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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-20 · 29 (20.7.1894) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 39 OrSerrrichllche WochrnschrM Seite 571 „Was soll ich Ihnen, lieber Bruder, erzählen!" fing er nach einigem Schweigen seufzend, mit weicher Stimme, die mich unsäglich rührte, an: „Ich habe viel gelitten! „Unfreiwillig wirst du geboren,unfreiwillig lebst du und unfreiwillig stirbst du"— das steht im Talmud. Ich bin doch, wie man sagt, aus Fleisch und Blut, ich sündige, wenn ich davon zu Ihnen spreche, aber weil Sie so sehr darum bitten .. . Wo ich geboren bin? Und wenn ich im Kownoer Gouvernement geboren wurde, was liegt daran? Was kommt dabei heraus? Womit ich mich beschäftigt habe? Womit kann ich mich beschäftigen? Ich war bald Lehrer, bald Schiedsrichter, bald Prediger — aber läßt man dann Einen leben? Ich war in Kiew, unterrichtete Kinder; jüdische Kinder müssen doch ihre Religion kennen. Wer kennt sie? Wenn man es gehörig befolgen würde, wär'- es ein Segen, es heißt doch: „Aus Zion kommt die Wissenschaft und Gottes Wort aus Jerusalem." Man hat mich aus Kiew weggejagt. Wohin sollte ich gehen? Nun, ich frage Sie? . . Ich habe sechs Kinder, eine Frau und einen alten Vater— Friede komme über ihn! —Wir müssen doch leben! Oder müssen wir nicht — was ist Ihre Meinung? Ich versuchte mich in einem andern Viertel zu verstecken. Dort faßte man mich, und mit Stockschlägen jagte man mich mit meiner ganzen armseligen Habe, die ich besessen, aus der Stadt ... In der Jugend gab es andere Sorgen — das Militär. Hören Sie den Hergang. Es war vor fünfunddreißig Jahren. Im Alter von vier Jahren lernte ich schon und war mit ganzer Seele dem Studium ergeben. Als ich zwanzig Jahre alt wurde, war ich bereits auf einem kleinen Weg angelangt, konnte schon sein, was man bei uns ein „Stückchen von einem Menschen" heißt: ich konnte eine Predigt halten, eine schwierige Frage in der Bibel und im Talmud entscheiden — Alles, was für das Judenthum unumgänglich nothwendig ist. Da plötzlich heißt es: Geh' als Soldat dienen! Begreifen Die den Sinn davon — ich verstand kein Wort russisch. ... Wo wir wohnten? In einem entlegenen Winkel, im alten Badehaus war eine Schule; dort wuchs ich auf, lernte Tag und Nacht. Was die Lehrer für Menschen waren? Leute, die den ganzen Talmud auswendig kannten. Wenn man sie um Mitternacht aus dem Schlaf geweckt hätte, sie hätten ganze Seiten aus dem Talmud auswendig gewußt und ohne Algebra, sogar ohne Physik! Aber lassen wir das! Was weiter geschehen? Ha, wo blieb ich? Unterbrechen Sie mich nicht so oft!. . . Ja, ich mußte also dienen... noch eine schöne Geschichte dabei: ich war der einzige Sohn meiner Eltern — wo ist die Gerechtigkeit? Derjenige, welcher nach dem Gesetz dienen mußte, zahlte dem jüdischen Schulzen und er befahl mich zu verhaften. Dazumal wurde man zum Militärdienst gefangen genommen, es gab eigens Jäger dazu. Es war damals eine schöne Welt! Ich lief davon, versteckte mich auf dem Boden, im Borhaus der Synagoge und Gott sei Lob, bis nun geschah mir nichts. . . . Was noch? Ob ich viel ausgestanden habe? Was weiter kommt, ist noch trauriger. Ich lebte in Warschau, unterrichtete auch dort Kinder. Man erlaubte mir dort — ich weiß nicht warum — zu wohnen; mag sein, deshalb, weil man bei der Polizei darum ersucht hatte und mag auch sein, daß man dort Allen zu wohnen erlaubt — man kennt sich da nicht aus! ... Es waren wenige Schüler, aber Alle gute, einer unter ihnen war ein Genie, ihn zu unterrichten war einfach ein Vorgeschmack des Paradieses. Wir sitzen und studiren einmal — plötzlich Klopfen und Lärm ... ich blicke hinaus und sehe eine Menge betrunkener Bauern auf uns losgehen. Die Kinder liefen auseinander und ich sperrte mich mit meiner Familie in einer Rumpelkammer ein. Die Fensterscheiben haben sie uns eingeschlagen, die Möbel zerbrochen und aus den Kissen meiner Frau die Federn hinausgestreut. Dann machten sie sich an die Bücher — itfj habe es durch das Schlüsselloch gesehen. Da sprang ich hinaus — sie traten die Bücher mit den Füßen; ich bat und schrie . . . man warf mich zum Fenster hinaus — ich brach mir den Fuß — seitdem hinke ich . . . Nun, und Sie sagen: „Freiheit und Bildung für die jüdischen Kinder!" Na, das säh' schön aus! . . . Aber worüber sprechen wir? Leeres Geschwätz. Sehen Sie, wenn ich so reich wäre, wie bei uns Abraham Rosenfeld, da wäre es ganz anders, ich würde Alles thun, was ich wollte — eine Schule bauen, ein Krankenhaus... Aber was! nicht mal daran denken! Es kann sich ja in drei Wochen etwas nach Warschauer Manier ereignen. . . Uebrigens was geht mich das Alles jetzt an! . . . Bitte, ersuchen Sie den Herrn Jnspector. er soll mich in Ruhe lassen." Er stand auf, stützte sich auf seinen Stock und ging zur Thür, an der Schwelle sagte er, ohne mich anzusehen: „Ich habe keine Zeit; ich muß noch ein Buch durchsehen." Damit ging er fort. Schloime's Besuch hattt mich sehr aufgeregt. Ich hätte so gerne ihm helfen und Lawrenti Ardalionowitsch überreden wollen. Rosenfeld konnte thatsächlich viel eher als Andere den Jnspector beeinflussen, und ich beschloß Rosenfeld unverzüglich aufzusuchen. Schloime's Kopf erschien plötzlich wieder am offenen Fenster. Er strich sich mit zwei Fingern seiner rechten Hand über die Nase und leuchtend vor Zufriedenheit, ja triumphirend, fragte er mich: „Was ist, nach Ihrer Meinung nothwendiger, Gebet, Fasten oder Wohlthätigkeit? . . . Hm! das liegt nicht mehr in Ihren Kräften, da verstehen Sie schon gar nichts! Wenn ich Ihnen das erklären werde, würden Sie erst dann verstehen, was in der Welt Weisheit ist. Nun, was?" Ehe ich ihm Antwort geben konnte, machte er eine Handbewegung, die besagen sollte, ich verstünde nichts, und entfernte sich rasch, seinen Stock schwenkend. Ich konnte nur noch das von ihm mit Bitterkeit gesprochene Wort: „Algebra!" vernehmen. „Reb Schloime! einen Augenblick! bitte!" rief ich ihm nach. Er blieb stehen. „Erklären Sie, bitte, was Sie sagen wollten?" „Nein", sagte er nach einigem Nachdenken. „Sie fühlen nichts dabei. Wenn Sie es aber wirklich wissen wollen, kommen Sie entweder in die Synagoge oder zu mir nach Hause. Ich muß noch ein Buch durchblättern und beten — glaube ich — muß man auch. Gute Nacht!" III. In dem mit Oelfarben angestrichenen Speisezimmer saß an einem großen viereckigen Tisch die Familie Abraham Dawidowitsch Rosenfeld und trank Thee. Die Kinder, in schmutzigen, zerrissenen Kleidern, tranken aus der Untertasse, den Zucker stückweise in den Mund steckend und mit den Augen verglichen sie, wer das größere Stück habe. „He, he, ich Hab' ein größeres", flüsterte ein kleines Mädchen, wie es schien der Liebling der Hausfrau. Als Antwort kniff sie ihr Nachbar, ein Knabe, in die Hand. »He! Ihr Schweine, ruhig da!" rief Abraham Dawidowitsch den ungezogenen Kindern zu, die bei der strengen Ermahnung still blieben. Abraham Dawidowitsch hielt in der einen Hand das Glas, in der anderen die dicke Bernsteinpfeife. Der matte Schimmer der Lampe warf auf die mächtige Gestalt, welche Selbstzufriedenheit und Verachtung gegen Alles vereint, einen dunklen Schatten. Neben ihm saß seine Frau Esther und die 17jährige Tochter Rachel. Als ich eintrat, umringten mich die Kinder. Ein Knabe, stellte sich vor mich und hinderte mich, zum Tisch zu gelangen. Erst nachdem Abraham Davidowitsch ausschrie: „Aron! wie oft hat man dich schon Schicklichkeit und Höflichkeit gelehrt, Dummkopf!" Dann erst konnte ich mich Rosenfeld nähern und ihm die Hand drücken. „Guten Abend, guten Abend!" begrüßte mich Abraham Dawidowitsch. „Schön, daß Sie kommen, wir freuen uns immer mit einem gebildeten Menschen. Esther erkennst Du, wer das ist?" „Was soll man da nicht erkennen? Ich weiß, wer es ist", erwiderte Esther, als wäre sie darüber beleidigt, daß man sie für unfähig hält, einen Menschen zu erkennen und dazu noch mich. Sie fühlte sich unbehaglich und mit dem Bestreben, liebenswürdig zu sein, fragte sie mich: „Wünschen Sie vielleicht Thee?" „Einen Kranken frägt man, einem Gesunden gibt man!" bemerkte Abraham Dawidowitsch. Esther wurde es nun ganz unhehaglich zu Muthe; sie schenkte rasch ein Glas dünnen, schwachen Thees ein und näherte mir die Zuckerdose.

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