Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-13 · 28 (13.7.1894) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021036--03671-3027819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 546 Vesterreichifche Wochenschrifl Nr. 28 Von der medicinischen Farulkäl Der „Ostdeutschen Rundschau" passirte in ihrer dieswöchentlichen Sonntagsnummer ein kleines Malheur. Sie tritt für die Entjudung der Wiener medicinischen Facultät ein, führt den Niedergang derselben auf die Zulassung von Juden zu akademischen Stellungen Zurück und zieht, um den Rückschritt zu beweisen, eine Parallele zwischen Nothnagel und B a m b e r g e r. Wir maßen uns nicht ein derart unfehlbares Urtheil an, wie die „Ostd. R." und wollen dem Organ des deutschnationalen Antisemitismus in Oesterreich nur einige biographische Daten über Bamberger in Erinnerung bringen. Heinrich v. Bamberger wurde in Prag als Sohn jüdischer Eltern geboren, sein Vater hieß Jacob B a mb erg er und war Inhaber eines Bankgeschäftes. Sowohl der Großvater väterlicherseits als auch der Großvater mütterlicherseits waren als Talmudgelehrte h der böhmischen Judenheit hochgeachtet, Ersterer hieß Rabbi Wolf Bamberger, Letzterer Rabbi Koppel D o r m i tz e r. Heinrich v. Bamberger soll als junger Mann zum Christenthum übergetreten sein, um sich den Weg zur akademischen Laufbahn zu ebnen. Wenn er auch in seinen letzten Lebensjahren offener Antisemit war und gemeinsam mit dem gleichfalls schon verstorbenen Meynert und dem getauften Juden Dittel bemüht war, den Antisemitismus in die „Gesellschaft der Aerzte" zu tragen, so tilgt dies doch nicht das unauslöschliche Merkmal der Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse, und wenn die „Ostdeutsche"Rundschau" in einem und denselben Artikel den Juden die Befähigung zum wissenschaftlichen Betreiben der Medicin abspricht und den Juden Bamberger als Heros medicinischen Wissens und Forschens hinstellt, so schlägt sie sich mit eigenen Waffen. Von einem Blatt der S chö ne rer'schen Richtung hätte man zwar größere Consequenz vorausgesetzt.' Allein man braucht den Artikel nur zu Ende zu lesen, um zu wissen, woher der Wind weht. Die jüdischen Assistenten und Privatdocenten sind es, die dem Artikels chreib er im Wege sind; die Professoren sollen veranlaßt werden, keine jüdischen Assistenten zu nehmen, es sollen alle fetten Pfründen den Deutschnationalen allein Zufällen, das ist des Pudels Kern. Was sich hinter so hochtrabenden deutschnationalen Phrasen verbirgt, ist also nichts als ein Geschäftskniff, ein Mittel, einen Theil der unliebsamen Concurrenz sich vom Leibe zu halten. Leider dürfte der gegebene Wink auf fruchtbaren Boden fallen; wie die jüngsten Vorgänge, besonders aber die isolirte Position N o t h n a g e l's gezeigt haben, hat der Antisemitismus in Professoren kreisen viele Anhänger, und es dürfte tatsächlich in nächster Zeit jüdischen Bewerbern schwer werden, Assistentenstellen zu erlangen. Die jungen jüdischen Aerzte mögen sich trösten. Die Assistentenstellen sind zwar der bequemste Weg, um in der Medicin eine Stellung zu erlangen, insbesondere für die Mittelmäßigkeit, welche durch jede Protectionswirthschaft großgezogen wird, sie sind aber nicht der einzige. Talent, Fleiß und Beharrlichkeit werden ebenfalls an Ziel gelangen, unbekümmert um die antisemitischen Größen. Der Geist läßt sich für die Dauer nicht knechten; wohl lassen sich schwache Naturen abschrecken, den Starken aber wird weder Nörgelei, noch Anfeindung irre machen. „Die Geisterwelt ist nicht verschlossen!" Jüdische Studenten, haltet fest am jüdischen Idealismus, bemüht Euch, die altjüdische Sittenstrenge, den altjüdischen Ernst zu pflegen, stählt Eure physischen und geistigen Kräfte, schöpfet Muth aus der Geschichte Eures Volkes, wandelt furchtlos und zielbewußt Eure Bahn, und der Weg zu den höchsten Gipfeln der Wissenschaft steht Euch offen auch ohne professorale Gunst! Wem die Leistungen unseres Volkes auf allen Gebieten menschlicher Gesittung und menschlicher Geistesarbeit gegenwärtig sind, der wird über die grünen Jungen lachen, die in volltönenden Phrasen verkünden, den Juden gehe die Befähigung für diesen oder jenen Zweig menschlicher Geistesthätigkeit ab. Was insbesondere die Naturwissenschaften und die Medicin betrifft, so weiß jeder Kenner der Geschichte dieser Wissenschaften, welch' hervorragenden Antheil wir Juden an der Pflege derselben im frühesten Mittelalter hatten, und wer dies nicht weiß, der hole sich Belehrung aus der Schrift des Botanikers Schleiden: „Ueber die Bedeutung der Juden für Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter." Wenn in späteren Jahrhunderten die Theilnahme unseres Volkes an dem Fortschritt dieser Wissenschaften eine geringe ist, so liegt das an der ungeheuer traurigen, äußeren Lage, in der sich unsere Väter befanden; wer einen verzweifelten Kampf für sein nacktes Leben zu führen hat, wer sich die primitivsten Bedingungen menschlichen Daseins erst mit Mühe und Noch erringen muß, von dem wäre es zu viel verlangt, wenn er auch noch am Fortschritt der Wissenschaften Mitarbeiten sollte. Aber selbst in diesen sinstersten Zeiten behielt der jüdische Stamm Sinn für geistige Beschäftigung. Wir wollen, um bei der Medicin zu bleiben, nur an wenige Namen erinnern; wir wollen nicht von Henle, Traube, Cohnheim sprechen, deren Leistungen jeden Mediciner geläufig sind, sondern zweier Männer gedenken, die, als Größen ersten Ranges dastehend, dennoch dem großen Publicum weniger bekannt sind. Zunächst Benedikt Stilling, der, obwohl nur einfacher praktischer Arzt in Kassel, eine Reihe von großangelegten Werken schuf, welche die Grundlage unserer Einsicht in den Bau des Rückenmarks und Gehirns bilden und nicht nur von eminentem Fleiß, sondern auch von großartiger Beobachtungs- und Combinationsgabe zeugen; ein neuerer hervorragender Gehirnanatom, E d i n g e r, sagt von diesen Werken daß sie „ein monumsutum uere xerenuius des großen Kasseler Arztes bilden" und ein Judenhasser, wie M ey ne rt, konnte nicht umhin, Stilling den größten Kenner des Gehirnbaues zu nennen, der je gelebt. Sodann sei aus Robert R e m a k hingewiesen, der ungeachtet aller Hindernisse, und trotzdem ihm nur mit größten Schwierigkeiten und nur durch persönliche Verwendung Alexander von H u m b o l d t's beim Könige Friedrich Wilhelm IV. die Zulassung zur Privatdocentur gelang, auf rein theoretischen Gebieten, wie dem der mikroskopischen Anatomie und der Entwicklungsgeschichte der Wirbelthiere hervorragende Entdeckungen gemacht hat, die von der fortschreitenden Wissenschaft nur bestätigt werden konnten. Der Hinweis auf solche Männer, die keine „von der Judenpresse emporgeschwindelten Größen" sind, auch nicht „Talentchen dritten Ranges", sondern Forscher e r st e n Ranges die ruhig allen anderen Größen auf dem Gebiete der biologischen Wissenschaften an die Seite gesetzt werden dürfen und die, obwohl sie keinen oder nur einen geringen Rang in der Stufenleiter der akademischen Hierarchie einnehmen, manch Dutzend von Professoren auswiegen, vermag die jüdischen jungen Männer zu Muth und Ausdauer anzuspornen, die die steilen Pfade der wissenschaftlichen Forschung zu betreten willens sind. Daß ihnen in der akademischen Carriere heute keine Erfolge winken, soll sie nicht abhalten; der Nimbus, der diese Laufbahn heute noch umgibt, wird schwinden, sobald das große Publicum erfährt, wie Professoren „gemacht" werden. Ob übrigens die systematische Abdrängung der Juden für die Wissenschaft selbst von Vortheil sein wird, ist eine andere Frage. Es läßt sich wenigstens nicht der Beweis erbringen, daß dort, wo man die Juden systematisch fern hält, die Wissenschaft besonders gut gedeihe. In Wien z. B. ist die Kinderklinik im St. Anna-Kinderspitale seit jeher judenrein, indem Herr Hofrath v. W i d e r h o f e r principiell Juden niemals zu Assistenten- oder Secundararztensstellen zuließ (worüber sich manch lehrreiches Geschichtchen erzählen ließe), und doch hat man noch nie behauptet, daß die Kinderheilkunde in Wien größere Fortschritte gemacht hätte als in Berlin,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.