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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-13 · 28 (13.7.1894) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Kr. 28 VeHerrrtthtHtze WmtzensrtzrM Seite 549 und er erlitt den Schmerz, in dem bekannten Werke Abraham Gumbinner's, das inzwischen erschienen war, zwei Drittel seinereigenen Arbeit ausgeführt zu finden. Daß er sich sagen durfte, sein Werk sei gediegener, correcter und besser gefeilt, war wohl weniger ein Trost als eine Erhöhung des Schmerzes. Ebenso traurigerging es ihm mit seinen zahllosen kleineren Arbeiten, Aufzeichnungen und Collectaneen. Bachrach war ein Talmudist allerersten Ranges - aber sein geistiger Horizont war nicht, wie bei fast allen Rabbinern seinerzeit, von der talmudischen Literatur begrenzt. Sein Interesse erstreckte sich auch auf Mathematik und Naturwissenschaften, auf philosophische, grammatische, literargeschichtliche und archäologische Fragen, und was er über diese selbst dachte, oder von Anderen, sei es billigend, sei es dagegen polemisicend, übernahm, wurde „sorgfältig, wie es der Tag gebar, mit rastloser Feder in Sicherheit gebracht". Wohl mehr als ein halbes Hundert muß die Zahl der Bände betragen haben, in welche Bachrach diese Aufzeichnungen niedergelegt hat. Schließlich waren ihrer so viele geworden, daß er sie nicht mehr übersehen konnte, und so verfaßte er. um sie fruchtbringend und benützbar zu machen, unter dem Titel Jair Nathib, „Pfadbeleuchter", einen Index dazu, von dem ein Theil in einer Handschrift des Wiener Bet-hamidrasch noch erhalten ist und es uns fühlbar macht, welch' schweren Verlust die jüdische Literatur dadurch erlitten hat, daß alle diese Bände bis auf einen spurlos verschwunden sind. Es gehört mit zu der Tragik im Leben dieses seltenen Mannes, daß er mitten in solchem Wissensreichthum darben mußte. Sein Lebensgang war geeignet, ihn schwer zu bedrücken; feindliche Ueberfälle und sonstige Schicksale hatten ihn wiederholt in die Fremde getrieben, und so war er über das ewige Sammeln alt und schwach geworden, dazu auch körperlich leidend, so daß er nicht mehr die Kraft besaß, die gesammelten Arbeiten zu sichten, zu ordnen und druckfähig zu machen. So blieben diese geistigen Schätze unbehoben, und nur ein größeres Werk gelangte noch in die Oeffentlichkeit, und auch dieses nicht in der ursprünglich geplanten Ausdehnung: seine 'Responsen-Sammlung Chawoth-Jair, (Jairs Dörfer). Allerdings war das ein Werk, das alle gleichartigen seiner Zeitgenossen weitaus überragte. „Es war etwas ganz Neues und Eigenartiges", so charakterisirt Kaufmann diese Responsen-Sammlung, „was da zu Tage trat, eine Gutachtensammlung, die eine Gattung für sich begründete." Eine Reihe von Hilfswissenschaften erschien da auf einmal in den Dienst des Talmudstudiums gestellt, gediegene, aus den verborgensten Quellen strömende Gelehrsamkeit, nicht mehr spielender Scharfsinn allein war hier das Maß- und Richtunggebende. In der Kenntniß der Realien mit Estori Parchi wetteifernd, hatte er wieder auf die talmudischen Münzen und Matze achten gelehrt, Mathematisches und Astronomisches nnt der Akribie des Fachmannes behandelt und durch die Tiefe seiner methodologischen Beobachtungen der Erforschung des Talmuds eine neue Richtung gewiesen." Dieses Werk, das so deutlich die Größe und Bedeutung seines Verfassers zeigt, sollte diesen endlich, wenn auch leider zu spät, an das langersehnte Ziel seiner Wünsche bringen. Als nach dem Frieden von Ryswyk im Jahre 1699 die Juden nach Worms zurückkehrten und die Gemeinde sich constituirt hatte, wurde Bachrach zum Rabbiner gewählt. Nur kurze Zeit sollte er sich dieses Glückes erfreuen; schon im Jahre 1702 raffte ihn der Tod im 64. Lebensjahre hinweg. Aber das Lebensbild Bachrach's, das wir hier nach Kaufmann kurz skizzirt haben, wäre unvollständig, wenn wir nicht noch die merkwürdige Thatsache erwähnen würden, daß dieser geistesmächtige, scharfblickende Mann, wie so viele andere Gelehrte seiner Zeit, ein gläubiger Anhänger des Pseudomessias Sabbathai Zebi und seiner Wanderpropheten war. Gewiß haben wir es hier zunächst mit einem psychologischen Curiosum, aber noch weit mehr mit einem religionsgeschichtlichen Problem zu thun, dessen Lösung wohl nur in einer eingehenden Betrachtung der geistigen Richtung der damaligen Judenheit zu finden ist. Zum Schluffe sei hier noch einem Wunsche Ausdruck gegeben. Bon dem Verfasser der besprochenen Monographie haben wir ohne Zweifel noch manche Arbeit auf diesem Gebiete zu erwarten. Aber er sollte doch über diese unerläßlichen Specialforschungen, an denen sich ja jetzt auch Andere, seinem Beispiele folgend, betheiligen, die Aufgabe nicht aus den Augen verlieren, zu deren Lösung er wie Wenige berufen ist: „Die Abfassung einer Geschichte der Literatur der Juden im nachtalmudischen Zeitalter." Wer sich mit jüdischer Wchenfchatt beschäftigt, der weiß, wie sehr eine solche vermißt wird. S. Hschlg. „Die Socialhygiene der Juden." Von Dr. Alfred Nofsig. *) (Dmische Berlagsanstalt.) Es gibt eine Gattung Juden, welche unsere liebenswürdigen Gegner mit dem Schlagworte „Schweinefleisch-Juden" nicht eben unzutreffend kennzeichnen. Diese „Glaubensgenossen" haben sich eine Art bequemes, handliches Judenthum für den Hausgebrauch zurechtgelegt, welches ihnen keinerlei Beschwerlichkeit macht. Die Specsegesetze sehen sie mit mitleidigem Naienrümpfen über die Achsel an und ihr Gotteshausbesuch beschränkt sich — o, sie sind sehr bescheiden — auf die drei hohen Feiertage. Da ist nun ein Buch erschienen, das, in ganz anderem Sinne geschrieben, von seinem Verfasser gar nicht gegen sie gerichtet ist und dennoch besonders geeignet erscheint, jene überaus weise und überlegen scheinende Gruppe über die innere Haltlosigkeit ihrer Ansichten aufzuklären — sie, die Au fgeklärten; ihnen deutlich zu sagen, daß das Judenthum ein festgefügtes, organisch aufgebautes Ganze ist, aus dem nicht nach Willkür ein oder der andere Quader ausgelöst werden kann, ohne die Stabilität des Gebäudes erheblich zu erschüttern. Dr. Alfred Nossig gelangt zu Resultaten, welche uns nur mit höchster Genugthuung erfüllen können. An Themen, welche durch Jahrhunderte hindurch nur vom religiösen, pietätvollen Standpunkte aus betrachtet wurden — oder vom entgegengesetzten rohen, gemüthlosen, feindseligen, gehässigen, antisemitischen — an diese Themen tritt'er ruhig heran, um dieselben einfach nüchtern wissenschaftlich zu untersuchen, unbekümmert, welches Resultat er erhalten werde. Daß nun dieses mit dem unserigen sich völlig deckt, daß der Autor auf fast jeder Seite seines Werkes der Bewunderung für das großartig concipirte, tiefdurchdachte, gotterfüllte System Ausdruck geben muß, das ist es, was uas Juden zur besonderen Genugthuung und Freude gereichen kann. Es ist, als ob die Probe einer Rechnung gemacht würde. Sie stimmt und die Pseudo Fortschrittler, die Laxen und Lauen unter uns, mögen die Conseqaen;en aus dem Allen ziehen. Die Socialhygiene des altorientalischen Bölkerkreises wird, in knappen Zügen skizzirt, dem eigentlichen Werke vorausgeschickt. So Treffliches auch die diesbezüglichen chinesischen, indischen, persischen, egyptischen Anweisungen enthalten mögen, es erscheint doch gegen das darauffolgende jüdische Gesundheits-Ritual als bloßes Stückwerk. Wir glauben nicht zu irren, wenn wir annehmen, daß der Verfasser es nur als dunklen Grund benützt hat, von dem sich sein eigentliches Thema nur um so leuchtender und glanzvoller abhebe. Die Socialhygiene der Bibel, ihre Speise- und Mäßigkeitsgesetze werden in erschöpfender Weise behandelt, desgleichen die hochwichtigen Reinlichkeitsgesetze. Es ist geradezu erstaunlich, wie die leitenden Grundprincipieu der letzteren mit den Resultaten der allerjüngsten Wissenschaft des letzten Decenniums übereinstimmen. Was uns das Mikroskop enthüllt hat, die Welt der Mikroben und Bakterien, ihre Vermehrung und die dieselben fördernden Umstände, das Fortpflanzen der Bacillen die Uebertragung durch Sputum, Kehricht, alte Gewänder, Mauerwerk — dies Alles und mehr hat Moses gekannt, muß es gekannt haben, da er die zweckdienlichsten Verfügungen dagegen angeordnet hat, wie sie die modernste Socialhygiene gar nicht praktischer anordnen könnte. Den medicinischen Kenntnissen Mosis ist ein eigenes Capitel gewidmet. Seine Anordnungen, die Aussätzigen betreffend, dürfen heute noch als mustergiltig angesehen werden. Reinlichkeit — Reinlichkeit und wieder Reinlichkeit heißt der große Kcankheitsverhüter. Was hat John Lister, der große Begründer der Antispesia und Asepsis, den mit berechtigtem Stolze die neuere Medicin unter ihre ersten Zierden zählt, denn Anderes entdeckt zur Verhütung von Wundsiebern? Seine Wundenbehandlung beruht auf demselben, scheinbar übertriebenen, von Unverständigen viel belächelten *) Vorrärhig in der Buchhandlung Mario Perles, Wien, I., Seilergasse 4.

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