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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-20 · 29 (20.7.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 562 Deyrrreichische Wocherrfchrist Nr. 29 weiter, in tausend Farben schillernd wie das Chamäleon, zugänglich, einschmeichlerisch; für Jeden, der ihm nützlich scheint, hat er ein verzuckertes Wort und eine speichelleckerische Miene — ein Comödiant größten Styles, dessen wahres Gesicht vielleicht noch gar kein Sterblicher geschaut, dessen eigentliche Meinung überhaupt noch Niemand ergründet hat. Es ist auch möglich, daß er gar kein wahres Gesicht und keine wirkliche Meinung hat. Deshalb ist er eben interessant. Er bringt immer was Neues. Variatio delectat. Schönerer ist einfach langweilig. Immer die gleiche Selbstberäucherung, immer dieselben feststehenden, plumpen Phrasen, und so gar keine Abwechslung in der endlosen, grauen Monotonie. Das wurde den Kunden zu fade auf die Länge und sie blieben ihm weg. Wer ihn eine seiner entsetzlichen, schwerfälligen, archaisirenden Reden reden gehört, der kennt auch alle folgenden. Man kann nicht als ehrlicher Mann eine nichtswürdige Sache verfolgen, das ist ein unüberbrückbarer Zwiespalt. Dergleichen braucht einen feinen,' lügengewandten, bieg- und schmiegsamen Demagogen, der auf Verlangen alle Instrumente spielen kann. Schönerer stieß in seinen groben Größenwahn Me vor den Kopf und fraß selbst übermäßig von der vergifteten Wurst, die er für die Andern gefüllt hatte. Das hätte er nie thun sollen, das war sein erster großer Fehler, denn zum Antisemitenführer taugt nur ein Schuft und kein Narr. Schönerer war kein Schuft. Die Bismarck-Lüge. Der zweite und noch weitaus größere Fehler, war die Einführung des Götzen Bismarck in die antisemitische Liturgie. Was hatte der darin zu suchen? Wohl hatte der Junker Bismarck-Schönhausen 1847 eine Rede gegen die Emancipation der Juden gehalten, aber man verschwieg, daß sich später der „Reichskanzler", die weit gewichtigere Persönlichkeit, öfter in ganz anderem Sinne geäußert habe. Für Oesterreich stempelte Schönerer fälschlich Bismarck zum enragirten Judenfresser, der er trotz der obenerwähnten Rede doch nicht war. Er verwendete die Juden b!os eine Zeit lang als Prügelknaben in seiner Bismarck'schen Rücksichtslosigkeit, weil es ihm gerade so in den politischen Kram paßte. Während also Schönerer und sein reducirter Anhang begeisterte endlose Jubelhymnen auf Deutschlands Wiedererneuerer anstimmen, hören wir lieber, wie die deutschen Antisemiten, die würdigen Geistesbrüder im Reiche draußen, von demselben großen Manne reden und ihn ihrerseits zum „Judenknecht" machen. Stöcker behauptete in einer Unterredung mit dem Berliner Correspondenten des „New-Uork Herald", er sei in seinen Bestrebungen durch den Fürsten Bismarck behindert worden. In den „Hamburger Nachrichten" stand sofort zu lesen, daß Stöcker sich in einem unbegreiflichen Jrrthum befinden müsse. „Die Agitation seiner Partei" — so heißt es wörtlich — „ist durch den früheren Reichskanzler niemals gehindert worden, vielmehr hat derselbe die Wahlerfolge mit Freude gesehen". Wo ist da die Wahrheit?? Auch Herr Fritsch, der Verfasser des Bismarck-Flugblattes, rückte von dem Fürsten ab. „Wenn einzelne Antisemiten" — so schrieb derselbe Mann in den „Deutschsocialen Blättern" — „einen übertriebenen Bismarck- Cultus pflegen, so können wir ihnen das nicht verwehren. Die Leitung der „Deutschsocialen Blätter" weiß sich davon frei."- Am heftigsten aber waren die Angriffe der Ahlw ardt'schen Sippe. In einer Schrift ..Die Antisemiten und Bismarck" heißt es zum Beispiel: „Der Antisemitismus war von jeher für Bismarck zu gut. War denn Bismarck etwas anderes als Etier Feind? War er nicht das mächtigste Glied der Judenschutztruppe?" Auf dem Deckel dieser Schrift war ein anderes Schandbuch: „Großpreußen oder die verfehlte Neugestaltung Deutschlands" angepriesen mit folgender Empfehlung Ahlwardt's: Selbstverständlich ist die Schrift, weil gegen Bismarck, kräftig antisemitisch. Geradezu schamlos ist aber eine der jüngsten antisemitischen Erzeugnisse: „Die Wahrheit über Bismarck", deren Verfasser, nach Angabe Berliner Blätter, Ahlwardt und der „Schriftsteller" Müller sind. Da wird Bismarck als Abkömmling von Juden und Krämern dargestellt; seine ganze Politik, die Verstaatlichung der Eisenbahnen, der Friede mit Rom, das Bündniß mit den Conservativen, habe nur in schmutzigen Geldgeschäften ihre Ursache. In der geheimnißvollen Weise, die auch aus anderen Ahlwardt'schen Schriften bekannt ist, werden Criminalverbrechen angedeutet. So heißt es in der Broschüre: „Bald darauf verschwand Haller auf eine unaufgeklärte Weise." (S. 99). „Es ist im hohen Grade auffallend, daß gerade diese beiden Geburtshelfer des neuen deuts ch e n Reiches und die v o r n e h m st e n Zeugen und Zeuger desselben: König Ludwig und Kronprinz Friedrich zur Zeit, als nochmals Bismarck alle Gewalt und allen Glanz a n sich z u z i e h e n i n d e r Lage war, ein so unnatürliches r ä th s e l h a f t e s Ende nehmen müßten. (S. 78)." Auch dunkle Pläne von einer Dynastie Bismarck werden angedeutet, für die Krone der Schrift halten wir aber folgenden Ausspruch: „Indes; die unter Leitung des Nassengenossen Bleichröder's stehende Presse fortwährend angepeischt war, es hinauszuposaunen in alle Welt: . Wie graust die Deitschen da stehen unter ihrem g r a u ß e n B i s m a r ck." Auch C arl Pa as ch, ein antisemitischer Führer, hat den Fürsten schmählich angegriffen. Er sagt: „Sollte es möglich sein, daß Bismarck ein geheimer Jude ist?" Und er deutet sogar an, daß Fürst Bismarck ein Mitglied der jüdischen Vereinigung ^Ilianee ioraelite" ist, über welchen Bund die Antisemiten oie verlogensten Behauptungen ausgestellt haben. Als Bismarck der allmächtige Minister war, da wurde Kaiser Friedrich in nicht wiederzugebenden Ausdrücken von den Antisemiten als der Protektor der Juden hingestellt. Gleichzeitig wurde zum Angriff geblasen gegen die „feile Judenpresse", die den deutschen Heros wie ein Thersites schmähe. Jetzt, wo mit Bismarck kein Geschäft mehr zu machen ist, da wird er als das mächtigste Glied der Ju-denschutztruppe, als ein Ergebnis jüdischer Reclame hingestellt! Wahrlich, diese Leute haben den Ausspruch des Antisemiten Marr reiflich verdient: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich mehr E r z s ch elm e nban d e gefunden als unter den Heu t i g e n G e schä f tsant isem i t en." Und derselbe Bismarck hatte in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 30. Jänner 1872 erklärt: „Sobald wir den Staat in confcssionclle Stücke schneiden, an welchen jede Confessivn ihren verhältnißmäßigen Antheil haben, mutz, so kommt auch noch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, deren Mehrheit sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäste auszeichnet." Der Abgeordnete Windthorst antwortete damals: . . . daß auch andere Confessionen das Recht hätten, eine Berücksichtigung zn haben, ist unzweifelhaft, und wir haben in den vergangenen Diäten wiederholt unsere Stimmen erhoben, daß den Israeliten ihr Recht werden müsse. Das hat Niemand bestritten. Als Bismarck vor zwei Jahren in Wien war, ignorirte er die Deutschnationalen ostentativ und empfing lieber Herrn MoriH Benedikt anstatt Schönerer. Das wäre doch für andere Leute deutlich genug gewesen. Aber der hartköpfige Mann blieb fest dabei, daß Bismarck ein Judenfresser seines Schlages sei und an dieser zweiten Lüge und ihren Consequenzen geht er nun kläglich zu Grunde. Einige behaupten sogar, er wäre schon eines sanften politischen Todes gestorben. Doch ist dies zur Stunde, wo dies Blatt in die Presse geht, noch nicht ganz wahr. Die dritte und Hauptlüge ist die „national-deutsche". Bismarck ist doch noch ein klein wenig besserer und weiter ausschauender Politiker als Schönerer. Er sperrte Oesterreich aus Deutschland wohlweislich aus und knüpfte es lieber in Form eines neuen Bündnisses an dasselbe. Zwischen Deutsch-Oesterreichern und Preußen besteht ein viel größerer Antagonismus als zwischen Slaven und Deutschen, ein Antagonismus, der zu tiefst im innersten Wesen dieser Völkerschaften verankert, der Jahrhunderte alt ist und sich in der Literatur scharf genug ausprägt — beim Berliner Nicolai, wie beim Wiener Grillparzer. Der Landesverrath war gottlob in Oesterreich nie populär. An diesen drei großen Unwahrheiten also ist die vor noch nicht gar so langer Zeit so mächtig scheinende Partei auf den Tod erkrankt und mit Ausnahme von ein Paar hundert grünen, bebänderten Jungen, die nicht zählen und denen man ihre Dummheit und Unecfahrenheit zu Gute halten muß, isind fast alle vom großen Führer Schönerer abgefallen — selten daß man wo an den Straßenecken oder anderen Orten „Hoch Schönerer" angekritzelt liest — abgefallen sind sie vom antisemitischen Bismarck und abgefallen von der Vereinigung mit den deutschen Stammesbrüdern. Wir schließen, indem wir dieser

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