Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 28 (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 Veprrreichifttze Wochenschrift Seite 541 Da die Behörde nun hiegegen nichts gethan habe, mußten sich die Juden selbst helfen. Was thut nun Dr. Bloch? Er sagt, es wäre so leicht, aus einzelnen abgerissenen Stetten, aus einzelnen scholastischen Ausführungen von Kirchenvätern gegen den Katholicismus Angriffe zu erheben, fügt aber bei, daß so etwas unstatthaft sei. Warum nun, fragt Dr. Bloch in seinem Artikel, ist es dem Pfarrer Deckert gestattet, aus einzelnen Vorkommnissen im Judenthum auf das ganze Judenthum zu schließen? Der Aufsatz sei nichts Anderes als eine Abwehr des Dr. Bloch; es müsse sonach dem Einsprüche stattgegeben werden. Sollte die Staatsbehörde. aber entschlossen sein, das Werk der Bertheidigung zu hindern, so wird Dr. Bloch trotzdem nicht ablassen, für das gekränkte Recht feiner Glaubensgenossen mit der alten und bewährten Unerschrockenheit einzutreten, den Kampf für Recht und Gerechtigkeit fortzuführen. Es ergreift nun Reichsraths-Abgeordneter Dr. Bloch das Wort zu folgenden Ausführungen: „Ich sehe mich gegen meine Absicht genöthigt, das Wort zu ergreifen, um auf einzelne Bemerkungen des geehrten Vertreters der Staatsbehörde zu ant- Worten. Vor Allem protestire ich gegen die Zumuthung. als ob der Artikel einen Angriff gegen die katholische Kirche enthielte. Ich gehöre einem parlamentarischen Club an, welcher die Interessen des conservativen Gedankens und der katholischen Kirche insbesondere stets wahrte. Als jüdischer Geistlicher habe ich längst die Ueberzeugung gewonnen, daß der gegenseitige Kampf der Confessionen, mit den Mitteln des Hasses und der Verbitterung geführt, blos der Glaubenslosigkeit Vorschub leiste. Nicht ein einziges Wort findet sich in dem confiscirten Aufsatze, welches die Ehre der katholischen Kirche antasten würde oder gegen die Institution des Papstthums gerichtet ist. Wenn ein Nrtheil des Cardinals Baronius über die Päpste des 10. Jahrhunderts citirt und wenn gefragt wird, ob Johannes XII., Gregor V., Johann XVI., Bonifac VII. und Urban VI. heiliger waren als der Erzvater Jacob, so wird materiell von diesen Päpsten auch nicht Ein nachtheiliges Wort gesagt. Wir Juden leiden unter der Thatsache, daß man die Vergehen der Einzelnen der Gesammtheit zur Last legt. Wir verweisen als Antwort darauf, daß es selbst unter den Päpsten einzelne Persönlichkeiten gab, deren Leben Anlaß zur Kritik bietet. Auf den päpstlichen Thron gelangt man nicht durch den Zufall der Geburt, sondern blos durch Wahl der Ausgezeichnetsten und Vornehmsten des Standes. Dessenungeachtet hat es Träger der Tiara gegeben, welche die Ehre der Institution nicht erhöht haben. t Der Herr Staatsanwalt hat nicht das Recht, es als einen Angriff auf die gesummte Institution des Papstthums zu bezeichnen, wenn wir uns gegen jede Generalisirung solcherart verwahren. Die Bemerkung des Herrn Staatsanwaltes: „Wie diese sind, so sind Alle", klingt wie die Beweisführung unserer Gegner, aber auch diese lassen selber die Generalisirung blos für die Juden gelten; für ihre Partei ja weisen sie jede Generalisirung zurück. So viele ihrer Häuptlinge mit dem Strafgesetze in Conflict waren, bilden sie noch immer die Partei der Ehrenmänner. Herr Pfarrer Deckert habe, wie schon erwähnt worden, angeblich aus dem Talmud, thatsächlich aber aus Weber's „Demokritos" einzelne theologische Curiositäten von der Kanzel herab den Zuhörern vorgeführt. Er erzählte angebliche Gehässigkeiten der Juden gegen Andersgläubige, wörtlich aus „Demokritos", Band 5, Capitel X. Er hat blos dabei die Worte: „Was ist alles das gegen den Fanatismus der Christenheit gegen die Juden?" die im „Demokritos" beigefügt sind, weggelassen. Eine bemerkenswerthe Encyklica des jetzt regierenden Papstes beklagt in rührenden Worten die zersetzende Kritik, mit welcher die deutsche Wissenschaft das Alte Testament unterzieht. Leo XIII. sagt, daß die Bibel des Alten Testaments die Grundlage der katholischen Kirche bilde. Bei uns in Wien werden die Erzväter, die Propheten, der Gesetzesgeber Moses, der König David in der Kirche von der Kanzel herab in der unfläthigsten Weise geschmäht. Ich will davon schweigen, daß die kirchliche Oberbehörde den König David — die Kirchenväter nannten Jesum Christum nicht anders als den „wahren David" — den Sänger und Dichter der in der Kirche gebeteten Psalmen, straflos beschimpfen läßt, allein daß der Staatsanwalt derlei Angriffe auf das alte Testament als die Grundlage der katholischen Kirche anstandslos passiven läßt, scheint blos den Grund zu haben, weil damit auch die Juden getroffen werdend Der Antisemitismus macht immun gegen das Strafgesetz. Einen einzelnen Papst darf man keiner Kritik unterwerfen, aber die Erzväter und König David, welche Säulen der katholischen Kirche sind, darf man beschimpfen, weil damit ein Schlag gegen die Juden geführt wird. Der Antisemitismus wird solcherart auch zum Schutzmittel gegen das Strafgesetz. Der hohe Gerichtshof wird eine solche Rechtspraxis unmöglich gutheißen, und ich hoffe zuversichtlich auf eine Aufhebung des Confiscationserkenntnisses." Nach längerer Berathung entschied der Gerichtshof, daß dem Einsprüche st altgegeben werde. Der Gerichtshof fand, daß in dem incriminirten Artikel abfällige Aeußerungen gegen einzelne Päpste enthalten feien, daß jedoch die Institution des Papstthums nicht angegriffen werde. Es wurde ferner nicht das Ansehen der katholischen Kirche herabgesetzt, sondern nur Kritik an scholastischen Ausführungen geübt. Die Staatsanwaltschaft hat gegen dieses Erkenntniß die Beschwerde an das Oberlandesgericht ergriffen. Heitere Drckrrtiana. Die Abendausgabe des „Deutschen B o l k s b l a t t" und der „Reichspost" vom Donnerstag den 5. Juli brachten folgende Erklärung des Herrn Pfarrer Deckert von Weinhaus: „Das „Wiener Centralorgan für die gesammten Interessen des Judenthums" leistet bekanntlich an Blödsinn und Geschmacklosigkeit Unglaubliches und sündigt viel aus Rechnung der Gehirnweiche seiner L«ffer. Aber in der mir soeben zugesendeten Nummer 25 des Schmierblartes hat sich das Wiener Schmulchen selbst übertroffen. Der kaiserliche Wahlspruch am Burgthor: „Inatitia rsxnorum kunclamevtum" ist nach Schmul nicht römisch und nicht deutsch, sondern rein hebräisch, wie auch das „Vaterunser" eigentlich ein jüdisches Gebet ist. Es sollte also am Burgthore in hebräischen Buchstaben zu lesen sein. „Li bzdoko jikon kissei“ und es ist nur eine schmähliche Unterdrückung des Judenthums, daß dies nicht der Fall ist. Rabbi Bloch wird daher nächstens im Abgeordnetenhause den „Dringlichkeitsantrag" stellen, daß diese Schmach des 19. Jahrhunderts aufhöre und das Brrgthor in Zukunft mit den obigen hebräischen Lettern geschmückt werde! — Von dem Unterzeichneten behauptet er, daß Jeder, der mit ihm znsammenkam, „begaunert" wurde! — Daß er den Erzvätern Schlechtigkeiten „andichtete!" — Daß er, wie alle Antisemiten ans einer Verbrechersamilie stamme! — Das Alles ist ja „selbstverständlich"uno erreicht immerhin noch nicht den Fluch, deuSchmulKohn aufmeineverstorbenenMutter schleuderte. — „Selbstverständlich", denn es ist klar, daß nur die Jehudim, insbesondere Schmul Bloch und Aaron Scharf auf der höchsten Stufe der Moralität stehen; alle Gojim aber sind Amme haarez nnd die Antisemiten eine „Verbrecherbrut". Eine Extradummheit, um mit den Worten des Sudelblattes zu sprechen, leistet sich dasselbe, indem es als Quelle meiner Conferenzreden nach vielem Hin- und Hersinnen Weber's „Demokritos" nennt und behauptet, was ich vom jüdischen Messias gesagt und von seinem Gratismahle, stehe nur dort, durchaus nicht im Talmud. Im Talmud sei nichts zu lesen von dem antidiluvianischen Ochsen, nichts vom Leviathan, nichts vom Vogel Zuckan, nichts von den zwei fetten Gänsen rc. Wirklich nicht? Sie „freiwillig" resignirter Rabbi? Jetzt begreife ich, daß ein gewisser Rodkinsohn — Sie kennen ja diesen Mann? — Ihre Talmudkenntnisse minimale nennt. Da Sie sich im Talmud als so unwissend erweisen oder wenigstens mit dummdreister Miene erklären, Sie kennen diese Stellen nicht, im Talmud existiren solche Stellen selbstverständlich nicht — so verweise ich Sie auf das von mir übersetzte und soeben im Druck erscheinende Werk des Pranairis: „Das Christenthum im Talmud der Juden oder die Geheimnisse der rabbinischen Lehre über die Christen." — Dort finden Sie die betreffenden Stellen citirt. — „Selbstverständlich" kann der Unterzeichnete keinen hebräischen Satz lesen, obwohl er im Jahre 1866 an der hiesigen Universität sein Rigorosum in dieser Sprache ablegte — wo Schmul Bloch rigorosirte, hat er der Welt noch nicht verrathen — „Selbstverständlich" hat der Unterzeichnete behauptet, er sei ein besserer Talmudkenner als Güdemann und Jellinek, nur weiß er nicht, wo und wann dies geschehen rc. Wahrscheinlich glaubt Schmulchen uns Ariern durch solche Liebenswürdigkeiten Liebe zum Judenthum inoculiren zu können. Wien-Weinhaus, XVIII. Dr. Jos. Deckert, Pfarrer." Darauf haben wir den beiden Blättern auf Grund §. 19 des Preßgesetzes nachstehende Berichtigung zugefendet: Es ist unwahr, daß ich von Pfarrer Deckert „behauptete", „daß Jeder, der mit ihm zusammen kam, „begaunert" wurde;"