Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-13 · 28 (13.7.1894) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021036--03673-3027821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWW Seite 548 Vrflerrevtzllrtzr Wochenschrift -irr. 28 und Komisches aus dem politischen Gebiete erlebt haben, so gehört doch auch diese Auslassung glücklicherweise noch zu den größten Seltenheiten. Der anonyme Verfasser des Plakats behauptet nämlich, — man achte genau — das Zeugniß Hardenberg's hatte keinen Werth, weil er von den Juden bestochen worden sei. Also, dieser Held der vaterländischen Geschichte, aus den jeder Preuße mit gerechtem Stolz hinblickt, war ein elender, ehrloser Verräther, ein Mann der die Thatsachen zu Gunsten der Jaden für schnödes Geld fälschte. Für wahr, man muß seine Sinne zusammen nehmen, um das für möglich zu halten, denn diese Behauptung, die in cynischer Weise das Andenken eines der Edelsten des deutschen Volkes besudelt, enthält eine so unerhörte Dreistigkeit, wie sie'nur den Antisemiten eigen ist. Ja, in der Hrrabsetzang der staatlichen Autorität und in der Vernichtung aller Regeln von Pietät, Ehre und Anstand können nur noch die Anarchisten mit den Antisemiten wetteifern. Ueberhaupt trägt diese moderne Bewegung, welche Patriotismus und Königstreue heuchelt, sowohl in ihren Bestrebungen wie in ihrer äußeren Gestalt unverkennbar anarchistische Züge. Die Unverfrorenheit unserer Antisemiten geht so weit, den Grafen v. Moltke zmn Judenfeind stempeln zu wollen. Sie citiren aus seinem Buche über die inneren Verhältnisse in Polen einen Ausspruch, um die Verderblichkeit der Juden zu beweisen. Dieser Satz aber stammt nicht von Moltke, dem« gewaltigen Schlachtenlenker, dem reisen, geklärten Denker und ruhmvollen Feldmarschall, sondern von Moltke, dem jungen Lieutenant, der die Juden damals nur vom Hörensagen kannte und noch in den Dorurtheilen seiner Zeit wurzelte. Allein der große Moltke schämte sich nicht, seinen Jrrthum einzugestehen und war gerecht genug, die zweite Auflage seiner Schrift nur unter der Bedingung zu gestatten, daß die Stelle über die Juden wegbleibe. Dieses macht dem edlen Charakter des verehrten Mannes alle Ehre. Im Jahre 1890 spricht er sich in einem Brief an den Rabbiner der Koblenzer Synagogengemeinde äußerst liebevoll und vorurtheilsfrei über die Juden aus. Oder soll Moltke am Ende auch wie Hardenberg von den Juden bestochen sein? Der Wahnwitz der Antisemiten schreckt vor nichts zurück, ihm ist nichts heilig, und er wäre Stande, auch das zu behaupten. Wir achten und ehren eine jegliche Ueberzeugung und haben einen hohen Respect vor der vaterländischen Begeisterung, aber der Antisemitismus ist eben so weit vom wahren Patriotismus wie das Verbrechenthum von der Gerechtigkeit. Die judenhetzerische Bewegung ist die gefährlichste Feindin jeder Cultur, jeder Moral und jeder Religion und hat bis heute im Vaterlande nur Unheil angerichtet. Die Juden haben keine Privilegien zu verlangen, aber ste und vollberechtigte Bürger im Deutschen Reiche und müssen als solche behandelt werden. Was die Juden mit Recht verlangen können und müssen, ist, daß sie in ihren religiösen und bürgerlichen Gefühlen nicht verletzt werden und daß die in der Verfassung ausgesprochene Gleichheit auch stets gewahrt bleibe. Darin besteht für jeden liberal und gerecht denkenden Mann die Lösung der ganzen sogenannten Judenfrage. F. S. L. Iair Chajim Vscharach und feine Ahnen. Bon Pros. Dr. T. Kaufmann, Trier 1891. Als Zunz, nachdem er sein großes, grundlegendes Werk geschrieben hatte, sich der Einzelforschung zuwandte und in den letzten 3 großen Publicationen sich ausschließlich mit der liturgischen^ Poesie der Juden, ihrem Inhalte, ihrer Form und ihren Verfassern beschäftigte, da wurde das von vielen Seiten mit Mißbilligung und Kopfschütteln ausgenommen. Man betrachtete es als eine Laune, als eine Folge der mißmuthigen Zurückgezogenheit, in der der große Gelehrte lebte, daß er sich einem Gebiete zugewandt hatte, um dessen Behandlung bis dahin sich höchstens die Machsor-Commentatoren gekümmert hatten und dessen Actualität allenfalls in der Streitfrage über die Geltung der Pijutim im heutigen Gottesdienste zu Tage trat. Wie falsch die Anschauung war, die solchen Urtheilen zu Grunde lag, ist wohl jetzt allgemein anerkannt. Die äußeren Schicksale der Juden seit ihrer Vertreibung aus der Heimat, waren in ihrer traurigen Eintönigkeit im Großen und Ganzen bekannt; ihre Signatur waren Leiden und Drangsale, nur selten hie und da durch kurze, rasch vorübergehende Lichtblicke erhellt. Umsomehr mußte es den Forscher locken, dem inneren religiösen Leben der Juden, ihrer großartigen, geistigen Thätigkeit nachzugehen, denen allein die in der Geschichte der Menschheit beispiellose Widerstandsfähigkeit in dem mit so ungleichen Waffen geführten Kampfe um's Dasein zu verdanken ist, und aus keinem anderen Gebiete hat die geistige Eigenart, die tiefe religiöse Ergriffenheit des jüdischen Stammes ihren Ausdruck so frei erhalten von den Verirrungen, die die Absperrung von Luft und Licht von den übrigen Geistesströmungen mit sich führen mußte, wie in der synagogalen Poesie. Das hat Zunz früh erkannt, und diese Erkenntniß hat uns auf einem Felde des geistigen Schaffens der Juden eine Literaturgeschichte gebracht, die wir auf den übrigen so schmerzlich vermissen. Professor Kaufmann, der Verfasser der eingangs genannten Schrift, ein warmer und, was mehr sagen will, verständnißvoller Verehrer Zunz', zugleich einer der genauesten Kenner seiner Werke, folgt offenbar dem Beispiele des Meisters und hat sich in seinen letzten Publicationen ebenfalls der Specialforschung auf dem Gebiete unseres inneren und geistigen Lebens, wenn auch in anderer Richtung, zugewendet, indem er den hervorragenden Trägern derselben nachgeht und das Dunkel, welches da noch vielfach herrscht, zu lichten sucht. Vielleicht hat auch da Mancher sich gewundert, daß Kaufmann, dem kein Gebiet unserer Literatur fremd ist, sich einer scheinbar so untergeordneten Aufgabe zuwendet; dem Sachverständigen braucht nicht gesagt zu werden, daß dieselbe mit Erfolg nur von einem Manne gelöst werden kann, der mit umfassender Belesenheit auch in den entlegenen Theilen des jüdischen Schriftthums wissenschaftliche Schulung und starke Spürkraft verbindet. Denn bei der Gleichgiltigkeit gegen historische Daten, bei der Nachlässigkeit in der Aufzeichnung derselben, die in früheren Zeiten, und nicht blos bei den Juden allein, herrschte, ist man, sobald nian tiefer eindringen will, fast nur auf gelegentliche Mittheilungen und auf Schlüsse aus denselben angewiesen. Der verstorbene Professor Grätz sagte einmal dem Schreiber dieser Zeilen, wie nothwendig es wäre, daß in allen Katalogen jüdischer Bibliotheken nicht blos die gewöhnlichen bibliographischen Daten, sondern auch die Vorreden, die Namen der approbirenden Gelehrten, der Inhalt der Approbation, sowie die Schlußnoten, die häufig den Tag der Vollendung des Druckes, oft auch die Namen der Setzer mittheilen, angegeben würden. In den erwähnten Schriften Kaufmanns kann man unzählige Male in den Anmerkungen sehen, wie aus irgend einer Approbation oder sonst einer gelegentlichen Bemerkung in einem übrigens bedeutungslosen Werke historische Folgerungen, genealogische Daten eruirt werden. Auch in der eingangs genannten Monographie über Bachrach ist das vielfach der Fall. Daneben boten hier dem Verfasser auch die Reste des Archivs der Wormser Gemeinde, sowie verschiedene Memorbücher und manche aus Worms stammende, in verschiedenen Bibliotheken zerstreute Handschriften wichtige Bausteine zur Herstellung dieses Lebensbildes. Es ist aber kein heiteres, vom Glück bestrahltes, das er uns da vorführt, und es erregt das tiefste Mitgefühl, wenn man sieht, „wie der gelehrteste und vielseitigste, schöpferischeste und originellste deutsche Rabbiner des 17. Jahrhunderts" bis kurz vor sein Lebensende vergeblich auf die Rabbinatsstellung in Worms, die sein Großvater und Vater innegehabt hatten, und für die er, wie kein Zweiter seinerzeit geeignet war, gehofft und gewartet hatte. Aber auch über feine schriftstellerische Thätigkeit, zu der er ebenfalls weit mehr als einer feiner Zeitgenossen berufen war, waltete ein Unstern. Nachdem er der Pflicht der Pietät genügt, und die Responsen seines Großvaters und Vaters, vermehrt durch seine eigene unter dem Namen Chut haschoni, Doppelzwirn — seinen eigenen Antheil verschwieg er aus Bescheidenheit auf dem Titelblatte — herausgegeben hatte, verfaßte er eine Erklärung und quellenmäßige Behandlung des Ritualcodex von Jakob ben Ascher. Aber der geplanten Reise nach Amsterdam, wo er diese Schrift in Druck zu legen beabsichtigt hatte, scheinen sich Hindernisse entgegengestellt zu haben,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.