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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-07-13 · 28 (13.7.1894) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
28 (13.7.1894)
Date
1894-07-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 544 HrsterretrMchr Wochenschrift Nr. 38 Gründung und Erhaltung der Neuen Nettungsgesellschaft werde,i 1 die Mittel von Mitgliedern aller Confessionen entgegengenommen. Die N eu e Rcttungsgesellschaft stellt sich in den Dienst der Humanirät, indem sie ihre Hilfe nur solchen Verunglückten angedeihen läßt, welche Antisemiten sind. Entreißt sie einen in's Wasser Gefallenen, in ivelchem ein Philosemil erkannt wird, den Wellen, so wird derselbe auf Kosten der Gesellschaft w i e d e r i n's Wasser geworfen. Wird ein Schwerverlvundeter bewußtlos aufgefunden, so wird derselbe wieder in das Bewußtsein zurückgebracht, um Auskunft über seine Stellung zum Antisemitismus geben zu können. Erklärt der Verwundete, er verhalle sich neutral, oder er sei Jude, so wiro ihm so lange das Nichtsnutzige seiner Neutralität oder seiner Abstammung vorgehalten, bis er wieder in die Bewußtlosigkeit zurücksinkt, hierauf wird er in Ruhe verlassen. Wollen die Bewohner eines brennenden Hauses aus den Flammen gerettet werden, so haben sie aus dem Fenster heraus zu beschwören, daß sie Antisemiten sind. Stellt sich nach Vollendung des Rettungswerkes die Unwahrheit dieser Erklärung heraus, so werden sie wegen Falscheides gerichtlich verfolgt. Verbandzeug und Pflaster rc., mit welchen verunglückte Philosemiten versehen wurden, sollen nachträglich mit dem Stempel -. „Karst nicht bei Juden" bedruckt werden." Arische Sittlichkeit und „Deutsches Volksblatt". In Kopenhagen machte der Proceß eines gewissen Alexander Sauvlet, dessen reines Arierthum unbezweiselt ist, großes Aufsehen. Der Wüstling hat mehr als hundert Mädchen verführt und seinen Richtern die Sache dadurch wesentlich erleichtert, daß er über seine Schandthaten genau Buch führte; 98 der Fälle gelangten zur gerichtsordnungsmäßigen Behandlung, doch wurden nur 16 junge Damen persönlich einvernommen. Der Sau—vlet erhielt nur 3 Jahre Zuchthaus zuerkannt. Das „Deutsche Volksblatt" findet den Fall für das Sittenleben in — liberalen Großstädten charakteristisch. Als ob in den antisemitischen Klein städten, St. Pölten zum Exempel, die Tugend sich häuslich niedergelassen hätte und gewisse schandvolle Ereignisse schon vergessen wären. Wir haben doch ein besseres Gedächtniß als Vergani und wissen uns auch unter Anderem zu erinnern, daß der von ihm für die Antisemiten reclamirte, über den grünen Klee gelobte Friedrich Gerstäcker, dertollkühne, waghalsige Reisende, der sich in allen fünf Welttheilen mit wilden Bestien und Menschen herumgeschlagen hat — Jude war und daß fast alle jüdischen Personen in seinen Romanen durchwegs sympathisch und edel gehalten erscheinen. Das Unglück, echte Juden zu Gesinnungsgenossen zu stempeln, passirt dem Vergani nicht zum ersten Male. Gerstäcker's Vater hieß Samuel und die Familie war eine Hamburger Judenfamilie. Somit sind sämmtliche Schlußfolgerungen vom 5. Juli unter dem Strich hinfällig und genau so lächerlich wie der über dem Strich in der gleichen Nummer dem Hofrath Nothnagel ertheilte Rath — er möge an seiner wissenschaftlichen Ausbft düng, eingedenk des beschworenen Promotionseidfs, Weiterarbeiten. Das ist doch selbst für ein antisemitisches Blatt zu dumm Preisfrage. In Lemberg wurde anläßlich der galtzischen Landesausstellung den Juden die Führung hebräischer Straßenschilder untersagt. Umgekehrt wurde in Warschau Juden, die ihre alttesta mentarischen Vornamen wie „Moscheh" rc. unter einem Harm losen M. ans den Straßenschildern verbergen wollten, die volle Führung ihres Vornamens von der Polizei zudictirt. Wer von Beiden hat Recht — Lemberg oder Warschau? Antisemitische Kleptomanie. Auf dem Dornerplatz in Hernals gab es Sonntag Vormittags eine Aufsehen erregende Scene. Eine elegant gekleidete Dame, die bei den Marktbuden einige Einkäufe besorgte, wurde von einem kleinen Mädchen des Diebstahls — einer Gurke beschuldigt. Das Kind gab an, gesehen zu haben, wie die Dame bei einer Grünzeughändlerin von den ausgestellten Maaren eine Gurke ergriffen und in ihrem Einkaufkorbe hatte verschwinden lassen. Die Beschuldigte warf wohl blitzschnell die Gurke weg, allein auch dabei hatte sie Malheur, indem dieser Vorgang genau bemerkt wurde. Man hielt die Frau nun so lange umringt, bis ein Wachmann erschien, der sie auf die Wachstube escortirte. Dort gab sie anfangs einen falschen Namen an, doch wurde alsbald ihr Nationale festgestellt. Die Diebin der auf 12 kr. bewertheten Gurke entpuppte sich als die Gattin eines reichen, antisemitischen Tischlermeisters und Besitzerin zweier Häuser in der Lessing- und in der Leitermayergasse, Frau Johanna N. Die Angehörigen der Frau gaben den recherchirenden behördlichen Organen an, daß Frau Johanna N. zeitweilig von Kleptomanie befallen und in diesem Zustande unzurechnungsfähig sei. Gegen die Genannte wurde die Strafanzeige wegen Uebertretung des Diebstahls erstattet. Antisemitische Nähmaschinen. Von einer Nähmaschine müssen wir hier Notiz nehmen, und zwar von einer antisemitischen, welche von Herrn Josef I w a n i c k i, Lemberg, Hotel George, als Vertreter der N ä h m a s ch i n e n - A c t i e n - G e s e l l s ch a f t, vormals F r i st e r LRoßmann in Berlin auf der galizischen Landesausstellung angeprteseu wird. Dieser Herr versucht es nämlich, den Antisemitismus auch m Galizien als Reclamemittel zu verwenden, denn er versieht seine Prospecte in recht ersichtlicher Form auch mit der luariienbeu Bemerkung, daß die anderen Agenten nur mit Nähmaschinen aus ausschließlich jüdischen Fabriken h a u s i r e n. Ob die Nähmaschinen nur durch die Confession ihrer Erzeuger schoil mehr oder weniger leistungsfähig werden, darüber mögen die berufenen Fachmänner urtheilen; hier wollen wir nur sehen, wie ernst es Herr Jwanicki mit seinem Antisemitismus meint, denn schon auf der anderen Seite seines Prospektes empfiehlt er u. dt. auch Singer-Nähmaschinen, also dieselben sogenannten „jüdischen" Nähmaschinen, mit denen die Agenten hausiren. Herr Jwanicki scheint somit ein sehr kurzes Gedächtniß zu haben. Von der N ä h m a s ch i n e n - A c t i e n G e s e l l s ch a f t in Berlin erwarten wir hingegen eine umgehende Erklärung, ob sie von der Reclameweise ihres galizischen Vertreters K e n n t n i ß hat und ob sie mit derselben einverstanden ist. Caserio. Der Mailänder „Corriere della Sera" veröffentlicht eine Erklärung des Rabbiners Ariana, worin derselbe eine Mailänder Correspoitdenz der Pariser „Libre Parole" dementirt. Nach derselben hätte Jemand erklärt, Caserio sei Jude. Ariana constatirt, daß in Mailand einejüdische Familie Namens Caserio nie existirt habe. Wir haben dem nur hinzuzufügen, daß Caserio einer bigotten, katholischen Familie entsprossen ist, ursprünglich zum Priester bestimmt war und daß von jeher die Regentenmörder sich unverfälscht arischer Abstammung zu berühmen hatten von Ravaillac bis Caserio. Antisemiten gegeneinander. Der antisemitische Schriftsteller Ottomar Beta veröffentlicht eine Erklärung gegen die Blätter seiner Partei, die ihn jüdischer Abstammung verdächtigten, in der es u. A. heißt: „Ich nähme davon keine Notiz, wenn nicht die Gefahr vorläge, daß diese Unwahrheiten irgend einem wohlberechneten Zwecke dienen würden, falls sie unwidersprochen blieben. Die Lüge frißt sich weiter und für die Wahrheit bleibt der entlaubte Stamm. Schließlich setzt sich der Erbärmlichkeitswahn bei uns immer fest,, daß Jeder, der ein bischen mehr kann, als bis fünf zählen, oder ein bischen mehr thut, als sein Bier trinken und seinen Kohl bauen, schon deshalb undeutsch und als Juden- Abkömmling verdächtig sei. Endlich kann es den Antisemiten noch gehen, wie weiland den Jacobinern. Denen wurde jeder Mitstreiter verdächtigt, bis der schleichende, pedantische, quasi- Jdealist Robespierre allein noch übrig blieb. Und mit dem wurde dann die Partei der Diebe, die ihren Raub in Sicherheit bringen wollten, bald genug fertig. Ein Glück nur, daß unsere Jacobiner, oder was sie sonst sind, noch nicht die Macht haben, jeden Verdächtigen ebenfalls sofort auf die Guillotine »,u schleifen." Wir haben diesen Bekenntnissen nichts hinzuzufügen. Vom Hausirer zum Freunde des Präsidenten. Der Lebensgang des jüngst in New-Iork verstorbenen Bankiers Jesse Se.ligm ann ist ein so merkwürdiger, daß es sich lohnt, ausführlich davonzu erzählen. Herr Jesse Seligmann war nicht nur als reicher Mann, als Beschützer der schönen Künste und Wissenschaften bekannt, sondern als wahrer, echter Philantrop des jüdischen Waisenhauses und Hospitals in New- Jork, dessen jahrelanger Präsident er war, und auch alle anderen dortigen Wohlthätigkeitsanstalten wissen von seiner allzeit offenen Hand, seiner generösen Freigebigkeit und Leutseligkeit zu erzählen. Zu einem chronischen Nervenleiden hatte sich noch

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