Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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■^5!SS l,SS*'-*£iur. SSSWfasä*£i!.'»Jtja.i*».-S^i. t?.>. Nr. 28 -Srrverreutzlsiyr ZPoarrnzoxrm Seite 547 wo ein Jude, Professor H e n o ch, langjähriger Vorstand der Kinderklinik war. Die Frage also bleibt offen, wer den größeren Nachtheil von der Begründung der judenreinen Aera im Universitätsleben haben wird, ob die Juden oder die Wissenschaft. K. Falscher Patriotismus. Dian schreibt uns aus Köln: Es ist charakteristisch für unsere Zeit, daß die Begriffe immer mehr verworren und verschwommen werden, daß sich-der schlichte Mann im chaotischen Wirrwar der politischen Ausdrücke nicht mehr zurecht finden kann. Die Anstandsregeln des politischen Kampfes werden unmodern und die heiligsten Gefühle des Volkes werden zu parteipolitischen Zwecken mißbraucht. Daß man zuerst Mensch und Deutscher und dann erst politischer Parteimann ist, das scheint in Vergessenheit zu gerathen. Ein Gefühl tiefer Scham bemächtigt sich unser, wenn wir z. B. sehen, wie die Vaterlandsliebe, ein theures ideales Gut, das einem Jeden heilig sein soll, von gewissen Leuten, die sich Politiker nennen, bis zur Karrikatur verzerrt und zu parteipolitischen Reclamezwecken verwendet wird. Es wird nach dieser Richtung hin in fast allen Parteien gesündigt, aber so arg wie die Antisemiten hat es bis heute noch keine Partei getrieben. Diese jüngste Partei darf für sich die Ehre in Anspruch nehmen, die Politik zur Komödie und die Volksvertretung zum Jahrmarkt herabgewürdigt zu haben. Ja, der Antisemitismus zeigt uns immer deutlicher, wie sehr eine Politik entarten muß, die an die wilden Leidenschaften appellirt und die Bestie im Menschen entfesselt. Der Culturhistoriker der Zukunft wird sicherlich staunen und kaum begreifen, daß eine solche culturfeindliche und demoralisirende Bewegung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts sich Bahn brechen konnte. Das schöne Rheinland war bis jetzt von dieser Bewegung ziemlich verschont geblieben, und trotz aller Kunstreisen des parlamentarischen Clowns Ahlwardt ließen sich die friedlichen Bewohner des Rheins zu keiner Thorheit Hinreißen. Sie hörten die Vorträge Ahlwardt's wie die Leistungen eines Possenhelden, eines Carnevalredners an und wußten ganz geyau, was sie von den Herzensergüssen dieses modernen Teutonen zu halten haben. Nun versuchen es die Herren Volksretter mit dem gesellschaftlichen Antisemitismus. Sie luden vor einigen Tagen durch große Plakate an den Anschlagesäulen der größeren rheinischen Städte die „deutschen Männer und Frauen" zu einen patriotisch-antisemitischen Ausflug nach dem Niederwald- Denkmal auf den 8. und 9. d. M. ein und waren so bescheiden, zu verlangen, daß die „deutschen Einwohner" der Stadt Köln und beider Ufer des Rheins an diesen beiden „Festtagen" flaggen möchten. Dagegen wäre natürlich nichts einzuwenden. Es muß einem jeden Bürger gestattet werden, die Schönheit der Natur zu bewundern und sich auf seine Weise und in dem ihm am besten zusagenden Kreise zu vergnügen, und wenn er damit auch vaterländische Gefühle verbinden kann, dann ist dieser Naturgenuß um so edler. Allein die Antisemiten mißbrauchen den Patriotismus, um das deutsche Volk und besonders die Rheinländer zum Bruderhaß und zur maßlosen Hetze zu verleiten, und das ist etwas, was Jeden, der im politischen Kampfe die Ehrlichkeit und Anständigkeit nicht verlernt hat, empören muß. Die Einladung zum Ausfluge wurde nämlich durch folgende Phrasen eingeleitet: „Sollen unsere Väter in den Freiheitskämpfen ihr Blut vergossen haben — sollen wir in den Kämpfen gegen äußere Feinde für die Einigkeit und Freiheit des deutschen Vaterlandes Gut und Blut, Gesundheit und Leben auf's Spiel gesetzt haben, um nun gesellschaftlich und wirthschaftlich in den Ketten des Judenthums zu schmachten?! — Nimmermehr! Millionen deutscher Brüder aller Stände sehnen sich nach Hilfe und Befreiung aus diesem Joche! — Auch die Bevölkerung unseres schönen, von der Natur so herrlich geschmückten Rheinlandes — dem Paradies unseres geliebten Vaterlandes — liegt bereits tödtlich ei krankt unter dem Einfluß dieser undeutschen Giftpflanze darnieder." Wir begreifen es daher wohl, daß sich mehrere angesehene Bürger der Stadt Köln veranlaßt fühlten, diese Auslastung mit einem Gegenplacat zu beantworten. Siewiesen darauf hin, daß die deutschen Bürger jüdischen Glaubens in den glorreichen Freiheits- und Einheitskämpfen von 1814/15 und 1870/71 gleich den anderen Bürgern mit Hingebung und Treue ihr Blut für das Vaterland geopfert haben. Sie beriefen sich mit Recht auf das Zeugniß des damaligen preußischen Staatskanzlers, Fürsten von Hardenberg, das sich sehr anerkennend über die Tapferkeit der jüdischen Soldaten im Kriege von 1814/15 ausspricht, und schlossen dann wörtlich: „Aber die Freiheils- und Einigkeitskriege sind dazu gekämpft worden, um das deutsche Vaterland frei, einig und stark zu machen, damit die Bürger den Segen des Friedens genießen und die Schätze der Eultur wahren können. Haben wir Deutsche dazu gekämpft und unser Blut vergessen, um es jetzt zu erleben, daß einige gewissenlose Antisemitcnführer überall Religions- und Elafsenhaß säen und künstlich eine Bewegung Hervorrufen, die die Enungenschasten der Eullur zu vernichten und die Moral des Volkes zu vergiften droht? Einheit nach Innen, Einheit aller edlen Kräfte im Vaterland zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt und zur Bekämpfung aller socialen Nebel ihut heute Deutschland sehr noth. Daher fort mit der unchristlichen, unmenschlichen und raterlardsieindlichen antisimitischen Hetze. Fort mit dem Eonsessiors- und Elafsenhaß elender Personen, die mir ibrem erheuchelten Patriotismus schachern und mit ihrer Volksfrenndl chteit Geschäfte machen. Wer sind denn die Anführer dieses f’airoüri Ausfluges? Zweifelhafte Personen, die außer der Verhetzung des Volkes nie etwas für das Vaterland gethan haben. Die Festrede hält Ahlw ard t, ein Mann, der sehr lange im Gefängniß weilte, weil er anständige Bürger verleumdet, die Negierung und die Minister mit Koth beworfen hat. Dieser Mensch, der von allen Parteien im Reichstage als ein Jndividum ohne Ehre und Anstand hingestellt worden ist, den das Gericht als gewerbsmäßigen Ehrabscheidcr gekennzeichnet hat, soll uns Rheinländer für seine Ideen begeistern? Wer ist der Hauptmacher im FestoomiD-? Herr C. Breitwisch in Köln, ein Mann, der vor einigen Wochen in einer öffentlichen Versammlung selbst gestanden hat, daß er 1 '/„ Jabre Zuchthaus wegen Meineid abbüßen mußte! Und in dieser Gesellschaft sollen wir lernen, was Deutschthum und Ehre bedeutet. Jeder Rheinländer liebt die Natur, aber ein echter Naturfreund liebt auch alle anständige Menschen undhaßtNiemand wegen seiner Religion. Jeder Rheinländer liebt sein großes, schönes Vaterland, aber ein wahrerPatriot sucht den inneren Frieden zu stärken, die Ideen der Eultur, der Humanität und der Sittlichkeit zu verbreiten und Niemand gehässig zu verfolgen. Es gibt nur eine gefährliche Giftpflanze im Vaterlande, die auch bei uns einzudringen sucht. Diese im Treibhaus elender Volksführer großgezogene Giftpflanze, die Alles verseucht und verheert, heißt Antisemitismus. Daher halte sich ein Jeder, der auf Ehre und Anstand etwas gibt, frei von dieser Bewegung, meide die Feste dieser Gesellschaft und suche ihre verderblichen Ideen mit den Waffen der Wahrheit und der Aufklärung zu bekämpfen!" Wer da aber glaubte, daß die Antisemiten nach dieser Abfertigung nun schweigen werden, der irrte sich gewaltig. Am 5. Juli verunzierte ein neues, antisemitisches Plakat die Anschlagesäulen der Stadt Köln. Dieses Plakat verdient in der Geschichte menschlicher Verirrungen registrirt zu werden, denn obwohl wir in den letzten Jahren viel Paradoxes