Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 29 (20.7.1894)
- Date
- 1894-07-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 566 -Sesterredtzil'che Wochrnfttzrist Nr. 29 Letzteres ist aber wenigstens im Hinblick auf eine Episode dieser Geschichte nicht möglich, nämlich die, welche sich in den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnung abspielt, denn Christen haben nicht das Recht, die Thaten der aus jüdischem Blute entsprossenen Menschen zu vergessen, denen sie ihre Religion verdanken. Mir war es nie verständlich, wie man eine Rasse schmähen konnte, welche solche Abkömmlinge hervorbrachte. Ueber den angeblichen Widerstand der Juden, im Deutschthum aufzugehen, wird gesagt: Ziehen wir von unseren Juden die aus dem Osten zugeströmten ab, welche in Folge des eben erst abgeworfenen Druckes noch in starrer Orthodoxie stehen, so werden wir überrascht sein, wie rasch die geistige und religiöse Assimilirung vor sich geht. Letztere natürlich weniger in der Richtung der officiellen Religion desWirthsvolkes, alsinderderthatsächlich unter dem gebildetsten Theil desselben vorherrschenden Religionsbegriffe. Wenn nicht der gleiche Anschluß in socialer Beziehung zu finden ist, so liegt die Ursache hiervon nicht bei den Juden, sondern bei den sie zurückweisenden Wirthen, wenn wir diesen Ausdruck mit dem des Gastvolkes den Antisemiten abnehmen wollen, ohne auf das Unpassende desselben einzugehen, die, die ihn anwenden, können nur in den seltensten Fällen Nachweisen, daß sich nicht in ihrem Blute ganz gehörige Bestandtheile anderer Nationalitäten finden, welche seinerzeit unter den Deutschen das Gastrecht fanden: Slaven, Hugenotten rc. Der Angehörige einer Minderheit hat immer einen schweren Standpunkt. Sucht er sich anzuschließen, nennt man ihn zudringlich, schließt er sich ab, so wirft man ihm feindliche Jsolirung vor, und so geht es ihm auch in allen anderen Dingen. Läßt er z. B. sein Geld freiwillig unter die Leute kommen, so ist er ein Protz, spart er, so ist er ein wuchernder Geizhals. Nimmt er die Religion der Andern an, so ist er ein verächtlicher Renegat, thut er es nicht, so wirft man ihm verstockten Fanatismus vor. Zeigt er Patriotismus, so macht man ihn lächerlich, thut er es nicht, so wirft man ihm seine Vaterlandslosigkeit vor u. s. w. Es liegt nahe, aus diesen Betrachtungen die Schlußfolgerung zu ziehen, daß die Antisemiten selbst die Juden dazu drängen, sich als Fremde zu fühlen. Wie wenig sie es sind, wie weit die Assimilation schon vorgeschritten ist, beweist am besten die in der Einsendung der Gräfin Butler hervorgehobene Thatsache, daß die gebildeten Juden vom Talmud in den meisten Fällen nicht mehr wissen, wie die anderen gebildeten Deutschen. Man solle, wie dann weiter ausgeführt wird, nicht die Juden für Uebelstände verantwortlich machen, an denen sie nicht in höherem Maße schuld seien, als andere, man solle überhaupt nicht sowohl Personen bekämpfen, als die Ursachen mißlicher Zustände zu beseitigen suchen. Ein hoffnungsvolles Zeichen in der antisemitischen Bewegung sei es, daß neben dem Schrei gegen die Juden, in neuester Zeit auch der gegen die Junker erschallt. Zum Schluß wird in dem Schreiben die Hoffnung ausgesprochen, daß die Zeit nicht fern ist, in der sich der Kampf nicht mehr gegen Personen und Stände, sondern gegen die Ausbeutung selbst, d. h. gegen die Systeme, welche sie ermöglichen, richten wird. Man wird dann erstaunt sein, wie schnell der jüdische Wucherer mit dem Aufhören der den Wucher schaffende Verhältnisse verschwinden wird. lichen mittheilte. Dieser legte dem Knaben eine Kirchenbuße ans. Gegen den Juden wurde die Anzeige erstattet, und derselbe auch von dem Wojt (Landrath) eingesperrt. Am 2. Tage aber wurde er von der Polizeibehörde wieder freigelassen. So handelt die russische Behörde, wenn es die k a t h o l i s ch e Religion und die polnische Nationalität beirisst. Man hört jetzt nichts mehr davon, ob der Jude überhaupt bestraft werden wird. Der Zweck obiger Notiz ist klar. Wenn das Mittelalter wieder erstehen soll, so darf keine seiner Erscheinungen Zurückbleiben und man erachtet die menschliche Phantasie bereits derart verwildert, daß man ihr bereits diese Märchen bieten darf. Die Fabel vom Hostien-Diebstahl richtete sich keineswegs blos gegen die Juden, tauchte vielmehr immer auf, wo es religiöse Minoritäten in katholischen Ländern gibt. Auch die Protestanten litten darunter. In Frankreich z. B. wurde die Beschuldigung der Hostienentweihung erhoben, ebenso in der Provinz Po sen. Professor Otto Knoop z. B. berichtet in seinen „Sagen und Erzählungen aus der Provinz Posen" (Posen 1893.) S. 189 : Der bestrafte Lutheraner. Der Ortspfarrer oon Pogorzela hat im Jahre 1602 in den Kirchenbüchern ausgezeichnet, daß ein Lutheraner in die Kirche gekommen und an den Altar getreten sei zur Zeit, als der Priester die Communion vertheilte, um dieselbe gemeinsam mit den andern zu empfangen, wodurch er das Sacranient des Leibes und Blutes Christi verunglimpft habe. Da aber sei die Hostie in die Höhe aufgestiegen, St. Michael sei auf unbegreifliche Weise aus dem Altar herausgetreten und habe ein zweischneidiges Schwert über dem Haupte des unwürdigen, verdammten Ketzers (indigni maledicti haeretici) so schrecklich geschwungen, daß dieser sogleich die Sprache und den Verstand verlor. Darauf habe er sich einige Jahre in der Welt umhergetrieben, als ein sichtbares Zeichen der Strafe Gottes. (Lierski, Obwod Borecki.) Wir machen die einsichtige katholische Presse auf das neueste Manöver der Antisemiten aufmerksam. Man spielt nicht ungestraft mit dem Feuer. Wer mittelalterliche Ideen und Verhetzungen wieder aufleben läßt, der darf sich nicht wundern, wenn die erregten fanatisirten Massen sich keiner Autorität mehr fügen wollen. Gewiß, die ersten Prügel bekommen die Juden, das war immer die historische Regel. Aber den Hauptschaden trägt das Christenthum davon. Hostien-Diebstahl. Das Mittelalter lebt immer mehr auf. Die Antisemiten haben die Blutbeschuldigung aufgegriffen, welche die christliche Bevölkerung gegen die Juden aufstacheln soll. Was Wunder, daß nun auch die alte Fabel von dem Hostien-Diebstahl wieder Leben gewinnt. Wir lesen in mehreren antisemitischen Zeitungen (z. B. „Deutsche Westwacht", Aachen, 8. Juli 1894): Versuchter Diebstahl der hl. Hostie! Der „Dziennik Kujawski", ein in Jnowrazlaw erscheinendes polnisches Blatt, enthält in Nr. 116 vom 1. Juli d. I. eine Zuschrift aus Osiecynie in Russisch-Polen folgenden Inhalts : Ich theile Ihnen ein schreckliches Ereigniß mit, welches jüngst unsere Stadt und Umgegend in furchtbare Aufregung versetzt hat. Der Jude I tz t g Malinowski von hier hatte einen katholischen Knaben, welcher zur ersten Communion ging, beredet, daß er die hl. Hostie aus dem Munde nehmen und ihm geben solle. Hierfür versprach der Jude dem Knaben eine Belohnung von 15 Rubeln. Der Knabe willigte anfangs! ein. Als er aber zur Beichte gehen wollte, fühlte er Gewissensbisse ) und erzählte zuerst seinem Vater den Handel, welcher es dem Geiste (Jarmpitttero. Wien. (Von unseren Einspännern.) Vor einiger Zeit brachte das officielle Organ der Wiener Einspänner- Genossenschaft einen äußerst rüden, antisemitischen Artikel. Die Mehrlicenzbesitzer, welche in dem „Club der Wiener Einspänner" einen eigenen Verband bilden, weil sie innerhalb der Genossenschaft von den Einzel-Licenzbesitzern majorisirt und stark angefeindet werden, richteten nun vor Wochen an den Vorsteher S ch r a b a u e r ein in den conciliantesten Ausdrücken abgefaßtes Schreiben, in welchem sie das Ersuchen stellten, derselbe möge in geeigneter Weise manifestiren, daß die Genossenfchaftsleitung sich mit dem äußerst rüden, antisemitischen Artikel des Genossenschaftsorgans nicht identificire, da andernfalls eine schwere Schädigung der gewerblichen Interessen der Genossenschaftsmitglieder zu gewärtigen sei. Vorsteher Schrabauer würdigte dieses Schreiben der Mehrlicenzbesitzer, die ein Dritttheil aller Genossenschaftslasten tragen, nicht einmal einer Antwort und entsprach auch sonst nicht im Geringsten dem gerechtfertigten Wunsche der Mehrlicenzbesitzer. Der „Club" ersucht uns nun, hievon allgemein Kenntniß zu geben und jene Einspänner-Licenznummern zu veröffentlichen, deren Besitzer die antisemitischen Tendenzen innerhalb der Genossenschaft entschieden verurtheilen, damit das große Publicum orientirt sei. Es sind dies die Besitzer der folgenden Einspänner-Licenznummern: 1 3 4; 5 6 7 8 10 12 18 19 21 22 23 24 25 26 27 28 39 40 41 43 46 51 64 68 ' 72 74 75 78 79 87 94 95 97 101 103 108 124 130 131 132 138 141 148 150 151 152 156 161 167 177 179 180 181 182 183 184 187 188 189 190 192 195 196 197 198 201 202 207 208 210 211 217 218 219 221 222 225 226 232 233 235 239 240 241 242 247 248 249 260 261 263 266 267 273 276 284 287 288 289 292 297 302 305 306 311 314 316 317 318 327 328