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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-20 · 29 (20.7.1894) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 572 Drsterredtzische WochrnfchrM Nr. 29 „Trinken Sie! Mißgönn' ich es denn? Nehmen Sie Zucker; Sie können den Zucker ins Glas legen . . . thut nichts, Sie machen uns damit nicht arm." Sie stützte den Kopf in die Hand mit dem Ausdruck eines Opfers und richtete ihren Blick nach einer andern Seite hin, als würde sie Schutz und Vertheidigung gegen das erlittene Unrecht suchen. „Ich komme zu Ihnen mit einer Bitte Abraham Dawi-- dowitsch!" sagte ich. „Und zwar?" fragte er, die Brauen zusammenziehend. „Awrum!" (Abkürzung für Abraham) rief Esther, sich zu ihrem Mann wendend: „Willst Du etwas Besseres hören? Schon von morgen an, wird das Fleisch Gott sei Dank, um eine ganze Kopeke per Pfund theurer." „Was läßt sich da thun!" beruhigte sie Rosenfeld und wendete sich zu mir: „Worin besteht ihre Bitte?" Esther blickte ihn böse an. „Aber was, Ammert Dich überhaupt irgend etwas? Dich geht einmal nichts an, Dich rührt nichts, Du kennst nur Deine Mühle, das Uebrige ist nicht Deine Sache. Geh' umarme den Maschinisten, ihm ist bange nach Dir!" Alle schauderte es. Rosenfeld schluckte gewaltsam den Rauch, die Kinder sahen einander schüchtern an, die Tochter schlug die Augen nieder und spielte mit den Fingern auf dem Teller. „Rachel, weißt Du was?" begann Abraham Dawidowitsch, der die Barschheit seiner Frau bemänteln wollte, „spiel' uns etwas vor!" „Ach Vater, was soll ich denn Vorspielen?" erwiderte das Mädchen erröthend, mit verzweifelter Stimme. Esther konnte sich wied.r nicht enthalten: „Du weißt nicht was, sie weiß schon wieder nichts! Ließ man sie überhaupt etwas lernen? Sind wir denn im Stande sie unterrichten zu lassen? Was geht's sie an, ob wir unser Blut für sie verschwenden, daß sie den übrigen anständigen Mädchen ähnlich wird! Wenn es nicht nöthig ist, dann klimpert sie zum davonlaufen." „Spiel mir mein Lieblingsstück!" bat Rosenfeld. Das Mädchen ging zum Clavier, das in einer Ecke des Speisezimmers stand, suchte die nöthigen Noten und begann zu spielen. „Das ist die Rhapsodie eines bekannten Componisten Liszt!" erklärte mir Rosenfeld, als die schrillen Accorde erklangen. Jämmerlich heisere Töne schlugen an mein Ohr, das Clavier ächzte und stöhnte. Rosenfeld lächelte selbstgefällig und rauchte kräftig; die arme Rachel war aufgeregt, sie strengte ihre Kräfte auf's Aeußerste an und griff häufig daneben. Als diese Folter zu Ende war, athmete Rachel und auch ich erleichtert auf. „Brav'" lobte Abraham Dawidowitsch. „He, was halten Sie davon? Was, habe ich einen schlechten Geschmack? Richtig! man hat Sie ja nicht zu Ende kommen lassen. Was wollen Sie mir sagen?" „Ich wollte Sie bitten mir in einer Angelegenheit behilflich zu sein," erwiderte ich. „Heute machte ich die Bekanntschaft mit dem Lehrer Schloime". „Schloime, der Melamed?" (Lehrer der jüdischen Religion.) Eine wichtige Persönlichkeit, wie alle Melameds." „Aber nicht darum handelt es sich — er befindet sich jetzt in einer fürchterlichen Lage — die Hausfrau gähnte behaglich und schickte die Kinder schlafen. — Der Jnspector hat Auftrag gegeben, mit ihm Protokoll aufzunehmen, weil er eine Schule hat. Schloime ist Familienvater und bleibt ohne Erwerb — man muß ihm unbedingt Hilfe leisten." „Nun ja!" schrie Esther auf, „Awrum, hör' mal, was mir einfällt! Ueberlaß dem Schloimke die Mühle oder laß alle Deine Geschäfte stehen und geh', kümmere Dich um ihn! ... . Nein, es ist besser, ich geh' schlafen und Ihr mögt einander Märchen erzählen"; ohne sich von mir zu verabschieden, ging sie ins nächste Zimmer. „Und womit kann man ihm beistehen?" fragte mich Rosenfeld. „Ich? Mit gar nichts, aber Sie könnten das thun." „Zum Beispiel wie?" „Ihnen wird der Jnspector sicherlich Gehör schenken; Sie als ein . guter Bekannter können ihn überreden." „Nein!" schlug er entschieden ab. „Ich wünsche nicht, mich in derartige Dinge einzumengen. Wie komme ich dazu? Was geht mich irgend ein Schloimke an? Warum soll ich für Andere sorgen? Wer weiß, was noch Alles mit mir geschehen kann. Soll ich mir es verderben wegen irgend eines Melamed! Wir müssen uns ruhig verhalten und in gar nichts einmengen, müssen sparen, sparen. Das Einzige, was Einem zur Verteidigung seiner eigenen Haut übrig bleibt. Und jetzt entschuldigen Sie meine Offenheit — ich muß morgen unbedingt sehr früh ausstehen . . . Besuchen Sie uns, bitte öfter!" Er reichte mir die Hand und geleitete mich zur Ausgangsthür. Es war gegen Mitternacht. Obgleich ich starke Müdigkeit verspürte, konnte ich nicht einschlafen und saß beim offenen Fenster meines Zimmers. Der Westwind wehte und ich hörte dem Rauschen des Laubes zu. Ich kannte die Bäume, kannte den alten Müller hinter seiner Mühle, Alles war mir bekannt — war hier doch meine Heimat, wo ich meine schönsten Tage verlebt habe. Aber ich fühlte jetzt nicht die Sorglosigkeit, das süße Vergessen der Leiden und Unruhen, die ich zu finden erwartete. Dieselbe Nacht, dieselben Bäume sind es, Alles ist dasselbe — aber die Gefühle sind nicht dieselben — der Friede von ehemals umfängt nicht mehr die müde Seele. Die Menschen, die mir einst nahe stauben, denen ich jetzt begegne, haben sich verändert, sie sind den Stürmen der Zeiten unterlegen. Es ist ja der natürliche Lauf der Dinge . . . Am nächsten Morgen begab ich mich zum Jnspector, fest entschlossen, meinen Einfluß zu erproben. Vor dem Thor des Polizeihauses begegnete ich dem Polizisten, von welchem ich erfuhr, daß der Herr irgendwohin mit dem Untersuchungsrichter gefahren sei und nicht eher, als in zwei Stunden zurückkehren werde. Der Herr Kreisrichter „sind" weggegangen, der Herr „waren" sehr böse, „haben" ein Glas und eine Untertasse gebrochen . .. waren sehr böse, wegen einer Jüdin, die mit einem „Papier" gekommen ist. Der Herr Kreisrichter „haben" sie auf Befehl des Herrn hinausgeworfen — sonst nichts. Das Papier hat man ihr durch das Fenster abgenommen und in die Kanzlei gebracht. Da ließ sich also nichts thun; ich mußte warten und nahm mir vor, irgend Jemanden aufzusuchen, um so die Zeit zu tödten. An der Ecke der Gasse sah ich Schloime mit ernstem, feierlichem Gesicht vor einem Geschäftsladen stehen. In der Hand hielt er ein Tuch, das an den vier Enden mit Knoten gebunden war. Er hatte den Hut in die Stirne gedrückt und ging von einem Juden zum andern, öffnete schweigend oas Tuch und ohne irgend etwas zu fragen, warf ein Jeder einige Münzen hinein; an ihren Mienen konnte man eine besondere Ehrfurcht vor Demjenigen, der die Gaben sammelte, bemerken. Schloime hatte auch mich erblickt, kam rasch auf mich zu und ohne mich zu grüßen oder nach dem Resultat meiner Bemühungen in seiner Angelegenheit zu fragen, öffnete er ebenso stumm das Tuch vor mir; ich warf einige Münzen hin und er ging rasch, mit demselben Gesichtsausdruck zum nächsten jüdischen Laden. Ich rief ihm nach, aber er bedeutete mir mit einer deutlichen Geberde, ihn nicht zur Unzeit mit jeder Dummheit zu belästigen. Ich wollte in Erfahrung bringen, für wen er sammle und warum er so finster sei und ging zu meinem alten Bekannten Reb Chaim Beer. Reb Chaim Beer stand auf dem Holzbalcon seines Hauses und wartete, daß an ihn die Reihe komme. „Was ist geschehen?" fragte ich ihn. Er antwortete nicht und gab einige Münzen in Schloime's Tuch. Nachdem Letzterer weggegangen war, sagte er bedrückt: „Chana ist gestorben und man hat keine Mittel, sie zu begraben. Gelobt sei der gerechte Richter! Erinnern Sie sich ihrer?" „Wann ist sie gestorben?" „Das ist doch einerlei . . . aber daran liegt's, daß sie bei Lebzeiten für Andere das Todtengewand nähte und jetzt keines für sich hat. Solche Frauen gibt es jetzt nicht mehr"; er seufzte. „Gott strafe mich nicht für die Worte — sie starb im Stall neben einer Kuh. Die Eigenthümerin des Stalles benachrichtigte den Sohn von der Krankheit der Mutter, aber er betrübte sich nicht so sehr und war nicht zu sehen." „Das ist empörend!" rief ich. „Empörend sagen Sie? Das ist abscheulich! Sie wissen nicht, was das für ein Vieh ist. So reich und —! Na, man wird ihn schon bestrafen; er wird jetzt gezwungen werden, für

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