Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 29 Veyerretchiptzr IVochensrtzrM Seite 569 4. Die Juden dürfen einander vor der nichtjüdischen Obrigkeit nicht verrathen, sie müssen sich vielmehr im Betrug gegen die Obrigkeit unterstützen. 5. Wer einen Juden wegen eines Verbrechens anzeigen will, darf von den Juden umgebracht werden. 6. Der Jude darf Diejenigen tobten oder durch List umbringen, die sein Gesetz verleugnen. 7. Dem Juden ist erlaubt, das Vermögen der Nichtjuden au sich zu bringen auf jede Weise Hieran anknüpfend heißt es in dem Flugblatt: „Ich bestreite hiernach den Juden, die diese Gesetze befolgen, das Recht, sich eine „Religions-Gemeinschaft" zu nennen und nenne sie eine international verschworene Betrüger-Gesellschaft. Leipzig, im Februar 1893. Theod. Fritsche." Dieses Flugblatt war u. A. im Februar a. c. der „Ostdeutschen Wacht" in Breslau beigelegt. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" wurde von mehreren Breslauer Mitgliedern aufgefordert, gegen dieses Flugblatt, durch welches die jüdische Religionsgesellschaft auf das Schwerste beschimpft wird, vorzugehen, und er hat in Folge dessen eine Strafanzeige gegen den Verleger der „Ostd. W." und gegen den Verfasser Fritsche wegen Beschimpfung der jüdischen Religion bei der Staatsanwaltschaft in Breslau eingereicht, Diese lehnte das beantragte Einschreiten ab; auf die von dem gedachten Verein eingereichte Beschwerde erhielt derselbe den Bescheid, daß gegen die Beschuldigten wegen Vorgehens gegen § 166Str.-G.-B.(öffentlicheBeschimpfung einer mitCorporationsrechten innerhalb des Landesgebietes bestehenden Religionsgesellschaft) strafrechtlich eingeschritten werden wird. Berlin, 9. Juli. Ein Act empörendster antisemitischer Rohheit spielte sich gestern Abends um 11 Uhr Unter den Linden, Südseite, Ecke der Friedrichstraße ab. Schreiber dieses hörte, von dem Victoria-Hotel kommend, an der betreffenden Stelle, welche um diese Zeit außerordentlich belebt war, wiederholt laute Rufe: Judeubande raus! Es stellte sich nun heraus, daß der betreffende Lärmmacher ein Rowdy Namens Joseph Gärtner, seines Zeichens Buchhändler und Eislebenerstraße 17 bei Böhm wohnhaft, war. Der muthige Antisemit hatte sich das billige Vergnügen gemacht, ein altes jüdisches Ehepaar von dem Trottoir auf die Straße hinunterzustoßen, wobei er einem um so geringeren Widerstand begegnet», als der Mann sehr krank und schwächlich war. Ein Schutzmann war nirgends zu sehen und so ging es unter wüstem antisemitischen Geschimpfe bis zum Central-Hotel, allwo ein Nachtwächter zur Arretirung des frechen Burschen aufgefordert wurde. Unterwegs beliebte es dem Herrn, seine Gemeinheiten weiter hören zu lassen, und er versetzte einem Herrn, der sich in Begleitung der betreffenden Familie befand, zwei Ohrfeigen, ohne daß es dem Nachtwächter gelang, dies zu verhindern oder den wüsten Patron zum Schweigen zu bringen. Nun riß allerdings dem mosaischen Herrn die Geduld und er versetzte dem Angreifer einen Schlag über den Kopf, so daß letzterer blutüberströmt auf die Wache gelangte. Auch dort bedrohte Herr Joseph Gärtner seinen Gegner und den Schreiber dieser Zeilen mit Schlägen und Prügel, und es bedurfte — leider — erst einer scharfen Intervention, um den Herrn Wachthabenden zu veranlassen, gegen den Arretirten energischer aufzutreten. Die Herren Max Freitag, Lindenstraße 106, II, und Johannes Kayatz, Mulackstraße 23, beide evangelischerConsession, stellten sich in liebenswürdiger Weise in best Dienst der guten Sache. Bezeichnend^ für den ganzen Vorfall ist der Umstand, daß der Rowdy sich noch auf der Wache auf die „Staatsbürgerzeitung" berief. Solche Burschen wie Herr Gärtner gehören zu den Leuten, aus deren Holz man Anarchisten schneidet, und es scheint doch wirklich bald an der Zeit, daß die Regierung sich entschließt, der „Staatsbürgerzeitung", welche für die Erhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung, an der wir doch alle ein Interesse haben, mindestens ebenso gemeingefährlich ist wie die Organe des Herrn Liebknecht und Consorten, etwas schärfer auf die Finger zu sehen. Nachdem dieses infame Organ unser Staatswesen mit Herrn Ahlwardt beglückt hat, isbja nicht abzusehen, welche Früchte diese widerliche Hetze noch zeitigt, und nicht energisch genug können wir unseren Behörden zurufen: „Caveant consules!“ Siegen, 1. Juli. Die Stöckerfreunde sind verurtheilt. Am verflossenen Samstag wurde in Siegen das Urtheil in dem bekannten Bankproceß verkündet. B r ü g g e m a n n wurde wegen Benachtheiligung des Bankvereines, wegen Differenzhaudel, Verschleierung der Bilanz und Betruges zu 5 Jahren Gefängniß, 16.000 Mark Geldstrafe und 3 Jahren Ehrenverlust verurtheilt. Von der Anklage der Erpressung wurde er sreigesprochen. Gegen Kölsch lautete das Urtheil auf 2 Jahre 6 Monate Gefängniß und 9000 Mark Geldstrafe wegeu derselben Vergehen außer Betrug; Schröder wurde wegen absichtlicher Benachtheiligung des Bankvereines zu 1 Jahr Gefängniß und 3000 Mark Geldstrafe; Franz wegen Beihilfe zur Verschleierung und wegen Bankerotts zu 2 Jahren Gefängniß und 1500 Mark Geldstrafe verurtheilt. Die Verurtheilten sind sämmtlich fromme Stöckerfreunde und Stöcker-Stützen. London. In seiner Nummer vom 7. Juli schreibt „The Lancet" in L o n d o n, bekanntlich eine der angesehensten medicinischen Fachzeitungen von universeller Verbreitung, Folgendes : „Professor 9t otb nagel und die Wiener Studenten. -Ut dem Gefühle des Schmerzes und der Entrüstung vernehmen wir, daß die Studenten der Medicin an der Wiener Universität, veranlaßt durch behördliche Maßnahmen, deren Einzelheiten uns hier noch nicht vorliegen, eine feindliche Demonstration gegen Professor Nothnagel in Scene gesetzt haben. Der Professor hatte die Rasse in Schutz genommen, die Deutschland mit einigen ihrer hervorragendsten Gelehrten beschenkt hat. Es scheint, als ob die bedauernswerthe antisemitische Bewegung ihren Weg in die Hochschule gefunden hak. denn weil Professor Nothnagel activen Antheil in der Verteidigung jüdischer Mediciner gegen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, genommen hat, wurde er selbst angegriffen und mit Gewalt verhindert, seine Vorlesungen abzuhalten. Wir haben das Vertrauen, daß die Behörden mit den Anstiftern dieser Beschimpfungen in gebührender Weise verfahren werden; denn es wäre eine Schande und Entehrung für die Universität, wenn ein Mann, dessen Ruf sich über die weite Welt erstreckt, sich solche Beleidigungen gefallen lassen müßte." VernnMes. E. B. Wien. (DerBerein reisenderKaufleute Oesterreich-Ungarns) hat an Stelle des verstorbenen Präsidenten Johann Orel Herrn Alois Pollak, Chef der Firma D. R, Pollak u. Söhne, e i n st i m m i g und unter Zustimmung sämmtlicher Ortsgruppen zum Präsidenten oes Vereines reisender Kaufleute Oesterreich- Ungarns gewählt. Der neue Präsident gehört bereits seit mehreren Jahren dem Centralvorstande des Vereines an und hatte in dieser Eigenschaft Gelegenheit, sich durch Betätigung eines echten Wohlthätigkeitssinnes die allgemeinen Snmpathien zu erwerben. Wien. Vorige Woche veranstaltete das erste k. u. k. Trainregiment einen Distanzritt Graz—Wien und zurück. In 4'/, Tagen wurden 424 Kilometer zurückgelegt. Im Ganzen wurden drei der vorzüglichsten Reiter prämiirt, darunter der Einjährig-Freiwillige Alfred L ö w e n st a m m.Sohn des Fabrikanten B. L ö w e n st a m m. Wien. (I o s e f i n e E d l e v. W ert h e i m ft e i n.) Eine auiu die in seltenem Grade geistige und körperliche Vorzüge in sich vereinigte, Josefine Edle v. W e r t h e i m st e i n. die Freundin unserer hervorragendsten Dichter und Schriftsteller, Maler, Tonkünstler nnd Politiker, ist in ihrer Billa in Oberdöbling nach längerer Krankheit gestorben. So sanft und milde, wie ihr ganzes Leben war. ist Frau v. W e r t h e i m st e i n auch gestorben. Obwohl schon hochbetagt — sie stand im 75. Lebensjahre — war sie noch immer rüstig und stattlich und noch bis kurz vor ihrem Tode geistig sehr rege, voll lebhaften Interesses für politische, literarische, überhaupt für alle öffentlichen Aragen, die sie stets mit ungewöhnlich feinem Berständniß, Geist nnd Scharfsinn zu behandeln wußte. Sie dachte auch in der allerletzten Zeit nicht, wie nahe sie ihrem Ende stand, und sie zeigte noch in den allerletzten Tagen jene Heiterkeit und Anmuth des Geistes, die Jeden, der Gelegenheit hatte, in ihrem gastlichen Hanse zu verkehren, entzückte und die Erinnerung an sie zu einer unvergeßlichen machte. Seit vielen Jahrzehnten weiß man es in Wien, in welch' srenndschaftlichen Beziehungen Frau v. W e r t h e i m st e i n zu hervorragenden Menschen stand. Man folgte gern ihrer Einladung, denn es waren anregende, genußreiche Stunden, die man in ihrem Salon verbrachte. Josesine v. W e r t h e i m st e i n war im November desJahres 1820 in Brünn geboren. Sie entstammte der angesehenen Familie Gomperz. deren Ahne unter Ver Regierung des Kaisers Josef II. aus Holland nach Oesterreich kam, hier, trotz des damals auf den Juden lastenden Druckes öffentlicher Beamter und später Bankier wurde. Ihr Vater war ein hervorragender Kaufmann in Brünn, der ihr, wie auch allen seinen übrigen Kindern, eine ungemein sorgfältige