Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 578 Vesterreichiptze Wochenschrift Nr. 30 die Table d’hote, die ' nach Demokritos-Deckert der Messias den Juden gibt, eine Volksküche! sein soll. Inzwischen heißt es fest büffeln, ansonsten läßt der Dr. Bloch die 15.000 Krönlein nicht aus. Es wird schon langsam gehen. Ich habe die besten Hoffnungen. So gut wie der Pfarrer Deckert übersetze ich schon. Aleph, Beth, Gimmel, Dal —, Dal-. Verfluchtes Wort Darüber komme ich nicht weg. Servus Pumpo! Dein Teutobold. Die „Deutsche Zeitung" — antisemitisch! Die „Daitsche Zeitung" — wie die Antisemiten sie höhnten — ist durch allerlei Schliche und Machinationen, die wir genauer beleuchten werden, in den Besitzstand der deutsch-national-antisemitischen Partei übergegangen. Somit beläuft sich die Anzahl der in Wien erscheinenden Tagesblätter, welche die systematische Verfolgung der Juden als politisches Programm auf ihr Panier geschrieben haben, auf volle fünf. Eine bedauerliche Thatsache, die einfach constatirt werden muß. Noch vor wenigen Jahren hätte man es für ganz außerhalb des Bereiches aller Möglichkeit liegend gehalten, daß in Wien fünf täglich erscheinende, antiliberale Zeitungen ihr Lesepublicum fänden — ein Lesepuölicum von so niedriger, begriffsarmer Denkweise, von solch unreifem, politischem Urtheil. Und doch mußte es so kommen in nothwendiger Folge der unverantwortlichen Fahrlässigkeit und Disciplinlosigkeit der liberalen Partei. Wieder ein verloren gegangener, nicht unwichtiger Posten, welcher mit verhältnißmäßig geringfügigen Mitteln zu erhalten gewesen wäre. Wieder werden die hochmögenden Parteigrößen wie Moliere's Aerzte bei der Section zusammenkommen und präsente cadavere berathen, was zur Heilung des Patienten eigentlich rechtzeitig hätte unternommen werden sollen. Wenn diese liberale Partei mit ihrer gegenwärtigen Desorganisation es noch lange so treibt unter Führern, welche die Unfähigkeit selbst sind, wird sie in Bälde nichts mehr Wesentliches zu verlieren haben. Müssen denn gerade immer die Alleruntüchtigsten auf die verantwortungsvollsten, exponirtesten Stellen berufen und zu obersten Leitern gemacht werden? Die Organisation ist schlaff und Bequemlichkeit heißt der leitende Grundsatz ihres Systems. Diese verfehlte Taktik, die eigentlich gar keine ist, bringt es nothwendigerweise mit sich, daß die Concentration nach rückwärts immer rapider fortschreitet. Die Gegner dagegen sind unermüdlich bei der Wühlarbeit. Wie die Maulwürfe unterminiren sie das Terrain kreuz und quer und nach allen Richtungen hin. Wählerversammlungen und Rechenschaftsberichte jagen einander mit unheimlicher Raschheit. Bis zur Erschöpfung, bis zum Umsinken dienen sie der schlechten Sache, die sie zu der ihrigen gemacht haben. Sie entwickeln einen Feuereifer, eine Rastlosigkeit, eine Begeisterung und eine Aufopferung — ihrer Zeit, ihrer Person, ihrer Gesundheit, die bewundert werden müßten, wenn sie von edleren Motiven geleitet und nicht von den niedrigen, gemeinen Jnstincten des Hasses und der Verfolgung eingegeben wären. Keine Hitze ist ihnen zu drückend und kein Unwetter zu drohend, ob die Glut der Juli-Sonne sie sengt oder die Blitze am gewitterdunklen Firmamente sich kreuzen, in Schneegestöber, bei guten und schlechten Wegen — immer sind sie zur Stelle, um die Fühlung mit den Volksschichten nicht zu verlieren, nur um den Faden nicht aus den Händen gleiten zu lassen, welcher sie mit der Bevölkerung verbindet. Sie knüpfen ihn immer fester, sie ziehen immer weitere Kreise, ihr Einfluß wächst zu bedrohlicher Stärke, schon sind sie ein Factor und bald werden sie eine Macht sein. Und die gute, die liebe, die brave, liberale Partei legt die Händchen ruhig in den Schoß und folgt dem interessanten Schauspiele mit der mäßigen Theilnahme eines gelangweilten Zuschauers, der sich nicht echauffirt über die Ereignisse und Bilder auf der Scene, dem das Alles nur Spiel ist und den es im Grunde nichts angeht. Ein sanfter, passiver Widerstand, ein kleiner, stiller Gegendruck genügt ja, um den Gegner wissen zu lassen, daß seine Kampfesweise uns nicht angenehm ist und seine Grundsätze sich mit den unsrigen nicht decken. Wo sind die schönen Phrasen vom Hietzinger Parteitag?! Verflogen im Wind und spurlos verweht. Der Helmbusch des Herrn von Plener flattert längst in der Himmelpfortgasse. Die Matadore ziehen den Aufenthalt in einem mit dem modernsten, europäischen Comfort ausgestatteten Alpenhotel den primitiven Landgasthöfen, wo die Wähler sich zu versammeln pflegen, mit Entschiedenheit vor. Madonna di Campiglio hat die schönere Lage vor Krems oder St. Pölten voraus und mit Ostende oder oder Scheveningen — besonders wenn die herrliche Brise vom Meere her Kühlung zufächelt — kann das Wiener - Neustädter Steinfeld, das in der Sonne brät, den Vergleich schwerlich aushalten. Wie angenehm läßt sich in Ischl oder Gmunden abwarten, bis sich die Ereignisse so ganz von selbst zu Gunsten der liberalen Partei gewendet haben werden. Die Gegner werden schon müde werden, ihre Standarte in den kleinsten Nestern aufzupflanzen. Da wird denn in allerlei Sommerfrischen — man muß ftdj doch von so anstrengenden Wintercampagnen ordentlich erholen — mit Staunen gelesen, welch' wuchtiger Schlag inzwischen gegen die Partei"geführt worden . . . Die liberalen Blätter der Residenz sind auch nicht gänzlich von dem Vorwurf freizusprechen, dem Antisemitismus nicht rechtzeitig und wirksam entgegengetreten zu sein. Zuerst wurde die Parole des Secretirens, des Todtschweigens ausgegeben, als ob dadurch jemals eine politische Seuche aus der Welt geschafft worden wäre. Durfte man den Angreifer, der unsere politische Existenz, unsere Menschenwürde, unsere Ethik angriff und hämisch besudelte, der es nicht zuletzt auf unser Besitzthum abgesehen hatte, durfte man den alleinig mit Verachtung strafen? Heißt das nicht ein moralisches Harikiri vollziehen, ein Todesurtheil über sich aussprechen, kam da-s nicht einem Selbstmorde gleich? War das opportun? politisch? vernünftig? Als man endlich doch zu begreifen anfing, daß es auf diesem Wege nicht gehe, daß der Antisemitismus durchaus nicht gesonnen war, sich todtschweigen zu lassen, daß er im Gegentheile sich sehr Wohl dabei befand, und nur um so kräftiger in die Halme schoß, da kam ein kleiner Guerillakrieg mit Notizen und nebensächlich behandelten Streifhieben. Die Sache war ja durchaus nicht wichtig, sondern wurde nur von ein Paar Kampfhähnen zumPrivatsportaufgebauscht.Nochimmerhattemandie Gefährlichkeit der Sachlage nicht begriffen,noch immer zögerte man, dem inzwischen stark und.kühn gewordenen Feinde entgegenzutreten. Jahrelang standen wir fast allein im Kampfe gegen den Antisemitismus. Ob die liberale Partei sich Wohl jetzt endlich, wo es fast schon zu spät ist, aufraffen wird zum zielbewußten Handeln und das thun wird, was zu ihrer Selbsterhaltung unumgänglich erforderlich ist? Sie hat große Fehler begangen gegen sich und uns. Sie hat den Mitbürgern jüdischen Glaubens den ausreichenden Schutz versagt, sie hat die ihnen staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte nicht mit jener kraftvollen Entschiedenheit vertheidigt, welche aus wahrhaft liberalen Principien mit eiserner Nothwendigkeit sich ergaben; sie vermeinte, die Angriffe der antisemitischen Meute haben nur den Juden gegolten, träfen aber sie selbst nicht. Das war klein, unedel und engherzig gedacht und überdies noch ein politischer Fehler. Alles, was die liberale Partei an uns gesündigt und verabsäumt, das rächt und straft sich nun furchtbar an ihr selbst — an der liberalen Partei. Die „Deutsche Zeitung" bedeutet, um auf den concreten Fall zurückzukommen, nicht blos ein Antisemitenblatt mehr, sondern zugleich ein liberales weniger. Die Juden schlägt man und — die liberale Partei meint man. In wenig Wochen wird die vormals „Daitsche Zeitung" in den scheußlichen Hetzchor miteinstimmen. Heute ist sie noch kleinlaut und farblos aus verschiedenen wichtigen Gründen, die Schnüre des Geldbeutels angehend. Man darf doch die liberalen Abcnnenten nicht jäh abschrccken, sind sie erst fein sachte an das neue Commando gewähnt, dann werden sie mit fliegenden Fahnen zum Feind übergehen . „Er wartet nur Auf Ordre, um zu ihrem Heer zu stoßen" heißt es im „Wallenstein" und der schwedische Oberst gibt zur Antwort: , „Solch eine Flucht und Felonie Ist ohne Beispiel in der Weltgeschichte." Nun lassen wir unserem Gewährsmann das Wort. -i- * ♦ Seit vorigen Sonntag erscheint die „Deutsche Zeitung" in verändertem Format und mit veränderter Tendenz. Das Format ist jener Maschine angepaßt worden, auf welcher auch das „Deutsche Volksblatt" hergestellt wird und die Tendenz u A 3 g Ü st % n 1 h h 9 a e ii d 8 8 r o $; § i k i \ < ( < i i