Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-27 · 30 (27.7.1894) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
30 (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021038--03702-3027852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 30. £HWen, 27. IM 1894. 4 14 Jahrgang XI. 11 Centralorgan für die gefamrntrn Interesten des Iudrnthums. -ch-- erausgebrr: Reichsralhs-Avgrordnrtrr vr. Kloch. -- Erscheint jeden Freitag. -i»—4-j—- Man abonnirt bei allen Postsnstalten des In- und Auslandes. S. k. Poftsparralfrn-Aml Clearingverkehr Ar. 610.976. Ledartion und Administration: Wien Franz Josrfs-Nuai Nr. 3. 1 Telephon-Nr. 6535. -- —% * Srzugsxrris für Srstrrrrirh: Halbjährig 4 fl. — 8 J?t. Einzelexemplare 25 fr. Mr's Ausland: halbjährig S fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 fr. Inhalt: Wiener llniversitätsjustiz. — Leitartikel:Zur Abwehrpolilik. — Teutobold's erstaunliche Weisheit. —Die „Deutsche Zeitung" — antisemitisch. — Eine edle Frau. — Ein Heine-Denkmal in New-Dork. — Vom Jahrmärkte des Lebens. — Beim Baron Hirsch. — Stimmen aus dem Publicum. — Eorrespondenzen: Wien, T-plitz, Una.-Brod, Slrakmutz, Drasow, Saar. Stanislau, Suczawa, Witten, London. — Vermischtes: Wien, Brünn, Teschen, Stampfen, Sambor, Hohenstadt, Hotzenplotz, Prag, Budapest, Nyiregyhaza, Straßburg (Elsaß), Fürth (Baiern). — Feuilleton: Im stillen Städtchen. — Briefkasten. — Notizen. - Ausruf. — Inserate. Wiener Nniversttätsjusti;. Die österreichischen Staatsgrundgesetze garantiren allen österreichischen Staatsbürgern gleiche Rechte. Auf der Wiener Universität, wo die Quintessenz der Justitia gelehrt wird, legt man diese Garantien folgendermaßen aus Der österreichische Staatsbürger jüdischer Confession darf zwar gleich dem christlichen an der Universität studiren und Collegiengelder zahlen, er muß jedoch alle Schmähungen und groben Insulten, welche er seiner Confession wegen erfährt, in schweigender Ergebung tragen, widrigenfalls gcgen ihn von amtswegen die Relegirung verhängt wird, denn die hohe Universitätsbehörde geht von der Ansicht aus, daß die Hochschule ein streng arisches Institut ist, in dem das Semitenthum nur Pflichten hat, aber auf keinerlei Rechte Anspruch erheben darf. A. Gundaeear von Suttner. Zur Abwehrpolilik. Von einem unserer Freunde aus Deutschland. I. Schützt euch selb st. Wem unserer einsichtigen Glaubensgenossen mag in den Wirren und Klüften der Gegenwart dieses Wort nicht schon eingefallen sein? Und doch, wie selten handeln wir nach dieser Maxime! Es ist eine betrübende und beschämende Erscheinung, daß die Juden selbst über das Wesen und die Bedeutung der antisemitischen Bewegung noch nicht aufgeklärt sind. Man macht uns von feindlicher Seite den Borwurf, wir wären für uns selbst und unsere Interessen zu sehr berechnend und hielten solidarisch zusammen in Freud' und Leid. O, daß doch dieses wahr wäre, daß diese Tugenden doch Gemeingut aller Söhne Israels wären. Es wäre dann wahrlich viel besser um uns und unsere Zukunft bestellt. Mangel an politischer Einsicht und an Solidarität sind die Kardinalfehler der deutschen und österreichischen Juden und sie werden uns, wenn wir keine Vernunft annehmen, noch verhängnißvoll werden. Politische Reife ist freilich nicht eines Jeden Sache. Mancher hat kein Berständniß für Politik und begnügt sich mit der Lectüre eines farblosen Blattes, dessen Localnachrichten seine einzige Geistesnahrung ausmachen. Mancher wiederum dünkt sich zu gut für die Politik, er läßt den lieben Gott und die löbliche Regierung walten und überläßt die Beschäftigung mit der prosaischen Politik den niederen Wesen. Nun gibt es überall, in jedem Volke und in jeder Classe unreife Menschen, und es wäre naiv, zu verlangen, daß alle Inden reife Politiker werden. Aber für seine eigene Lage muß doch jeder Mensch Einsicht haben, und wer sie nicht hat, wer nicht weiß, was ihm selbst frommt und ziemt, darf sich nicht zu den Gebildeten zählen. Und auch Diejenigen, welche sich mit Politik befassen, wie wenig Berständniß zeigen sie oft für die Judensrage. Sie tummeln sich, in den socialistischen und liberalen Parteien herum, fühlen sich glücklich, wenn ihre Dienste in Gnaden ausgenommen werden und vergessen dabei an sich selbst, an ihre Interessen als Juden, an die Zukunft ihrer Kinder, an ihre idealen Güter. Wenn man vor zehn Jahren geglaubt hat, den Antisemitismus mit Spott abthun zu können, so war dies noch verzeihlich. Aber heute, nachdem diese culturfeindliche Bewegung die Massen des Volkes fanatisirt hat, nachdem diese unheilvolle Flamme uns drohend in ihrer ganzen häßlichen, gefährlichen Gestalt entgegengetreten ist, — wenn man heute über diese Dinge sich erhaben dünkt und nichts thut, um die Angriffe abzuwehren, so begeht man einen Selbstmord. Ist es nicht traurig, wenn solche Herren, die dazu berufen sind, die geistige und moralische Leitung der jüdischen Gemeinden zu besorgen, oft naiv fragen, ob das Werk der Abwehr nothwendig sei? Legt nicht schon der Selbsterhaltungstrieb die Pflicht auf, feindliche Angriffe abzuwehren und sich zu vertheidigen? Was philosophirt ihr, ob die antisemitische Bewegung culturell und moralisch berechtigt ist? Nein, tausendmal nein! Sie ist nicht berechtigt, sie ist ein Hohn auf jede Cultur, sie ist der Ruin jeder Moral, sie ist die Erzfeindin der Idee der Menschlichkeit! Aber — sie ist da, sie lebt, das ist eine traurige, bittere Thatsache, mit der wir einmal rechnen müssen. Ja, sie lebt, diese menschenfeindliche Bewegung, sie feiert jeden Tag ihre traurigen Triumphe, schaart die bösen Elemente um sich und schürt das Feuer der wilden Leidenschaften im Volke. Man mag der größte Gegner des Krieges sein, wenn uns aber der Krieg von Feinden böswillig aufgedrungen wird, so ist nicht Zeit für geistreiche Reflexionen, so müffen wir den Kampf aufnehmen und ihn mit allen erlaubten Mitteln auskampfen. Glaubt ihr, mit den schönen Redensarten von Sittlichkeit und Humanität eine spontane Volksbewegung abthun zu können? Ihr leugnet mit den liberalen Theorien die Existenz einer Judenfrage. Jawohl! Für den edel denkenden, gerechten Menschen, der nicht nach der Gestaltung der Nase und der Farbe des Haares sieht, für den gibt es keine Judenfrage, V i.- v j

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.