Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 30 Vrstrrrrichifrhr Wschrnschrist Seite 583 Beim Baron Hirsch. London, 8. Juli. — „Wie werden wir sprechen, französisch, englisch oder deutsch?" frug der Baron den bei ihm zu Gaste weilenden Correspondenten des „Neuen Pester Journal". — Wie Sie wollen, Baron. Sie erinnern sich dessen, was de Btowitz der Königin von Rumänien sagte, als sie ihm die Frage stellte, welcher Nation er angehöre: „Mein Gott, Majestät, ich weiß es nicht, ich wurde in Böhmen geboren, lebe in Frankreich und schreibe daselbst englische Zeitungscorrespondenzen." Ich könnte fast dasselbe sagen, denn ich stamme aus Böhmen, wurde in Frankreich erzogen und bin Journalist in England. Sehr wohl, lachte der Baron voll guter Laune. Da wir in England sind, werden wir englisch sprechen. Mir ist's ganz gleich. Und er zuckte die Achseln mit der Gleichgiltigkeit des Millionärs, der sich mit Kleinigkeiten abzugeben hat. Ich zog aus meiner Tasche eine Anzahl Photographien hervor, welche Scenen aus den argentinischen Colonien des Barons darstellen. Während Baron Hirsch die Bilder einer Prüfung unterzog, benützte ich die Gelegenheit, den merkwürdigen Mann und was ich um ihn sah, näher in Augenschein zu nehmen. Wir befanden uns in Bath House, Piccadilly, der Londoner Behausung des Barons. Durch die Fenster, welche die Aussicht auf ein Blumenparterre und weiterhin auf den grünen Park ei öffneten, drangen goldige Sonnenstrahlen in das eleganle Gemach und tanzten um den prachtvollen, aber bequemen Lehnstuhl, den der Baron einnahm. Ein stattlicher, k ästiger, gut aussehender Herr, scheint er seine sechzig Jahre mit Leichtigkeit zu tragen. Noch leichter rubt wohl die Last seiner Millionen aus den beiden Schultern. Eisengrauer Schnurrbart, silberweißes, sorgfältig gekämmtes Haar, lebhaft funkelnde, Fröhlichkeit verrathende Äugen, das ist das Exterieur eines Mannes, dessen Aussehen verräth, daß die Genüsse des Lebens ihm noch immer nicht fad geworden. Er ist sorgfältig gekleidet, trägt einen schieferfarbigen Morgenanzug und eine kleine Diamantnadel in seiner blauen Cravate. Den Tisch vor ihn bedecken Papiere, Bücher und merkwürdige mechanische Apparate. Als ich eintrat, war er mit seinen Privatsecretären in seine Morgenbeschäftigung tief versenkt. Die Photographien interessirten ihn. - — Ich besitze ebenfalls einige Photographien, sprach er, die besser als diese, aber vielleicht nicht so ungekünstelt sind Mein Gott! Wie interessant es ist, diese alten jüdischen Physiognomien von der Sonne Argentiniens gebräunt zu sehen! Schauen Sie sich diesen Mann mit der traurigen Miene an, der noch, in sein polniiches Costüm gekleidet, ein Bündel Holz auf den Schultern trägt, und diese kleinen jüdischen Cowboys, die aus dem Ghetto in die weite neue Welt versetzt wurden. — Wie gedeihen die Colonien? — Sehr wohl, antwortete der Baron. Ich bin ganz zufrieden. Natürlich hatte ich Schwierigkeiten, aber ich hoffe, ich glaube, jetzt auf dem richtigen Wege zu sein. Sie wissen, daß die plötzlich ausgebrochenen Judenverfolgungen mich in eine Zwangslage versetzten. Juden aller Art .überliefen mich und ich mußte die Spreu vom Weizen sondern. Es gab sehr viel Spreu, ich versichere Sie. Komische Geschichten könnte ich erzählen von Schwindlern, die mich zu betrügen suchten und weder Juden, noch aus Rußland waren. Doch ich machte mich ans Werk, versuchte allerlei Experimente, wandte mich bald nach rechts, bald nach links und jetzt weiß ich wenigstens, was ich zu thun habe, wenn auch mein Plan noch nicht vollständig fertig ist. Und der Baron lachte herzlich über seine theuer erkauften Erfahrungen. Aber die Colonien sind jetzt auf sicherem Wege? — Ja, und sie gedeihen so ziemlich. Ich habe mehr als dreitausend Personen in sieben Colonien der Provinz Buenos- Ayres, Entre-Rios, Santa-Fe und Cordova untergebracht. Allen geht es gut, und obwohl die älteste Niederlassung erst vor drei Jahren gegründet wurde, gibt es überall reichliche Ernten. Nahezu 18.000 Acres sind mit Weizen bedeckt. Millionen von Obstbäumen und alle Gattungen Küchengemüse wurden gepflanzt. Es ist nicht eben das Land, wo Milch und Honig fließt, aber es lohnt die Arbeit vortrefflich. Das Merkwürdigste ist die Anstelligkeit der Colonisten und ihre Vorliebe für ländliche Arbeit. Die Prophezeiungen, daß die Juden sich gewiß nicht in den Ackerbau schicken werden, sind Lügen gestraft worden. Der russische Jude ist klug, fleißig, nüchtern und arbeitsliebend. Was er zu Hause getrieben, den Spaten handhabt er m t größter Bereitwilligkeit. Ich kenne eine Familie — der Vater war Professor, die Töchter sind wohlerzogen, verstehen Musik und Sprachen, französisch, englisch, italienisch. Sie gehen alle hinter dem Pfluge einher. Ja, ich setze die größten Hoffnungen auf sie. — Wie wird die Auswanderung aus Rußland organisirt? Seit Kurzem ist auch in dieser Richtung ein großer Fortschritt zu vermerk n. Früher kamen die russischen Flüchtlinge buntgemengt in Buenos-Ayres an, wo meine Agenten lange zu thun hatten, um Ordnung zu machen, und Viele zurückg-'wiesen werden mußten. Jetzt aber organisirt ein besonderes Comiltz die Auswanderer schon in Rußland und bereitet sie vor, während in Argentinien nur die Gründung und Ausrüstung der Colonien die Aufgabe meiner Agenten bildet. Das russische Comite sammelt je fünfzig Familien derart, daß alle Vorbedingungen für eine selbstständige Niederlassung vorl ctnben seien, und auch ein Arzt und ein Rabbi gehen mit. Wenn Alles beisammen ist, geht es geradenwegs nach Argentinien und gleich nach der Landung auf den Nlederlassungsort. Jede Familie begibt sich direct in ihr Haus, wo sie Alles fertig findet, sechs oder acht Ochsen in den Ställen, zwei Pflüge und zwei Eggen in den Schuppen und 190 Acres Land zum Bau vorbereitet. Am nächsten Morgen können die Colonisten schon die Arbeit beginnen. Sie erhalten Geldunterstützungen, um Lebensmittel anzuschaffe , bevor sie die erste Ernte einheimsen und sie sich selbst erhalten können. Gerade gestern sind 650 Auswanderer auf diese Art in Argentinien angekommen. Ich habe Anstalten getroffen, damit in diesem Jahre neun neue Dörfer zu 50 Familien gegründet werden und auf eine Familie rechne ich acht bis zehn Seelen. Schwierigkeiten gab es allerdings. Es mangeln Ochsen und Milchkühe. Die Ochsen, die man in Argentinien in großer Anzahl sindet, müssen erst gezähmt werden. Mein Director mußte zu diesem Behufe eine große Farm einrichten, sonst wären wir nie dazu gelangt, die gehörige Anzahl von Ochsen vor die Pflüge spannen zu können. Eine andere Schwierigkeit ist der Wassermangel in Entre-Rios, wo man die Brunnen 25 Pards tief graben muß. Dann ist es schwer, Transporte in die entfernten Colonien zu senden; dem kann nur durch den Bau einer Eisenbahn abgeholfen werden, wenn der hiezu erforderliche Entwicklungsgrad erreicht sein wird. Die Hauptschwierigkeit bildet aber die Auffindung werkthätiger und bereitwilliger Theilhaber meines Unternehmens. Die armen Juden thun Alles für mich, geben mir aber keine gehörige Sicherheit; die Mittelclasse — Leute mit 20—30.000 Rubel — ist zufrieden und apathisch; die Reichen — nun, wenn ein Jude reich ist, hört er auf, ein Jude zu sein. Natürlich gibt es Ausnahmen. . . Sie müssen übrigens bedenken, fuhr der Baron nach einer Pause fort, daß ich blos beim Anfänge bin. — Das Land, welches mir zur Verfügung steht, bietet höchstens Raum für 10—15.000 Seelen. Das ist eine Kleinigkeit, ich muß ausgedehntere Ländereien erwerben. In Bälde soll ein Comits entsendet werden, das einen Colonisationsplan in großem Maßstabe ausarbeiten und wenigstens drei bis vier Millionen Acres ankaufen wird. Mittlerweile werde ich alljährlich 4—5000 Colonisten nach Argentinien befördern und in zwei Jahren gedenke ich die Vertreter der