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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-20 · 29 (20.7.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
29 (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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SSE1 Nr. 29 Universitäts-Justiz. Sie bestraften nicht nur die, welche das Feuer gelegt, sondern auch die, welche die Glocke geläutet hatten. C h a m f o r t. Der hohe Senat hat endlich gesprochen und sein Urtheil allgemeines Befremden hervorgerufen. Dazu brauchte er so lange! Um dieses Conglomerat von offenbarer Parteilichkeit, handgreiflichem Unrechte und einer stattlichen Reihe von Competenzüberschreitungen fertig zu bringen, hat er sich fast zwei Wochen hindurch den Anschein gegeben, als würde Alles gründlich untersucht und ernsthaft erwogen. Der hohe Senat, — er verzeihe die despectirliche Bemerkung — hat sich auf einen sehr niedrigen Standpunkt begeben, und die Unsterblichen haben sich nur unsterblich blamirt. Was haben die beiden jüdischen Studenten Benedikt und Schön verbrochen, um die Strafe der Verweisung von der Universität durch zwei Semester zu verdienen? Das Urtheil sagt: „wegen verhetzender Agitation unter der medicinischen Studentenschaft, welche zu grober Störung der akademischen Ruhe und Ordnung führte." Ob Studenten der Rettungsgesellschaft oder irgend einem anderen Vereine angehören oder nicht angehören wollen, kümmert den hohen Senat nicht im Mindesten. Die Beiden wollten eben nicht mehr Mitglieder eines Vereines sein, in dessen Mitte sie und ihre Stammesgenossen den gröblichsten Beschimpfungen ausgesetzt waren — dafür werden sie vom hohen Senat mit Strafe belegt. Der Studiosus Lazarsfeld wird bestraft, weil ersieh in der Aula nicht gutwillig ohrfeigen ließ und dem Angreifer entgegentrat. Warum wurden denn die nicht relegirt, welche auf der Klinik Nothnagel randalirten und deren Namen zu eruiren waren?? Dem hohen Senat hat es beliebt, mit zweierlei Maß zu messen, die Arier und die Semiten mit anderem. Benedikt und Schön haben ihre Collegen aufgefordert, aus der Rettungsgesellschaft auszutreten, die unter einem Vragassy degenerirte, sie haben die Oeffentlichkeit über die offenen und geheimen Tendenzen dieses Menschen aufgeklärt. Damit haben sie der Rettungsanstalt, ihren Collegen und nicht zu allerletzt dem großen Publicum nicht zu unterschätzende Dienste erwiesen, welche aller Anerkennung, alles Lobes und Dankes werth sind, Dienste, die alles Andere verdienten, als disciplinarische Bestrafung. Schön und Benedikt haben als wackere, junge Männer furchtlos und unerschrocken antisemitischen Heuchlern, die nur das Beste der Juden wollten, nämlich ihr Geld, die Larve vom Antlitz gerissen, daß Jedermann die verzerrte, antisemitische Fratze deutlich erkennen konnte. Sie haben den ersten Anstoß dazu gegeben, daß der Augiasstall am Stubenring gesäubert und gelüftet wurde. Dafür, daß ihre verrohten, mißleiteten Collegen von der deutschnationalen Couleur gegen Nothnagel im Krankensaal demonstrirten in einer Weise, die den Abscheu der gesammten gebildeten Welt auf sie zog — daß Nothnagel V r ag a ss y venutheilen mußte — da f ür also macht das Urtheil des hohen Senats, so absurd dies auch erscheinen möge, die Herren Schön und Benedikt verantwortlich!! War das vorauszusehen? Und wenn es auch gewesen wäre, wenn sie das frech-dumme Memorandum und die Wacht am Rhein in der Aula auch hätten ahnen können — s o wäre es dennoch nur ihre Pflicht und Schuldigkeit gewesen, einzig und allein so vor zu gehen, wie sie eben vorgegangen sind. Als Menschen, als Juden, als Jünger der Wissenschaft hatten sie die heilige Pflicht, nach Kräften den unerhörten Uebelständen zu steuern und die diffamirenden Beleidigungen eines Vragassy durchaus nicht auf sich und ihren Genossen sitzen zu lassen. Sie haben wie Männer gehandelt — die Antisemiten wie Buben! Ein Vragassy hatte es gewagt, die Juden hinauszudrängen aus dem hauptsächlich aus jüdischen Säckeln erhaltenen humanitären Institut, und schamlose Untersuchungen wurden unter seinen Auspicien vorgenommen ... Da traten zwei unerschrockene Jünglinge vor ihre Collegen und forderten sie auf, den Faustschlag zu pariren. Das soll strafwürdig sein? Seite 561 Wenn einer seinen Glauben seine Abstammung gegen niedrige Angriffe vertheidigt, wird er dann des Rechtes verlustig erklärt, die Universität zu besuchen? Nur das „Deutsche Volksblatt" findet sich von dem Urtheile des Senates befriedigt, das jedem rechtlichen Gefühle Hohn spricht! Derselbe Senat versuchte es, den Grafen Wilczek vorzuladen, der natürlich den Wisch seinem Papierkorb anvertraute und begreiflicherweise nicht erschien. Derselbe Senat untersuchte in einem Athem die gegen eine gefeierte Zierde der Wissenschaft vorgebrachten albernsten Beschuldigungen. Nothnagel wurde freigesprochen. — Das Einzige, was V e r g a n i bemängelt. Der Freispruch wie die Untersuchung involviren schon an sich Beleidigungen schwerer Art. Rector T s ch e r m a k jedoch, der sich schwächlich, linkisch und ungeschickt betragen hat, heimste Lob ein für sein energisches und tactvolles Vorgehen. Vermuthlich war der Tact damit gemeint, in welchem die Wacht am Rhein in der Aula abgesungen wurde. Auch die böse Preise bekam ihr Theil weg. Nur vergaß der hohe Senat, daß er dadurch seine Competenz weitaus überschritt, daß er über die Presse nicht zu Gericht zu sitzen hatte, sondern im Gegentheile sie über ihn; und wie ihr Urtheil ausgefallen, darüber kann er heute nicht mehr sehr im Zweifel sein. Uns will die alte Geschichte nicht aus dem Sinn, wo der Gassenjunge auf den Juden mit einem Stein zielt. Der Jude bückt sich, der Stein fährt in eine Fensterscheibe, welche der — Jude bezahlen soll, denn hätte er sich nicht gebückt, so wäre das Glas ganz geblieben. Es weht in dem tiefsinnigen Geschichtchen derselbe Hauch arischer Gerechtigkeitsliebe, wie in dem jüngst herabgelangten Urtheile des hohen Senates, welches bedenkliches Kopfschütteln oder höhnische Schadenfreude erregt hat. Das Gefühl, daß hier nach Recht und Gerechtigkeit zu Gericht gesessen wurde, hat Niemand gewonnen — außer Herr Vergani. Ein trauriges Zeichen der Zeit! Tief beschämend für die Alma mater Yindobonensis. Aber er hat diesen Claqueur verdient — der Hobe Senat. Morituri. Unser armes Vaterland Oesterreich ist mit Antisemiten der verschiedensten Schattirungen gestraft, vom tiefsten Kuttenschwarz bis ins grellste Anarchistenroth und wurden Kreuzungen zwischen den einzelnen Spielarten wiederholt mit schönem Erfolge versucht. Alle gedeihen prächtig unter dem wohlwollenden activen und passiven Schutze hoher Regierender und entwickeln sich zusehends an Macht und Zahl. Nur das einzige deutschnationale Fähnlein — „begründet von Gecrg Ritter von Schönerer" — schnurrt in den letzten Jahren stark zusammen und verdient eben deswegen einigen Anspruch auf unsere Beachtung. Aussterbende Völkerschaften sind immer interessant. So wendet sich auch das Interesse der Forscher den aussterbenden Jndianerstümmen Nordamerikas zu, die Ursachen ihres allmäligen, sicheren Verschwindens sorgfältig überprüfend. Das ist wichtig, weil die Gesetze des Aussterbens zugleich die Bedingungen der Existenz in sich schließen. Für die Partei, das Volk im Volk, gilt das Gleiche wie für das ganze Volk. Beeilen wir uns daher ein wenig, damit die Untersuchung uns nicht unter den Händen zum Nekrolog gerathe. Die deutschnationale Fraction Schönerer geht an drei großen Unwahrheiten kläglich zu Grunde: an der Schönerer- Lüge, an der Bismarck-Lüge und an der nationalen Lüge. Schönerer ist gar kein antisemitischer Parteiführer, der auf Erfolg rechnen darf. Vor Allem glaubt er selbst all das Absurde, was er lehrt. Das ist nicht nur nicht nothwendig, sondern mehr noch — es ist schlecht. Dann ist er starrsinnig und hält mit der Consequenz der Bornirtheit an Allem fest; er verkündet nur eitel Dogmen. Nie thut er einen Schritt zurück und verrennt sich deshalb in die ärgsten Sackgassen; da ist Freund Lueger ein anderer Held, veränderlich wie April- Drstrrrrichische Wochenschrift

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