Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 30 (27.7.1894)
- Date
- 1894-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 576 Vestrrretchtptze Wochenschrift Nr. 30 für den gibt es nur eine sociale Frage, die Idee der Menschlichkeit. Aber dürft ihr erwarten, daß alle Menschen so gerecht und -edel denken? So lange es Menschen gibt, die aus Dummheit oder Bosheit dem Juden die Bürgerrechte streitig machen und ihm sein Leben verkümmern, solange existirt die Judenfrage als brennende, dringende Frage. Thoren sind es, die sich der Abwehr der Judenfeindschaft fernhalten, weil sie sich zu vornehm dünken, um sich mit dem Schmutze zu befassen. Befaßt sich nicht auch jeder Moralphilosoph, jeder Reformator und Gesetzgeber mit menschlichen Schwächen und Gebrechen? Der Idealismus und der Glaube an die Menschlichkeit sind die theuersten Güter eines Volkes, nur darf man sie nicht mit der Politik verschmelzen. Verquickt man Moral und Politik miteinander, so leiden sie beide darunter. Wollt ihr auf die Macht der Cultur vertrauen und die Hände in den Schoß legen? Schlaget doch die Jahrbücher der Weltgeschichte auf, und ihr werdet finden, daß die Vernunft und die wahre Sittlichkeit stets das Gut einzeln er Leute waren. Die Lüge, die Verrohung der Sitten, alles das, was auf die bösen Leidenschaften des Volkes baute, hat stets Macht und Einfluß gewonnen und oft den Sieg errungen. Wie thöricht also wäre es, den Dingen ihren Lauf zu laßen und die natürliche Entwicklung abzuwarten. Allein der Einzelne, mag er mit noch so viel Muth gewappnet und mit allen geistigen Mitteln ausgestattet sein, vermag nicht viel zu leisten. Hier gilt es, einheitlich, zielbewußt und organisatorisch zu handeln, — und da macht sich der zweite Cardinalfehler des modernen Judenthums, der Mangel an Eintracht, stark bemerkbar. Jeder tvandelt seine eigenen Wege, bekümmert sich nicht um die Gesammtheit und durchkreuzt oft die Wege der Anderen. Wic soll es hier also zu einer gedeihlichen Thätigkeit kommen? Jeder bildet bei uns eine Partei für sich, und die vielköpfige Kopflosigkeit hat uns schon oft geschadet. Es ist traurig, daß unsere Brüder noch immer nicht einsehen, daß unsere Stärke nur in der Einheit liegt, daß ein Jeder für die Gesa mm theitund die Gesammtheit für Jeden eilt* treten m uß. Es gibt Leute, die sich ernstlich einbilden, es gäbe keinen Antisemitismus, weil er noch nicht zu ihnen ins Schlafcabinet oder ins Privatcomptoir eingedrungen ist. Und während sie in ihrer Gedankenlosigkeit sanft schlummern, feiert die Judenhetze ihre wildesten Orgien und greift wie eine epidemische Krankheit um sich. Und sie erwachen plötzlich, wenn das Geheul der rohen Masse vor ihrem Ohre schallt, reiben sich die Augen und fragen sich: Wie ist das gekommen? Wie war das möglich? Ja, wir begegnen Leuten, die an den Spitzen der jüdischen Gemeinden stehen und trotzdem auf eine Anregung zur That die weise Antwort geben, sie merkten nichts von einemAntisemitismus. Kurzsichtige Geister! Begreift ihr nicht, wie nah die Gefahr der antisemitischen Verseuchung auch für euch liegt? Und selbst wenn ihr das Glück hättet, vom blinden Haffe und der wüthenden Verfolgung der Judenfeinde dauernd verschont zu bleiben, habt ihr da nicht erst recht die Pflicht, für eure bedrohten Brüder emzutreten, eure Intelligenz, eure Mittel, eure Zeit und eure Kraft ihnen zu opfern? Ist es nicht schwerer Verrath, wenn ihr eure Brüder in der Roth verlasset? Was sollen alle eure Wohlthaten gegen einzelne Juden nützen, wenn ihr für die jüdische Gesammtheit nicht eintretet? Nun gibt es viele sogenannte aufgeklärte Juden, die sich saaen: Was geht mich das Judenthum an, auf dessen Boden ich nicht mehr stehe? Eitle Thoren, die das Wort Aufklärung mißbrauchen, um ihren jämmerlichen Egoismus zu verhüllen! Glaubt ihr, daß der Antisemitismus euch verschonen wird, wenn ihr euch als moderne, atheistische Juden legitimirt? Da könnte euch ein Backfisch um eure Naivelät beneiden. Seid ihr wirklich aufgeklärt, so ist es eure heilige Aufgabe, die Gewissensfreiheit eurer Brüder zu schützen. Möget ihr glauben und verneinen, thun und lassen was ihr wollt, ihr habt aber die Pflicht, die Mische Gesammtheit in ihren religiösen und socialen Interessen zu vertheidigen und ihre Heiligthümer vor den Rohheiten eines wilden, fanatisirten Pöbels zu schützen. Das Judenthum ist keine Religion der Dogmen und drängt Niemand seine Satzungen auf, das wahre Judenthum liegt im Herzen und die Liebe zu unserem Stamm vereinigt uns alle m der Pflicht für die Gesammtheit zu wirken. Und unsere Reichen, welche glauben, sich hinter ihren Geldschränken und ihren wohlklingenden Titeln vor dem Antisemitismus verschanzen zu können, sie haben in erster Reihe die Pflicht, die Sache der Abwehr mit allen Mitteln zu unterstützen. Viele von ihnen haben durch ihre sinnlose Verschwendungssucht, die weit über ihre Mittel geht, den Neid des Volkes geweckt, sie haben die dumme Fabel erzeugt, die Juden hätten das meiste Geld. Die Tausenden armer Juden, die sich im Schweiße ihres Angesichtes abmühen, um das Nothwendigste für sich und ihre genügsame Familie zu schaffen, die beachtet der Antisemit nichl. Wohl aber sieht er mit schielem Auge auf den behäbigen Commerzienrath und seine von Diamanten funkelnde Gattin. Israel hat immer das Geschick gehabt, daß seine herrlichen Tugenden verkannt, seine Untugenden mikroskopisch vergrößert wurden, und wie ein Fatum waltet es über ihm, daß man seine Gesammtheit für das Vergehen Einzelner verantwortlich macht. Ist es da nicht die Pflicht unserer Reichen, einen Theil ihrer Mittel in den Dienst einer guten Sache zu stellen und die organisirte Abwehr zu unterstützen? Arm und Reich, Glaubenstreue und Aufgeklärte, Conservative und Liberale, Alles, was Herz für die jüdische Sache hat, muß seine Kraft und seine Mittel der Sache der Abwehr widmen. Alle müssen sich in der Stunde der Noth die Hand reichen, um die immer krasser werdende Judenhetze zu bekämpfen. Niemand ist zu gut, Niemand aber auch zu unbedeutend für dieses Werk. Was also sollen wir thun? Schützt euch selbst! Schützt euch durch eine tüchtige, einheitliche, zielbewußte Abwehrthätigkeit. Keine der politischen Parteien ist im Stande, euch genügend zu schützen, das haben euch die Thatsachen zur Genüge gelehrt. Die Judenfrage kann durch kein politisches Programm, sondern nur durch die Juden selbst gelöst werden. So nehmet selbst die Abwehr in die Hand! Sammelt in jeder Gemeinde alle intelligenten, politisch reifen und leistungsfähigen Glaubensgenossen,-organisirt sie zu Vereinen und führt überall zuverlässige Vertrauensmänner, die über das, was in ihren Orten vorgeht, ein wachsames Auge haben. Organisirt dann diese einzelnen Gruppen zu Provinzialverbänden, stattet sie mit genügenden Mitteln aus und unterstützt sie mit Nachrichten und Erfahrungen. Seid mit tüchtigen Rednern ausgerüstet, beobachtet die antisemitische Bewegung in all ihren Phasen und ergreifet schnell Maßregeln dagegen. Seid nicht übermüthig und leichtsinnig, aber auch nicht feige und zaghaft in der Vertheidigung eurer Rechte. Tretet selbst muthig in den Kampf, lernt den Namen Jude mit Würde tragen und schützet eure Rechte und eure Ehre gegen den Angriff ehrlicher und unehrlicher Feinde. Ihr seid vollberechtigte Bürger, solange ihr euch selbst dafür haltet. Niemand kann Euch ernstlich schaden, wenn ihr einig, klug und energisch seid. F. 8. Teutobold's erstaunliche Weisheit. XX. Schreibebrief des deutschnationalen Studenten. Wien, Ende Juli 1894. Mein liebster Kumpan Pumpo! Ha — habe noch nie so gelacht. Sind Dir die Semiten aber schön abgeblitzt! Hat's ihnen der hohe Senat diesmal tüchtig heimgegeben! Steht nichts auf über die Gerechtigkeit, und das hohe Urtheil des hohen Senats triefte nur ordentlich von Gerechtigkeit. Wirklich das Höchste. Ohne Ansehen und Anhören der Personen so was Feines zu Stande zu bringen, ist schwer. Ja, diese nichtswürdigcn Semiten haben uns arme, unschuldsvolle arische Kindelein durch ihre Agitationen schmählich und schandvoll verhetzt. Mich besonders haben sie ganz verdorben, der schlimme Benedict und der böse Schön. Max und Moriz sind gar nichts gegen tiefe Beiden. Du meinst vielleicht Pumpo, es wäre nicht so weit her mit dem Verhetzen und denkst an die rührende Geschichte, wo das Lämmelein dem K. H. Wolf das Wässerlein trübete? Du irrst. Der hohe Senat weiß das besser. Das Lämmelein h a t getrübet, wenn es auch weiter unten getrunken hat, es hat agitirt unter den Wölfen und eine bedauerliche Verhetzung dieser sanften Thiere zu Stande gebracht. Wäre es nicht gewesen, so hätten sie es nicht