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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-27 · 30 (27.7.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
30 (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Vestrrreirtziphr WochrnfchrM Seite 579 wird allmälig dem Fassungsvermögen der deutsch-nationalen Antisemiten angepaßt. Der Besitz- und Gesinnungswechsel der „Deutschen Zeitung" ist vielleicht der größte' Publicistische Triumph, welchen der Antisemitismus trotz den Herren ® er» g a n i, Weimar und P s e n n e r errungen hat, denn es ist ihm gelungen, ein seit zwanzig Jahren im Dienste der fortschrittlichen Ideen stehendes Blatt den Händen der liberalen Partei zu entreißen. Das Ereigniß kommt nicht ganz unerwartet. Seit ungefähr zwei Jahren kämpfte die „Deutsche Zeitung" um ihre Existenz; zwei ehrliche liberale Männer, die Herren Dr. Emil und Dr. Johann Anspitzer haben namhafte persönliche Opfer zu ihrer Erhaltung gebracht, aber sie haben bei dem Gros der liberalen Partei keinerlei Unterstützung gefunden. Seit ebenso langer Zeit arbeitete die deutsch-nationalantisemitische Gruppe Steinwender an der Gründung eines Tagesjournals; sie rief einen Verein „Deutsche Presse" ins Leben, sie sammelte Beiträge zu einem Betriebsfond und der Zahlmeister dieses Vereines war jener Herr Lesk, der im Vereine mit seinem Gesinnungsgenossen S chwidernoch einer Buchhandlung Vorstand, die sich den Vertrieb antisemitischer Hetzschriften und Schandbilder zur ausschließlichen Aufgabe gemacht hatte. Jedermann kannte die Flagge, unter welcher der Verein „Deutsche Presse" segelte, Jedermann wußte, daß diese biederen Teutonen darauf lauerten, die sogenannte „Posaune Israels" als billigen Bissen zu verspeisen und doch rührte sich keine Hand, um ihnen den Braten zu versalzen. Die Art nun, wie es dem Verein „Deutsche Presse", mit dem Abgeordneten Dr. Bareutheran der Spitze, gelang, ist überaus charakteristisch für die Biederkeit unserer deutsch - nationalen Antisemiten wie für die Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit der liberalen Partei. Der jüdische Journalist wird so gerne als das Prototyp der Schlauheit, Geriebenheit und Gesinnungslosigkeit hingestellt. Hier ist einmal der Beweis vom Gegentheil erbracht worden — die germanischen Arier haben den Semiten eine Nase gedreht! Der Geschäftsführer des Vereines „Deutsche Presse" ist ein Dr. Friedrich S ueti, ein Mann, der durch gar nichts hervorragt als durch seinen maßlosen Judenhaß. Einem Bruder dieses „unentwegt" deutsch-nationalenMannes. einem Herrn Josef Sueti gelang es, sich als Administrationsbeamter in die „Deutsche Zeitung" einzu—führen, indem er sich für einen eingefleischten Liberalen ausgab. Als nun vor Kurzem Geldcalamitäten eintraten, trat Herr Josef Sueti an den Herausgeber Dr. Johann Anspitzer mit dem Anerbieten heran, das Blatt zu übernehmen und aus eigenen Mitteln auf liberaler Basis weiterzuführen. Von der Noth gedrängt, acceptirte Dr. Anspitzer dieses Anerbieten mit der Clausel, daß ihm das Rückkaufsrecht bis Sonntag den 22. d. M. Mittags gewahrt bleibe und gleichzeitig wies er ein Kaufanbot des Advocaten Dr. Mehner, hinter welchem er ganz richtig die antisemitische Fraction Stein Wender, respective den Verein „Deutsche Presse" vermuthete, zurück. Kaum aber hatte Herr Josef Sueti das selbstständige Dispositionsrecht über die „Deutsche Zeitung" erlangt, als er dieselbe dem erwähnten Dr. W e h n e r, allerdings unter Wahrung des Rückkaufsrechtes des Dr. Anspitzer, verkaufte. Und hier beginnt nun die traurige Schuld der liberalen Partei. Dr. Johann Anspitzer sah die Gefahr kommen, er war ein politisch ehrlicher Mann, der das Blatt den Liberalen erhalten wollte, und er machte sich aus den Weg, um die Mittel zum Rückkäufe der „Deutschen Zeitung" aufzubringen. Aber wo immer er auch anklopfte, er fand verschlossene Thüren. Die große, liberale Partei zeigte keinerlei Interesse daran, die Umwandlung einer seit zwei Jahrzehnten bestehenden fortschrittlichen Tagesjournals in eine antisemitische Zeitung zu verhindern. Der Rückkaufstermin verstrich ungenützt, die liberalen Redacteure wurden entlassen und ein Redactionsstab, der aus „unverfälschten Deutschen", aus verschämten und unverschämten Antisemiten Steinwender'scher Couleur bestand, engagirt. In der ersten Nummer, welche unter der neuen Firma erschien, sucht die „Deutsche Zeitung" in einer gleißnerischen Notiz über ihre künftige antisemitische Tendenz noch hinwegzutäuschen. Das hat seine guten Gründe. Der Besitzwechsel ist vor jenem Zeitpunkte erfolgt, an welchem die fetten Pauschalien der Banken und Eisenbahnen fällig und die Inserate und Abonnements erneuert werden. Um sich diese kostbaren Einnahmen, die man im antisemitischen Jargon kurzweg als „Judengelder" bezeichnet, zu erhalten, wird die „Deutsche Zeitung" vorerst noch laviren und manövriren, ja sie sucht sogar nach einer glaubwürdigen Version jüdische Administrationsbeamte und „Volkswirthschafter", welche ihr für die Zeit des Ueberganges ihre Dienste zur Verfügung stellen möchten. Man sieht, die Herren Steinwender, Bareuther und Sueti sind mit Erfolg zu Herrn Bergani in die Schule gegangen. Nach den unzweifelhaften Erfolgen, welche Herr V e r g a n i nach dieser Richtung erzielte, finden wir das Alles ganz begreiflich. Unbegreiflich dagegen ist die absolute Gleichgiltigkeit, mit welcher die liberale Partei zusieht, wie die Antisemiten auch publicistisch ihren bisherigen „Besitzstand" vergrößern. Denn diesmal geht es ausschließlich um den Machtbereich der liberalen Partei. Die „Deutsche Zeitung" hat in Nordböhmen und in den Alpenländern noch eine große Clientel, welche, der Macht der Gewohnheit folgend, das Blatt auch weiterhin beibehalten und sich von demselben beeinflussen lassen wird. Auch hier ist die Judenhetze nur Mittel zum Zweck, der Zweck aber ist die Entwurzelung der liberalen Partei auf Gebieten, wo sie bisher dominirte. Eine edle Frau. Drei jüdische Frauen von hervorragender geistiger Größe standen in den ersten Jahrzehnten vielbewundert in dem Mittelpunkte des Interesses, und merkwürdigerweise waren alle drei Berlinerinnen. Vor Allem die herrliche, geistsprühende Rahel, die Lebensgenossin Varnhagen von Enses, deren Briefe heute noch Zeugniß geben von der originellen, durch un: durch selbstständigen Art dieser groß angelegten Natur, die Probleme spielend ergründete, welche männlichen und gereiften Denkern zu schaffen gaben. Sie jeanpaulisirte über didunkelsten Rächsel hinweg, umkränzte jeden Abgrund mit den bunten Blüthen ihres unerschöpflichen Geistes — ja, Rahel wäre einzig gewesen, wenn nicht Henriette Herz und Dorothea Veit ihr die Palme des Ruhmes streitig gemacht hätten! Henriette Herz, die Frau eines Berliner Arztes, stand mit dem jungen Börne in anregendem Briefwechsel und die Erstlinge der Heine'schen Muse fanden an ihr eine warme, fördernde Bewunderin. — Dorothea, des großen Moses Mendelssohn Tochter, erst Veit's dann Friedrich von Schlegel's Gattin, war eine merkwürdig angelegt Freurenseele. Rahel und Henriette hatten den unschätzbaren Vorzug einer lieblichen Leibesbildung vor ihr voraus — das geistvolle Lächeln eines schönen Mundes, wer könnte dem widerstehen, und das tiefsinnige oder kluge Wort kli»gt nochmals so tiefsinnig oder klug, wenn es reizvollen, feingeschnittenen Korallenlippen entschlüpft! Sie war nicht schön zu nennen, des Moses' Tochter, dem Vater zu ähnlich — aber dafür hatte er ihr ein anderes, nicht minder köstliches Erbgut in die Wiege gelegt, einen Theil seines tiefen und scharfen Geistes. Diese drei Frauen bildeten den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Kreise des damaligen B e r l i n, um sie krystallisirte sich herum, was an aufstrebender Intelligenz vorhanden war. Welche Gespräche wurden da geführt, welche Geselligkeit im, edelsten, besten Sinne geübt, wie förderte sich eins am anderen dem schönsten Ziele entgegen — der Vervollkommnung! An diese drei Frauen mußten wir denken, als am letzten Dienstag der unter der Blumenlast verschwindende Sarg mit der Hülle der Josef ine vo n W er th e im ft ei n ge hoben wurde, um auf dem Döblinger Ortsfriedhofe zur ewigen Ruhe gebracht zu werden. Ihre Geister umschwebten uns wie mit leisem Fittigrauschen, als Obercantor Singer's erzenes Organ ergreifende Todtenlieder anstimmte und Prediger Dr. Schmiedel das Wort ergriff, um der ansehnlichen

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