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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-13 · 28 (13.7.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 26 Vestrrrektziptzr Wochrnphrifl Seile 557 Er sah mich befremdend an, ließ sich abermals auf den Stuhl nieder, zuckte mit den Schultern und murmelte zwischen den Zähnen: „Was ist da bekannt zu werden! Wir sind ja ohnedies bekannt." „Sagen Sie mir, woher sind Sie, Reb Schloime?" „Was liegt daran woher? Jst's nicht einerlei! Der Mühe Werth, sich darum zu bekümmern und davon zu sprechen," „Aber Sie sind ja doch nicht hier geboren?" „Was ist daran weiter so wichtig." „Sie wollen mir nicht antworten, und mir ist es in ihrer Gesellschaft so angenehm! . . . Sie erinnern mich an meine Kindheit, Chana ... die ich so lieb hatte. „So!" rief er, „Sie haben sie gekannt?" „Lebt sie noch?" „Nun, und wenn sie noch lebt, was ist dabei?" „Wie, was? Ich möchte alle alten Bekannten sehen; heute bei Tagesanbruch bin ich hier angelangt." Schloime trommelte mit den Fingern auf den Tisch. . „Sie haben also bis nun gelernt?" fragte er. „Ja, ich habe gelernt." „'Bei uns in unseren Büchern ist Alles da", sagte er seufzend. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne, wie unser sehr weiser Salomon sagte." „Haben Sie viele Kinder in Ihrer Schule?" „In meiner Schule? Gott weiß! mögen sie lange leben; jüdische Kinder, darf man, nach dem Gesetz, nicht zählen." „Woher wissen Sie dann, wie viel Einkommen Sie haben?" „Ach was, Dummheiten! Bei uns heißt es: „Sei kein Arbeiter für Bezahlung, arbeite nicht wegen der Bezahlung!" Mit diesen Worten ist es gesagt." „Haben Sie gute Schüler? Sind Sie mit ihnen zufrieden?" „Es gibt davon verschiedene, aber alle sind wild; sie möchten blos spielen und laufen. Zu unserer Zeit lernten die Knaben schon mit ihrem fünften Jahre die ganzen Tage und Abende ... Da sind auch scharfe Köpfe herausgekommen: Rabbiner, Schächter, Richter in religiösen Angelegenheiten." Er ließ den Kopf hängen. „Alles von Gott!" fuhr er düster fort. „Sie verlangen zu viel. Den Kindern muß man ihre Freiheit lassen, sie müssen sich entwickeln. Sie verzeihen mir schon — in ihnen ist kein Leben, sie sind zu abgehärmt. Ist es nicht deshalb, weil man schon von Jugend auf sie ihrer Freiheit beraubt hat?" „Mag sein" — erwiderte er träge. „Uebrigens, verzeihen auch Sie mir" — entgegnete er etwas energischer: „ich glaube, Sie verzeihen mir, wenn ich Sie um eine kleine Dummheit frage. Sie sind ja doch schon gebildet, erklären Sie mir mittels Ihrer Physik. Chemie und Algebra, wozu den jüdischen Kindern die Freiheit taugt? Wozu sie entwickeln und wo? Ich begreife, daß ich mich bei mir zu Hause frei fühle" ... Er nahm seinen Bart in die Hano und fuhr ernst fort: „Niemand spuckt Mir da ins Gesicht, man wirft nicht, zum Vergnügen, mit Steinen nach mir — das begreife ich. Wenn ich aber durch die Gassen laufe, um in meine Schule zu gelangen und die kleinen Jungen mir „Jud" nachrufen, welches Aussehen hätte ich, wenn ich — nach Ihrer Meinung von Jugend her an Freiheit gewöhnt, mich für unabhängig halten würde?" Er befreite seinen Bart und begann, beim Aufbau seines Syllogismus, nach der bekannten Art zu singen und langsam mit der Hand nach rechts und links zu bewegen. „Welches Aussehen hätte ich bei I h n e n? He! Bei uns im Talmud heißt es: „Die Armuth ziert Israel. Der Jude muß mit gesenktem Kopfe gehen, nicht auffallen, er muß stets dessen eingedenk sein, daß er fremd und nicht daheim ist." Das gilt einfür allemal! Ja, wenn die Juden sich nicht in ihre Schulen verkriechen müßten und nicht abhängig wären, dann hätten die jüdischen Kinder einen Nutzen, sie würden, wie ihre Vorfahren nur um des Lerneuwillens lernen und ihre Sache auch verstehen. So erscheint es meinem dummen Verstand, es kann auch sein, das dem nicht so ist! Ich gehe meinen Weg. Damit genug!" „Gut, mag es so sein; wir werden uns nicht verständigen — aber, was glauben Sie, wo ist nach Ihnen ein Ausweg? Was denken Sie?" „Was denken?" lächelte er bitter—„Gar nicht denken! da? ist es ... . Er schwieg eine Weile und fragte hierauf: „Haben Sie Talmud studirt?" „Nein." „Dann Gott mit Ihnen! Im Uebrigen werde ich mit Ihnen noch sprechen. Setzen Sie sich näher zu mir und hören Sie gut die Geschichte aus dem Talmud an; sie wird Ihnen nützlich sein." Ich setzte mich neben ihn und er nahm abermals sein rothesKattuntuch,wischte sich wiederholt die Stirneab und hüstelnd fing er mit Behagen an: „Hören Sie nur aufmerksam zu und Sie werden sehen, daß es auch bei uns etwas Gutes gibt. Wir laufen nicht der Algebra nach, sie ist — zugegeben — ja auch eine Wissenschaft, aber das bedeutet zwar soviel, wie: „kau und spuck's wieder aus." Wir vertiefen uns in die Wissenschaft unserer Vorfahren — und die hat keine Grenze. Ich bitte also, mir zuzuhören — Sie haben mich doch selbst angeregt. Es ist gut, daß Sie mich daran erinnert haben. Vor langer, langer Zeit war bei uns ein Rabbi „Nuchem auch das." So hat man ihn genannt. Warum man ihn so geheißen hat? Ist also die Frage: warum „Nuchem auch das?" Genügt doch „Nuchem" weßhalö noch „auch das?" lassen Sie mir Zeit, ich sage es Ihnen gleich. Welches Unglück ihm auch passiren mochte, sagte er immer: „auch das ist zum Besten." Jetzt verstehen Sie? Warten Sie also! Da plötzlich ward er an Händen und Füßen gelähmt und erblindete gänzlich. Er lag in einer baufälligen Hütte und immer wiederholte er vor sich: „auch das ist zum Besten!" Nun, hat das einen Sinn? Warten Sie. Da hörte er einmal einen seiner Schüler klagen, daß der Lehrer in dieser Baracke umkommen könne, weil sie jeden Augenblick umzustürzen drohe. Darauf erwiderte Reb Nuchem: „Fürchtet nichts, so lange ich hier liege, wird die Hüttte unversehrt bleiben. „Als die Schüler das hörten, fragte einer von ihnen: „Rabbi, wenn Du ein so großer Wunderthäter bist, warum machst du nicht, .... machst du nicht, daß du" — er hielt inne, nach der Gewohnheit der Juden, den Zuhörer das nächstfolgende Wort errathen zu lassen .... „Daß du wieder gesund wirst!" fügte ich hinzu. „Ja! Wieder gesund wirst?" wiederholte Schloime. „Also hören Sie!" setzte er fort: „Reb Nuchem antwortete nun: Ich selbst habe meine Krankheit heraufbeschworen. Weh' mir, daß ich gesündigthabe! Ich ging einmal mit einem Borrath von Speise und Trank; ich mußte eine Brücke passiren — da sehe ich auf dem audern Ende derselben einen sterbenden Bettler, liegen, der durch Gesten um Essen bat. Ich lief zu ihm, doch als ich mich neben ihm befand, war er schon todt. Da erfaßte mich großer Schmerz, ich weinte und flehte: „Mögen meine Augen, die den sterbenden Bruder gesehen, der deshalb verschied, weil ich nicht rasch genug herbeilief, erblinden! Meine Hände, die nicht rechtzeitig Hilfe gebracht, sollen gelähmt werden, ebenso meine Füße! Und so geschah es." „Die Schüler weinten und riefen: „Weh uns, theurer Lehrer, daß Dir so etwas widerfahren ist!" Aber Reb Nuchem — gesegnet sei das Gedenken an den Gerechten! — erwiderte ihnen: „Ein großes Weh wür' es für mich gewesen, wenn mir das nicht geschehen wäre!" . . . „Jetzt, wenn Sie einen offenen Kopf haben, müssen Sie den Sinn dieser Erzählung verstehen." Schloime's Augen glühten; er trocknete seine Stirne und sah mich triumphirend an. (Fortsetzung folgt.) Kunst. Prophetische Erscheinungen. Allegorisches Bild, entworfen und ausgeführt vom Prof. Gerolamo Navarra in Triest. Gegenstand des Bildes ist: Vom Berge Sinai, über dessen Gipfel der erhabene Wahrspruch Sch'ma Jisrael erglänzt, strömt das Wasser, das Symbol des vom Ewigen entstammenden Glaubens. Geist und Herz, sind durch die Gestalten zum Ausdrucke gebracht, welche an beiden Ufern des Stromes um die die Charaktereigenschaften des Stammes Israel darstellenoen Figuren gruppirt sind. Die Tochter Israels, von zwei Engeln mit den zehn Geboten Gottes gefolgt, schreitet vor, indem sie, durch wilde Thiere und Schlangen sich bahnbrechend, das Gift, das ihr im Wege liegt, vernichtet und dem Fortschritte und dem Frieden, nach welchen sich ihre Sehnsucht richtet, zustrebt. Eng schließen sich an den Fortschritt und an den Frieden die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Brüderlichkeit. es

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