich die Bürgerschaft von Zizkov, so daß der weite Saal und die Nebenräumlichkeiten überfüllt waren. Abgeordneter Schneider wurde beim Erscheinen mit den lebhaftesten Sympathien begrüßt, und als derselbe mit dem bekannten Opernsänger und Dichter Schamberg Arm in Arm durch den Saal schritt, wollten die Zurufe kein Ende nehmen. Auch Abgeordneter Brzezn ovsky war anwesend. Schamberg begrüßte unter lebhaftester Zustimmung Schneider in deutscher Sprache und trug ihm Grüße für die Wiener Antisemiten auf. Dieses Fest ist die Einleitung zu weiteren Actionen, die nach den Ferien stattfinden werden. — Die Scene in der Prager Fliedermühle ist hauptsächlich deshalb von Interesse, weil soeben die Jungczechen in ihrem Programm sich neuerdings als eine „freisinnige, fortschrittliche und moderne Partei" bezeichnet haben, was aber Herrn Brzeznovsky nicht hinderte, an den Ovationen für Ernst Schneider theilzunehmen. Wien. (Das .Deutsche Volksblatt" lobt Juden.) Dieses Malheur ist dem antisemitischen Hetzorgane, welches grundsätzlich an keinem Juden, hoch oder nieder, groß oder klein, ein gutes Haar läßt, jüngst passirt. Es bringt nämlich i im Theatertheile nachstehenden Bericht: „Das Singspiel .Fürst