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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-13 · 28 (13.7.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Lear 556 Veverredtziptze WochenptzrM 'Jti. 28 Lächeln an und warum scheint es mir, daß ich ihm schon früher , begegnet bin? Nach und nach wurden meine Erinnerungen klarer — ich habe Schloime wirklich gekannt. Das war in meiner Kindheit noch.... Einmal, an einem Samstag Nachmittag schlich ich mich in den Tempelhof. Im Gehen bemerkte ich in der Abtheilung der Frauen eine offene Thür. Ich blieb stehen und hörte das Summen einer schwachen Frauenstimme. Ich ging die Treppe hinauf, an der Schwelle gewahrte ich zwischen den Bänken den gekrümmten Rücken einer alten Frau, die stehend las. Als ich mich näherte, kehrte sie mir ihr gutes, freundliches Gesicht zu. „Komm her, Söhnchen, komm zu mir!" rief sie zärtlich. Ich gehorchte. „Wessen bist Du?" fragte sie, mit ihrer Hand mir die Wange streichelnd. Ich nannte ihr den Namen meines Vaters. „So? Und wohin gehst Du denn, Kätzchen?" „Spazieren, Mütterchen, und was thust Du?" „Beten, Söhnchen, beten; heute ist Sabbath und ich lese die Psalmen." „Müssen denn auch Frauen das thun?" „Warum denn nicht? Gott hört Alle. Der Allmächtige helfe Dir, Du bist ein kluger Knabe." „Warum bist Du nicht zu Hause?" „Mein Söhnchen, ich bin zu Hause." „Wo wohnst Du?" „Da hinter dieser Thür schlafe und esse ich immer, hier bete ich und lehre die Mädchen, gute, liebe Mädchen, mein Söhnchen. Dank dem Vorsteher der Synagoge, der mir erlaubte, hier zu wohnen." „Hast Du Kinder?" „Ich habe einen Sohn, habe Enkel, Gott schenk' ihnen Gesundheit. Mein Sohn — der Allmächtige beglücke ihn! — hat ein gutes Geschäft. Er hat eine große Familie, ich störe sie, hier geht es mir besser." „Warum läßt er Dich fort?" „Aber Söhnchen. wie kann man so sprechen! Man darf nicht vorurtheilen, man darf darüber nicht sprechen, mein Lieber! Du bist ein guter Junge, Du hast ein weiches Herz." Mir kamen die Thränen, so sehr rührte mich ihre Stimme, ihr dürftiges Kleid und ihr armseliges Aussehen. „Mütterchen, wer bringt Dir das Essen?" „Mein theures Vögelchen, was bist Du für ein guter Junge! Dank dem Allmächtigen Hab' ich Alles! Mach' michnicht traurig mit Deiner klagenden Stimme, geh' Kätzchen, Du störst mich." Sie fing wieder zu beten an. Aber ich konnte nicht Weggehen, -ich wollte mich an sie schmiegen, sie hören. Mein zehnjähriges Herz war tief bewegt. Sie bemerkte das und kam erschrocken auf mich zu. „Weh mir, daß ich das Kinderherz betrübt habe!" rief sie aus, mir zärtlich Kopf und Wange streichelnd. „Was ist Dir, Söhnchen, weine nicht! Gott strafe mich für Dich! Diese Psalmen sind vom König David, er weinte vor Gott und schüttete vor ihm sein Herz aus. Und ich alte Närrin kann es oft nicht aushalten und weine mich auch vor Gott aus" .... „Weßhalb betet Niemand wie Du? Und was machst Du denn sonst immer! „Ich bete, mein Söhnchen, ich bete immer! Und Gott stärkt mich und gibt mir die Kräfte ihn zu preisen und die Möglichkeit, den armen Mädchen, die nichts zu essen haben, zu helfen. Gott strafe mich nicht für diese Worte! Ich gehe auch zu den Reichen sammeln, wenn es Sterbende oder Kranke gibt, denen Niemand sonst hilft — mög' es ihnen im Jenseits vergolten werden! Wenn ich so etwas thue, wird es meiner Seele leichter, es ist sündhaft, zu murren, mein Sohn. O Gott! was ist Dir?" „Mütterchen, Du bist so gut! Ich möchte bei Dir lernen! sagte ich sehr bewegt. „Was, mein Vögelchen, was kann ich Dumme Dich lehren? Unterrichten denn Frauen die Knaben? Du hast einen so guten Vater, er kann für Dich einen Lehrer finden, um den Dich Gott und die Menschen, wie man sagt, beneiden — z. B. Rcb Schloime — Gott verlängere ihm sein Leben! Es ist gut, daß Du lernen willst, wirst ein guter Jude sein. Biele böse Menschen gibt es, mein Sohn — Gott straf' mich nicht für diese Worte! . . . ." Sie fuhr fort, mein Haar zu glätten und murmelte einen Segen .... Später hörte ich, daß die Alte Chana heißt. Sie hatte einen reichen Sohn, aber die böse Schwiegertochter jagte die Alte aus dem Hause und hatte ihr sogar verboten, die Enkel zu sehen. Chana erwarb sich ihr Brot, indem sie Mädchen im hebräischen Lesen und Beten unterrichtete. Sie brachte es zu Wege, von ihrem monatlichen Einkommen, das 9—10 Rubel betrug, noch Arme zu unterstützen. Sehr oft hatte sie schon ihr Leichenhemd für sich gefertigt, das fromme Juden bei Lebzeiten vorbereiten, um immer zum Tode bereit zu sein; wenn aber eine arme Jüdin starb und keine Mittel zur Bestattung vorhanden waren — gab Chana ihr Todteugewand her und fing ein neues an. „Geb' Gott Dir ein langes Leben!" sagte sie dem Manne, der für das Bearäbniß zu sorgen hatte, „dafür, daß Du einer alten Frau die Möglichkeit gibst, ein gutes Werk zu vollbringen." Sie nährte sich von Brot und Wasser; mühte sich für die Herbeischaffung der Mitgift für arme Mädchen, von Medicamenten für die Kranken ab und in der freien Zeit betete sie. Man konnte Chana nie erzürnen, sie redete Andern nichts Böses nach und erlaubte Niemandem, in ihrer Anwesenheit über Andere Uebles zu sprechen. Es kam vor, daß die Gassenjungen sie verhöhnten: „Chana, die Bucklige, Chana, die Zahnlose, Dich hat Dein Sohn hinausgejagt, ei, ei, ei!" Sie wandte sich blos um und sagte: „Meine Kinderchen, was sagt Ihr da? Gott straf' Euch nicht für diese Worte! Was Hab' ich Euch gethan? Mir thut es nichts, aber für Euch, Kinderchen, ist es Sünde, eine alte Frau darf man nicht beleidigen!".... Hier also hörte ich zum erstenmal den Namen Reb Schloime, welcher jetzt vor dem Jnspeetor in Gestalt des Scheusals Schloimka stand. Chana hatte diesen Namen mit Ehrfurcht ausgesprochen. Die Sonne ging zur Rüste. In den Straßen legte sich langsam der Staub, die Stadt ward stiller. Der blaße Mond erhob sich über den Bäumen und schien zu lächeln. Nicht weit vom Hause, -in dem ich wohnte, auf dem Marktplatz, zog der alte Müller Philipp seine Windmühle auf und sang freudig ein Lied, das mit der Stimmung der melancholischen Natur harmonirte. Der Gesang wurde immer lauter, die Flügeln gingen beim Wehen des Abendwindes rascher, der dunkelnde Platz wurde von der Melodie erfüllt und die Bäume bewegten gravitätisch ihre Wipfel. „Ach! auf dem Felde ist ein Grab Und der Wind, der singt hinab ..." Jemand klopfte an meine Thür. Ich öffnete und sah vor mir den blaßen, müden Schloime. „Ich habe eine Bitte an Sie. Ich glaube, Sie werden es für mich thun!" brachte er verzweifelnd hervor, während er seine Mütze abnahm. Ein schüchternes Flehen vibrirte in seiner Stimme. „So kommen Sie doch, bitte, ins Zimmer!" ersuchte ich ihn; aber Schloime sah es für eine zeitraubende Förmlichkeit an. „Ist denn das so nothwendig?" sagte er. Es ist kein Unglück, wenn ich hier stehe." „Aber ich kann Sie doch so nicht anhören!" Schloime schritt läßig über die Schwelle, in einer Hand den Hut, in der anderen den Stock und blieb unentschlossen stehen. Ich forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Er that es unwillig, dann zog er ein rothes Kattuntuch heraus, wischte sich die Stirne ab und legte den Hut auf den Tisch. „Wie schön es jetzt auf der Straße neben der Mühle ist", sagte ich, um ein Gespräch zu beginnen. Schloime zog die Schultern empor und nickte. „Ja, ja!" sagte er abwehrend. Er nahm schüchtern den Hut, und als würde er sich zum Fortgehen erheben, wiederholte er: „Sie können für mich ein gutes Werk thun! Sie sind doch ein Jude . . . freilich, . . . eine andere Art. . . aber doch ein Jude, Sie wünschen gewiß einem anderen Juden nichts Böses. Bitten Sie den Herrn, entweder selbst oder durch Rosenfeld (was noch besser ist!) mich in Ruh zu lassen. Rosenfeld als reicher Mann und Sie als Bekannter dieses Herrn werden ihn gewiß bereden . . . „Gut, Reb Schloime", lächelte ich — „ich werde mich bestreben ..." „Warum eilen Sie aber? Setzen Sie sich, ich möchte mit Ihnen ein wenig sprechen. Ehe Sie kamen, dachte ich an Sie. Ich wünsche mit Ihnen näher bekannt zu werden — wir werden ja doch an einem Orte wohnen. Gehen Sie noch nicht fort!"

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