Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28 Vrsterreichlfrhe Wochenschrtfl Seite 845 Pneumonie hinzugesellt, der geschwächte Körper konnte dem Anprall dieser schweren Krankheit nicht widerstehen; Herr Seligmann starb bei vollem Bewußtsein, umgeben von Frau und Töchtern. Die drei Söhne des Verstorbenen begaben sich mittelst Specialzuges nach Californien, um die Leiche zur Bestattung in New-Iork abzuholen. Jesse Seligmann wurde in Baiersdorf, Bayern, 1826 geboren, als zweitältester Sohn einer Familie von 8 Knaben. Nach seiner Ankunft in Amerika in den Bierziger-Jahren, schlug er sich schlecht und recht als Hausirer durch, ging dann im Jahre 1849, da ihn das Goldfieber packte, nach Californien, wo er im Kleidergeschäfte ein hübsches Vermögen ansammelte. Im Jahre 1857 von Californien zurückgekehrt, übernahm er bei, Anfang des Krieges mit seinen B.rüdern große Contracte für Lieferung von Uniformen für die Armee, damit den Grund zu feinem späteren großen Reichthum legend. Später gründeten die Brüder ein Bankgeschäft in No. 21 Broad Straße, mit Agenturen über die ganze civilisirte Welt; Jesse Seligmann war ein persönlich geschätzter Freund des Präsidenten Grant und mit ihm zu einer Zeit in engster Geschäftsverbindung. Nebst der Witwe trauern drei Söhne, drei Töchter und Enkelkinder um einen gütigen und liebevollen Beschützer. Seine Stellung zur Sclavereifrage, worüber seinerzeit der große Krieg geführt wurde, ist höchst interessant. Ich will ihn selber sprechen lassen und die Worte wiederholen, welche ich während des Bürgerkrieges aus seinem Munde hörte: „Wie kann ein Jude", sagte er, „der an jedem Freiheitsfeste, an jedem Sederabende Gott dafür dankt, daß er unsere Vorfahren vor 4000 Jahren aus dem Sclavendienste zur Freiheit geführt, wie kann ein Jude gegen Abschaffung der Sclaverei sein?" Karl Schurz über den Antisemitismus. In Amerika hat sich der berühmte Staatsmann Karl Schurz in einer Ansprache zu Ehren des verstorbenen Jesse Seligmann über den Antisemitismus folgendermaßen ausgesprochen: „Einige Herren, die eine allgemein geachtete Stellung in der Gesellschaft einnehmen, haben in den veröffentlichten Nachrufen, welche sie den Manen des Verstorbenen widmeten, ihr Bedauern darüber ausgedrückt, daß er und die Seinigen ebenfalls von antisemitischer Feindseligkeit getroffen wurden — jenem engherzigen, verachtungsvollen Geiste, der die Vvrurtheile der finsteren Jahrhunderte wieder wachruft und in barbarischen Verfolgungen das Heilmittel sucht für alle Uebel, wofür die Unwissenheit der Massen, Faulheit und Leichtsinnigkeit zum größten Thcil verantwortlich sind — ein Geist, so durchaus der Gerechtigkeit und der Aufklärung widerstrebend, daß es schwer verständlich ist, wie ein Mensch, welcher Selbstachtung besitzt, sich damit befassen oder in Anderen es sehen kann, ohne vor Scham und Unwillen zu erglühen. Ich hörte die Aeußerung, daß ein Jude kein Patriot sein könne, weil er kein Vaterland habe. Diejenigen, welche dies sagen, wollen eben nicht, daß der Jude ein Vaterland habe, und hätten diese Leute ihren Willen, würden sie es ihm unmöglich machen, ein Patriot zu sein. Ein Land kann kaum erwarten, daß diejenigen seiner Bewohner, welche es als Fremde und Auswürflinge behandelt, Patrioten sein können. Im Verhältniß zu dem Vorwalten des antisemitischen Geistes ist es dem Juden schwer gemacht, Patriot zu sein. Wenn er trotzdem Patriot ist, so muß ihm dies als eine Tugend von besonderem Verdienst angerechnet werden. Und diese Tugend besaß Jesse Seligman im höchsten Grade. Ich sah ihn und sprach mit ihm zur Zeit, als die Wunde noch frisch war. Ich weiß, wie tief es ihn ergriff; ich weiß aber auch, daß, hätte das Vaterland, oder was seiner Ansicht nach das öffentliche Wohl erheischte, irgend einen Dienst oder Opfer von ihm verlangt, er bereit war, mir der gleichen begeisterten Hingabe, von welcher er stets beseelt war, dieselben zu bringen. Er wäre Patriot geblieben, trotz aller Hindernisse — ein leuchtendes Beispiel für seine Stammesgenossen und zur Schande Derer, die den Stamm verunglimpfen, in der That ein Beispiel, das einem jeden Bürger, welch' Glaubens oder Nationalität er sei, vorleuchten mag." Von der UnivrrsttA. Mehr als vier Wochen haben die Musensöhne vom Franzensring die Oeffentlichkeit beschäftigt. Die Spalte „Von der Universität" hat sich in den hiesigen Tagesjournalen eingenistet. Die jungen Herren mit den bunten Mützen auf den heißen Köpfen sind nun heimgekehrt, um neue Kräfte zu sammeln für die anstrengende Arbeit des kommenden Semesters. Denn es ist ja nicht abzusehen, ob nicht irgend ein Gelehrter während der Ferialmonate zufällig durch Wort oder That seinen Freisinn bekundet. Wie e i n Mann stehen dann Tausende von chnen Alle wieder da, und sind es, nach unseren Begriffen, nicht gerade die höchsten Ideale, für die sie eintreten, so muß ihre stramme Organisation, ihr einmüthiges Zusammenhalten in schlechter Sache umsomehr imponiren. Und die jüdischen Studenten? Sie schlafen. So war es immer, und so wird es — halt! Eine kleine Regung ward doch sichtbar. Sehen wir einmal zu, ob wir sie benützen können. Nach den aufregenden Scenen der letzten Wochen ging es wie ein Säuseln durch die jüdische Studentenschaft. „Wir müffen uns wehren, hieß es, wir dürfen nicht länger müßig zusehen, wie wir von unseren arischen Commilitionen gehöhnt und geschmäht werden, wir müssen uns organisiren, um uns mit vereinten Kräften gegen Brutalität und Unduldsamkeit zu vertheidigen. Bon der „Kadimah" ging der Weckruf aus, und Hunderte von jüdischen Studirenden rieben sich den Schlaf aus den Augen. Ein recht erfreulicher Anblick! Bald kam die alte Misere. Viele jüdische Studenten wurden von dem bekannten borror Judaei befallen. Sie fürchteten oder schämten sich, unter sich zu sein. Da hieß es, es gäbe noch circa ein Dutzend freisinniger Arier auf der Universität, und diese dürfe man nicht „vor den Kopf stoßen". Unbegreiflich! Ein wirklich freisinniger Mensch sollte es seinen Mitmenschen verargen, wenn er sich seiner Haut wehrte. Ein wahrhaft edeldenkender Arier muß es ja freudig begrüßen, wenn er sieht, daß seine semitischen Brüder sich gleichfalls eine selbstständige Stellung zu erringen suchen. Es ist erfreulich, zu sehen, daß noch Manche von der Seuche des blinden Judenhasses verschont geblieben sind, wer gibt uns aber die Gewähr, daß sie es stets bleiben werden? Leider raubten uns die traurigen Erfahrungen auch diese Hoffnung. Die gegenwärtig so prononcirt antisemitischen Burschenschaften sind classische Beispiele hiefür. Die österreichische Burschenschaft wurde auf dem Wartburgtage vom Jahre 1859 begründet. Damals waren die Studenten noch die Verfechter der freiheitlichen und echt liberalen Gesinnung. Bis zu Beginn der Achtziger-Jahre waren in den Burschenschaften viele Juden. Da kam der. Schönerer-Rummel, und flugs waren alle jungen und alten semitischen „Büchsen" draußen. Die Corps haben, so weit sie noch nicht officiell antisemitisch sind, „Judensperre" eingeführt, und manche wollen den „Teutonen" und „Germanen" überhaupt in gar nichts nachgeben. Von einem hiesigen „liberalen" Corps erzählt man sich folgendes ergötzliche Geschichtchen: Lange suchten sie vergeblich nach einem „Paradechristen" — er war nicht aufzutreiben. Da entschlossen sich die durchwegs jüdischen Mitglieder zu einem freudigen Opfer — sie nahmen Mann für Mann die Taufe. So stehe» die Dinge nun einmal, und unwürdig eines jeden echt-jüdischen Studenten wäre es, sich selbst betrügen zu wollen und um einiger weniger freisinniger Arier willen das Wichtigste aufzugeben, die Solidarität. Wir wiffen es, wie es im Falle des Zustandekommens einer interconsessionellen Vereinigung zugehen würde. Die wenigen christlichen Studenten, die sich dazu entschließen würden, dem Vereine beizutreten, würden schließlich von ihren arischen Commilitionen durch Bitten und Drohungen zum Austritte gezwungen werden, und die Zurückbleibenden würden rathlos dastehen, weil sie kein arisches Aushängschild hätten. Wenn heute aus der Initiative christlicher Studenten ein freisinniger Verein begründet würde, wäre es Pflicht aller jüdischen Studenten, sich ihm bedingungslos anzuschließen. Nun können wir aber dies keineswegs hoffen. Wozu also die Täuschung? Wenn eine internationale Lesehalle begründet wird, ist überdies die Furcht berechtigt, daß bei der mangelhaften, ja unmöglichen Controle die Antisemiten in derselben allmälig die Oberhand gewinnen und, wie es schon so oft geschieht, das jüdische Geld zu ihren Zwecken benützen. Die jüdischen Studenten müssen ein ungefährdetes, geistiges Cenlrum besitzen, wo sie sich von der Einseitigkeit des Fachstudiums erholen und gegen rüde Angriffe waffnen sollen. Aus denn, jüdische Studenten, thut Euch zusammen, macht Euch wehrhaft, rüstet Euch zum Kampfe für Gegenwart und Zukunft; alle Glaubens- und Gesinnungsgenossen begleiten Euch und Euer Beginnen mit auftichtigen Segenswünschen! M. Philipp. * üSlififi —wMira«» aasi